Schafft die SPD über Europa das Comeback, Frau Barley?
Dauer: 31:17

Schafft die SPD über Europa das Comeback, Frau Barley?

  • Tischgespräch: Kehrtwende in den USA und Deutschland? Wie allein steht Israel beim Krieg in Gaza?
  • Zu Gast am Runden Tisch: Katarina Barley, die Spitzenkandidatin zur Europawahl der SPD.
  • Nachtisch: Oscar-Verleihungen: Die wichtigsten Gewinner abseits von Oppenheimer.


Bereits die vergangene Europawahl lief nicht gut für die SPD. Für die nun anstehende nächste Wahl im Juli sehen die Umfragen nicht viel besser aus. Gleichzeitig ist die Sorge groß, dass in der EU die Rechtsaußen-Parteien so stark werden wie noch nie. Es sind längst nicht mehr nur Frankreich, Österreich. Ungarn oder Polen, in denen die Parteien ganz rechts weit vorn landen.

Die AfD in Deutschland könnte ihren Stimmenanteil verdoppeln auf über 20 Prozent bei den Europawahlen in diesem Jahr. Die Spitzenkandidaten der SPD, Katarina Barley, glaubt fest daran, dass die AfD sich selbst ein Bein stellt. Till Hoppe, Redaktionsleiter vom Europe.Table hat mit ihr über die Rechten in der EU gesprochen, aber auch über die Forderung nach einer europäischen Atombombe, Ursula von der Leyen und Friedrich Merz.


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Transkript

Sprecher 1: Table Today mit Michael Bröker und Helene Bubrowski.

Sprecher 2: Herzlich willkommen zu Table Today, herzlich willkommen zu einer neuen Woche. Ich bin zurück aus den USA, noch ein ganz bisschen müde, aber ich freue mich, dass Sie heute dabei sind. Und wir schauen gleich wieder in die USA, nämlich nach Hollywood zur Krönungsmesse der Filmindustrie, die am frühen Morgen unserer Zeit begonnen hat. Zu Gast zum Tischgespräch ist heute die Frau, die mit ihrer Atombomben-Idee für Wirbel gesorgt hatte. Katharina Barley, die SPD-Spitzenkandidatin für die Europawahl. Zuerst aber müssen wir nach Israel blicken, insbesondere in den Gazastreifen und uns die Frage stellen, steht Israel mittlerweile ganz schön alleine? Da haben sich nun auch Deutschland und die Vereinigten Staaten abgewendet von diesem kriegführenden Land. Danke, dass Sie dabei sind zu dieser Ausgabe von Table Today. Ich bin Helene Bubrowski und wie immer ist dabei...

Sprecher 3: Michael Bröcker, schön, dass ich dabei sein darf. Helene, du siehst überhaupt nicht müde aus.

Sprecher 2: Ja, Michael, das sagst du so und unterschätzt dabei mal wieder meine Schminkkünste.

Sprecher 4: Die Hamas will nicht die Aussöhnung mit Israel, sondern die Auslöschung von Israel. Und deshalb gilt unverrückbar, das Existenzrecht Israels darf nicht relativiert werden. Die Sicherheit Israels ist unsere Verpflichtung. Deutschland weiß das. Auch ich fordere humanitäre Lieferungen, setze mich dafür ein, dass Wasser, Medikamente, Hilfsgüter nach Gaza kommen, dass die Flüchtlinge geschützt werden. Zusammen mit unseren amerikanischen Freunden machen wir Israel immer wieder deutlich, dass der Schutz der Zivilbevölkerung zentral ist. Der Tod und das Leid, das jetzt über die Menschen im Gazastreifen kommt, sind schlimm.

Sprecher 2: Ja, das war Robert Habeck, wie er vor einigen Monaten, genauer gesagt im November, eine Videoansprache gehalten hat, die damals viral ging. 42 Millionen Mal wurde sie gesehen und Habeck war damals vollkommen klar, er hat sich solidarisch mit Israel bekannt, er hat das Recht Israels betont, sich zu verteidigen. Aber er hat auch, das muss man der Ehrlichkeit halber sagen, auch auf die Lage der Menschen in Gaza aufmerksam gemacht. Aber dieses Video hat viele Menschen in Deutschland angesprochen, weil er so klar gesagt hat, wo er steht.

Sprecher 3: Ja, damals war die Betroffenheit groß, Helene, und die hat stetig abgenommen. Auch in den USA, der natürlichen Schutzmacht Israels, hat sich die Stimmung etwas gedreht und auch der Ton geändert. Zum Beispiel bei Joe Biden, dem US-Präsidenten, bei seiner... Jüngsten Rede zur Lage der Nation.

Sprecher 5: Israel must allow more aid in the Gaza to ensure humanitarian workers aren't caught in the crossfire. They're announcing they're going to... They're going to have a crossing in northern Gaza. Humanitarian assistance cannot be a secondary consideration or a bargaining chip. Protecting and saving innocent lives has to be a priority. As we look to the future, the only real solution to the situation is a two-state solution over time.

Sprecher 3: Jetzt schickt der amerikanische Präsident auch noch 5000 Soldaten für eine Seebrücke ins östliche Mittelmeer und will dort Gaza-Hilfsprojekte anstoßen. Eine erstaunliche Wendung.

Sprecher 6: Everything badly needed, and it's needed now. He has a right to defend Israel, a right to continue to pursue Hamas, but he must, he must, he must pay more attention to the innocent lives being lost as a consequence of the actions taken. And I think it's a big mistake, so I want to see a ceasefire.

Sprecher 2: Ja, Michael, was ist da eigentlich los? Von anderen europäischen Partnern haben wir schon länger kritische Worte über Israel gehört. Ich habe kürzlich eine Aufzeichnung gesehen einer Diskussionsrunde in Spanien, wo tatsächlich irgendwie behauptet wurde, die Toten vom 7. Oktober seien alles Kombatanten gewesen und ähnlicher wirklich hanebüchener Mist, der aber in einigen europäischen Nachbarländern salonfähig ist. Deutschland und Amerika standen immer sehr klar. Und jetzt gibt es diese Töne, die wir gehört haben von beiden Seiten. Robert Habeck hat jetzt nach seinem Gespräch mit Antonio Guterres in New York Folgendes gesagt. Israel muss seine Strategie in Gaza ändern. Die Zahl der zivilen Opfer ist zu hoch.

Sprecher 7: Dass klar ist, dass sich die Situation in Gaza jetzt

Sprecher 8: jetzt schnell ändern muss, dass humanitäre Unterstützung bereitgestellt werden muss. Es ist nicht, dass wir etwas nicht bekämpfen müssen, aber die Zahl der Opfer ist zu hoch.

Sprecher 2: Er hat dann bestritten, dass es sich um eine Wendung handelt, um eine Kurskorrektur. Trotzdem intoniert er dieses Thema heute ganz anders als in dem Video, das wir vom November gerade gehört haben.

Sprecher 3: Herr Helene, man ist ein bisschen im intellektuellen Dilemma. Denn wie soll jemand eine Terrorgruppe auslöschen? Und das ist das übrigens auch international anerkannte Ziel, dass die Hamas als Terrorgruppe eliminiert werden darf und muss nach diesem unfassbaren Anschlag. Und dann musst du in diesem Gazastreifen ja offenbar jeden Stein umdrehen. Das scheint ohne Zivilverluste nicht zu gehen. Aber natürlich sind die viel zu hoch, die Verluste. Gaza ist ein Leben des Gefängnisses, hat einer neulich gesagt. Aber trotzdem weiß ich gar nicht, was können die Israelis denn anders machen? Also was wäre die Wendung, wo Netanjahu vielleicht auch Unterstützung kriegen würde seiner Partnerländer?

Sprecher 2: Ja, es ist eben ganz, ganz bitter, weil natürlich die zivilen Opfer von den Palästinensern auch wirklich billigend in Kauf genommen werden. Wir haben über die Seebrücke gesprochen, die jetzt Lebensmittel ins Land bringen soll, was ja auch nicht richtig angelaufen war, was jetzt von der Europäischen Kommission, Zypern, den Vereinigten Staaten und Großbritannien organisiert wird. Auch Deutschland will sich da beteiligen. In der Vergangenheit, und das sind eben diese bitteren Nachrichten, hatte die Hamas diese Seebrücke abgelehnt, weil sie befürchtet hatten, dass sich Palästinenser auf... und das Land verlassen und dass sie dann eben nicht mehr, so zynisch ist es, zur Verfügung stehen als menschliche Schutzschilde. Das heißt, die Hamas verachtet natürlich auch das Leben der eigenen Menschen. Das ist ganz bitter und trotzdem gerade das, was wir im Süden des Landes sehen, die Situation in Rafah, wo eben auch eine Bodenoffensive nach wie vor droht, wo viele Menschen hingeflohen sind und nun dort um ihr Leben bangen und nicht raus können. Das ist natürlich bitter und da... Ist ja zumindest die Hoffnung jetzt, dass die israelische Armee da nun nicht durchmarschiert.

Sprecher 3: Ich finde, der Fokus muss auch auf die arabischen Bruderländer und die muslimischen Bruderstaaten Palästinas gehen. Ägypten macht die Grenze nicht auf, Katar, Saudi-Arabien, aber jetzt auch die VAE, wie ich gelesen habe, ziehen sich so ein bisschen aus den Verhandlungen, aus auch möglichen Kompromissen zurück, machen keinen Druck auf die Hamas. Denen geht es gut in Saus und Braus leben. Die Hamas-Führer angeblich irgendwo in Katar, während vor Ort ihre angeblichen Schutzbefohlenen leiden und hungern. Es ist eine wirkliche Katastrophe und ja, wahrscheinlich wäre es ohne Netanjahu auch einfacher, weil dieser Premier ist ja selbst im eigenen Land nicht mehr zu halten für die Politik, die er über Jahrzehnte gefahren hat.

Sprecher 2: Und auch für Deutschland ist es eine schwierige Situation, weil man aufgrund der Geschichte natürlich an der Seite Israels steht. Und auch das ist ja nicht nur aus historischen Gründen wichtig, sondern es ist natürlich auch wichtig, mit Israel, auch mit der Regierung Netanjahu im Gespräch zu bleiben. Denn nur wenn man im Gespräch ist, kann man auch sagen, könnt ihr das und jenes bitte beachten. Zivile Opfer da, wo sie eben keine Kollateralschäden sind. Und auch das ist ja für sich gesehen schon ein schreckliches Wort. Aber möglichst vermeiden könnt ihr die Menschen mit Strom und Essen versorgen. Könnt ihr nicht über die Menschen sprechen als Tiere, was ja am Anfang passiert ist. All sowas setzt voraus, dass man im Gespräch ist. Und um im Gespräch zu bleiben, muss man Israel auch nach wie vor, finde ich, die Hand ausstrecken und nicht ausschlagen. Diese Gratwanderung versucht die Regierung nun zu machen, versuchen auch die Amerikaner zu machen. Aber die Tonlage hat sich geändert und wir werden sehen, wie Israel darauf reagiert.

Sprecher 3: Helene, am Ende, wir können kein neutraler Moderator sein. Es ist einfach so. Und was mich echt total nervt, ist dieser Post-Shoah-Antisemitismus, den man überall jetzt erlebt, wo Netanjahu mit Hitler gleichgesetzt wird. Man hat erlebt, dass der israelische Präsident Herzog jetzt gerade in den Niederlanden ein Holocaust-Mahnmal eröffnen wollte und es da auch dutzende Proteste gab in der Gesellschaft, dass der Mann nicht kommen darf. Also irgendwas ist hier auf die schiefe Bahn geraten und vielleicht ist es auch okay zu sagen, wir sind klar auf einer Seite. Solange dieser unglaubliche Hamas-Angriff nicht gesühnt ist, darf und muss Israel wahrscheinlich auch militärisch weitermachen können.

Sprecher 2: Viele Dinge sind eben auch unklar. Wir hören die Zahlen von 30.000 toten Palästinensern. Das sind aber Zahlen der Hamas, von der wir nicht wissen, inwiefern sie stimmen. Die Größenordnung, so heißt es, sei ungefähr korrekt. Bei den Vereinten Nationen aber auch die wissen wir ja auch, wer. da die Mehrheit hat, nämlich die arabischen Staaten und die Staaten, die Israel nicht wohlgesonnen sind. Und Michael, ein Punkt ist natürlich wirklich das, was einem im Herzen wehtut, diese Täter-Opfer-Umkehr, von der du gerade sprachst. Dass jetzt eben Israel Genozid vorgeworfen wird, dass Deutschland durch die Unterstützung Israels vorgeworfen wird, zum Völkermord beizutragen. Das sind alles Dinge, wo auch ich dann vermute, dass dahinter nicht nur ein Israel-Hass, sondern auch ein ganz tiefsitzender Antisemitismus steckt. Und das ist bei all dem Leid der palästinensischen Bevölkerung doch etwas. Das ich unerträglich finde.

Sprecher 3: Ja, ich habe ein Plakat gesehen, Helene, das kommt wohl aus Israel und war dort an einer Mauer angeschlagen. In Englisch hieß es da, if you are tired of hearing anti-Semitism, imagine how we are of experiencing it. Ich finde, das sagt es wirklich sehr gut. Aber trotzdem hast du recht, was mich interessieren würde, Helene, du warst jetzt vier Tage mit Robert Habeck da. Ist seine Position, diese sanfte Wende vielleicht in Richtung, okay, wir müssen jetzt mehr in Richtung Hilfe für Gaza schauen, ist das eine Regierungs... Erwägung, ist die SPD und die FDP da genauso in Charge wie Robert Habeck oder gibt es bei der Ampel jetzt auch demnächst einen Streit um den Umgang mit Israel?

Sprecher 2: Das glaube ich nicht. Robert Habeck war ja derjenige, deswegen haben wir die Audiobotschaft ja am Anfang noch eingespielt vom November. Er war ja derjenige, der am klarsten sich solidarisch mit Israel positioniert hat. Baerbock, die Außenministerin und auch Scholz waren von Anfang an etwas stärker. haben auch auf die Palästinenser geschaut und so weiter. Also er war, und insofern ist seine Wende jetzt auch besonders interessant, von der er nur zur Vollständigkeit halber eben bestreitet, dass es eine Wende ist. Ich würde sagen, er intoniert anders. Und die FDP, das ist interessant, weil das ja... Große Freunde Israels sind, andererseits natürlich auch Verfechter des Völkerrechts. Also ich würde sagen, die Regierung insgesamt ringt um eine Position, in dem Wissen, dass man an der Seite Israels bleiben muss. Das ist für die deutsche Regierung alternativlos und gleichzeitig natürlich vor dem Töten nicht die Augen verschließen kann.

Sprecher 3: An diesem Sonntag soll jedenfalls der maritime Korridor eröffnen und die Deutschen, die machen mit, richtig?

Sprecher 2: Genau, die Deutschen machen mit. Habeck hat in New York gesagt, wir machen alles, was notwendig ist. Das wird jetzt ausgelotet, denn Deutschland gibt UNRWA, also der Hilfsorganisation in Gaza, keine Mittel mehr, weil sie Hamas-Imperzisanten sind. Und deswegen soll jetzt diese eigenständige Hilfe geleistet werden, die übrigens interessanterweise dann auch nicht mehr über Israel läuft. In diesem Jahr geht in Europa die Angst um. Vielleicht ist es gar keine Angst, aber jedenfalls doch die Sorge, dass in der Europäischen Union die Rechtsaußenparteien so stark werden könnten wie noch nie. Es sind längst nicht mehr nur Österreich, Frankreich, Österreich, Ungarn oder Polen, in denen die Parteien ganz rechts weit vorne landen. Die AfD steht in Umfragen derzeit bei 20 Prozent und könnte deshalb ihren Stimmenanteil bei der Europawahl verdoppeln. Wir haben zu Gast die Spitzenkandidatin der SPD, Katharina Barley. Und sie glaubt fest daran, dass die AfD sich selbst ein Bein stellen wird. Till Hoppe, unser Redaktionsleiter des Europe Table, hat mit ihr über die Rechten und Rechtsextremen gesprochen. Außerdem über ihre Forderung nach einer europäischen Atombombe und über Ursula von der Leyen und Friedrich Merz.

Sprecher 9: Frau Barley, die letzte Europawahl 2019 war schon keine gute für die SPD mit knapp 16 Prozent der Stimmen. Aktuell sind die Umfragen aber teils noch schlechter. Wie wollen Sie denn in den verbleibenden Wochen bis zum 9. Juni noch die Kurve kriegen?

Sprecher 10: Ja, die Umfragen sind im Moment so ungefähr in der gleichen Region. Es gibt zwei Punkte. Das eine ist, wir haben bei der Bundestagswahl ja gesehen, wie kurzer Zeit sich solche Umfragewerte bewegen können, wenn erstmal überhaupt die Leute auf dem Schirm haben, dass diese Wahl ist. Und das ist die zweite. Punkt, die allermeisten haben Europa, die Europawahl noch gar nicht auf dem Radar. Das ist auch nicht schlimm. Aber ich glaube, es wird diesmal eine andere Europawahl als die davor, weil durch Corona, russischen Krieg in der Ukraine, Energiefragen und so weiter, glaube ich, viel mehr Leuten bewusst geworden ist, wie viel Europa... In ihr Leben hineinwirkt. Und ich hoffe, dass das viele Leute mobilisiert, zur Wahl zu gehen. Und dann hoffe ich eben, dass besonders viele dabei sind, die auch sich für die Sozialdemokratie entscheiden.

Sprecher 9: Und trotzdem sind ja Europawahlen auch zum erheblichen Teil, vielleicht sogar zum übergroßen Teil, Wahlen, Abstimmungen über nationale Politik und nationale Politiker. Und da ist ja das Klima jetzt nicht besonders freundlich. Kämpfen Sie da gegen Windmühlen?

Sprecher 10: Nein, im Gegenteil. Also wir wollen das eigentlich sehr offensiv angehen, weil bei dieser Wahl auch deutlich werden muss, man braucht eine gute Verknüpfung der verschiedenen Ebenen. Also Europapolitik wird ja nicht nur in Brüssel gemacht. Das, was da beschlossen wird, muss ja... In den meisten Fällen national auch noch umgesetzt werden. Und deswegen ist es halt total wichtig, dass man ein Team hat, eine Achse hat, die da am gleichen Strang ziehen und ja auch wirklich ein Team sind. Und das ist bei uns eben der Fall. Wir stellen den Bundeskanzler, der auf der europäischen Ebene eine sehr, sehr starke Figur hat, eine sehr starke Position hat.

Sprecher 9: Und sich aber gleichzeitig ständig mit Präsident Macron öffentlich widerspricht. Wie passt das denn zusammen?

Sprecher 10: Naja, 27 Mitgliedstaaten. sind nie einer Meinung. Das ist Teil des europäischen Prozesses. Und wenn es um die Verteidigung geht, da hat ja Olaf Scholz sehr lange hinter den Kulissen den anderen Regierungschefinnen und Chefs bedeutet, dass sie auch ihren Teil leisten müssen bei der Ausstattung der Ukraine. Und dass er das jetzt auch einmal öffentlich und deutlich sagt, das ist, glaube ich, durchaus berechtigt.

Sprecher 9: Er hat es ja so oft öffentlich und deutlich gesagt, dass das offenbar Präsident Macron zu Gegenantworten, Provokationen bewegt hat.

Sprecher 10: Naja, aber das macht die Behauptung oder macht ja die Feststellung deswegen, nicht weniger wahr. Die Angriffe ja leider auch aus deutschen Reihen selbst sind ja immer so heftig, dass der Eindruck entsteht, Deutschland würde die Ukraine nicht genug unterstützen. Insbesondere der Kanzler tut nun wirklich herausragendes, wenn es um die Unterstützung der Ukraine geht. Das muss dann auch so offen gesagt werden. Es bringt ja nichts, wenn man das einmal sagt und es ändert sich nichts. Denn die Ukraine braucht die Waffen, die Ukraine braucht die Munition, die braucht die Luftabwehr und zwar jetzt.

Sprecher 9: Und trotzdem diskutieren in Deutschland alle nur über Taurus.

Sprecher 10: Genau, das halte ich für wirklich eine Diskussion, die... An der Hauptsache vorbeiführt. Denn welches Problem hat die Ukraine im Moment? Das ist Munition und das ist Luftabwehr. Ich würde mir wünschen, dass diejenigen, die immer laut Hals Taurus schreien, auch mal den Verbündeten sagen würden, tut ihr mal so viel, wie Deutschland tut in den anderen Bereichen, insbesondere Munition und Luftverteidigung, dann wäre der Ukraine deutlich mehr geholfen.

Sprecher 9: Sie selbst haben ja neulich in einem Interview Schlagzeilen mitgemacht mit der tatsächlichen oder vermeintlichen Forderung nach EU-Atomwaffen. Haben Sie das bereut, diese Aussage?

Sprecher 10: Das ist eine ganz interessante Geschichte gewesen. Also was ich gesagt habe, ist etwas, was alle Expertinnen und Experten als völlig naheliegend bezeichnet haben, nämlich dass das Thema behandelt werden muss, wie es weitergeht, gerade auch vor den Entwicklungen, die jenseits des Atlantiks stattfinden. Lustig ist ja dann wirklich gewesen, dass die größten Kritiker dieser wirklich total vernünftigen und rationalen Feststellung, zum einen die FDP-Spitzenkandidatin war, deren eigener Vorsitzender quasi am selben Tag eine ganz ähnliche, aber viel zugespitztere Forderung erhoben hat in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung mit Christian Littner und zwei ältere Herren von der CDU. Und ich habe jetzt gerade gelesen, dass die CDU die Forderung nach europäischer nuklearer Verteidigung sogar in ihr Wahlprogramm aufgenommen haben. Also das ist dann in der Politik... Manchmal wirklich bizarr, wie solche Erregungszirkel verlaufen.

Sprecher 9: Sie sprachen eben die EVP an. Wenn die Christdemokraten, wonach es aktuell aussieht, die Europawahl gewinnen wird, wird dann Ursula von der Leyen eine zweite Amtszeit bekommen?

Sprecher 10: Ja, Ursula von der Leyen ist gewählt worden von der europäischen Parteienfamilie mit 81 Gegenstimmen bei 400 Ja-Stimmen. Das finde ich sehr bemerkenswert. Das ist ein sehr, sehr starker Gegenwind. Das Wahlverfahren geht so auf der europäischen Ebene, dass der Rat, also die Regierungschefinnen und Chefs, einen Vorschlag machen. Und das Parlament dann über diesen Vorschlag entscheidet. Also ein Kandidat, eine Kandidatin muss diese beiden Hürden überwinden. Ja, wer das sein wird, das werden wir in diesem Jahr feststellen. Und ich hoffe, dass wir diesmal dieses Verfahren auch so einhalten und dass sich nur Spitzenkandidatinnen und Kandidaten dann auch in der engen Wahl befinden.

Sprecher 9: Die Sozialdemokraten haben mit Nikolaus Schmidt, dem aktuellen Arbeits- und Sozialkommissar, einen Spitzenkandidaten nominiert, der zumindest in Deutschland weniger bekannt ist als Ursula von der Leyen. Wenn Sie nicht noch die EVP überholen sollten, werden Sie dann das Amt des Ratspräsidenten für sich reklamieren?

Sprecher 10: Das sind Fragen, die sich im Moment wirklich nicht stellen. Nikolaus Schmidt ist natürlich weniger bekannt als hier und hier eine Kommissionspräsidentin, das ist völlig klar. Und dass jeder in seinem Heimatland am meisten bekannt ist. Das ist auch klar. Ursula von der Leyen kannte außerhalb Deutschlands niemand, als sie wie Kaya aus der Kiste gezogen wurde 2019. Aber Nikolaus Schmidt ist der Kommissar für Arbeit und Soziales, also derjenige, der zuständig dafür war und ist, dass die positiven Seiten der Europäischen Union auch wirklich bei den Menschen ankommen. Und da hat er echt herausragendes geleistet in dieser Legislaturperiode. Und er ist damit auch Teil dieses Teams, was ich eingangs meinte, Kommissionspräsident, Kanzler, Parlamentsrepräsentantin. Wenn man da bei der Union guckt, Ursula von der Leyen und Friedrich Merz haben sich über die ganzen Jahre... Fast offen bekriegt. Insbesondere Friedrich Merz hat kein gutes Haar an Ursula von der Leyen und ihrer Politik gelassen. Da wäre so ein geschmeidiges Zusammenarbeiten deutlich weniger gewähren.

Sprecher 9: Inzwischen scheinen sich die beiden ja zusammen gerafft zu haben.

Sprecher 10: Ja, Sie wissen, wie das ist. Wenn man vor den Kameras steht, dann tut man das. Aber lesen Sie sich mal die alten Interviews durch. Und die stellvertretenden Fraktionsvorsitzenden von CDU und CSU haben vor ungefähr einem Jahr mal einen Brief geschrieben an Ursula von der Leyen. Wo sie im Grunde genommen ganz unverblümt gesagt haben, du bist auf dem Holzweg mit deiner Politik, bitte hör auf damit, du schadest der deutschen Wirtschaft. Also das finde ich schon sehr bemerkenswert.

Sprecher 9: Ihnen selbst, Ihnen persönlich werden Ambitionen nachgesagt, Präsidentin des Europäischen Parlaments werden zu wollen nach der Wahl oder zumindest in der zweiten. In der Hälfte der Legislaturperiode ist da was dran.

Sprecher 10: Also ich sehe meine Zukunft auf jeden Fall für die nächsten fünf Jahre im Parlament. Da gibt es viele ganz spannende Aufgaben, aber ich möchte gerne im Parlament weiter tätig sein. Dafür stelle ich mich zur Wahl.

Sprecher 9: Es ist ja so, dass EU-kritische Parteien wie die AfD, wie das neue Bündnis Sarah Wagenknecht wohl recht stark abschneiden werden bei der Wahl nach den aktuellen Umfragen. Mehr als ein Viertel der Stimmen bekämen. Auch in anderen Ländern zeichnet sich ab, dass extreme Parteien erstarken. Wie viel Verantwortung trägt die EU dafür? Wie viel tragen Sie als Europaabgeordnete in Brüssel und Straßburg dafür?

Sprecher 10: Also erstens steht die Europapolitik ja nicht im Vordergrund dieser Parteien, aber viel wichtiger ist mir, diese Wahl mehr als alle zuvor wird ja nicht nach Umfragen entschieden. Allein in Deutschland, wenn wir die Wahlbeteiligung... Erhöhen könnten, und zwar deutlich erhöhen könnten. Zu den Europawahlen gehen bisher etwas über 50 Prozent in Deutschland, in ganz Europa. Es ist ganz knapp über 50 Prozent beim letzten Mal gewesen und das war schon ein Erfolg. Also wenn wirklich mehr Menschen gehen und ich schaue da insbesondere auf all die Menschen, die im Moment auf die Straße gehen. Und für Demokratie und Rechtsstaat und Freiheit und Toleranz und Zusammenhalt auf die Straße gehen. Wenn all die auch erkennen, dass Europa ein ganz großer Teil davon ist, und selbst zur Wahl gehen und am besten jeder von denen noch einen mitnimmt, der bisher nicht zur Wahl gegangen ist, dann werden wir diese antidemokratischen und antieuropäischen Parteien deutlich in die Schranken weisen können. Die AfD hat uns ja sogar den Gefallen getan, vom Dexit zu schwadronieren, also vom Austritt Deutschlands aus der Europäischen Union. Und ich glaube, spätestens dann erkennt man, was das für politische Geisterfahrer sind. Denn das wäre für den Wirtschaftsstandort Deutschland und für uns Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer wirklich das Allerschlimmste. Mein Vater ist Brite. Wer die Folgen sehen will eines Austritts, der muss sich nur mal genau Großbritannien anschauen. Das ist keine gute Idee.

Sprecher 2: Vielen Dank, Frau Barley.

Sprecher 10: Sehr gerne.

Sprecher 2: Und zum Nachtisch, liebe Hörerinnen und Hörer, gibt es heute die Oscars. Vielleicht gehen Sie auch erst nach einer langen, glitzernden Nacht ins Bett. Vielleicht finden Sie die Oscars auch total nervig. Ich sage Ihnen in jedem Fall, wie es ausgegangen ist. Und zwar traurig für die Deutschen. Ich hatte vor allem Sandra Hüller die Daumen gedrückt. Ich oute mich, ich bin ein Fan. Sie hat leider den Oscar nicht gewonnen. Auch die deutschen Regisseure sind leer ausgegangen. Gewinner der diesjährigen Oscar-Verleihung ist das Historiendrama um den Atombombenvater Oppenheimer. Übrigens wirklich ein großartiger Film. Insofern sehr verdient. Sieben Oscars sind es für ihn geworden, auch in der Königskategorie Bester Film. Moderiert hat die Verleihung der US-Talkshow-Moderator Jimmy Kimmel und zwar inzwischen schon zum vierten Mal. Die traditionelle Opening-Szene hat er mit Schauspielerin Margot Robbie gedreht, die Hauptdarstellung des Barbie-Films, der mit acht Oscar-Nominierungen zu den Favoriten zählte.

Sprecher 11: I know. I haven't eaten in three weeks. I'm so hungry. I have to go host the Oscars.

Sprecher 2: Für die emotionalsten Momente hat die Realität gesorgt. Als bester Dokumentarfilm wurde 20 Tage in Mariupol ausgezeichnet, der auch in der ARD lief. Wir erinnern uns an die schrecklichen Szenen in dem Theater, in dem die Menschen eingesperrt waren. In der Doku berichtet ein ukrainisches Filmteam aus der von russischen Truppen belagerten Stadt. Regisseur Müsif Lev Tchernov widmet die Dankesrede seinem Land.

Sprecher 12: Probably I will be the first director on this stage who will say, I wish I would never... Made this film. I wish... to be able to exchange this to Russia never attacking Ukraine, never occupying our cities. I wish to give all the recognition to Russia not killing tens of thousands of my fellow Ukrainians, but I cannot change the history. But we can make sure that the history record is set straight and that the truth will prevail. and that the people of Mariupol and those who have given their lives will never be forgotten. Thanks to Ukraine. Slava Ukraini.

Sprecher 2: Und auch der Israel-Palästina-Krieg wurde zum Thema durch die Dankesrede für den besten internationalen Film.

Sprecher 13: The song of interest.

Sprecher 2: Der britische Regisseur Jonathan Glazer ist für das deutschsprachige Auschwitz-Drama The Zone of Interest ausgezeichnet worden.

Sprecher 14: All our choices were made to reflect and confront us in the present, not to say, look what they did then, rather look what we do now. Our film shows where dehumanization leads at its worst. Right now we stand here as men who refute their Jewishness and the Holocaust being hijacked by an occupation which has led to conflict for so many innocent people. Whether the victims of October the 7th in Israel or the ongoing attack on Gaza, all the victims of this dehumanization, how do we resist?

Sprecher 2: In Glazers Film spielt auch die deutsche Schauspielerin Sandra Hüller mit, von der ich gerade schon geredet habe. Sie war gesondert nominiert für ihre Rolle in dem Film Anatomie eines Falls. Gewonnen hat sie leider nicht, aber auch dieser Film wurde ausgezeichnet für das beste Originaldrehbuch. Der Oscar ging damit an die französische Filmregisseurin Justine Trier. Sie hat an dem Film ganz unglamourös während Corona gehandelt.

Sprecher 15: It will help me through my midlife crisis, I think. This glamour tonight contrasts slightly with two kids. It was a lockdown. Yeah, there is no line, I think, between work and diapers.

Sprecher 2: Der Oscar für den besten Filmsong ging an Billie Eilish. What I Was Made For aus dem Barbie-Film. Live performt zuvor auf der Oscar-Bühne. Und ich bin sowieso noch ein bisschen im Jetlag nach meiner USA-Reise. Und jetzt nach dieser Oscar-Nacht werde ich mich selber nochmal ganz kurz hinlegen. Aber Sie sind wahrscheinlich alle schon wach und auf dem Weg in den neuen Tag, in die neue Woche. Ich wünsche Ihnen alles Gute dafür. Morgen bin ich wieder für Sie da. Machen Sie es gut. Ihre Helene Wobrowski.

Sprecher 16: But someday Someday I might When did I? Don't tell my boyfriend it's not what he's made for. What was I made for? I But I wanna try I don't know how to feel But someday I'll Something I don't know I think I forgot how to be happy Something I'm not, but something I can be Something I wait for Something I'm made for Something I'm made for