Muss die Schuldenbremse reformiert werden, Herr Nagel?
Dauer: 24:03

Muss die Schuldenbremse reformiert werden, Herr Nagel?

  • Tischgespräch: Helene Bubrowski berichtet aus den USA über die Reise des Bundeswirtschaftsministers
  • Zu Gast am Runden Tisch: Joachim Nagel, Präsident der Deutschen Bundesbank 
  • Nachtisch: Wie die Spanier vom Flugzeug auf die Bahn umsteigen sollen


Bundesbankpräsident Joachim Nagel erklärt, warum trotz der sinkenden Inflation die Zinsen bisher nicht gesunken sind. Er blickt aber zuversichtlich in das zweite Halbjahr: Die Finanzierungsbedingen würden sich deutlich verbessern. Die Wahrscheinlichkeit nehme zu, dass „wir möglicherweise noch vor der Sommerpause eine Zinssenkung sehen könnten.“


Nagel geht auch davon aus, dass das Wirtschaftswachstum in Deutschland zurückkehren kann, „wenn wir die Hausaufgaben machen.“

„Mir gefällt dieser Abgesang auf die deutsche Wirtschaft nicht“, sagt Nagel. Es gebe gute Startvoraussetzungen für die Wirtschaft. 


Bei der Schuldenbremse darf aus Sicht des Bundesbankpräsidenten keine Denkverbote geben. Den Investitionen müsse man mehr Gewicht geben gegenüber konsumptiven Ausgaben.   


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Transkript

Sprecher 1: Table Today mit Michael Bröker und Helene Bubrowski.

Sprecher 2: Willkommen zurück bei Table Today, dem Audio-Briefing für die Themen des Tages. Mein Name ist Michael Bröker. Ich bin im Moment am Flughafen in Bukarest. Entschuldigen Sie daher das eine oder andere Nebengeräusch. Aber viel weiter weg von Deutschland ist Helene Bubrowski, nämlich in Washington. Hallo Helene.

Sprecher 3: Hallo Michael.

Sprecher 2: Wir analysieren gleich, wie sich Robert Habeck, der Vizekanzler, auf eine mögliche Präsidentschaft Donald Trumps vorbereiten will. Außerdem ist zu Gast an unserem runden Tisch der mächtigste Banker der Republik, Bundesbankchef Joachim Nagel. Wir reden natürlich über die sinkende Inflation und was daran auch gefährlich sein könnte. Zum Nachtisch gibt es eine ökologische Zeitenwende in Spanien zu beobachten, die Bahnfahrer freuen dürfte. Los geht's! Helena, einen schönen Gruß nach Washington. Du bist mit Robert Habeck unterwegs. Er ist ja das erste Regierungsmitglied nach dem Kantersieg Donald Trumps beim Super Tuesday. Ist der mögliche neue und alte US-Präsident eigentlich Thema Nummer eins bei euch in der Delegation?

Sprecher 3: Naja, das Thema ist halt omnipräsent in der deutschen Delegation, auch in der Wirtschaftsdelegation, die wir gestern Abend getroffen haben. Das ist das, was die Menschen umtreibt. Robert Habeck hat mehrfach betont, er wolle sich nicht in den amerikanischen Wahlkampf einmischen. Und natürlich sei auch das letzte Wort noch gar nicht gesprochen. Er ist so weit gegangen zu sagen, der Wahlkampf habe noch gar nicht begonnen und warnt auch ein bisschen vor Self-Fulfilling Prophecy. Also Hoffnung besteht offensichtlich beim Bundeswirtschaftsminister, dass es am Ende nicht Donald Trump wird. Und dennoch muss sich die deutsche Bundesregierung auf dieses Szenario natürlich vorbereiten.

Sprecher 2: Die Wahrheit ist natürlich wahrscheinlich, wenn Robert Habeck sich einmischen würde in den amerikanischen Wahlkampf, so richtig interessieren würde es Donald Trump wahrscheinlich nicht. Aber was uns in der Wirtschaft vor allem interessiert, Helene, ist ja der IRA, das gigantische Subventionsprogramm für die amerikanische Industrie. Und immer wieder der Versuch von Habeck, aber auch von Lindner bei früheren Reisen, profitieren wir auch davon, die deutsche Wirtschaft. Gibt es da Neuigkeiten?

Sprecher 3: Ja, also der Ansatz von Robert Habeck hier auf dieser Reise ist, jetzt noch möglichst viel mit den Amerikanern hinzukriegen bis zum 5. November. Also möglichst viele Flöcke einzuschlagen, möglichst viele Abkommen zu schließen, zu institutionalisieren. Also die Idee ist, wir wollen möglichst viel schaffen und natürlich hindert das Trump nicht daran, es wieder kaputt zu machen, aber wir wollen es ihm möglichst schwer machen, die Dinge kaputt zu machen. Und dazu gehört auch eine Ausnahmeregelung zum IRA, also zum Inflation Reduction Act, den du ja gerade schon angekündigt hast. Die Europäer wollen unbedingt ein sogenanntes Critical Minerals Agreement schließen. Das sind alle die Stoffe, die man braucht, um die Technologie für erneuerbare Energien zu produzieren. Insbesondere geht es dabei hier in Amerika um die E-Autos, die derzeit eben aus amerikanischer Produktion extrem gefördert werden mit 7500 Dollar Subventionen und die europäischen Autos und auch die deutschen profitieren derzeit nicht. Das wollen die Deutschen ändern, aber mit diesem Abkommen geht es nicht so richtig voran. Im letzten Jahr sollte es eigentlich schon geschlossen werden und jetzt ist das Gefühl auf amerikanischer Seite, dass das Momentum eigentlich schon verstrichen sei, dass man im Wahljahr 2024 einfach nicht aus innenpolitischen Gründen in der Lage ist, etwas für die Europäer zu tun. Und deswegen ist Habecks Hoffnung zwar da, dass es noch klappt, aber so einen richtigen Grund zu hoffen gibt es eigentlich nicht.

Sprecher 2: Helene, es war ja immer schon die Debatte, dass dieser IRA, Inflation Reduction Act, vor allem natürlich Subventionen und Steuergutschriften nur für Unternehmen macht, die US-Produkte verwenden oder selbst in den USA produzieren. Könnte das unter Donald Trump nochmal sogar verschärft werden, der ja America Great Again als Slogan hat? Oder ist an diesem IRA... eigentlich auch nichts mehr zu verändern.

Sprecher 3: Die große Befürchtung ist natürlich, dass der Protektionismus unter Donald Trump noch mal viel stärker Fahrt aufnimmt. Und dass das Verhältnis zu China noch schlechter wird, das ja schon wirklich schlecht ist. Und das bringt natürlich auch dann Deutschland und die deutsche Wirtschaft vor die Frage, mit wem hält man es denn nun, wenn die Amerikaner richtig Druck aufbauen und sagen, also wir machen mit euch überhaupt nur Dinge, wenn ihr gegenüber China härter seid. Dieses Spannungsverhältnis hat Robert Habeck auch gestern schon beschrieben, aber derzeit gelingt es der Bundesregierung, sich da so ein bisschen rauszuwinden. Sie verweisen auf die deutsche China-Strategie und sagen, wir haben ja schon einen Kurswechsel eingeleitet in der China-Politik, sind ja viel strenger, als wir in der Vergangenheit waren. Aber von amerikanischer Seite, ehrlich gesagt, so ist es hier zu hören, reicht das alles nicht. VW hat gerade wahnsinnig in China investiert. BASF ist in China unterwegs. Das wundert die Amerikaner dann schon sehr. Unter Donald Trump, das ist ganz klar, wird diese Entwicklung noch stärker zunehmen. Also der Druck auf Deutschland und Europa.

Sprecher 2: Also die Amerikaner wünschen sich eine noch härtere Gangart der Europäer mit China, der Deutschen mit China, habe ich verstanden. Und Helene, ist Ukraine eigentlich ein Thema und die blockierten Milliarden im Kongress? Gibt es da irgendwo Anzeichen der Entspannung aus dieser Reise?

Sprecher 3: Bisher noch nicht, aber Robert Habeck hat dazu auch Gespräche. Er reist ja heute Abend schon weiter nach New York. wird dort als Vizekanzler, so heißt es in seiner Delegation, sprechen. Er hat ein Treffen mit Antonio Guterres, dem UN-Generalsekretär. Da geht es auch um Gaza, aber eben auch um die Ukraine. Und auch hier in Washington die Gespräche, die er heute Nachmittag noch hat, unter anderem mit Janet Yellen, der Finanzministerin. Da wird es sicherlich auch darum gehen.

Sprecher 2: Wenn deutsche Minister reisen, geht es ja immer auch um Profilbildung. Der Vizekanzler Robert Habeck hat ja laut auch deinen Analysen bei Table Media durchaus sehr große Chancen auf eine mögliche Kanzlerkandidatur der Grünen. Was ist das Profil, das er mit dieser Reise zeigen will? Dass er auch Außenpolitik kann, dass er besondere Unternehmensbesuche mit aufs Programm nimmt. Wie gibt er sich im Ausland?

Sprecher 3: Naja klar, er nutzt hier die Bühne, um zu zeigen, dass er auch Außenminister kann. Und er nutzt die Bühne, um zu zeigen, dass er mit Unternehmern gut klarkommt. Er hat ja durchaus Talent, charmant zu sein und unterhaltsam zu sein. Das war gestern Abend auch in den Gesprächen mit den Unternehmern zu beobachten, die ganz beschwingt da rauskamen, trotz der einen oder anderen Meinungsverschiedenheit natürlich, die bleibt.

Sprecher 2: Wie sich die Bundesregierung und Robert Habeck auf eine mögliche Präsidentschaft Donald Trumps vorbereiten will, das lesen Sie auch bei Table Media von Helene Bubrowski. Vielen Dank für deine Einschätzung direkt aus Washington. Viel Erfolg bei der Weiterreise und wir sehen uns bald in Berlin wieder.

Sprecher 3: Wir sehen uns bald in Berlin. Grüße nach Bukarest. Guten Flug dir.

Sprecher 2: Wenn dieser Mann mit seinen Kolleginnen und Kollegen im EZB-Direktorium zusammenkommt und Entscheidungen trifft, dann hat das Auswirkungen auf ihr Portemonnaie, aber ganz direkt. Denn es geht meistens um Zinsen und damit um Inflation, um Preise, um Kredite oder ihren Immobilienkauf. Joachim Nagel ist Bundesbankpräsident und die Bundesbank hat, genau wie die Europäische Zentralbank, durch ihre sehr, sehr... Ambitionierte Zinspolitik ist tatsächlich geschafft, die Inflation zurückzudrängen. Darüber will ich jetzt mit ihm reden. Außerdem über einen Vorschlag der Bundesbank, der tatsächlich eine Reform der Schuldenbremse vorsieht. Los geht's. Einen schönen guten Tag, Herr Präsident Nagel.

Sprecher 4: Einen schönen guten Tag, freue mich.

Sprecher 2: Herr Präsident, obwohl die Inflation ja deutlich zurückgegangen ist im Euroraum in den letzten Monaten, wartet jetzt die EZB mit einem Zinsschritt und belässt den Einlagensatz bei 4%. Was sind die Ursachen dafür?

Sprecher 4: Also die Ursache ist zunächst mal, dass wir sehr zuversichtlich sind, dass wir mit den Maßnahmen, die wir ja über die Zinserhöhungen bis September letzten Jahres veranlasst hatten, dass diese Zinserhöhungen Wirkung zeigen. Also die Inflationsrate geht deutlich zurück und mit den aktuellen Projektionen, die wir ja in der EZB-Ratssitzung besprochen haben, gehen wir davon aus, dass wir im Jahr 2025 unser Ziel von 2% Inflation erreichen werden.

Sprecher 2: Das ist die Ideallinie und damit ist der große Zinsschock überwunden. Sind wir jetzt dauerhaft über dem Berg, Herr Nagel?

Sprecher 4: Ich weiß gar nicht so sehr, ob es ein Zinsschock war. Es war eher ja ein Inflationsschock. Wir hatten ja Inflationsraten im zweistelligen Bereich. Und was mich sehr zuversichtlich stimmt, ist, dass die Marktteilnehmer Also mehr als 80 Prozent auch unserer Kommunikationslinie, unseren Maßnahmen folgen und davon ausgehen, dass möglicherweise, wenn es zu Zinssenkungen kommen sollte, das dann frühestens im Juni diesen Jahres erfolgen könnte. Also die Geldpolitik wird verstanden im Markt, das ist ja auch wichtig. Um auch dort Zuversicht zu geben, die Volatilität an den Märkten zu reduzieren und damit die Geldpolitik auch hier voll ihre Wirkung erzielen kann.

Sprecher 2: Was ist mit den Sparern und den Häuslebauern? Wie entwickelt sich jetzt für zum Beispiel die Immobilienkäufer oder Verkäufer die Lage Ihrer Meinung nach?

Sprecher 4: Also da waren ja sozusagen die Befindlichkeiten waren ja schon immer unterschiedlich, ob ich jetzt Sparer bin oder derjenige, der möglicherweise über eine Investition, eine Finanzierung nachdenkt. Es ist klar, dass bei so hohen Inflationsraten Zinssteigerungen notwendig waren. Das hat natürlich die Finanzierungsbedingungen erschwert für den Häuslebauer. Für den Konsumenten, der möglicherweise über einen Konsumentenkredit etwas zu finanzieren hatte. Also da werden die Bedingungen möglicherweise besser im Jahresverlauf. Zum Teil haben sich ja die Finanzierungs... Bedingungen auch schon in den letzten paar Wochen verbessert. Das hängt ja immer von dem jeweiligen Kreditinstitut ab, was dort an Konditionen weitergegeben wurde. Aber insgesamt bin ich zuversichtlich, dass im zweiten Halbjahr die Bedingungen in Deutschland im Euroraum sich verbessern werden. Dass wieder mehr Zuversicht zurückkehrt. Das ist ja auch wichtig, damit Wirtschaftswachstum entstehen kann. Also insgesamt schaue ich da eher optimistischer in den weiteren Jahresverlauf, als es vielleicht bislang der Fall war.

Sprecher 2: Das Schrumpfen, was wir dieses Jahr bei dem BIP vielleicht erleben werden, ist vor allem auch getrieben durch die nicht anspringende Baukonjunktur. Könnte sich das jetzt aufgrund der zurückgehenden Inflation und damit auch wieder der Entspannung an den Zinsmärkten, könnte sich das jetzt vielleicht auch entspannen?

Sprecher 4: In der Bauwirtschaft, im Immobiliensektor vielleicht vorneweg geschickt, hatten wir natürlich auch eine Dekade, die man vielleicht auch als einen Überschwang bezeichnen kann. Wir hatten natürlich extrem entgegenkommende Finanzierungsbedingungen, Zinsen, die fast bei Null lagen, die natürlich auch bestimmte... Sage ich jetzt mal, Übertreibungen befördert haben. Aus meiner Sicht sehen wir da eher jetzt eine Rückkehr zu so einer Art Mittelwert. Da gab es natürlich schmerzliche Einschnitte für viele, die eben sich gar nicht vorstellen konnten, dass die Finanzierungsbedingungen wieder härter werden würden. Aber auch hier bin ich zuversichtlicher, dass wir Da liegt am Ende des Tunnels sehen. Die Finanzierungsbedingungen werden möglicherweise wieder deutlich besser werden und dann wird sicherlich auch in dem einen oder anderen Segment dann die Nachfrage wieder zurückkehren.

Sprecher 2: Zehn Zinserhöhungen in Folge, jetzt zum vierten Mal bleiben die Zinsen gleich. Erleben wir dann im Frühjahr, im Juni die erste Zinssenkung?

Sprecher 4: Das wird von den Daten abhängig sein, das ist ganz klar. Wir werden uns jeweils von Sitzung zu Sitzung bewegen. Ich sage mal so, die Wahrscheinlichkeit nimmt zu, dass wir möglicherweise noch vor der Sommerpause eine Zinssenkung sehen könnten. Aber das wird ganz klar nochmal von den Daten abhängig sein. Aber die Aussichten haben sich, was das angeht, aufgehellt. Das möchte ich auch festhalten.

Sprecher 2: Ein Team von Forschern des Internationalen Währungsfonds hat über 100 Inflationsschocks seit den 70er Jahren untersucht, eine ganz interessante Studie, und vor einem verfrühten Jubel gewarnt, weil vier von zehn Inflationsschocks auch nach fünf Jahren noch nicht dauerhaft überwunden waren und nach einem Rückgang der Inflation plötzlich wieder angestiegen ist. Besteht diese Gefahr bei uns auch?

Sprecher 4: Die Studie, die habe ich natürlich auch mit Aufmerksamkeit gelesen, hat meine Einschätzung bestätigt, die ich ja immer wieder formuliert habe, dass es auf der letzten Meile, auf dem letzten Kilometer in der Geldpolitik oft schwierig ist und dass man hier Ruhe bewahren muss, nicht zu früh in Euphorie verfallen muss, dass man das Thema Inflation beendet hätte. Deswegen ist es so wichtig, dass wir jetzt nach den letzten Zinserhöhungen, die ja im September... 2023 erfolgt sind, erstmal Ruhe bewahrt haben, uns die Daten genau anschauen. Das Bild hat sich sicherlich verfestigt, dass wir möglicherweise bald auch andere Zinsen wieder sehen können. Aber jetzt ist es noch an der Zeit, hier nicht zu früh die Kontenanz zu verlieren und eben den zinspolitischen Pfad erstmal so beizubehalten.

Sprecher 2: Nach allem, was die Ökonomen auch der Bundesbank wissen, haben sich die Energiepreise jetzt dauerhaft auf einem Niveau wieder eingependelt, wie es vor dem Krieg war. Das ist ja für die wirtschaftliche Entwicklung fundamental, wie wir in den letzten Jahren gelernt haben.

Sprecher 4: Es ist wichtig, dass Sie den Punkt nochmal ansprechen. Der Krieg hat natürlich vieles für uns verändert. Das dürfen wir nicht ausblenden. Wenn wir zwei Jahre zurückschauen, 24. Februar 2022, die Karten wurden neu gemischt mit diesem fürchterlichen Angriffskrieg. Wir waren mit einer Krisenbewältigung auseinandergesetzt, die es so in der Form sicherlich in den letzten 70 Jahren nicht gab. Wir haben das Thema Inflation in Größenordnung bekämpfen müssen, die wir so uns hätten nicht vorstellen können. Die Bundesregierung hat bei dem Energiethema dagegen gehalten. Jetzt gilt es, wieder Schwung aufzunehmen, die Themen, die quasi vor uns liegen, anzugehen. Und dann wird auch der wirtschaftliche... Aufschwung in Deutschland wieder möglich sein. Die Wachstumsraten in Deutschland sind insgesamt viel zu schwach, viel zu niedrig. Aber ich bin auch zuversichtlich, dass wir die, wenn wir die Hausaufgaben machen, dass Wirtschaftswachstum zurückkommen kann.

Sprecher 2: Wie geht das, Herr Lang? Das müssen Sie uns erklären. Wir sind in OECD-Ländern fast letzter bei den Wachstumsraten, zumindest in diesem Jahr. Und der Finanzminister nennt es fast peinlich, die wirtschaftliche Entwicklung. Ist das jetzt nur eine Delle, weil wir so besonders abhängig waren von den Energieimporten aus Russland? Oder hat sich da dauerhaft vielleicht auch in unserer Ökonomie was verändert, das in Richtung Schrumpfkurs geht?

Sprecher 4: Ich würde diplomatisch sagen, sowohl als auch. Wir haben natürlich diese Delle gesehen durch diese exogenen Themen, die wir gerade diskutiert hatten. Aber wir haben natürlich auch strukturelle Themen, die es anzugehen gilt. Wir haben Themen bei der Digitalisierung, wir haben das demografische Problem, wir haben ein Bürokratiethema. Aber das sind alles Themen, die aus meiner Sicht lösbar sind. Und wir dürfen, also mir gefällt dieser Abgesang auf die deutsche Wirtschaft, dieses, was so viele jetzt derzeit dieses Lied pflegen, das gefällt mir überhaupt nicht, weil es auch positive Aspekte gibt. Wir haben einen robusten Arbeitsmarkt, wir haben weiterhin einen starken Industrieanteil in Deutschland. Die Nettoeinkommen werden auch wieder steigen zur Mitte des Jahres. Wir haben insbesondere eine geringe Inflation. Die Zinsen werden auch wieder zurückgehen. Also es gibt gute Startvoraussetzungen für die deutsche Wirtschaft. Und wenn wir diese Hausaufgaben machen, die ich gerade angesprochen hatte bei den strukturellen Themen, dann ist da auch viel Potenzial drin in der deutschen Wirtschaft. Also lassen Sie uns unseren Wirtschaftsstandort nicht... Leider machen, als er in Wirklichkeit ist.

Sprecher 2: Gut, wir sind ja hier der Podcast für Optimismus und konstruktive Ideen. Dann lassen Sie uns mal überlegen, wie man diese strukturellen Probleme angehen kann. Da gibt es zwei Denkschulen in der Politik derzeit, nämlich die einen sind, wir müssen noch viel stärker investieren in Digitalisierung, in Infrastruktur, in die Schulen, in die Fachkräftezuwanderung. Und vieles von den Maßnahmen, die da diskutiert werden, braucht mehr Geld. Jetzt haben wir eine Schuldenbremse und ich habe gelernt, dass die Bundesbank durchaus auch eine flexiblere Schuldenbremse, also eine Reform der Schuldenbremse für notwendig hält. Fallen Sie da Christian Lindner in den Rücken?

Sprecher 4: Nicht ganz im Gegenteil. Wir fallen nicht Christian Lindner in den Rücken. Wir haben da auch eine sehr ähnliche Vorstellung, was die Schuldenbremse betrifft. Ich meine, so wie es mit stabilen Preisen ist, ist es auch mit den Staatsfinanzen, dass solide Staatsfinanzen die Grundvoraussetzung sind für Wirtschaftswachstum. Aber es darf auch keine Denkverbote geben bei der Schuldenbremse. Und wir haben hier einen sehr ausgewogenen Vorschlag gemacht, wenn es um die Diskussion der Schuldenbremse geht, nämlich dann für eine Situation, wenn wir wieder mit unserer Staatsschuldenquote unter 60 Prozent fallen würden. Und da gibt es auch eine hohe Wahrscheinlichkeit, dass das in nächster Zeit, in den nächsten Jahren erfolgen wird, dass dann die Aufbauspielräume höher ausfallen könnten, als sie bislang vorgesehen sind in der Schuldenbremse. Also das ist ein sehr ausgewogener, sehr ausbalancierter Vorschlag und da fallen wir Christian Lindner ganz bestimmt nicht in den Rücken. Bei der Schuldenbremse ist es doch so, dass man auch bei den Investitionen genauer hinschauen muss. Und Sie haben es ja angesprochen, da gibt es einfach viel zu tun in den nächsten Jahren. Investitionen sind alles Ausgaben, die über Generationen hinweg ihre Bedeutung haben werden. Und deswegen muss man den Investitionen auch mehr Gewicht geben gegenüber konsumtiven Ausgaben.

Sprecher 2: Das müssen Sie mir nochmal erklären, Herr Nagel. Immerhin hat ja Deutschland jetzt seit, glaube ich, 2019, erfüllt es fast die Schuldenstandquote, die laut Maastricht-Kriterien 60 Prozent des BIP nicht überschreiten darf. Wir liegen jetzt noch knapp drüber, aber sind damit in der Europäischen Union wirklich fast klassenbester. Könnte man jetzt schon sagen, wir gehen an die Schuldenbremse ran? Und was ist das konkret, was Sie meinen?

Sprecher 4: Nehmen wir an, wir würden jetzt unter die 60 Prozent rutschen, dann könnte man sich eine höhere Defizitquote vorstellen, die uns dann quasi wieder ein Stück weit vielleicht schneller aufrücken ließe Richtung 60 Prozent, aber eben auch mehr Ausgabenspielräume geben würde, als das, was bislang möglich ist im Rahmen der Schuldenbremse. Wir würden uns bei der Regelung eher an den Regelungen der Europäischen Union orientieren, als die, die bislang in der deutschen Schuldenbremse vorgesehen sind. Also kleinere Aufbauspielräume zusätzlich im Vergleich zur bisherigen Regelung, das wäre das Modell, was sich die Bundesbank vorstellen könnte.

Sprecher 2: Also man würde dann konkret an die 0,35% Klausel rangehen in diesen Phasen, wo wir unter 60% liegen, richtig?

Sprecher 4: Richtig, man würde an die 0,35% Klausel rangehen, das ist vollkommen richtig.

Sprecher 2: Für spezielle definierte Investitionen, die eben keine konsumtiven sind. Und wer definiert das dann?

Sprecher 4: Also das ist sicherlich am Ende eine politische Entscheidung. Aber wenn man will, kann man das auch entscheiden. Man kann jetzt schon reinschauen in die volkswirtschaftliche Gesamtrechnung. Da ist separiert, was als Investition zu klassifizieren ist und was als Konsum auszuweisen ist. Also die Unterscheidung gibt es ja heute schon. Also da müsste die Politik auch gar nicht selbst, jetzt sage ich jetzt mal, innovativ werden. Aber es bleibt dabei, es ist eine politische Entscheidung, wie man hier vorgehen möchte. Aber nochmal, Investitionen sind wichtig, gerade bei den Zukunftsaufgaben, die Sie beschrieben haben, Transformation der deutschen Wirtschaft. Wir wollen von fossilen Brennstoffen unabhängiger werden. Das macht uns auch zukunftsfähiger, macht auch den Wirtschaftsstandort Deutschland wettbewerbsfähiger, gibt uns auch bei den großen Themen wie Energie mehr Zuverlässigkeit. Deswegen Investitionen, ohne die wird es nicht gehen.

Sprecher 2: Wenn Sie ins Jahr 2025 schauen, Bundestagswahlen, kann es sein, dass wir dann ein Comeback der Wirtschaft erleben und auch wieder einen echten Aufschwung, den man Aufschwung nennen kann?

Sprecher 4: Ich meine, als Notenbank schaue ich nicht auf Wahltabine. Es geht mir darum, den Wirtschaftsstandort wettbewerbsfähiger zu machen. Das macht mir auch meinen Job dann in der Geldpolitik einfacher, wenn Wirtschaftswachstum zurückkommt, wenn auch Verteilungsspielräume wieder entstehen. Es ist für mich wichtig, dass Europa insgesamt resilienter wird. Wir müssen eine starke Wirtschaftsregion bleiben. Der Wettbewerb ist groß, was die Wirtschaftsregion angeht. Da wird es auch darum gehen, dass man manche Themen adressiert, die vielleicht nicht so ganz angenehm für uns alle sind. Wir müssen vielleicht mehr arbeiten, wir müssen vielleicht auch länger arbeiten, aber wir müssen auch die Innovationskraft der Wirtschaft wieder beleben. Und darum geht es mir. Da schaue ich nicht auf Wahltermine.

Sprecher 2: Jetzt hat der Bundesarbeitsminister gerade gesagt, mit dem Rentenpaket 2 ist die Debatte um eine längere Lebensarbeitszeit auch beendet. Und da kommt der Bundesbankpräsident und sagt, wir müssen mehr arbeiten und vielleicht länger arbeiten.

Sprecher 4: Das ist ein Thema, was die Bundesbank schon seit einiger Zeit immer wieder adressiert. Ich weiß, das ist ein Thema, was schmerzt und was wir alle nicht so sehr mögen. Aber ich muss da als Ökonom drauf schauen. Wir haben hier ein unabhängiges Mandat, wo es darum geht, unsere Expertise einzubringen. Und wir kommen eben als Bundesbank zum Schluss, dass eine längere Lebensarbeitszeit uns helfen würde bei der Überwindung des einen oder anderen strukturellen Themas.

Sprecher 2: Und Sie würden eine Koppelung der Lebensarbeitszeit vielleicht an den Rentenbezug auch für sinnvoll erachten, damit man wegkommt von diesen starren Diskussionen über den Renteneintrittsalter?

Sprecher 4: Könnte durchaus ein Lösungsweg sein, um vielleicht das Thema auch für uns oder für einige verdaubarer zu machen.

Sprecher 2: Herr Nagel, ich bedanke mich für Ihren optimistischen Ausblick, nicht nur auf die Preissituation in diesem Land, sondern auch auf unsere Ökonomie. Vielen Dank und schöne Grüße nach Frankfurt. Ich danke Ihnen fürs Gespräch. Das Urlaubsland Nummer 1 von uns Deutschen. Es will die grüne Avantgarde auf diesem Kontinent werden. Wie das? Naja, unter dem Motto, Spanien braucht eine grüne Revolution, sollen zukünftig Flüge gestrichen werden, deren Strecke sich mit einem Zug unter zweieinhalb Stunden erreichen lässt. Laut einer Studie der Plattform Ecologistas en Acción reichten bereits elf abgeschaffte Flugroten aus, Achtung, um die Emissionen von Inlandsflügen auf dem spanischen Festland zwischen 30 und 40 Prozent zu kürzen. Also, so sollen zum Beispiel die Strecke Alicante-Madrid, immerhin rund 300.000 Passagiere pro Jahr, oder Valencia-Madrid, rund 340.000 Passagiere pro Jahr, oder Barcelona-Madrid, man glaubt es kaum, 2,5 Millionen Passagiere pro Jahr gestrichen werden und durch Züge ersetzt werden. Alleine zwischen Barcelona und Madrid werden so jährlich rund 15.000 Flüge eingespart. Wenn das mal keine ökologische Zeitenwende ist. Aber keine Sorge, liebe Urlauber, Ihr Lieblingsflug nach Mallorca, der steht natürlich nicht auf der Streichliste. Der Sommerurlaub ist also nicht in Gefahr. In diesem Sinne wünsche ich Ihnen einen entspannten, vor allem sonnigen Tag. Ich hoffe, ich höre Sie am Montag an dieser Stelle wieder. Dann sind Helene und ich auch wieder ganz brav zurück im Podcaststudio in Berlin. Bis dahin, Ihr Michael Bröker.