Wie viele Menschenrechte kann sich die Wirtschaft leisten, Caspar Dohmen?
Deutschland stoppt das EU-Lieferkettengesetz. Die beiden FDP-Minister Christian Lindner und Marco Buschmann sorgen per Brief dafür, dass sich die Bundesregierung in Europa enthalten muss und das EU-Lieferkettengesetz so nun nicht mehr kommen kann. Eine Kehrtwende in der Europapolitik der Ampel, die bereits verhandelte Pakete in Brüssel nicht wieder aufschnüren und bereits gefundene Kompromisse eigentlich nicht wieder aufkündigen will. Warum also dieser Alleingang? Diese und weitere Fragen zum Lieferkettengesetz beantwortet der Volkswirt und Redaktionsleiter des ESG.Table, Caspar Dohmen, im Gespräch mit Michael Bröcker.
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Transkript
Sprecher 1: Table Today mit Michael Bröker und Helene Bubrowski.
Sprecher 2: Freitag, der 2. Februar, Table Today, Ihr Lieblingspodcast für die tiefgehenden Analysen der Themen des Tages, ist wieder für Sie da und wir haben einiges heute vor. Zum Beispiel reden wir mit dem ISG-Table-Redaktionsleiter, unserem Kollegen Kasper Doman, über das Aus für das Lieferkettengesetz in Europa und was wirklich hinter der Blockade der FDP steckt. Außerdem im Nachtisch eine wirklich gute Nachricht. Bahnbrechende Erkenntnisse aus der Forschung, der Krebs könnte tatsächlich besiegt werden. Jens Spahn, der ehemalige Gesundheitsminister, hat mal gesagt, in 10 bis 20 Jahren könnte es soweit sein. Darüber sprechen wir gleich. Aber zu Beginn natürlich reden wir über das vielleicht schlimmste Thema immer noch dieser Tage. Das ist der Krieg in der Ukraine und wir wollen mal schauen, was da los ist. Denn es gilt hier selbstverständlich Slava Ukraini, Ehre sei der Ukraine. Und das geht nur mit Helene Bubrowski.
Sprecher 3: Hallo Michael.
Sprecher 2: Guten Tag Helene.
Sprecher 3: Indeed statt Ausreden. In meiner Gaststätte macht jetzt der Koch die Buchhaltung. Mhh, Zahlen-Salat. Find lieber die richtigen Mitarbeitenden und sichere dir 75 Euro Startguthaben. Auf indeed.com slash Guthaben. Es gelten die AGB.
Sprecher 4: Schönen guten Tag. Nach dem vermutlich, ich habe es nicht genau recherchiert, kürzesten Gipfel, den die EU jetzt seit längerem hatte, Gute Botschaft für die Europäische Union, gute Botschaft für die Ukraine. Die Zusammenfassung, das war ein sehr erfolgreicher Gipfel.
Sprecher 2: Helene, der Kanzler hat ein neues Motiv. Er schwingt sich auf zum größten, wichtigsten, bedeutendsten Unterstützer der Ukraine. Es war ein zentrales Element in seiner Rede diese Woche. Und er schießt ja auch das Geld rüber in die Ukraine. Da ist irgendwie was los bei ihm.
Sprecher 5: Naja, von Anfang an war ja die Unterstützung Deutschlands für die Ukraine im Prinzip groß. Jetzt sind im Haushalt 8 Milliarden Euro für die militärische Unterstützung der Ukraine vorgesehen, plus nochmal 6 Milliarden Euro für die Unterstützung der ukrainischen Flüchtlinge in Deutschland.
Sprecher 4: Deutschland leistet sehr, sehr viel. Wir haben nicht nur in der Vergangenheit ganz massive Unterstützung der Ukraine, auch was Waffen betrifft, mobilisiert. Und deshalb ist das schon ein substanzieller Beitrag.
Sprecher 5: Wir sind, das geht teilweise unter in der deutschen Debatte, der zweitgrößte Waffenlieferant für die Ukraine nach den Amerikanern. Das Ganze hat so eine Schlagseite, weil natürlich die Erwartung ist, dass Deutschland noch mehr tut. Das fordert die Ukraine. Da gibt es in der Ampel unterschiedliche Sichtweisen und der Kanzler ist in seiner ganzen Kommunikation immer sehr zurückhaltend. Er adressiert sehr stark die Bedenken, die Ängste und so weiter. Aber am Ende muss man sagen, Deutschland tut eine ganze Menge.
Sprecher 2: Ja, und er hat in diesen Tagen beim EU-Gipfel in Brüssel einen wirklichen Durchbruch erzielen können. Denn auch Viktor Orban, der unbequeme Partner aus Osteuropa, hat zugestimmt. Alle 27 Staats- und Regierungschefs haben einem weiteren Unterstützungspaket für die Ukraine zugestimmt. 50 Milliarden Euro bis Ende 2027. Und ich habe das Gefühl, die Unterstützung für dieses Land, Helene, in Deutschland, die ist weiterhin da. Wir stehen gar nicht vor dieser Ukraine-Fatigue, die da manche Politiker an die Wand malen. Wir stehen noch an der Seite der Ukraine. Die großen Bedrohungen aus meiner Sicht für dieses Land kommen inzwischen sogar eigentlich von innen.
Sprecher 5: Ja, das kommt immer sehr darauf an, wen du mit wir meinst. Also es gibt schon Teile dieses Landes, in denen es einen Kampf um diese Frage gibt und in denen es Leute gibt, die von schlechten Erfahrungen, die sie mit ukrainischen Flüchtlingen gemacht haben, erzählen. Ob das nun stimmt oder nicht, kann ich nicht beurteilen. Ein wachsendes Ressentiment, Verteilungskämpfe natürlich, die da sind. Es gibt ja auch in der Bevölkerung, und das ist manchmal in der veröffentlichten Meinung nicht ganz so klar abzulesen, einen großen Teil von Menschen, die die militärische Unterstützung der Ukraine sehr kritisch sehen, was übrigens zum Teil den Zulauf... zum Bündnis Sarah Wagenknecht erklärt.
Sprecher 2: Aber immerhin noch 40 Prozent der Deutschen sind im Moment der Meinung, die Unterstützung der Ukraine auch mit Waffen ist angemessen und richtig.
Sprecher 5: Aber 40 ist nicht besonders viel.
Sprecher 2: Ja, aber die anderen sagen, sie sind indifferent. Unsere richtige Harte dagegen sind 20 Prozent in Deutschland. Das sind natürlich auch diejenigen, die Wagenknecht oder die AfD unterstützen. Ich finde es immer noch enorm. Zwei Jahre danach, fast zwei Jahre danach, wir geben sehr viel Geld aus für ein Land in Osteuropa, obwohl wir natürlich auch sehr viele strukturelle Probleme haben und das Geld an Ecken und Enden bei uns auch fehlt. Das Narrativ ist ja gefährlich. Wir können hier die Schultoiletten nicht sanieren, wir können die Infrastruktur nicht sanieren, aber dieses Land bekommt jedes Jahr 15 bis 20 Milliarden Euro. So richtig verfängt es nicht.
Sprecher 5: Richtig und natürlich auch aus einem sehr guten Grund und den wollen wir hier auch nochmal nennen, weil am Ende ist nicht nur... auch, aber nicht nur um die Freiheit der Ukraine geht, um die Rückeroberung ukrainischen Territoriums, sondern auch, weil es natürlich um unsere eigene Sicherheit geht. Wenn Putin einfach durch die Ukraine durchlaufen würde, gäbe es überhaupt keine Hürde mehr, als nächstes das Baltikum oder Moldau anzugreifen und irgendwann auch nach Deutschland zu kommen. Also dieser revanchistischen Politik etwas entgegenzusetzen, ist am Ende in unserem ureigenen deutschen Interesse. Abgesehen mal davon, dass ich es absolut richtig finde, solidarisch mit den ukrainischen Nachbarn zu sein.
Sprecher 2: Ich glaube, wir müssen aber über eine Sache reden, Helene, die besorgniserregend ist. Denn Selenskyj, der zugeschaltet war im EU-Rat und die Gelder einsammeln konnte, kriegt zu. Du sehst wirklich Probleme im eigenen Land. Das Stichwort ist hier der Armeeschef, den er am liebsten rausschmeißen will. Ein harter interner Machtkampf zwischen diesen beiden, die eigentlich ja das Land verteidigen. Und deswegen dachte ich, rufen wir mal kurz bei unserem Table-Media-Kollegen in Kiew, Dennis Trubertzkoy, an. Und er hat uns mal geschildert, was da gerade los ist. Er kennt sich sehr gut aus mit der ukrainischen Regierung und der ukrainischen Politik. Und hier ist sein kleiner Bericht zur Lage des Landes.
Sprecher 6: Die wirkliche Geschichte, die die Ukraine bewegt, ist die mögliche Entlassung des sehr beliebten Befehlshabers Salushny, die ganz zeitnah nicht zu erwarten ist, längerfristig aber fast unausweichlich scheint. Das ist ein politisches Risiko für Zelensky, doch offenbar sind Meinungsverschiedenheiten so groß, dass die konstruktive Zusammenarbeit kaum mehr möglich ist. Salushny gilt insgesamt als kompetenter Kommandeur, doch es gibt auch berechtigte Kritik für seine Armeeführung. Und ob der Wechsel jetzt in einem Monat oder in einem Halbjahr stattfindet, hängt eigentlich auch von der Suche nach der Nachfolge ab. Und die Namen, die aktuell genannt werden, das sind nicht zwingend die Personen, die den Job dann übernehmen werden.
Sprecher 5: Ja, das zeigt natürlich, was unser Kollege da beschreibt, nochmal, dass es auch innerlich in der Ukraine anfängt, schwierig zu werden. Natürlich hält diese Bedrohung von außen das Land irgendwo noch zusammen. Aber nach knapp zwei Jahren, nach Kriegsbeginn, sieht man eben, dass das auch nicht mehr um jeden Preis gelingt. Jetzt sieht man, es wird schwierig. Und das ist natürlich, wenn es neben einer Bedrohung von... von außen auch noch intern schwierig wird, für die Abwehrbereitschaft, für die Kampfbereitschaft natürlich ein Problem.
Sprecher 2: Unsere Freiheit wird auch am Donbass verteidigt, da sind wir uns einig. Und wir werden das Thema weiter intensiv hier diskutieren. Natürlich auch im Rahmen und im Umfeld der Münchner Sicherheitskonferenz, wo sich Präsident Zelensky inzwischen angemeldet hat. Und wenn Sie Interesse haben, Dennis Trubetskoy, unser Kollege aus Kiew, hat auch seine Analyse zur Lage des Landes für Table Media aufgeschrieben. Im Rahmen unserer Berichterstattung im Security Table. Schauen Sie einfach mal rein, wenn Sie wollen. Table.media. Wir müssen über die FDP reden, denn die zeigt sich jetzt auch auf europäischer Ebene besonders sperrig. Sie stoppt das Lieferkettengesetz. Der entsprechende Brief von Marco Buschmann und Christian Lindner, den beiden FDP-Ministern, liegt uns vor. Und die Bundesregierung muss sich nun in Europa enthalten. Und damit kann das EU-Lieferkettengesetz nicht mehr kommen. Das ist eine Kehrtwende der Europapolitik der Bundesregierung. Denn sie will ja eigentlich nicht in Brüssel bereits verhandelte Kompromisse wieder aufschnüren. Sie will nicht derjenige sein, der in Europa immer wieder einen Alleingang wagt. Diesmal ist es passiert und wir wollen wissen, warum. Das kann Kasper Doman sehr gut erklären. Der Mann ist nicht nur Volkswirt aus Köln, sondern er ist auch Redaktionsleiter des ESG-Table, unseres Briefings für nachhaltige Wirtschaft, unseres kleinen Ökonomie-Briefings. Mit ihm habe ich über das Lieferkettengesetz gesprochen und was die FDP wirklich umtreibt. Hallo Kasper.
Sprecher 7: Hallo Michael.
Sprecher 2: Kaspar, klär uns auf. Die FDP hat in einem einmaligen Alleingang das europäische Lieferkettengesetz gestoppt, das eigentlich schon ausverhandelt war. Was ist da los? Was sind die wahren Gründe?
Sprecher 7: Es gibt in der Wirtschaft und auch in der FDP und auch in anderen Kreisen schon lange Gegner von diesen ganzen Lieferkettengesetzen. Man hat auf europäischer Ebene verhandelt. Da verhandelt ja dann der Rat und die Kommission und das Parlament und vor Weihnachten. Lag sozusagen der Kompromiss auf den Tisch. Und da hatte die Bundesregierung auch eine ganze Menge erreicht. Das attestiert auch die FDP, attestiert dem verhandlungsführenden Arbeitsministerium, dass sie dann eine ganze Menge Zähne gezogen haben. Und es gibt sogar Unternehmensverbände aus anderen Ländern wie Holland, die sagen, das waren Erdrutschsieg für die Unternehmen, was da stattgefunden hat. Aber die FDP stört doch einiges.
Sprecher 2: Dann lass uns das konkret machen. Was ist an dem europäischen Lieferkettengesetz so dramatisch anders als bei dem ohnehin ja bereits existierenden nationalen Lieferkettengesetz?
Sprecher 7: Das fängt damit an, dass der Kreis der Unternehmen größer sein wird. Das heißt, im Moment haften in Deutschland nach der deutschen Regelung Unternehmen seit Anfang dieses Jahres mit 1000 Mitarbeitern. Das hatte begonnen letztes Jahr mit 3000 Mitarbeitern und das ist eben auch die Grenze. So, jetzt gehen wir darunter auf 500 Mitarbeiter und unter besonderen Bedingungen können sogar Unternehmen haften, die noch weniger Mitarbeiter haben. Aber das liegt ganz einfach daran, dass eigentlich die Denke der Konstruktion dieser Lieferkettengesetze aus einer Risikobetrachtung kommt. Das Ganze geht ja zurück auf einen UN-Prozess und es geht darum, dass die Unternehmen... In ihren Lieferketten schauen sollen, wo haben sie eigentlich die größten Risiken. Und das hat eigentlich gar nichts mit der Unternehmengröße zu tun.
Sprecher 2: Aber ist es nicht verständlich, wenn ein kleines, mittelständisches, aber international aufgestelltes Unternehmen sagt, ich schaffe es einfach nicht, entlang meiner Lieferkette den Sub-Sub-Sub-Unternehmer, Auch zu zertifizieren, die Hand für ihn ins Feuer zu legen. Das schafft ja kaum einer, außer er hat eine bürokratische Abteilung dafür zur Verfügung.
Sprecher 7: Also es geht ja an der Stelle gar nicht erstmal unbedingt um Zertifizierung, sondern es geht darum, dass ich dokumentieren, ja, das sind ja zwei unterschiedliche Sachen. Ich dokumentiere intern und das Zertifikat bekomme ich extern von einer Prüffirma wie dem TÜV beispielsweise. Aber an der Stelle geht es darum, dass Unternehmen, wie gesagt, sich damit beschäftigen sollen, welche Risiken haben sie denn eigentlich in ihrer Lieferkette. Und es geht um die schweren Risiken in der Lieferkette und nicht eben um kleine Dinge. Es gibt aber auch noch einen anderen Punkt, der hat viele kleine und mittlere Unternehmen auch phasenweise auch, ich denke, zu Recht verärgert. Und das war nämlich, dass eben im Kontext des deutschen Lieferkettengesetzes viele große Unternehmen hingegangen sind und haben halt quasi die Verpflichtung, die sie haben, durchgereicht. An die kleinen und mittleren Unternehmen. Und da hat aber die zuständige Behörde, das BAFA, ziemlich schnell klargemacht, dass das so nicht geht. Das bedeutet, die großen Unternehmen können nicht einfach die Risiken an die Kleinen weitergeben. Und es gab ja dann diese Beispiele von dem Bäcker, der in die Kantine eines Unternehmens die Brötchen liefert, dass der sich um alle diese Dinge kümmern soll. Und das ist nicht Sinn und Zweck dieser Lieferkettengesetze, nicht des deutschen und auch nicht des europäischen.
Sprecher 2: Nehmen wir ein anderes Beispiel. Marie-Agnes Strack-Zimmermann hat in ihrem Podcast gesagt, FDP-Europaspitzenkandidatin, ein Unternehmen wie ein Produzent von Marineschuhen oder wasserfesten Schuhen für die Marine müsse nachweisen, dass das kleinste Garn in diesen Schuhen irgendwo in Malaysia oder Bangladesch unter menschenwürdigen Prinzipien hergestellt wird, obwohl dort mehrere Subunternehmer vielleicht dieses Garn produzieren und weiter nach oben reichen. Das sei quasi nicht möglich. Also sie macht dieses Thema Bürokratie auf. Es ist nicht zu schaffen, nachzuweisen, was man nachweisen soll.
Sprecher 7: Sagen wir mal so, es gibt ja auch andere Gesetze, die deutsche Unternehmen erfüllen müssen, wenn sie im Ausland produzieren, zum Beispiel Produktionssicherheit. Und da ist es völlig normal, dass eben die Produkte, die wir die Unternehmen, deutsche Unternehmen zum Beispiel aus Indien importieren, die Produktsicherheit total abgeprüft ist. Das findet dann in speziellen, also zum Beispiel prüft der TÜV dann vor Ort in Indien, wie sind diese Dinge beschaffen. Das heißt, wenn der Teddybär jetzt über die Grenze eingeführt wird, wissen wir, der Teddybär ist sicher für die Kinder hier. Aber bisher haben wir eben nicht geprüft, ob die Arbeiter, die diesen Teddybär herstellen, ebenfalls nicht unter Umständen in Bedingungen arbeiten, die gefährlich sind für sie. Und das soll eben an dieser Stelle geändert werden. Nun kann man sich fragen, ist das wirklich... Nicht handhabbar, zumal es eben immer wirklich nur darum geht, die wirklich großen Risiken auszuschließen. Aber da kommen wir zu einem Problem, weil es zwei unterschiedliche Betrachtungsweisen in Unternehmen in Deutschland gibt.
Sprecher 2: Wie hast du es konkret?
Sprecher 7: Ja, wenn es um die Umsetzung dieser Lieferketten geht, gibt es eigentlich so zwei Schulen und Unternehmen. Die eine Schule wird von den Juristen dominiert. Die sagen dann, gucken durch die Compliance-Brille und die wollen eigentlich möglichst jedes Risiko, was zu irgendeiner Klage führen könnte, ausschließen. Das ist sozusagen die Schadensbegrenzung. Auf der anderen Seite gibt es eben Unternehmen, die diesen Risikoansatz verfolgen, die sagen, wir wollen in unseren Lieferketten wirklich diese Risiken ausschalten. Und viele haben sich auch da schon lange auf den Weg gemacht. Das sind Unternehmen, die angefangen haben, ihre Risiken zu reduzieren, indem sie zum Beispiel die Anzahl ihrer Lieferanten reduziert haben, indem sie stärker zusammenarbeiten mit diesen Lieferanten und am Ende des Tages da auch was von haben. Weil es gibt auch Belege dafür, dass die Unternehmen dann zum Beispiel in der Corona-Pandemie davon profitiert haben, weil sie sichere und stabilere Lieferketten hatten als andere Unternehmen. Das heißt, wir reden natürlich über einen Mehraufwand. Am Ende des Tages kostet natürlich auch diese Art von Lieferketten Unternehmen Geld, logisch. Aber das liegt natürlich auch daran, dass Unternehmen vorher ihre Produktion ausgelagert haben, um die Kosten möglichst runterzudrücken. Und ich erinnere mich an einen Manager aus der deutschen Automobilindustrie, der mir irgendwann sagte, ja, wir haben das dann eben immer weiter gegeben. Wir hatten irgendwann auch keine Ahnung. mehr, wo unsere Produkte herkamen. Aber das war eben das Billigste.
Sprecher 2: Ja, aber Kasper, das ist internationale Arbeitsteilung. So funktioniert Globalisierung. Die Unternehmen wären ja sonst teilweise gar nicht in der Lage, auf dem Weltmarkt wettbewerbsfähig zu sein, wenn sie nicht outsourcen. Und die einhellige Ablehnung der deutschen Wirtschaft gegen dieses Lieferkettengesetz ist doch offensichtlich. Das waren Verbände jeglicher Couleur, die in den letzten Monaten ja massiv lobbyiert haben gegen dieses Gesetz. Also scheint es doch auch einen wunden Punkt in der Wirtschaft wirklich zu treffen. Du malst jetzt das Szenario, dass sie eigentlich sogar davon profitieren können.
Sprecher 7: Natürlich gibt es den Widerstand. Der ist sozusagen Wegbegleiter dieser ganzen Lieferkettengesetze, ist der Widerstand auch von großen Verbänden gerade, ob das BDI ist oder BDA. Die haben sich eigentlich immer dagegen positioniert. Die deutsche Wirtschaft hätte sogar die Chance gehabt, ein deutsches Lieferkettengesetz zu verhindern. Denn das Ganze resultiert ja auf eine Idee, die bei den Vereinten Nationen im Jahr 2011 gemacht worden ist. Damals hat man übrigens... Im Einklang mit den großen internationalen Wirtschaftsverbänden, den globalen, die Vereinbarung für Wirtschaft und Menschenrechte geschlossen. Und dann sollten die Länder über nationale Aktionspläne selber dafür sorgen, dass Unternehmen eben dafür sorgen, dass in ihren Lieferketten menschenwürdige Arbeitsbedingungen umgesetzt werden. Ob das nun freiwillig oder gesetzlich passiert, war den Ländern überlassen. Und dann gab es in Deutschland eine sozusagen Probephase, in der man sich darauf gab, geeinigt hat, so zu schauen, kriegen die Unternehmen das freiwillig hin? Siehe da, man hat es dann überprüft und es war eben nicht der Fall. Es waren viel zu wenige und deswegen...
Sprecher 2: Hat die Große Koalition dann das Gesetz gemacht?
Sprecher 7: Hat die Große Koalition das Gesetz gemacht.
Sprecher 2: Jetzt ist ein Thema gewesen bei der Kritik der Wirtschaftsverbände, dass dieses EU-Gesetz die Safe Harbor-Klausel gekippt hat. Das ist eine, die Haftungsrisiken für Unternehmen, die zum Beispiel Prüfsiegel oder Zertifizierung verwenden, eigentlich beschränken soll. Also wer so etwas hat, der muss dann nicht ganz so viel Dokumentationspflichten machen. Ich sage es mal in einfacher Regelung. Das ist rausgefallen aus der EU-Lieferkettenrichtlinie. Erstens, warum? Und ist das der Knackpunkt dann gewesen jetzt für die FDP aus deiner Sicht?
Sprecher 7: Das stand zwischenzeitlich auf den Papieren und war die Position auch der Bundesregierung. Sie hat versucht, diese Safe Harbor Lösung rein zu verhandeln. Davon hat man sich dann später verabschiedet. Safe Harbor ist so ein bisschen auch die Idee, dass man wirklich auf der sicheren Seite ist. Meines Erachtens hätte man das durchaus machen können, weil das bedeutet eigentlich nichts anderes, als dass Unternehmen dann bestimmte Zertifizierungen bekommen und dann zumindest nur noch haftbar sind, wenn sie grob fahrlässig in irgendeiner Situation gehandelt haben und nicht mehr bei diesen leichten Unfällen oder Dingen, die da geschehen können. An sich entspricht das genau diesen UN-Prinzipien, wo es ja auch darum geht, die wirklich schweren Dinge zu identifizieren. Wenn ich mir jetzt allerdings das Papier der beiden Minister Lindner und Buschmann anschaue, dann lese ich da, von Safe Harbor nichts mehr. Ich lese viele Punkte, die in Richtung Bürokratie gehen und auch Belastung von einzelnen Branchen, zum Beispiel wie der Bauwirtschaft, die ja mittelständisch ist oder auch eben, dass der Umweltbereich stärker eingeschlossen wird oder vor allen Dingen auch zivilrechtliche Haftung jetzt eine Rolle spielt. Also das sind die Punkte, die jetzt eben stark gemacht werden, um zu begründen, dass man das als FDP-Ministerien nicht mittragen kann.
Sprecher 2: Letzte Frage, das EU-Lieferkettengesetz ist damit gestoppt, denn eine Enthaltung der Bundesregierung in Brüssel bedeutet de facto ein Nein. Heißt das aus deiner Sicht jetzt auch, dass das deutsche nationale bereits existierende Lieferkettengesetz nochmal aufgeschnürt wird?
Sprecher 7: Die FDP macht sehr stark, dass wir heute in einer anderen geökonomischen Situation auch sind. Also sozusagen macht die Frage auf, was können wir uns eigentlich an Menschenrechten in der Lieferkette auf welche Art und Weise noch leisten. Also was ist wichtiger und ich kann mir schon gut vorstellen, dass das ein Wahlkampfthema wird.
Sprecher 2: Kaspar Doman, Redaktionsleiter des ESG-Table, unserem Fachbriefing für nachhaltige Wirtschaft. Lesen Sie rein, testen Sie es bei table.media, finden Sie alles dazu. Vielen Dank für dieses Gespräch.
Sprecher 7: Danke auch.
Sprecher 2: Die gute Nachricht kommt aus dem Maschinenraum der deutschen Wissenschaft wieder einmal. Denn es gibt zahlreiche renommierte Forscher, gerade und vor allem in Deutschland, die sich dem Kampf gegen den Krebs widmen. Und es gibt jetzt eine sehr aktuelle Meldung, denn ein Viertel aller Patentanmeldungen beim europäischen Patentamt, die sich in irgendeiner Weise mit Wirkstoffen, mit Therapien gegen den Krebs befassen, kommen aus Deutschland. Das ist eine wirklich gute Nachricht. Denn wenn man weiß, dass die Zahl der neuen Krebserkrankungen in Deutschland bis zum Jahr 2030 alleine auf ungefähr 600.000 pro Jahr steigen soll, das sind Zahlen des Deutschen Krebsforschungszentrums, dann ist der Kampf gegen diese Geißel der Menschheit ein wirklich lohnender. Es gab mal einen Gesundheitsminister namens Jens Spahn, der prognostizierte, dass in 10 bis 20 Jahren der Krebs besiegt werden könnte.
Sprecher 8: Andere fliegen zum Mond. Wir wollen den Krebs besiegen. Wenn wir jetzt die Kräfte noch ein Stück mehr als bisher bündeln, dann ist das ein Vorbild, denke ich, für viele andere Länder. Und das gibt uns vielleicht auch die Chance, in Europa dann auch nochmal einen weiteren Schritt zu gehen.
Sprecher 2: Alleine diese Vision und der Glaube daran, dass wir diese Krankheit mal besiegen, ist doch eine gute Nachricht an diesem Freitag wert. Wir hoffen, dass die Wissenschaftler mit ihren Patentanmeldungen gute Erfolge erzielen können, werden das weiter beobachten. Nicht nur in unserem Research Table, dem Fachbriefing aus der Wissenschaft hier aus unserem... sondern natürlich auch hier in unserem Table Today Podcast. Und damit verabschiede ich mich hier aus dieser Woche. Kommende Woche ist Helene Bubrowski wieder die Hostin ihres Vertrauens. Wir freuen uns, wenn Sie wieder am Tisch von Table Media Platz nehmen. Vielen Dank fürs Zuhören. Bleiben Sie entspannt, bleiben Sie gesund. Ihr Michael Bröker.
Sprecher 1: Table Today mit Michael Bröker und Helene Bubrowski.