Verliert die Ukraine den Krieg, Herr Melnyk?
- Tischgespräch: Forderungen nach einem Einfrieren des Ukraine-Kriegs: Warum Andrij Melnyk härter reagiert als je zuvor.
- Zu Gast am Runden Tisch: Annette Kuhn vom Bildung Table über die Gründe, warum Deutschland die vierthöchste Schulabbrecher-Quote der EU hat.
- Nachtisch: Gedächtniskünstlerin aus Deutschland bricht ihren eigenen Rekord beim auswendig aufsagen der Zahl PI.
Der frühere Botschafter der Ukraine in Deutschland, Andrij Melnyk, hat seine scharfe Kritik an SPD-Fraktionschef Rolf Mützenich verteidigt und vor einem Kurswechsel der SPD bei der Ukraine-Hilfe gewarnt. „Es geht nicht nur um diese Person. Es geht um die alten Denkmuster der SPD. Man glaubte, dieser Pseudo-Pazifismus sei überwunden“, sagte Melnyk. Mützenich habe alte Halbwahrheiten der Merkel-Ära in seiner Rede im Bundestag verkündet. „Das ist für mich ein Warnsignal, denn es setzt vieles von dem, was erreicht wurde, wieder aufs Spiel. Es steht jetzt alles auf der Kippe.“ Mützenich habe ausgesprochen, was Kanzler Scholz denkt, glaubt Melnyk. „Diese Rede ist das, was wir seit Jahren von der AfD und jetzt auch von der Wagenknecht-Partei gehört haben. Das hat mir Angst eingejagt.“ Melnyk betonte, er glaube weiter an einen Sieg der Ukraine gegen Russland. Er unterstütze auch die Aussagen Macrons über die Option Bodentruppen.
Außerdem:
Seit etwa zehn Jahren ist die Quote der Schulabbrecher in Deutschland hoch, inzwischen ist sie eine der höchsten in der EU. Jährlich verlassen 50.000 Mädchen und Jungen die Schule ohne einen Abschluss. Eine unglaubliche Verschwendung von Ressourcen, nicht nur angesichts des Fachkräftemangels. Wo liegen die Ursachen für die hohe Abbrecher-Quote? Wieso schafft es ein wohlhabendes Land wie Deutschland nicht gegenzusteuern? Darüber spricht Helene Bubrowski mit Annette Kuhn, der Redaktionsleiterin des Bildung Table.
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Transkript
Sprecher 1: Table Today mit Michael Bröker und Helene Bubrowski.
Sprecher 2: Montag, der 18. März. Table Today ist wieder für Sie da. Ein konstruktiver Start in diese neue Woche, trotz schwieriger Botschaften und Themen. Über die Ukraine-Politik und die Äußerung von Rolf Mützenich reden wir unter anderem mit dem ehemaligen ukrainischen Botschafter in Deutschland, Andriy Meldik.
Sprecher 3: Also es geht hier nicht nur um diese Person, es geht vor allem um die alten Muster und um die alten Denkmuster der SPD-Partei insgesamt.
Sprecher 2: Und natürlich reden wir darüber mit Helene Bubrowski, die Sie gestern Abend wahrscheinlich noch bei Karin Mioska gesehen haben. Heute ist sie schon wieder bei mir. Hallo Helene.
Sprecher 4: Hallo Michael.
Sprecher 2: Zum Tischgespräch bitten wir heute Annette Bruns, die Redaktionsleiterin des Bildungstable, denn dort ist viel los in der Bildungspolitik und Helene Bubrowski redet mit ihr über die unglaublich hohe Zahl an Schulabbrechern, woran es liegt, was man tun kann. Und zum Nachtisch reden wir über die wunderbare Kreiszahl Pi und warum eine Polizistin aus Frankfurt sie ganz besonders gut im Gedächtnis hat.
Sprecher 4: Hey, kennst du schon den Podcast Ton? Das größte Charity-Event der Welt ermöglicht durch Podcasts. Jeden März geben tausende Podcasterinnen und Podcaster gemeinnützigen Organisationen eine Stimme und gemeinsam entsteht eine riesige Welle inspirierender Geschichten. Kein Fundraising, kein Druck, nur die Kraft des Podcasts. Im Einsatz von Projekten und Initiativen, die mehr Sichtbarkeit verdienen. Besuche jetzt podcast-hon.org und sei dabei. Podcast-hon.org
Sprecher 2: Helene Rolf-Mützenich hat die neue Ukraine-Politik ausgerufen. Während Putin sich in Fake-Wahlen wieder wählen lässt, marschieren seine Truppen von neuem Frontabschnitt zu neuem Frontabschnitt. Und was macht Deutschland? Deutschlands wichtigste Politiker diskutieren darüber, ob man nicht gerade jetzt den Ukraine-Krieg einfrieren sollte.
Sprecher 5: Ist es nicht an der Zeit, dass wir nicht nur darüber reden, wie man einen Krieg führt, sondern auch darüber nachdenken, wie man einen Krieg einfrieren und später auch beenden kann? Geht es nicht auch politisch um diese Fragen?
Sprecher 2: Warum macht Rolf Mützenich das jetzt? Ist das der Friedenskanzler, der jetzt seinen Fraktionschef eigentlich nach vorne schickt, um die neue Ukraine-Politik schon mal zu verbalisieren?
Sprecher 6: Ja, es ist ja gleichzeitig die neue und auch die alte, wenn man so will. Also Ricarda Lang, die Grünen-Vorsitzende, hat es sehr polemisch zugespitzt mit den Worten Rückfall in die alte Russland-Politik der Sozialdemokratie. Also es ist jedenfalls von der Zeitenwende in dem Punkt von, wir haben verstanden, wir müssen unsere Außenpolitik neu justieren und eben mit Putin nicht verhandeln, sondern ihm hart entgegentreten, der Ukraine beistehen mit whatever it takes. Davon ist nicht mehr viel zu merken. Und das wiederum ist in meinen Augen, um es mal hart zu sagen, blanker Opportunismus. Denn die SPD macht es, weil mittlerweile ein stetig wachsender Teil der Bevölkerung es so sieht, dass dieser Konflikt einfach nur noch nervt, viel Geld kostet und insbesondere im Osten. Und dort finden zufälligerweise im Herbst nun drei Landtagswahlen statt.
Sprecher 2: Das ist ein harter Vorwurf, Helene, in die Taktik. Ich würde zumindest bei Mützenich sagen, der ist und war immer ein Friedenspolitiker, der die Dinge anders gesehen hat als vielleicht die Mehrheit in der Koalition, vielleicht auch die Mehrheit in der SPD. Ich finde aber die Argumentation so perfide zu sagen, ist es nicht an der Zeit, dass wir nicht nur darüber reden, wie man einen Krieg führt, sondern auch darüber nachdenken, wie man einen Krieg einfrieren und später auch beenden kann. Er tut ja so, als würden wir, die die Waffenlieferung befürworten, nicht auch darüber nachdenken, wie man einen Krieg beenden kann. Und nach der Lesart vieler Experten ist es eben genau so, dass der Krieg nur dann beendet werden kann, wenn faire Friedensverhandlungen stattfinden können. Und die können nur dann stattfinden, wenn die ukrainische Seite bereit ist zu sagen, ja, wir haben einen Punkt erreicht, wo wir jetzt auf Augenhöhe verhandeln können, aber nicht, wenn wir zurückgedrängt werden und zahlreiche Gebiete abtreten mussten. Also am Ende kann ja nur der ukrainische Präsident und die Armee entscheiden, ob dieser Punkt erreicht ist und nicht Rolf Mützenich aus seinem warmen Büro hier in Berlin-Mitte.
Sprecher 6: Ganz genau so ist es und ich finde, es steht den Alliierten, den Nationen, die die Ukraine unterstützen, einfach überhaupt nicht zu, Empfehlungen auszusprechen, wann man auf welche Gebiete unter welchen Bedingungen verzichten sollte. Sondern die Botschaft kann doch nur sein, wir liefern euch alles, was ihr braucht, alles, was wir liefern können, um euch für diesen Kampf zu wappnen. Am Ende sind es... um auch das nochmal zu sagen, Ukrainer, die dort ihr Leben lassen und nicht Deutsche.
Sprecher 2: Und irgendwie ist unterschwellig inzwischen die Botschaft da, man vertraut der ukrainischen Armee dann doch nicht so ganz, dass sie den Krieg so beenden könnte, wie es völkerrechtlich einwandfrei möglich wäre. Das ist immerhin auch bei der Taurus-Nichtlieferung immer wieder das Argument, dass man ja nicht genau weiß, ob die ukrainische Armee dann die Raketen in Richtung Moskau schickt. Also ich glaube, da ist wirklich auch eine Zeitenwende in der Mentalität bei der Unterstützung der Ukraine zu spüren. Und wieder einmal, und so hat es ja auch Ricarda Lang gesagt, ist dann die alte Tante SPD, die immer schon nah dran an Russland war, die Ersten, die umkippen. Ich finde es einen ganz schwierigen Wahlkampf, wenn er wirklich so geführt werden sollte. Krieg und Frieden, ja gerne, aber nicht unter dem Motto, dass man das Land, das souveräne Land, das um die Freiheit kämpft, irgendwie im Stich lässt.
Sprecher 6: Ich finde, Krieg und Frieden ist kein Wahlkampfthema. Jedenfalls nicht in dem Moment, in dem gekämpft wird, in dem Menschen ihr Leben lassen, in dem es um einen akuten Konflikt geht. Es kann nicht sein, dass Parteipolitik auf dem Rücken der Ukraine gemacht wird. Ich würde wirklich jeden davor warnen, das parteipolitisch auszuschlachten. Du hast recht, Rolf Mützenich ist da in dem Punkt kein Opportunist. Es war schon immer seine Meinung. Die Hoffnung war ja, dass die Zeitenwende auch ein Umdenken in den Köpfen bedeutet und dass eben der Fehler von 2014 sich nicht mehr wiederholt. Nur um das nochmal klar zu sagen, dort haben die Russen die Krim annektiert und wir haben ein paar Mal gesagt, ja, Völkerrechts wie... Und ansonsten haben wir uns einfach damit abgefunden und haben die Ukraine sich selbst überlassen und haben gesagt, wir können da nichts tun. Und das hat Putin ermutigt, weiterzumachen. Und wenn wir jetzt schon wieder sagen, naja, der Donbass, wer braucht den denn wirklich? So schön ist das da gar nicht. Soll doch Putin ihn haben. Dann wird er weitermachen.
Sprecher 2: Ja, Helene, die Zeiten wenden in den Köpfen. Sie findet offenbar eben nicht statt. Zwei Drittel der Deutschen wollen keine weiteren großen Waffensysteme wie den Taurus liefern. Und einer der denen, die Stimme gibt es ja nicht nur Rolf Mützenich, sondern auch sein außenpolitischer Atlas in der Fraktion, Ralf Stegner, der sich vergangenen Wochenende mit Marietta Slomka im Heute-Journal ordentlich angelegt hat und regionale Waffenstillstände fordert.
Sprecher 7: Eingefrorene Konflikte heißt ja nicht das, was ich gehört habe, was da rein interpretiert wird. Sonst geht es darum, ob man möglicherweise zeitlich befristete, regional begrenzte Waffenstillstände erstmal erreichen kann und Fortschritte erzielen kann, wo überhaupt es um Verhandlungen geht. An jedem Tag sagt das nochmal, sterben Menschen. Ein Krieg, der die ganze Zeit weitergeht übrigens. Der Putin hat sehr viel mehr Soldaten als die Ukraine, unabhängig davon, wie viele Waffen wir liefern. Die sind ihm leider auch egal. Es sterben unfassbar viele Menschen.
Sprecher 6: Ja, was wir da von Herrn Stegner gehört haben, zeigt, dass es eben mit diesen Vokabeln von Einfrieren auch gar nicht so leicht ist. So ganz genau weiß man nicht, was darunter zu verstehen ist. Die Wut der Ukraine ist riesengroß, egal was nun konkret gemeint ist. Und da ist die prominenteste Stimme nach wie vor André Melnyk, den bekannten ehemaligen Botschafter in Deutschland. Er hatte auf Twitter geschrieben, Rolf Mützenich sei... der so wörtlich widerlichste Politiker, den er je gesehen habe. Ein undiplomatischer Diplomat, müssen wir wieder sagen. Und trotzdem eine wichtige Stimme in diesem Konflikt. Deswegen hat Michael mit ihm gesprochen.
Sprecher 2: Einen schönen guten Tag und Grüße nach Brasilia, der Botschafter André Melnyk. Hallo Herr Melnyk.
Sprecher 3: Guten Tag, Herr Bröcker.
Sprecher 2: Verliert die Ukraine gerade den Krieg?
Sprecher 3: Das glaube ich nicht. Natürlich, das ist das, was die Russen durch ihre sehr, sehr kluge Schritte und auch Propaganda, versuchen uns nahe zu legen, auch den Deutschen, dass alles verloren ist. Aber ich hatte das Gefühl, auch in den ersten Kriegstagen, als der Angriff begann, auch damals glaubte kaum jemand in Deutschland und auch sonst auf der Welt, dass die Ukraine... Drei Tage oder eine Woche oder zwei Wochen übersteht und wir sind immer noch da und wir kämpfen auch in Brasilien.
Sprecher 2: Sie verfolgen die deutsche Debatte rund um die Taurus-Lieferung ja intensiv. Sie sind ja für Ihre undiplomatische Sprache bekannt, aber wie Sie jetzt den Herrn Mützenich attackiert haben als widerlichen Politiker, war dann doch auch für Sie neu. Warum so viel Wut und so viel Frust über den SPD-Fraktionschef?
Sprecher 3: Also es geht hier nicht nur um diese Person. Es geht vor allem um die alten Muster und um die alten Denkmuster. der SPD-Partei insgesamt. Und das, was man glaubte, dass dieser Pseudopazifismus schon längst überwunden wurde, gerade weil wir diesen schrecklichen Krieg erleben und die Deutschen sehen, was geschieht und die Deutschen unterstützen uns. Aber gerade jetzt, wo Herr Mützenich dann plötzlich... Zurückkehrt zu diesen alten Halbwahrheiten der Merkel-Ära und auch der Jahrzehnte zuvor und plötzlich auch die gesamte Fraktion dann ihn beklatscht. Das ist für mich ein Warnsignal, weil vieles, was erreicht wurde in den letzten zwei Jahren, ich meine, dass die Deutschen uns besser verstehen, dass die Deutschen wirklich diesen Schmerz auch spüren, mit uns mitfühlen. Und dann plötzlich dieser Rückfall, wie Frau Lang das beschrieben hat, also das hat mich in der Tat umgehauen, weil jetzt wieder alles auf der Kippe steht. Alles, was wir gehört haben über die Unterstützung der Ukraine, solange es geht, das alles wird zumindest aus meiner persönlichen Sicht wieder in Zweifel gezogen.
Sprecher 2: Weil Sie glauben, dass Mütze nicht das ausspricht, was Olaf Scholz denkt?
Sprecher 3: Ich glaube schon. Er hat die Rückendeckung gegeben und die gesamte Fraktion scheint auch hinter... Dieser schrecklichen Rede zu stehen. Und diese Rede war das, was wir seit Jahren von den AfD-Leuten und von den Linken, jetzt auch von der Wagenknecht-Partei immer wieder gehört haben. Und das hat mir wirklich Angst eingejagt.
Sprecher 2: Der Kern seiner Aussagen waren die eines Frozen-Konflikt, die Rückkehr zur Verhandlung geht nur, wenn jetzt einer einen Schritt zurück macht und Verhandlungen beginnt, so die Intonierung. Damit spricht er ja auch vielen Deutschen aus der Seele, die nicht glauben, dass durch mehr Waffenlieferungen ein Ende des Krieges möglich ist. Ist ja eine legitime Argumentation, Herr Melnyk, oder nicht?
Sprecher 3: Ich bestreite nicht die Argumente und die sind wahrscheinlich auch eher wahltaktisch, weil man sieht ja die Umfragewerte. Man hat Angst, dass jetzt neue Akteure die Bühne betreten haben, wie Wagenknecht, Parzai. Man versucht quasi das Image der Partei irgendwie zu retten, weil man... Auf dem gleichen Feld spielt ja mit diesen anderen politischen Akteuren. Aber was für mich in diesem Sinne schrecklich war, eben, dass ein Widerspruch damit hergestellt wird. Das heißt, auf der anderen Seite hören wir die Rhetorik, dass die Hilfe unterstützt wird, dass die Waffenlieferungen, gerade vor ein paar Wochen wurde diese neue, Antrag gebilligt, auch von der SPD-Fraktion, den müssen Sie nicht mitgetragen. Und dann hören wir das, was er tatsächlich denkt. Wie können wir Glauben schenken dem, was beschlossen wurde, wenn nach drei Wochen das alles wieder durchkreuzt wird und wir erfahren, dass nur Frieden angestrebt werden muss. Und man hat natürlich jetzt dieses Argument, Deutschland ist Gott sei Dank der zweitgrößte Unterstützer. Das ist sehr wichtig und wir sind dankbar für diesen riesigen Schritt nach vorne. Aber was ich problematisch finde, ist, dass man dieses Argument als eine Rechtsfertigung nutzt, um dann quasi... Wirklich nichts mehr zu tun oder nur das zu tun, was nötig ist. Es geht auch um Zusagen. Also dieser große Betrag ist beachtlich, was zugesagt wurde. Aber das kommt erst irgendwann vielleicht. Und wenn die Ukraine, Gott behüte, jetzt in den nächsten Monaten tatsächlich... Eine noch schwierigere Lage an der Front erfährt, dann braucht man vielleicht diese Gelder nicht mehr. Und dann haben wir verloren und Deutschland kann dieses Geld vielleicht sparen. Also das ist das, was, also dieser Zynismus, der hat mich umgehauen, das muss ich wirklich sagen.
Sprecher 2: Sie vermuten dahinter auch politische Motive, die Deutschen haben. Vielleicht ist das schmerzhaft, aber vielleicht ist das die Wahrheit. Mehr Angst vor einer wirklichen Kriegsbeteiligung, vor einem dritten Weltkrieg, als vor einer Niederlage der Ukraine.
Sprecher 3: Das muss man leider auch so sehen. Und das ist auch normal. Ich meine, wir alle sind Menschen, auch wir haben Angst, dass etwas noch Schlimmeres zustößt, dass Putin tatsächlich Atomwaffen gegen uns auf unserem Gebiet einsetzen kann. Was mich stört in dieser Debatte ist, dass Herr Mützenich diese Ängste, die schon immer da waren, vor allem in Deutschland, dass er diese Ängste benutzt eben für seine taktischen Ziele. Und das ist, finde ich, nicht in Ordnung. Man muss den Menschen Wahrheit sagen, was ist. Man darf sie nicht beschönigen. Aber diese Ängste zu instrumentalisieren, sogar zu missbrauchen, das ist etwas, was ich nicht verstehen kann.
Sprecher 2: Herr Melnyk, Sie sind Botschafter in Brasilien und Brasilien spielt mit China zusammen immer wieder in den öffentlichen Äußerungen eine besondere Rolle. Kann Präsident Lula Putin zu etwas bewegen, was der deutsche Kanzler oder die europäischen Staatschefs nicht hinkriegen?
Sprecher 3: Das ist eine sehr gute Frage und ich versuche diese Frage auch seit den letzten Monaten nachzugehen und die Brasilianer auch. Dazu zu bewegen, sie zu überzeugen, dass sie auch viele Trümpfe in der Hand haben, gerade als ein großes Land mit viel Respekt und Softpower. Aber bis heute war das leider eher zurückhaltend. Ich meine, die Position... Sie haben wahrscheinlich auch Angst zu scheitern in diesem sehr, sehr sensiblen Unterfangen. Und da sind wir gerade dabei, um zu schauen, welche Rolle Brasilien tatsächlich hier spielen könnte. Vielleicht auch eines Tages als Mediator, als Vermittler, so wie Deutschland und Frankreich das vor vielen Jahren waren.
Sprecher 2: Frankreich hat eine Sonderrolle in dem europäischen Konzert der Ukraine-Unterstützer eingenommen und er denkt zumindest öffentlich über die Möglichkeit, Bodentruppen zu entsenden. Der französische Präsident Scholz hat das sofort abgelehnt. Ist das für einen Ukrainer wie Sie eine wichtige Botschaft, dass man bis zum Äußersten gehen würde, zumindest in Teilen Europas? Oder ist das eine taktische Spielerei?
Sprecher 3: Man darf in einem Krieg wie diesem nichts ausschließen. Der Krieg wird geführt auf dem Schlachtfeld, aber auch in den Medien. Und die Russen sind gut, gerade was die psychologische Kriegsführung angeht. Und dass das Herr Matron plötzlich auch diesen Gedanken ins Spiel gebracht hat, das zeigt, dass man tatsächlich nichts mehr ausschließen darf. Das war auch eine Botschaft an Putin. Schau, du kannst nicht alles bestimmen. Er muss wissen, dass die Europäer, dass unsere Verbündeten wirklich mit uns stehen, nicht nur sehr oft mit Worten, mit warmen Worten, aber auch mit Taten, die für manche, gerade in Deutschland, das kann ich sehr gut verstehen, für Kopfschütteln sorgte oder sogar für Angst und Schrecken und Entsetzen.
Sprecher 2: Wir hoffen das Beste für die Ukraine in ihrem Verteidigungskampf, aber natürlich auch das Beste für Sie persönlich dort in Brasilien. Vielen Dank und einen schönen Tag noch, lieber Herr Melnyk.
Sprecher 3: Danke, Herr Bröcke. Alles Gute.
Sprecher 2: Es sind alarmierende Zahlen und vielleicht eine dieser Statistiken, die man gar nicht dramatisch genug einschätzen kann. Seit etwa zehn Jahren ist die Quote der Schulabbrecher in Deutschland, gerade in dem Land der Dichter, Denker und Erfinder, ganz besonders hoch. 50.000 Schülerinnen und Schüler verlassen die Schule pro Jahr ohne einen Abschluss. Eine unglaubliche Vergeudung von Ressourcen. Was ist denn da eigentlich los? Und warum passiert das ausgerechnet uns, dieser Wohlstandsnation, dass wir den jungen Menschen keinen Abschluss bieten können? Das weiß vor allem Annette Brun. Sie ist bei uns Redaktionsleiterin des Bildungstable, ihrem Briefing für die Bildungspolitik. Und Helene Bubrowski hat mit ihr gesprochen.
Sprecher 6: Hallo Annette.
Sprecher 3: Hallo.
Sprecher 6: Ja, schön, dass du da bist. Wir haben ein wichtiges Thema heute, nämlich die Schulabbrecher. Das sind Kinder und Jugendliche, die die Schule eben nicht fertig machen und dann irgendwie im Arbeitsmarkt landen oder man weiß gar nicht so ganz genau, wo sie landen. Und da wurden jetzt kürzlich erschreckende Zahlen veröffentlicht und zwar von Eurostat, der europäischen Statistikbehörde. Die ermittelt hat, dass Deutschland das Land mit den viertmeisten Schulabbrechern hat. Es sollen 12 Prozent sein, sogar mehr als 12 Prozent. In absoluten Zahlen sind es deutlich mehr als 100.000 Schulabbrecher, von denen die... Also ein Riesenproblem für das deutsche Bildungssystem. Aber zunächst erstmal, was ist von diesen Zahlen zu halten, Annette?
Sprecher 8: Also ich würde die gerne mal gerade rücken. Die 12 Prozent sind keine Schulabbrecher, sondern dort reingerechnet in dieser Statistik sind auch diejenigen mit einem ersten Schulabschluss, einem Schulabschluss der Sekundarstufe 1. Tatsächlich Schulabbrecher in Deutschland haben wir 5 bis 6 Prozent, also das ist etwa die Hälfte. Diese Zahlen, die bleiben immer etwa gleich. Das ist natürlich trotzdem kein Grund zur Entwarnung. 50.000 sind viel zu viele, gerade in Anbetracht des Fachkräftemangels.
Sprecher 6: Also interessant, die Zahlen 12% stimmen nicht, was du erklärst, weil offenbar das Ganze auf Gymnasialabschluss ausgerichtet ist und diejenigen, die Haupt- und Realschule haben, da reingerechnet werden. Ist das richtig so?
Sprecher 8: Die werden dort reingerechnet, das ist eben irgendwie eine europäische Zählung. Es ist trotzdem kein Grund zur Entwarnung. Also nicht nur, weil 50.000 so viel ist, sondern wir müssen ja noch was anderes berücksichtigen. PISA hat das ja wieder gezeigt, 20 bis 30 Prozent der Neunklässler erreichen nicht die Mindestkompetenzen, die man braucht, um weiterlernen zu können oder um eine Ausbildung anzufangen. Tatsächlich bekommen die dann irgendwie einen Abschluss und sind aber damit nicht richtig ausbildungsreif. Und die sind... ja auch zusätzlich noch im Markt. Und das sind vielleicht diejenigen auch in der Menge, was viel schwerer wiegt und was echt eine Herausforderung ist dann für den Ausbildungsmarkt.
Sprecher 6: Janette, was machen wir denn mit diesen vielen jungen Menschen, die entweder gar keinen Schulabschluss haben oder eben trotz Schulabschluss nicht richtig qualifiziert sind für eine Ausbildung?
Sprecher 8: Die landen dann meistens im sogenannten Übergangssektor. Der macht etwa 20 Prozent eines Ausbildungsjahrgangs aus. Oft landen diese Schulabgänger oder Schulabbrecher bei der Berufsschule in sogenannten Vorbereitungsklassen. Dort wird ihnen dann nochmal die Chance gegeben, einen Abschluss zu machen. Sie lernen dann eben einmal noch Basiskompetenzen, aber werden dann auch für weitere berufliche Laufbahnen vorbereitet. Es hängt davon ab, also der Erfolg davon hängt so ein bisschen ab, wie stark dieses Lernen und wirklich die Praxisanteile sind. Denn die Schüler haben ja negative Erfahrungen mit Lernen gemacht. Das heißt, da kann man sie wenig motivieren. Der Bezug zur Praxis ist da ganz entscheidend. Und das hat sich auch gezeigt, dass all diese Formen wie noch extra Nachhilfe, was teilweise auch Firmen organisieren, Unternehmen organisieren, das bringt nicht so wahnsinnig viel. Besser ist es, Modelle zu finden, wo schon früh Praktika stattfinden, wo vielleicht eine Ausbildung auch schon stattfindet. anfängt und die ihr erstes wirkliches Geld verdienen können, aber diese ganze Ausbildung plus zusätzliches Lernen, diese Geschichte dann einfach gestreckt wird, zum Beispiel statt drei auf vier Jahre.
Sprecher 6: Das heißt, die Kultusministerien der Länder bemühen sich schon, diese Menschen aufzufangen, so verstehe ich das mit diesen Berufsschulklassen. Es gelingt aber eben nicht immer. Ist nicht die Verlockung auch sehr groß, dass in diesen Zeiten des Arbeitskräftemangels die Menschen einfach jobben, im Café, bei der Bäckerei, im Klamottenladen und sich so erstmal durchwurschteln?
Sprecher 8: Das ist in der Tat eine total große Gefahr. Das sind die sogenannten Needs, not in Education, not in Employment, not in Training, also nicht in Schule, Ausbildung, Beruf, Weiterbildung. Das ist eine Zahl, da liegen wir auch bei über 500.000 in dem, also nicht pro Jahrgang, sondern zwischen den 15- und 24-Jährigen. Die verdienen schnell Geld, landen überall, aber das ist natürlich letztlich eine Sackgasse. Und wenn sich der Arbeitsmarkt irgendwann wieder ändert, dann haben diese jungen Menschen eher keine Perspektive.
Sprecher 6: Dann schauen wir nochmal auf die Schulen, weil wir uns ja nicht abfinden können mit 50.000 Menschen, die keinen Abschluss machen. Was läuft da falsch?
Sprecher 8: Das ist jetzt ein Riesenbrett. Und fängt nicht erst dann in der neunten Klasse an, wenn diese Tests gemacht werden, sondern da müssen wir natürlich viel früher ansetzen, Basiskompetenzen zu vermitteln, die Schülerinnen und Schüler auch engmaschiger zu begleiten, die vielleicht wirklich Lernschwierigkeiten haben, stärker individuell zu fördern. Und wir brauchen natürlich auch eine Berufsorientierung, die nicht eine für alle ist, sondern die auch viel individueller Interessen und Fähigkeiten der jungen Menschen berücksichtigt. Auch vielleicht früher Praxiserfahrungen zu machen, aber nicht so ein Betriebspraktikum in der neunten Klasse abgehakt und weiter geht's, sondern da muss eben dann auch wirklich mitgearbeitet werden.
Sprecher 6: Ihr habt im Bildungstable eine Recherche dazu, dass Jugendliche in sogenannten Berufsvorbereitungsklassen dann länger am Ball bleiben. Ist das ein Modell, wie es in Deutschland gelingen kann, wenn das Schule macht?
Sprecher 8: Naja, also meine Kollegin Anna Parisius ist gerade dran und setzt sich ja überhaupt viel mit diesen ganzen Ausbildungsthemen auseinander. Der Erfolg dieser Vorbereitungsklassen hängt natürlich davon auch ab, wie dort individuelle Betreuung und Begleitung stattfindet, wie viel Praxis, wie viel Übergangsmöglichkeiten die jungen Menschen haben. Sprich, was noch so... so einfach obendrauf gesattelt ist an Lernzeit, klingt für die jetzt erstmal nicht so attraktiv. Wenn sie sich aber Zeiten Praktika anrechnen lassen können für eine spätere Ausbildung etc., ist das natürlich viel attraktiver.
Sprecher 6: Wollen wir hoffen, dass es Früchte trägt, dass es nicht nur in der Grundschule, sondern auch später so weitergeht, damit die Jugendlichen am Ball bleiben. Vielen Dank, dass du da bei uns warst, Annette.
Sprecher 8: Gerne.
Sprecher 2: Zum Abschluss möchte ich Ihnen eine gute Nachricht aus einem Feld geben, wo so viele von uns doch ihre Schwierigkeiten hatten. Aus dem großen Feld der Mathematik. Da gibt es diese eine Zahl, sie ist so etwas wie die Diva der Zahlen, die Kreiszahl Pi oder auch Ludolfsche Zahl genannt. Man nennt sie Kreiszahl, weil sie das Verhältnis der Länge einer Kreislinie, also den Umfang eines Kreises, zu seinem Durchmesser angibt. Jedenfalls hat sie unendlich viele nicht periodisch auftretende Nachkommastellen. Und naja, da gibt es eine deutsche Meisterschaft, wo man diese Kreiszahl Pi aufsagen soll, aus dem Gedächtnis. Und eine Frankfurter Gedächtniskünstlerin, sie heißt Susanne Hippauf, hat es nun geschafft, aus dem Kopf die Zahl auf 18.026 Nachkommastellen aufzusagen und hat damit ihren eigenen nationalen Rekord um mehr als 2.500 Stellen gebrochen. Dafür bin ich... benötigte die Polizistin nur drei Stunden und fünf Minuten. Ein unglaubliches Ergebnis, wie die Organisatoren hinterher sagten. Und es zeigt sich eben doch, nachdem wir eben ja so schwierige Nachrichten aus der Deutschen Bildungsrepublik haben, Wir haben sie noch, die klugen Köpfe in diesem Land. Manchmal muss man eben nur ganz genau hingucken und ein gutes Gedächtnis haben. In diesem Sinne, ich wünsche Ihnen einen erfolgreichen Start in diese Woche. Ihr Michael Bröker.
Sprecher 1: Table Today mit Michael Bröker und Helene Bubrowski.