Was braucht die Ukraine jetzt, Frau Beck?
Marieluise Beck ist Senior Fellow am Zentrum Liberale Moderne. Sie berichtet von ihrem Besuch in der Ukraine, von dem sie kürzlich zurückgekehrt ist. Sie macht im Table Today-Gespräch klar, dass Deutschland und die anderen Alliierten mitverantwortlich sind für den kaum messbaren Erfolg der ukrainischen Offensive im vergangenen Jahr. Wladimir Putin, davon ist Marieluise Beck überzeugt, will nicht nur die Ukraine annektieren. Er will weite Teile Osteuropas unter seine Kontrolle bringen.
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Transkript
Sprecher 1: Table Today mit Michael Bröker und Helene Bubrowski.
Sprecher 2: Herzlich willkommen zu Table Today, Ihrem Podcast für den guten Diskurs und den neuen Gedanken. Heute ist Donnerstag, der 8. Februar. Mein Name ist Helene Bubrowski und mir gegenüber am runden Tisch des Podcast-Studios sitzt Michael Bröker. Hallo Michael.
Sprecher 3: Hallo, guten Tag, liebe Helene. Schön, dass du wieder da bist.
Sprecher 2: Finde ich auch. Ich bin zurückgekommen aus der wunderschönen Stadt Augsburg. Und heute haben wir an unserem Tisch gleich sitzen Marie-Luise Beck, langjährige Grünen-Politikerin und jetzt Senior Fellow am Zentrum Liberale Moderne. Und wir sprechen über die Ukraine, aus der sie gerade zurückgekehrt ist. Eine gute Nachricht gibt es für alle Freundinnen und Freunde der Berliner Philharmonie. Und jetzt geht es, Michael, um das kleine Karo der Koalitionsarithmetik. Friedrich Merz erlebt es nicht zum ersten Mal, dass Sätze, die er schreibt und bei denen er sich angeblich oder tatsächlich gar nicht so viel denkt, eine Riesenwelle machen. Am Wochenende schrieb er in einer E-Mail an seine Anhänger und Unterstützer über die nächste Koalition, die also, wir rechnen, sich in anderthalb Jahren irgendwann formieren wird, vielleicht sind es auch noch zwei Jahre. Und er sagte, Lieblingspartner ist, es wundert uns nicht, die FDP, aber auch mit SPD und Grünen wolle er das Koalieren nicht gänzlich ausschließen. In der CDU ist seitdem und auch in der CSU vor allem die Hölle los, weil man ihm unterstellt, die Partei, die er doch gerade eben noch als Hauptgegner ausgemacht hat, nun zu hofieren. Mein lieber Kollege, der sein Ohr am Puls der CDU hat, was ist da los?
Sprecher 4: Ja, Helene, eigentlich hat Friedrich Merz doch nur eine Binse in seiner Merz-Mail Nummer 187 formuliert, nämlich gelingt es nicht, eine Mehrheit, und ich zitiere, von CDU, CSU und FDP zu erreichen, bleiben SPD und Grüne. Keine besonders verlockende Aussicht, schreibt er, aber eine regierungsfähige Mehrheit muss es geben. Ja, so what? Er schließt die Koalition mit der AfD aus, eine Koalition mit der Linken oder der Wagenknecht-Partei ist auch ausgeschlossen, laut Beschluss der CDU. Also natürlich bleiben die demokratischen Parteien der Mitte. Und hätte nicht Friedrich Merz selbst vor einem Jahr diesen aus meiner Sicht schwierigen... Satz mit dem Hauptgegner gesagt, gäbe es jetzt keine Diskussion. Die CSU ist auf dem Baum, die hat gute Erfahrungen damit gemacht, eine Koalition mit den Grünen auszuschließen. Aber Friedrich Merz wäre doch mit dem Klammerbeutel gepudert, wenn er eine Koalition mit den Grünen ausschließt und dann am Ende nur noch mit der SPD oder der FDP regieren kann. Also bescheuerte Debatte eigentlich.
Sprecher 2: Ja, aber interessant ist schon die Äußerung der CSU. Ich zitiere mal den Generalsekretär Huber, der ja bekannt ist für deftige Äußerungen. Er sagt, die Grünen sind mit ihrer Politik der ideologischen Bevormundung hauptverantwortlich für die schlechte Stimmung im Land. CSU und Grüne passen einfach nicht zusammen. Dobrindt hat nicht weniger deftig auch gesagt, diese linksgrüne Bevormundungs- und Umerziehungspolitik muss beendet werden. Das ist die Lehre der CSU aus dem letzten Landtagswahlkampf, wo sie harten Wahlkampf gemacht haben gegen die Grünen. Und so hat sich das im Bewusstsein der CSU jetzt festgesetzt. Das war das Erfolgsrezept, die Grünen hart anzugehen und nicht eine schwarz-grüne Option für Bayern an die Wand zu malen. Was die Grünen übrigens in Bayern gar nicht witzig fanden.
Sprecher 4: Stimmt, aber es ist am Ende doch ein Sturm im Wasserglas. Es war doch Alexander Dobrindt, der damals Jamaika vorangetrieben hat und stinksauer auf Christian Lindner war, der die Jamaika-Verhandlungen abgebrochen hat. Es war Markus Söder, der nicht nur die Bäume, sondern auch die Grünen umarmt hat vor wenigen Jahren noch. Und alle wissen, dass eine Kanzler-März am Ende wahrscheinlich nur in einer Dreierkoalition geben wird. Also was sollte so ein Ausschluss bringen? Es gibt ein Szenario, was mir ein Vorstandsmitglied erzählt hat, dass kurz vor der Bundestagswahl sollte es wirklich zu einer Patsituation zwischen Scholz und Merz kommen, dass dann Merz aus einer Panik heraus die letzte Karte zündet und Grüne ausschließt, um nochmal über Scholz drüber zu kommen. Aber das ist wirklich ein wahnsinniges Ausnahmeszenario. Ich finde, Friedrich Merz hat das gesagt, was ein verantwortungsbewusster Oppositionsführer jetzt sagen muss. Und die CSU ereifert sich aus meiner Sicht da etwas zu sehr. Und ich habe mal den CDU-Bundestagsabgeordneten, der quasi neben Bayern wohnt, nämlich im Saarland, Markus Uhl, gefragt, wie er die Debatte einschätzt. Hier sein kurzer O-Ton.
Sprecher 5: Jetzt ist wirklich nicht die Zeit für Koalitionsdebatten. Als CDU wollen wir mit Abstand stärkste Kraft werden, um dann möglichst viele unserer eigenen Themen, gerade im Bereich der Wirtschaftspolitik, der Leistungsgerechtigkeit, der inneren Sicherheit umzusetzen. Das geht natürlich mit einer bürgerlichen Koalition am besten. Und ich persönlich sehe es als eine Selbstverständlichkeit an, mit allen demokratischen Parteien dann in Gespräche zu gehen und die Chancen auf einen echten Politikwechsel in Deutschland auszuloben.
Sprecher 2: Wahrscheinlich ist es auch in diesem Fall so, dass die Empörung der CSU mehr über die CSU sagt als über Merz selbst. Ich bin ganz bei dir, Michael. Das, was er gesagt hat, war wirklich nicht überraschend. In der Tat war ja auch diese Hauptgegner-Geschichte, wo Merz ja auch gesagt hat, er sei immer falsch zitiert worden und so weiter, genauso ein Sturm im Wasserglas. Auch da. Damals hat er damit nicht gemeint, dass man nie und nimmer mit den Grünen irgendetwas zusammen machen könnte, sondern er hat gesagt, inhaltlich stellen wir unser Programm auf, weil wir andere Ziele und andere Mittel haben in vielen Punkten als die Grünen. Und in der Tat gibt es ja zwischen Grünen und CDU auch eine auf verschiedenen Ebenen funktionierende Zusammenarbeit, ein regelmäßiger Austausch, nicht nur aus Zeiten der Pizza-Connection, die schon einige Jahre zurückliegt, sondern übrigens auch bei unserem Neues Empfang konnte ich beobachten, wie Politiker von CDU und Grünen im vertrauten Gespräch beisammen standen und sich gegenseitig versicherten, wir dürfen trotz der aufschäumenden Reden von manchem Vorsitzenden nicht aufhören, zusammenzuarbeiten, an einem Strang zu ziehen. Wer weiß, was die Zukunft bringt.
Sprecher 4: Ja, Thorsten Frei war ja da, der sich exzellent mit Cem Özdemir verstanden hat oder mit Omid Nouripour bei unserem Neues Empfang. Thorsten, völlig recht. Also gerade auch in der Spitze, übrigens auch bei Friedrich Merz, gibt es ein belastbares Verhältnis zu Ricarda Lang oder zu Annalena Baerbock. Übrigens ist es viel besser als zu SPD, zu führenden SPD-Politikern. Klingbeil, Mützenich, auch Wolfgang Schmidt. Da gibt es richtige Friktionen zwischen Friedrich Merz und diesen SPD-Größen. Zwischen den Grünen und der CDU gibt es das so nicht.
Sprecher 2: Anständig ist das Wort, das da übrigens von beiden Seiten fällt. Man sei zwar uneins in vielen Fachfragen, aber der Umgang sei anständig.
Sprecher 4: Ja, und Respekt, das was Olaf Scholz immer in seinem Wahlkampf eingeführt hat, das empfinden CDU-Politiker nicht, wenn es um den Umgang der SPD mit ihnen geht. Und noch ein Gedanke. Danke, Helene. In den Ländern koalieren Schwarze mit Grünen. Übrigens sehr verlässlich, sehr vertrauensvoll. In Schleswig-Holstein hat sich Daniel Günther sogar gegen die FDP entschieden und für die Grünen. In Nordrhein-Westfalen koaliert Henrik Wüst mit der Habeck-vertrauten Mona Neubauer. Exzellent, verlässlich und geräuschlos. Die würden ja gar nicht in einem Bundestagswahlkampf verstehen, dass man gegen ihre eigenen Koalitionspartner Wahlkampf machen soll. Also die Logik ist einfach nicht da. Es wird keine Ausschließeritis, wie es immer so schön heißt, geben, weil keine Partei hat ein Interesse daran, am wenigsten Friedrich Merz.
Sprecher 2: Nein, aber die CDU hat natürlich kein Interesse daran, dass die Grünen immer weiter ins bürgerliche Lager ausgreifen. Und das ist ja das, was sie jedenfalls unter der Führung von Robert Habeck tun würden, nämlich im Gebiet der CDU auch zu fischen. Auch deshalb tut die CDU viel dafür, die Grünen in diese Bevormundungsecke zu stellen. Ich habe die Zitate gerade vorgelesen.
Sprecher 4: In der sie zu Recht auch steht manchmal, muss ich sagen.
Sprecher 2: In der sie natürlich auch zu Recht manchmal steht, aber indem man sie darauf reduziert, dass sie die Menschen bevormunden und so als gäbe es überhaupt keine gemeinsamen Ziele, ist natürlich eine starke Vereinfachung. Aber wir sehen es, und das ist vielleicht auch das Fazit für heute, 18 Monate vor der Bundestagswahl befinden wir uns schon im Wahlkampf. Wir befinden uns schon, wie ich gesagt habe, im kleinen Karo der Koalitionsarithmetik. Und dabei heißt doch eigentlich der Satz, wir wollen zur Koalition vor der Wahl überhaupt keine Aussagen machen. Also man guckt angesichts der Politikverdrossenheit in diesem Land nur kopfschüttelnd zu und sagt sich, beruhigt euch, können wir bitte in diesem Jahr 2024... noch ein bisschen Sachpolitik machen und nicht die Emotionen, sag ich als nüchterne Hamburgerin, die Emotionen so durch die Decke gehen lassen. Und zu unserem Gespräch des Tages begrüßen wir heute eine Freundin der Ukraine bei uns am Tisch. Marie-Luise Beck ist da. Sehr schön, dass Sie da sind. Hallo Frau Beck. Grüß Sie. Ja, Frau Beck hat ein langes Leben als grünen Politikerin hinter sich saß. Viele Jahre im Bundestag. 2017 ist sie ausgeschieden und seitdem ist sie Senior Fellow im Zentrum Liberale Moderne. Hier direkt bei uns bei Table um die Ecke und dort geht es um Demokratie und Rechtsstaatlichkeit, insbesondere in Osteuropa. Frau Beck, Sie kommen gerade zurück von einer Reise nach Kiew, wo Sie regelmäßig sind. Erzählen Sie uns doch mal, was Sie dort gesehen haben.
Sprecher 6: Die Menschen sind müde. Die Bewältigung des Alltags ist unglaublich schwer und das geht ja nun auch schon sehr lange. Kinder gehen nicht in die Schule. Väter und Mütter, die in Corona-Zeiten ihre Kinder zu Hause hatten, über Wochen wissen, was das bedeutet. Viele Menschen... Haben ja bereits ihre Häuser verlassen müssen. Manche sind im Westen. Die Versorgung ist abhängig von Verwandtschaft oder von der UN. Und es bleibt natürlich offen, wie sollte es weitergehen. Und wann hat das mal ein Ende? Und das ist derzeit ja so offen.
Sprecher 2: Wie ist es denn bestellt, um die Bereitschaft der Regierung weiterzukämpfen? Man könnte sich ja auch vorstellen, dass es irgendwann eine Hoffnungslosigkeit gibt angesichts der festgefahrenen Situation an der Front und der vielen, vielen Toten.
Sprecher 6: Ob die Situation wirklich festgefahren ist, wage ich nicht zu beurteilen. Ich habe gerade heute Morgen gelesen, dass das russische Militär etwa ein Drittel seiner Flotte verloren hat. Etwas, was bei uns kaum markiert worden ist. Und dass der Getreideexport wieder im großen Umfang in die Gänge gekommen ist. Aber es stimmt natürlich, diese Sommer-Herbst-Offensive war nicht so erfolgreich, wie Selenskyj und andere es sich gewünscht hatten. Ich glaube, das hat etwas mit uns zu tun, weil die militärische Ausrüstung dafür nicht ausgereicht hat. Die Schwierigkeit ist, dass die Menschen müde sind, dass sie natürlich möchten, dass dieser Terror aufhört, dass sie ihre Söhne nicht mehr an die Front schicken müssen oder die Männer zurückbekommen. Aber es gibt keine Alternative zum Weiterkämpfen, weil sie wissen, Was es bedeutet, wenn Russland, Putins Militär, ihren Ort übernimmt. Es bedeutet Vergewaltigung. Willkür, Gewalt, Namenslisten, die da sind, sogenannte Filtrationszentren. Ich war im Herbst in Izium, eine Stadt, die wieder reingekämpft worden ist. Und dort erzählte mir eine Aktivistin, dass eine namhafte Zahl von jungen Frauen Selbstmord begangen hat, nachdem die Russen wieder abgezogen waren. Ich glaube, das gibt einem eine Vorstellung davon, was sich abgespielt hat in diesen besetzten Gebieten.
Sprecher 2: Es ist ja zu einer fast schon Standardformulierung geworden, zu sagen, wenn wir die Ukraine unterstützen, geht es auch um unsere eigene Sicherheit. Ich habe manchmal den Eindruck, dass viele aber gar nicht richtig verstehen, was damit gemeint ist. Vielleicht können Sie mal sagen, inwiefern das nicht nur ein natürlich, wie Sie es beschrieben haben, gravierendes Problem für die Menschen in der Ukraine ist, sollte Putin gewinnen, sondern inwiefern das uns und auch unsere Nachbarn, die Polen zum Beispiel, unmittelbar betrifft.
Sprecher 6: Wir haben ja doch sehr stark den Zungenschlag, dass es unsere Verantwortung ist, Solidarität mit den Ukrainern zu üben. Und Solidarität beinhaltet ja immer, wir sind großzügig genug, euch beizustehen, weil ihr es braucht. Aber eigentlich geht es um etwas anderes und das ist bei uns unterbelichtet. Putin hat zweimal sehr genau erklärt, was seine Vorstellung vom zukünftigen Europa ist. Im Sommer 21 hat er geschrieben, dass er zurück will zu Yalta, zu den Einzigen. Und das haben die Balken und die Polen und andere sehr genau verstanden, weil das nämlich hieß, sie waren damals Einflusszone der Sowjetunion. Das haben wir bei uns als, naja, dass Putin große Worte macht und angibt, das erstaunt uns nicht, aber nehmt es mal nicht so ernst. Ein zweites Mal ist das ausgesprochen worden, kurz vor Weihnachten, dann vor dem Überfall auf die Ukraine. Und es muss uns klar sein, dass Putin mehr will als nur die Ukraine. Als erstes will er die Ukraine wieder als russisches Gebiet, zur russischen Nation gehören. Und es hat auch nie genützt, ihm etwas zu geben. Also bei der Krim zu sagen, ist zwar sehr unschön, aber man muss ja verstehen. Aber er wird schon nicht aufs Land gehen. Dann kamen Donetsk und Luhansk. Jetzt wird gesagt, naja, vielleicht muss man ihm einen Teil davon geben und dann wird wieder Ruhe sein. Nein, es wird nicht Ruhe sein. Zumal Putins Machtarchitektur darauf setzen muss, dass er nur mit dem Krieg an der Macht bleiben kann.
Sprecher 2: Diese Vorschläge, die Sie ansprechen, kommen ja unter anderem vom Chef der Münchner Sicherheitskonferenz, Christoph. Heusken, der da vorgeschlagen hat, nicht sofort, aber unter etwas veränderten Bedingungen, nämlich dann, wenn Russland die Silenske-Regierung als legitimen Verhandlungspartner anerkennt, dass man dann so eine Art von Neu-Minsk-Abkommen schließen könnte. Was, glaube ich, so zu verstehen ist, dass die bisher eroberten Gebiete dann unter russischem Einfluss bleiben. Was halten Sie davon?
Sprecher 6: Ich schätze Christoph Heusken sehr. Aber es gab nicht nur einen Minsk, es gab zwei Minsk. Und beide nach der Logik, man schließt einen Kompromiss mit Putin. Der 24. Februar sollte allen gezeigt haben, dass Putins Worte überhaupt nichts wert sind, dass er ohne Probleme lügt und dass er nur Zeit kauft, Zeit nutzt, um Kraft zu sammeln für den nächsten Schlag. Und das wissen die Litauer, die Letten und die Esten, das wissen auch die Polen. Natürlich wissen es die Georgier und die Menschen in Moldau, weil vollkommen klar ist, dass der imperiale Appetit von Putin... Nicht nur die Ukraine umfasst, sondern die Wiederherstellung der russischen Größe und des russischen Einflussgebietes. Das müssen wir ernst nehmen und damit sind wir auch bei unseren Interessen und nicht nur einer Fürsorge für die Ukraine. In dem Moment, wo Litauen... angegriffen wird. Und die Erklärung kann ich Ihnen jetzt schon geben. Putin wird sagen, unsere russischstämmige Bevölkerung in Litauen ist von einem Genozid bedroht. Also Putin testet die NATO, greift Litauen an und wenn wir dann sagen, Das ist zwar sehr unschön, aber wir dürfen auf keinen Fall eskalieren. Es besteht die Gefahr von, dann ist die NATO und damit unser Schutzsystem zerbrochen. Und genau das ist das Ziel von Putin. Also, Christoph Häusken. Kein Minx drei, denn er wird ein vier, fünf und sechs machen müssen im Laufe der Jahre. Und es wird weder von der Ukraine noch von uns als Westen mit einer Friedensordnung etwas übrig bleiben.
Sprecher 2: Sie haben die NATO angesprochen, da müssen wir ein bisschen genauer hinschauen, insbesondere auf Amerika. Da wird ja in Deutschland jetzt diskutiert über Szenarien, was passiert, wenn Trump im November gewinnt und die NATO geschwächt wird. Aber haben wir nicht längst ein Problem, dass Amerika deutlich zögerlicher ist? Wir sehen es jetzt an der Blockade von 60 Milliarden Euro Hilfe für die Ukraine. Müssen wir nicht heute schon uns viel stärker Gedanken machen? Über unsere eigene sogenannte Führungsrolle, die ja oft ausgerufen, aber nicht praktiziert wird.
Sprecher 6: Also die Fixierung auf Trump ist meines Erachtens falsch, weil sie unterschätzt, dass Trump für etwas steht, was... tief eingebrannt ist in weite Teile der amerikanischen Bevölkerung. America First ist nämlich kein Spruch, der neu von Trump erfunden worden ist, sondern er stammt aus der Zeit des Zweiten Weltkrieges, wo die Bevölkerung eine große Volksbewegung gemacht hat. Und Roosevelt, die Botschaft gegeben hat, in diesen Krieg wollen wir nicht hineingezogen werden. Und diese Bewegung hatte als Slogan American First. Und es ist nachvollziehbar, weshalb sollten amerikanische Mütter, Väter, ihre Söhne, Ehemänner nach Europa schicken, bei dem sie das Gefühl haben, können die nicht endlich mal selber für sich sorgen? Weshalb sollen wir einen Schirm ausbreiten über Europa, die ein besseres Gesundheitswesen, ein besseres Rentenversorgung, eine bessere Infrastruktur haben als wir? Also man muss kein Künstler sein, um darauf eine Kampagne aufzubauen, wie Trump es tut. Und auch Bidens Spielräume, das erleben wir jetzt, sind schon enger. Das heißt, wir müssen in Europa verstehen, und ich würde sagen, egal ob Trump oder Biden, nur bei Trump würde die Gefahr noch größer sein. Müssen in Europa tatsächlich für uns unsere eigene Sicherheit sorgen. Und wenn wir verstehen, dass wir Putin ernst nehmen müssen mit dem, was er angekündigt hat, ist er eine Bedrohung für uns hier in diesem Europa, die wir uns so lange so sicher gefühlt haben.
Sprecher 2: Der Bundeskanzler sagt ja bei jeder Gelegenheit, was Deutschland alles tut, zweitgrößter Waffenlieferant weltweit und so weiter und tut die Kritik daran als vollkommen überzogen ab. Was ist Ihre konkrete Erwartung daran, was die Bundesregierung, was vielleicht auch Europa gemeinsam mit Frankreich für die eigene Sicherheit tun muss?
Sprecher 6: Die Europäische Union ist, wie wir sehen, insofern in schlechter Verfassung, als tatsächlich ein Land sein Spiel spielen kann, wie jetzt Ungarn und damit die EU nicht wirklich lahm liegt, aber doch schon Entscheidungen sehr schwer machen kann. Absolut froh über die politische Entwicklung in Polen mit Tusk und dem Außenminister Sikorski sind zwei Menschen wieder auf der politischen Bühne, die die polnische Erfahrung haben. Und ich setze darauf, dass Polen mit seiner realistischen Erfahrung und Einschätzung, was Putin bedeutet, Frankreich und Deutschland wieder zusammenbringen zum Weimarer Dreieck, also nicht mehr nur Mand. sondern Weimarer Dreieck und wir drei in der Mitte Europas zusammen mit allen anderen, die verstanden haben, das sind die baltischen Staaten, das sind die Schweden, das sind die Finnen, das sind die Tschechen, das sind auch die Briten, wir sagen, Selbst wenn die USA jetzt anfangen, sich zurückzuziehen, was es schwerer macht, müssen wir im eigenen Interesse jetzt froh darüber sein, dass die Ukraine für uns diesen Kampf führt. Wir müssen zum Glück nicht unsere Söhne an eine Front schicken. Deswegen müssen wir im eigenen Interesse die Ukraine militärisch mit allem ausstatten. Und das bedeutet, ich bin keine Waffenspezialistin, das bedeutet, die Ukrainer müssen sagen, was sie brauchen und nicht wir. Gucken mal, was wir so im Arsenal haben. Und ich glaube, es ist klar, die Überlegenheit an Menschen und die Kaltschnäuzigkeit, die Putin hat, die eigenen Menschen zu opfern, kann nur wirksam begegnet werden durch hohe militärtechnische Überlegenheit. Das heißt, nicht unser altes Zeug darf dort abgeladen werden, sondern moderne Technologie kann der Ukraine dazu helfen, das Kriegsglück wieder zu eröffnen. zu wenden. Denn Putin, wenn die Ukraine militärisch schwach ist und in die Defensive gerät, wird durchmarschieren und sich die Ukraine, von der er sagt, es ist kein Staat, holen. Punkt. Und dann steht das russische Militär vor der Grenze der NATO.
Sprecher 2: Ein bedrohliches Szenario. Noch eine letzte Frage, Frau Beck. Das Thema nuklearer Schutzschirm in Europa, also Zusammenarbeit Deutschland, Frankreich, vielleicht auch Polen. Ist das ein Vorschlag, den Sie richtig finden und unterstützen?
Sprecher 6: Das fragen Sie nun eine Grüne, die 1980, 1983 auf die Straße gegangen ist gegen die drohende atomare Vernichtung. Was habe ich seither gelernt, dass so dramatisch es ist, Abschreckung tatsächlich Schutz vor Krieg sein kann? Und damit ist ein zu großes Ungleichgewicht zwischen russisch vorgehaltenen Möglichkeiten im atomaren Bereich und uns hier ist eine Gefahr für uns.
Sprecher 2: Ja, vielen Dank für diese Worte, die uns, glaube ich, alle nachdenklich machen. Danke, dass Sie hier waren. Frau Beck, alles Gute.
Sprecher 6: Ich danke Ihnen auch.
Sprecher 2: Und da wir noch nicht in der Fastenzeit sind, dürfen wir auf gar keinen Fall vor dem Nachtisch aufhören. Und der ist heute auch besonders schön, kommt aus der Berliner Kulturwelt. Andrea Zietschmann bleibt Intendantin der Philharmoniker. Der Stiftungsrat der Stiftung hat ihren Vertrag vorzeitig gerade um drei Jahre verlängert und so heißt es in der Pressemitteilung, dadurch sei Kontinuität und Stabilität beim Orchester Berliner Philharmoniker und in den Spielstätten garantiert. Kontinuität und Stabilität ist in diesen Zeiten doch besonders wichtig und gerade für die Kultur. Die immer noch unter den Folgen der Pandemie leidet. Auch bei den Philharmonikern kann man feststellen, dass wo man früher noch unter Simon Rattles Zeiten sofort zugreifen musste, wenn es Karten gab, ist es heute einfacher geworden. Man kann entspannter eine Woche vorher noch für die meisten Konzerte Tickets bekommen. Das ist für uns Philharmoniebesucher schön. Diese Flexibilität für das Orchester ist es natürlich schwierig. Und auch für Frau Zietschmann wird das eins der Themen sein, die sie angeht. Und insofern mein Appell, gehen Sie doch einfach mal wieder in die Philharmonie. Es sind so wunderbare Abende. Danke, dass Sie heute dabei waren und den nachdenklichen, mahnenden Worten von Frau Beck gelauscht haben, die mich sicherlich noch durch den Tag begleiten werden. Morgen sind wir wieder für Sie da. Machen Sie es gut bis dahin. Ihre Helene Bubrowski