Woher kommt der Hass auf die Grünen, Herr Özdemir?
Dauer: 23:32

Woher kommt der Hass auf die Grünen, Herr Özdemir?


Der Politische Aschermittwoch wird für die Grünen in Biberach zu bitterem Ernst: Sie müssen ihre Veranstaltung ausfallen lassen, nachdem es vor der Stadthalle in der schwäbischen Stadt massive Proteste gibt. Neben Bauern versammeln sich dort weitere Menschen, um nicht nur lautstark, sondern auch gewalttätig gegen die Grünen zu protestieren. Helene Bubrowski spricht mit Cem Özdemir über die Ereignisse, die dieser vor Ort hautnah selbst miterlebt hat. Mit ihm diskutiert sie, woher der Hass auf die Grünen rührt und wieso der demokratische Dialog aktuell nicht gelingt.


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Transkript

Sprecher 1: Table Today mit Michael Bröker und Helene Bubrowski.

Sprecher 2: Herzlich willkommen zu Table Today, dem Podcast für mehr Dynamik in Ihrem Alltag. Wir wollen darüber sprechen, was wichtig ist und was noch wichtig wird. Und worum geht es heute? Eigentlich eine Sache, die doch längst beschlossen war, die Bezahlkarte für Asylbewerber in Deutschland, damit nicht, so ist jedenfalls das Vorurteil, die Hälfte des Geldes in die Heimatländer geschickt wird. Und wir wollen uns heute darüber unterhalten, was ist eigentlich dran an diesem Vorurteil und warum geht es mit der Bezahlkarte, obwohl sie doch längst beschlossen wurde, nicht voran. Am Tisch von Table Today sitzt heute Cem Özdemir und wir blicken zurück auf den politischen Aschermittwoch, wo in Biberach tatsächlich eine grünen Veranstaltung abgesagt werden musste, wo an einem extra gepanzerten BKA-Fahrzeug des Bundeslandwirtschaftsministers die Scheibe eingeschlagen wurde und es wirklich zu gefährlichen Szenen kam. Darüber wollen wir reden und zum Nachtisch haben wir noch einen kleinen Trost für alle, die schlecht in Mathe in der Schule waren. Und jetzt begrüße ich einen, der ganz bestimmt auch in der Schule schon ein schneller Kopf und großartiger Rechner war. Hallo Michael Bröker.

Sprecher 3: Schwierige Themen, gute Laune, mein Leben mit Helene Bubrowski. Schönen guten Tag.

Sprecher 2: Hallo, warst du denn gut in Mathe überhaupt?

Sprecher 3: Du, ganz ehrlich, es geht so. Es geht so und ich musste mit meinem Vater, der ein promovierter Physiker ist, Mathe lernen. Es waren die schlimmsten. Stunden meines Lebens. Tut mir leid, Werner. Papa, sage ich zu ihm. Das war nicht schön.

Sprecher 2: Das stimmt. Andererseits, Michael, habe ich neulich gehört im Podcast über das Leben von Jürgen Klopp, der auch von seinem Vater wahnsinnig getriezt wurde. Und das Ganze hat dann doch irgendwie Früchte getragen, kann man sagen. Also ein Lob auf die Väter, die ihre Kinder... Trieren. Aber ja, ich teile dieses Schicksal insofern, dass ich eigentlich immer gut in Mathe war. Aber ich hatte dann Mathe-Grundkurs im Abitur irgendwie. Und dann sagte dieser Mathelehrer zu mir, ja, also ich kann Ihnen nur oder dir nur empfehlen, studiere nicht Mathe, weil du bist zwar gut, aber so gut bist du jetzt auch wieder nicht. Und ich habe gedacht, ich bin nicht im Leben auf die Idee gekommen, Mathe zu studieren. Aber danke für diesen Downer. Wir wollen nicht mit einem Downer in diesen Tag starten, sondern mit einem interessanten Thema. Im November hat der Bundeskanzler mit den Ministerpräsidenten zusammengesessen. Es ging um das Thema Migration. Das große Paket sollte geschnürt werden und in diesem Paket enthalten die Bezahlkarte, wo der Bund nur einen Rahmen machen kann, die Länder müssen es umsetzen. Jetzt passiert erstmal nichts. Wie oft kann man eigentlich etwas versprechen, ohne es zu halten?

Sprecher 3: Ja, ich verstehe es wirklich nicht, Helene, weil dieses Thema ist wirklich seit Jahren besprochen worden von diversen Migrationsforschern. Und natürlich gibt es sehr viele gute Argumente, ein einheitliches, flächendeckendes System von Bezahlkarten für Asylbewerber einzuführen. Deswegen nimmt man ihnen ja nicht komplett das Geld weg. Aber es macht sehr viel Sinn aus unterschiedlichen Gründen. Und was machen Bund und Länder? Streiten darüber, jetzt wollen es die Grünen doch wieder nicht. Soll es eine bundeseinheitliche Regelung geben oder nicht? Ich verstehe es wirklich nicht.

Sprecher 2: Also die Bundestagsfraktion der Grünen stellt sich jetzt quer. Es sind wahrscheinlich nicht die einzigen, aber das sind die, die sich jetzt zu Wort gemeldet haben. Und sie argumentieren nicht in der Sache, sondern sie sagen, es ist eigentlich gar nicht notwendig. Man kann vermuten, dass dahinter auch allgemeine Bedenken natürlich stehen, ja, einer Diskriminierung und ähnliches. Aber das formale Argument ist, es geht doch auch schon jetzt. Geht es auch schon jetzt? Wir haben ins Gesetz geschaut und da steht drin, bei einer Unterbringung außerhalb von Aufnahmeeinrichtungen, damit haben wir es hier zu tun, soll die Deckung des notwendigen Bedarfs an sich, durch Geldleistungen erfolgen und dann steht, anstelle von Geldleistungen können, soweit es nach den Umständen erforderlich ist, zur Deckung des notwendigen Bedarfs Leistungen in Form von unbaren Abrechnungen von Wertgutscheinen und von Sachleistungen gewährt werden. Also Regel ist Geldleistung, Ausnahme ist Sachleistung oder Wertgutschein und Wertgutschein ist natürlich in unserer modernen Welt die Bezahlkarte, mit der eben bezahlt werden kann, von der aber so die Idee eigentlich kein Geld abgehoben werden kann. Das heißt, es geht schon, aber der Regelfall ist ein anderer.

Sprecher 3: Aber es ist eben kein Verhältnis genannt. Also ob du jetzt 70-30 machst oder 80-20, steht so nicht im Gesetz. Verstehe ich das richtig, Frau Juristin?

Sprecher 2: Das steht nicht im Gesetz. Es steht drin, was ist der Regelfall, was ist der Ausnahmefall. Am Ende können es die Kommunen selber entscheiden.

Sprecher 3: Und das tun sie ja. Es gibt Landräte, die gehen einfach voran. Zum Beispiel die Frau Schweinsberg im thüringischen Greiz. Und sie hat eine Bezahlkarte gemacht, wie ich sie mir bundesweit wünsche. Nämlich natürlich nicht eine, mit der man Geld abheben kann, um dann das Geld dann doch in die Heimatländer zu schicken, sondern eben mit der man bestimmte Sachleistungen bezahlen kann. Und sie hat trotzdem 200 Euro im Monat, glaube ich, an Taschengeld ausgegeben für die Asylbewerber. Also insofern eigentlich ein Modell, es funktioniert. Denn es gibt Familien, die deswegen plötzlich nicht mehr in diesem Landkreis Flüchtlinge sein wollten und sogar zurückgegangen sind in den Balkan, wo sie herkommen, sagt diese Landrätin, weil sie plötzlich das Gefühl hat, ach so, jetzt so attraktiv ist das für mich doch nicht mehr. Also natürlich gibt es den Missbrauch, es gibt Überweisungen in die Heimatländer. Das kann ich nicht. das Ziel der ganzen Operation sein. Also sagen Migrationsforscher, nicht rechte konservative Idioten, sondern Experten, das sollte man mal bundesweit prüfen. Weil wenn ein Land etwas anders macht als das andere, ist es ja auch Quatsch.

Sprecher 2: Das Stichwort ist Pull-Faktor, von dem ja manche Parteien, dazu gehören auch Teile der Grünen, bestreiten, dass es das überhaupt gibt. Und sicherlich ist es in der Einfachheit nicht, dass sich Menschen auf den Weg machen, weil sie wissen, Deutschland hat das Geldleistungsprinzip und nicht das Sachleistungsprinzip. So funktioniert es nicht, aber mindestens mal für die Sekundärmigration innerhalb der EU. Also man kommt in Griechenland an und sagt, naja, was gibt es eigentlich hier an Leistung? Oh, in Deutschland gibt es ja Kindergeld, dies, das, das. Und es gibt auch noch das Geldleistungsprinzip, das heißt, ich kriege einen ordentlichen Betrag ausgezahlt. Führt dazu und auch nachweislich dazu, dass Menschen weiterziehen. Dann wurde ja kurz diskutiert, ob man auf Sachleistungsprinzip umstellt, was aber für die Kommunen natürlich einen unfassbaren Aufwand bedeutet, dass sie die Bananen, die Seifenstücke und was man auch sonst zum Leben braucht, vorhalten und ausgeben, funktioniert nicht, allein schon aufgrund der vollständig überforderten und auch personell nicht genug ausgestatteten Behörden.

Sprecher 3: Ja, Helene, ich teile alles, was du gerade gesagt hast. Und ich finde in diesen Debatten, Bund, Länder, Politiker, Abgeordnete, wir reden so oft über diejenigen hinweg, die das eigentlich doch vor Ort entscheiden. Rede doch mit den Landräten, am liebsten nur mit den Grünen. Die Grünen-Bundestagsabgeordneten sollen mal bitte nur mit ihren grünen Landräten reden. Alle fordern es, alle sagen, natürlich ist es ein Teil der Motivation, alleine auch innerhalb. Deutschlands von dem einen Bundesland in das nächste zu reisen, um dort den Asylbewerberleistungsstatus zu erfragen. Also ja, es gibt den Pull-Faktor. Wir brauchen eine einheitliche Regelung. Es ist nicht der entscheidende für Flucht, aber es ist ein wichtiger.

Sprecher 2: Richtig. Und was man bei der ganzen Sache eben auch nicht vergessen darf, ist, dass Migrationspolitik zu einem großen Teil Kommunikationspolitik ist. Und das ist übrigens auch der Vorwurf, den man rückblickend Angela Merkel machen kann in meinen Augen. Sie hat nicht aus meiner Sicht damals falsche Entscheidungen getroffen, indem sie die Flüchtlinge in dieser humanitären Ausnahmesituation vom Budapester Bahnhof hat weiterziehen lassen, sondern sie hat es nicht richtig kommuniziert. Sie hat nicht gesagt, das war ein Ausnahmefall. Und das zieht sich durch und das hat sie dann natürlich irgendwann auch anders intoniert und anders sicherlich auch gesehen.

Sprecher 3: Und Helene Bubrowski wäre nicht, Helene Bubrowski, wenn Sie nicht unseren Tischgesprächspartner Cem Özdemir auch die Frage gestellt hätte, wie er denn zu dieser Bezahlkarte steht, hier ist seine Antwort.

Sprecher 4: Ich halte das für ein lösbares Problem, nicht für ein unlösbares Problem. Im Ziel sind wir uns doch alle einig, es braucht eine Lösung. Ich denke, wenn die beteiligten Politikerinnen und Politiker sich jetzt einfach zusammensetzen und nicht so sehr öffentlich übereinander diskutieren, sondern miteinander sprechen, das Ganze nicht öffentlich, dann kriegt man hoffentlich bald eine Lösung, die auch einen Beitrag dazu leistet, da die öffentliche Aufgeregtheit zu beruhigen.

Sprecher 2: Ja, Michael, in dem großen Thema Migrationspolitik ist die Bezahlkarte nur ein kleiner Bestandteil. Und umso mehr fragt man sich, warum räumt man denn dieses Thema nicht ab und kommuniziert an die überlasteten Kommunen. Wir haben verstanden, wir helfen. Wir helfen euch in diesem Fall und schaffen einen einheitlichen Rahmen. Ich verstehe es nicht, du verstehst es auch nicht. Wir verstehen uns. Das war ein äußerst unlustiger politischer Aschermittwoch für die Grünen in der vergangenen Woche. Ihre Veranstaltung im schwäbischen Biberach musste abgesagt werden, weil sich vor der Stadthalle Bauern und andere wütende Menschen versammelt hatten. Mit denen es dann Zusammenstöße mit der Polizei gab, Gerangel, Schlagstöcke und Pfefferspray. Hautnah hat das erlebt auch Cem Özdemir. Der Bundeslandwirtschaftsminister wollte in Biberach an der Veranstaltung der Grünen teilnehmen. Daraus wurde dann aber nichts. Stattdessen wurde sogar eines der Begleitfahrzeuge von Özdemir beschädigt. Es sind besonders die Grünen, die den Ampelunmut aus der Bevölkerung, speziell auch von den Bauern, auf sich ziehen. Und darüber möchte ich jetzt mit Cem Özdemir sprechen. Er ist uns zugeschaltet. Einen schönen guten Tag, Herr Özdemir. Hallo, Frau Bubrowski. Erzählen Sie doch mal, was Sie in Biberach wahrgenommen haben. Sie haben ja dann doch sprechen können auf dem Festplatz Giegelberg. Aber vielleicht sprechen wir erstmal über die Situation vor der Festhalle, wo ja die BKA-Fahrzeuge schon standen, die, wenn ich das richtig verstanden habe, besonders gepanzerten, aber nicht durchgekommen sind, weil sie von der wütenden Menschenmenge blockiert waren. Man dachte, dass sie in einem dieser Fahrzeuge drin saß. Und das war ja, hätten sie da drin gesessen, auch eine akute Lebensgefahr für sie gewesen. Wie fühlt sich das an?

Sprecher 4: Ja, erstmal finde ich, ist es eine Gefahr für die Polizeibeamten. Schauen Sie, die Polizeibeamten inklusive des Bundeskriminalamts, die machen das ja nicht für mich oder für einen anderen. Und ich finde, das ist einfach ein Grundkonsens unter Demokraten, eigentlich unter zivilisierten Menschen, dass man Repräsentanten des Staates, in dem Fall auch unsere Polizei, nicht angreift und ihren Hinweisen Folge leistet. Und dass in dieser Aggression Leute auf Polizeibeamte losgehen, das muss schon jeden Bürger dieses Landes erschrecken. Und da wäre auch meine Bitte an die demokratischen Kolleginnen und Kollegen, heute trifft es vielleicht Grüne mehr, morgen trifft es Schwarze mehr. Und von daher ist es, glaube ich, gut, wenn wir da alle uns ein bisschen wieder daran erinnern, dass es am Ende zulasten der gesamten Demokratie geht. Das wäre schon mal ein großer Schritt nach vorne.

Sprecher 2: Ja, haben Sie, weil Sie es jetzt ansprechen, den Appell an die Kolleginnen und Kollegen der anderen Parteien, teilweise gab es ja Solidaritätsbekundungen, haben Sie die vermisst aus den Reihen der CDU? Nicht so sehr der baden-württembergischen als der Bundes-CDU?

Sprecher 4: Jetzt bin ich selber schon dabei, dass ich das mache, was ich immer kritisiere, dass ich über die Defizite vor allem spreche und nicht über das Gute. Das Gute ist ja... Frau Strack-Zimmermann beispielsweise, die da während ihrer Rede ein bisschen ungenau formuliert hat und als sie dann genau mitgekriegt hatte, was los war, hat es ja ganz schnell korrigiert. Dafür herzlichen Dank. Aber auch Ami Laschet, der ehemalige Ministerpräsident von Nordrhein-Westfalen und ehemaliger Kanzlerkandidat der Union, hat sich ja sehr klar dazu geäußert. Andere haben es auch gemacht.

Sprecher 2: Friedrich Merz, hätten Sie sich da ein klareres Bekenntnis gewünscht?

Sprecher 4: Ja, manche haben es eben nicht gemacht und andere haben sogar das Gegenteil gemacht, gewaltrelativiert. Und das geht gar nicht. Ich denke da beispielsweise an den Landwirtschaftsminister von Baden-Württemberg, Herr Haug. Der da irgendwie sagt, ja, aber die Grünen müssen auch Verständnis haben. Ich muss kein Verständnis dafür haben, dass Polizisten bedroht werden. Ich muss kein Verständnis dafür haben, dass gewaltbereite Menschen unter dem Vorwand, dass es ihnen um Bauernproteste ging, die schleichen sich da ein. Ich habe ja mit den Bauern geredet. Ich war ja bei der Bauernkundgebung, habe dort geredet. Da ging es etwas lauter her. Das gehört dazu. Das muss man aushalten.

Sprecher 5: Das regt mich wirklich auf. Das regt mich wirklich auf. Aber er ist wirklich...

Sprecher 4: Die wollen das Gespräch zerstören, verhindern, indem sie Gewalt ausüben. Das muss einfach jeder wissen. Und da kann es doch keine zwei Meinungen drüber geben, dass man Gewalt in irgendeiner Weise relativiert. Das würde ich mir schon auch wünschen, dass das auch alle Kollegen in der Union in dieser Klarheit formulieren können. Das gilt natürlich auch in die eigenen Reihen. Ich sage das auch sehr klar. Auch Gewalt gegen AfDler ist nicht in Ordnung. Und auch die müssen, solange es diese Partei legal gibt, in der Lage sein, ihrer Arbeit nachzugehen, ohne dass es da irgendwie Büros beschädigt werden oder was auch immer. Diese Spielregeln müssen wir wieder einhalten und Demokraten müssen sie ganz besonders genau einhalten, weil wir doch die Guten sind. Wir sind doch diejenigen, die den Rechtsstaat verteidigen. Wir sind doch diejenigen, die an die Demokratie glauben. Dann darf man auch nicht klammheimlich so durchschimmern lassen, jetzt trifft es halt die Grünen, ist doch gut.

Sprecher 2: Ja, in der Tat, man darf sich nicht auf Grundrechte berufen, um die Grundrechte anderer Menschen außer Kraft zu setzen und die Debatte zu verunmöglichen. Schauen wir nochmal einmal auf die Situation vor der Stadthalle, die so angespannt zugespitzt war, wo es auch in der Tat zu Angriffen auf Polizisten kam. sich dieser Masse an Menschen kaum erwehren konnte. Was ist Ihre Analyse im Nachgang? Was haben Sie schon gehört? Was waren das für Leute, die ja immer gemeinhin als Bauern, als protestierende Bauern beschrieben wurden, aber ja offensichtlich handelte es sich zu einem nur kleinen Teil um Bauern, oder?

Sprecher 4: Also ich bin ja nicht aus Biberach, ich komme ursprünglich aus Urach, das ist nicht Oberschwaben. Also was macht man? Man fragt die Leute vor Ort, die sich auskennen. Den Landrat, den Oberbürgermeister, die Landwirte von vor Ort. Und ich habe die einfach alle gefragt und gesagt, kennt ihr die? Und die haben gesagt, nein, die kennen wir gar nicht. Die sind gar nicht aus Biberach zuteil. Und das Zweite, sind das alles Bauern? Und ich habe gesagt, nein, das sind gewiss nicht alles Bauern. Wir haben mit denen geschwätzt, wir haben die gefragt. Da waren alle möglichen Leute dabei, die jetzt eben versuchen zu profitieren von dieser Lage, die es da gibt. Das ist Klärdenker-Szene, das ist Reichsbürger-Szene, das sind auch Leute von weit her. Es gab österreichische Kennzeichen. Schauen Sie, diese Plakate, die sind ja nicht mit der Offset-Maschine nachts von irgendwelchen Landwirten gedruckt worden, die da in ganz Biberach hingen. Die kennt man auch schon von anderen Ereignissen dieser Art. Da stellt sich auch die Frage, wer zahlt das? Wer baut das alles da auf? Das scheint schon sehr orchestriert gewesen zu sein aus einer ganz besonderen politischen Szene.

Sprecher 2: Sie haben die Plakate angesprochen, die in Biberach hingen. Da war zum Beispiel ein Vergleich, die Grünen. Grün wurden mit Unkraut verglichen, gegen die man Vernichtungsmittel einsetzen müsse und solche Dinge. Also zutiefst menschenverachtend. Warum, was ist Ihre Analyse, woher kommt dieser Hass, der sich speziell auf Grüne ausschüttet?

Sprecher 4: Da wird uns, glaube ich, auch eine Rolle zugewiesen, die wir so gar nicht haben, nämlich, dass wir angeblich hegemonial wären, was die gesellschaftlichen Debatten angeht etc. Das ist ja nicht so. Also so stark sind wir ja nun nicht. Also die gleichen Leute, die sagen, die Grünen sind nicht die Mehrheit in der Bevölkerung, weisen uns auf der anderen Seite eine gesellschaftliche Stärke zu, über die wir gar nicht verfügen. Also das ist ja auch ein bisschen irre, was da manche von sich geben. Es ist auch keineswegs so, dass die anderen Parteien jetzt alle irgendwie vom grünen Virus infiziert werden, wie jetzt in diesem AfD-nahen Milieu unterstellt wird. Das kann man ja nun, glaube ich, tagtäglich sehen. In der Ampelkoalition sieht man, dass das keineswegs so ist. Aber auch der Streit innerhalb der Union, ob man jetzt mit den Grünen arbeitet oder nicht arbeitet, ist ja auch ein berätes Beispiel dafür, dass das alles wahnhafte Vorstellungen sind, die mit der Realität doch nur sehr wenig zu tun haben.

Sprecher 2: Man hat aber auch gesehen bei ihrer Rede auf dem Festplatz Giegelberg in Biberach, wie schwer es war durchzukommen gegen das Pfeifkonzert, wie groß die Wut ist. Ist das für Sie noch demokratische Streitkultur, diese Art, den Redner zu übertönen? Wie viel muss man eigentlich... sich aushalten als Bundesminister.

Sprecher 4: Eine Saukuttel ist nicht schlecht. Oder was ich früher Handballtorwart war und da eine gewisse Abhärtung gekriegt habe, startet jetzt nicht. Und auch meine sozialpädagogischen Fähigkeiten. Ich bin ja gelernter Sozialpädagoge. Ich habe mich immer mal wieder gefragt, hast du das eigentlich umsonst, also für die Katz auf gut Deutsch studiert? Mittlerweile weiß ich, dem ist nicht so, sondern Agrarpolitik hat auch viel mit Agrardiplomatie zu tun, im In- wie im Ausland. Da geht es auch darum zuzuhören, Brücken zu bauen, zu gucken, dass auch der ein oder andere vielleicht aus einem Baum, auf den er ganz nach oben gestiegen ist, wieder einen Weg runterfindet unter Gesichtswahrung. Das alles ist ja auch Teil der Jobbeschreibung und Teil der Jobbeschreibung ist halt auch, dass es manchmal etwas robuster geht. Aber wer Fragen stellt, muss ja dem, an den er die Frage gerichtet hat, auch die Möglichkeit hat zu antworten. Die Antwort muss einem dann nicht zwingend gefallen, aber so viel gehört ja auch dazu und die meisten wollen das auch. Das ist ja ein Irrtum. Schauen Sie, ich hatte ja bei einiger Zeit... Im Bayerischen Landtagswahlkampf auch eine Veranstaltung in einem Festzelt im Chiemgau. Da waren über 2000 Leute und viele außerhalb des Zeltes, die nicht reinkamen. Die wollten zuhören. Und es genügen 150 Leute, um so eine Veranstaltung zu sprengen. Wenn die mit Trillerpfeifen drin sind, vorher vereinbart haben, sie hören auf keinen Fall zu, egal was der Mann da vorne sagt, egal wie sehr er auf sie eingeht, sie wollen nicht zuhören, sie halten sich die Ohren zu. Weifen einfach. Dann reicht auch eine kleine radikale Minderheit, um die Mehrheit am Austausch zu hindern. Und ich glaube, wir sind jetzt an dem Punkt, wo die Mehrheit ihre Stimme erheben muss. Die Mehrheit der Bauern und Bäuerinnen wollen berechtigte Anliegen, haben Anliegen, die zutiefst verständlich sind.

Sprecher 2: Eine letzte Frage an Sie und zwar, da sprechen wir jetzt über den Diskurs insgesamt und den Blick auf die Grünen, den viele Menschen im Land haben, nämlich, dass die Grünen übergriffig sein, bevormundend sein und so weiter. Sehen Sie darin auch einen Auftrag an die eigene Partei, manche Dinge anders zu kommunizieren, anders zu intonieren? Es gibt ja hin und wieder eben doch auch, würde ich sagen, die Tendenz in Ihrer Partei, genau dieses Klischee, das besteht, zu bedienen. Wie sehen Sie das?

Sprecher 4: Schwierige Frage. Also zwei Sachen fallen mir dazu ein. Zum einen, glaube ich, muss man nochmal insgesamt über das Verhältnis Staat, Markt, Bürgergesellschaft reden, wie man das justiert. Also was ist die Aufgabe des Staates, was ist die Aufgabe des Marktes und wo braucht man vielleicht auch die Verantwortung der Bürgerinnen und Bürger stärker. Da, glaube ich, ist schon ein bisschen was verrutschen. Das Zweite ist das Thema, für das ich ja auch mit zuständig bin, das sind die ländlichen Räume. Der Gegensatz zwischen Stadt und Land gilt in den USA ja schon lange als eine der wesentlichen Bruchlinien des demokratischen Systems dort. Nicht erst seit Trump, das hat schon früher angefangen. Trump hat das jetzt auf die Spitze getrieben. Und mir scheint, dass das auch bei uns stärker zum Tragen kommt. Der Unterschied ist bei der Frage, wie das Geld verdient wird. Während die Wirtschaft auf dem Land zum Teil industriell geprägt ist, haben wir in den Städten wissensbasierte Dienstleistungen. Und das, was wir Grüne zum Beispiel immer erzählen mit Transformationsprozesse, das ist ein Begriff, der in der Stadt als Verheißung daherkommt, aber auf dem Lande nicht. Auf dem Lande kommt es oft als Bedrohung, als etwas rüber, was den Menschen Angst macht. Und ich glaube, dass wir diese Spezifika des ländlichen Raumes, nicht nur als Grüne, insgesamt diejenigen, die ein Interesse daran haben, dass wir die Herausforderungen des Klimaschutzes bestehen, dass wir das Land zusammenhalten in der Mitte. Da müssen wir bessere Wege finden, wie wir einerseits die Gegensätze versuchen aufzulösen, nicht unbedingt zuschütten, wie wir auch eine bessere Repräsentanz der ländlichen Themen bei uns brauchen, insgesamt in der Politik. Ich glaube gar nicht, dass es nur eine grüne Baustelle ist. Das ist insgesamt eine Baustelle der Republik. Und die Grünen sind wahrscheinlich so ein bisschen gerade der Transformationsriemen, der es gerade besonders abkriegt, manchmal auch vielleicht einlädt dazu. Aber auch die demokratischen Parteien der Konkurrenz sind gut beraten, sich das gut anzuschauen, was da gerade passiert und mit uns gemeinsam Gehirnschmalz reinzustecken.

Sprecher 2: Ja, vielen Dank für die klaren Worte, wo ich auch ein bisschen Selbstkritik zwischen den Zeilen jedenfalls durch... durchgehört habt. Vielen Dank, dass Sie zu diesem Gespräch bereit waren. Herr Özdemir, alles Gute. Sehr gern. Und zum Nachtisch haben wir noch etwas für Mathe-Muffel. Susanne Prediger ist Professorin für Mathe-Didaktik. So was gibt es auch. Und sie hat ein Programm entwickelt, das heißt QuaMat, ein Lehrer-Fortbildungsprogramm, das Kinder motivieren soll, mehr Mathe zu machen, besser in Mathe zu werden. Darüber haben unsere Kolleginnen und Kollegen des Bildungstable berichtet, den wir Ihnen ans Herz legen, nicht nur, wenn Sie in Mathe schlecht waren. In diesem Quarmat haben Experten definiert, was guten Matheunterricht ausmacht. Und ein Beispiel kann ich Ihnen nennen, das Orientieren an den Lernständen der einzelnen Schülerinnen und Schüler und sie dort abholen, wo sie stehen. Das heißt nicht Frontalunterricht für alle das Gleiche, sondern individuell nach den Stärken und Schwächen. Und das ist völlig egal, ob es da um Algebra in Klasse 10 oder Geometrie in Klasse 2 geht. Tatsächlich ist die Grundlage, dass Lehrerinnen und Lehrer gesagt haben, dass sie darunter leiden, dass sie zwar ständig... Fortbildung machen, aber in jeder Fortbildung etwas anderes gepredigt wird. Und so hat Frau Prediger so tatsächlich ihr Name eine Idee gehabt, wie es gehen soll. Und in den kommenden zehn Jahren soll das Projekt 10.000 Schulen erreichen. Wir wünschen dabei viel Erfolg, weil man, selbst wenn Mathe nicht das Lieblingsfach in der Schule war, einem diese ganzen Fragen mindestens mal vom Dreisatz doch ständig begegnen. Und sei es bei der Berechnung des Taschengelds der Kinder. Und hiermit verabschiede ich mich von Ihnen, wünsche einen schönen Dienstag. Ich freue mich, wenn Sie morgen wieder dabei sind. Wenn Sie in der Zwischenzeit etwas loswerden wollen, schreiben Sie uns an chefredaktion at table.media. Und ansonsten alles Gute. Lassen Sie sich nicht ärgern, Ihre Helene Bobrowski.

Sprecher 1: Table Today mit Michael Bröker und Helene Bubrowski.