Haben wir verlernt, Verantwortung zu übernehmen, Herr de Maizière?
Dauer: 24:09

Haben wir verlernt, Verantwortung zu übernehmen, Herr de Maizière?

In der heutigen Folge spricht Helene Bubrowski mit dem früheren CDU-Innen-, Verteidigungs- und Kanzleramtsminister Thomas de Maizière über die aktuelle Stimmung im Land und die Unzufriedenheit mit der Ampel-Regierung. Sie gehen der Frage nach, ob die pessimistische Einstellung unter Bürgern, Bauern, dem Mittelstand und in großen Konzernen objektiv zur Lage passt. De Maizière erklärt zudem, warum er der Ampel-Regierung ihr Versagen angesichts der großen Herausforderungen durch multiple Krisen nicht nachsieht. Außerdem teilt das langjährige Kabinettsmitglied der Merkel-Regierung kritische Gedanken zu den Erwartungen von Wirtschaft, Lobbyisten und Bürgern an die Politik. 


Sie haben Fragen, Anregungen oder Feedback? Dann schreiben Sie uns an: chefredaktion@table.media

  

Table.Media - For better informed decisions.  

  

Sie entscheiden besser, weil Sie besser informiert sind – das ist das Ziel von Table.Media. Wir verschaffen Ihnen mit jedem Professional Briefing, mit jeder Analyse und mit jedem Hintergrundstück einen Informationsvorsprung, am besten sogar einen Wettbewerbsvorteil. Table.Media bietet „Deep Journalism“, wir verbinden den Qualitätsanspruch von Leitmedien mit der Tiefenschärfe von Fachinformationen.  

Professional Briefings kostenlos kennenlernen: table.media/registrierung.


Hosted on Acast. See acast.com/privacy for more information.

Transkript

Sprecher 1: Table Today mit Michael Bröker und Helene Bubrowski.

Sprecher 2: Donnerstag, 1. Februar. Es ist früher Morgen und wir kehren hier bei Table Today in unserem Podcaststudio die letzten Scherben des Neujahrsempfangs noch zusammen. Vor wenigen Stunden sind die letzten Gäste gegangen. Eine hat es sehr lange durchgehalten und deswegen begrüße ich Sie gleich hier direkt vorneweg. Helene Bubrowski, hallo.

Sprecher 3: Mit Kopfschmerzen heute. Hallo Michael.

Sprecher 2: Wir hatten einen politischen Neujahrsempfang mit rund 500 Persönlichkeiten aus Politik, Wirtschaft und Gesellschaft. Darüber reden wir gleich vorab hier, unser Programm für heute. Zu unserem Tischgespräch hat heute Helene Bubrowski den ehemaligen Bundesinnenminister, den ehemaligen Bundesverteidigungsminister und langjährigen Vertrauten von Angela Merkel, Thomas de Maizière, eingeladen. Es geht ihm um ein Herzensthema in diesem Gespräch, nämlich die Reformmüdigkeit im Land. Im Nachtisch reden wir über den umstrittensten, aber vielleicht auch geniehaftesten Unternehmer, der jemals in Brandenburg ein Werk gegründet hat. Tesla-Chef Elon Musk, der erstmals einen Chip in ein menschliches Gehirn implantiert hat. Und was das für eine gute Nachricht für uns alle sein kann, das sage ich Ihnen gleich. Jetzt geht es wie immer los mit dem Talk of the Town mit Helene Bubrowski. Talk of the Town ist für uns bei Table Today heute natürlich der Neujahrsempfang, den wir hier gestern Abend in unseren Räumlichkeiten in der Wöhlerstraße durchgeführt haben. Und ich kann Ihnen sagen, es war intensiv, es war spannend, es war anregend. Sieben Bundesminister, Dutzende Abgeordnete, hunderte Leute waren hier. Es war hochpolitisch, aber es war vor allem auch... Anständig. Und der Diskurs zwischen Opposition und Ampel war deutlich besser hier bei uns beim Neujahrsempfang als im Bundestag. Oder, Helene?

Sprecher 4: Ja, genau. Wobei ja gestern im Bundestag tatsächlich Stimmung war. Muss man ja sagen, Olaf Scholz, eine feurige Rede gehalten, die man von ihm so gar nicht kennt. Friedrich Merz vorher ordentlich ausgeteilt.

Sprecher 5: Wenn Sie die Jacke unten falsch einknöpfen, dann diskutieren wir nicht mit Ihnen, wie groß denn der Knopf oben im letzten Loch sein sollte. Diese Diskussion führen wir mit Ihnen nicht. Ganz einfach.

Sprecher 6: Dann sagte Olaf Scholz, wenn Sie dann mal kritisiert werden, dann sind Sie eine Mimose. Ich finde, der Box, der soll kein Glaskin haben, aber Sie haben ein ganz schönes Glaskin, Herr Merz.

Sprecher 4: Hier am Abend war dann alles insofern, ich würde nicht sagen Friede, Freude, Eierkuchen, aber so ein Glas Wein, ein Glas Bier erleichtert die Dinge dann schon und man konnte in Teilen fast eine Ampelharmonie erahnen.

Sprecher 2: Und da wir Sie immer teilhaben lassen bei all dem, was Helene und ich erleben, sagen wir Ihnen hier schon mal das Fazit. Die Ampel hat sich zusammengeschworen. und will wirklich diese anderthalb Jahre noch durchregieren. Also machen Sie sich darauf gefasst. Das ist und bleibt die Regierung Ihres Herzens für die nächsten 15, 18 Monate. Und die Opposition schart sich um Friedrich Merz. Auch das war Thema bei uns. Und wir haben den einen oder anderen Gast dieses Neujahrsempfangs von der linken oder rechten Seite eingeladen, um mal kurz die aktuelle Stimmungslage hier für Sie, liebe Zuhörerinnen und Zuhörer, im Podcaststudio zu hinterlassen.

Sprecher 7: Unter anderem zu Gast Wolfgang Kubicki, FDP.

Sprecher 8: Herr Kubicki, wir treffen uns am Abend einer fulminanten Rede des Bundeskanzlers. Was war los mit ihm?

Sprecher 9: Zunächst war er entgegen aller Erwartungen emotional, aber die Rede selbst inhaltlich war eine schlechte Aschermittwochsrede.

Sprecher 8: Ah, was hat Ihnen gefehlt?

Sprecher 9: Perspektiven für die Menschen in diesem Land. Also nur den Oppositionsführer zu beschimpfen, ist noch keine wirkliche Politik.

Sprecher 8: Aber Sie sind doch eigentlich immer für den Schlagabtausch zu haben, oder nicht?

Sprecher 9: Ja, Schlagabtausch in der Sache, aber nicht Schlagabtausch durch Unterstellungen und durch reine Emotionen. Wir haben in diesem Land Sorgen und Nöte von vielen Menschen, die keine Planungssicherheit mehr haben, die nicht wissen, wie sie ihre Existenz gewährleisten können. Es geht um Gastronomen, es geht um Handwerker, es geht um Bauern, es geht um viele Selbstständige. Und die Antwort ist einfach nur heute im Deutschen Bundestag, wir beschimpfen uns gegenseitig. Das hilft den Menschen draußen nicht weiter.

Sprecher 8: Das heißt, er ist nicht mehr Ihr Kanzler?

Sprecher 9: Ja doch, ist ja noch mein Kanzler. Ich bin doch Mitglied der industriellen Fraktion FDP. Aber wenn wir uns nicht langsam zusammenreißen bei den Meinungsumfragedaten, die wir alle haben, SPD bei 14 Prozent, Grün bei 14, 13 Prozent, wir bei unter 5, dann wird es keine Fortsetzung dieser Ampelkoalition geben. Und wir haben nicht mehr...

Sprecher 8: Wünschen Sie sich das denn?

Sprecher 9: Und wir haben nicht mehr sehr viel Zeit. Momentan sehe ich keine wirkliche Alternative, weil die Union sich noch nicht richtig sortiert hat.

Sprecher 10: Karl Lauterbach, SPD.

Sprecher 8: Heute im Bundestag war ja ein Schlagabtausch zu beobachten zwischen dem Bundeskanzler und Oppositionsführer. Durchaus aufgeheizte Stimmung. Wie nehmen Sie die Stimmung hier wahr? Ist jetzt Harmonie eingezogen?

Sprecher 11: Nein, überhaupt nicht. Also hier ist die Stimmung besser, als sie heute im Bundestag gewesen ist. Aber hier ist auch viel Opposition und die Opposition scheint hier wacher zu sein als heute Morgen im Bundestag. Von daher... Wir kommen auch heute Abend hier nicht zusammen. So viel Wein kann hier nicht gereicht werden.

Sprecher 8: Und kommt denn die Ampel hier heute Abend zusammen? Gibt es eine neue Ampelharmonie?

Sprecher 11: Die Ampelharmonie ist ja legendär. Manchmal sieht man sie nicht. Sie ist also nicht immer an der Oberfläche. Aber wir sind ja heute in voller Stärke hier. Wir sind also stark aufgelaufen. Wir harmonieren im Privaten wie im Kabinett.

Sprecher 8: Jetzt hat ja Olaf Scholz heute wirklich eine feurige Rede gehalten, so kannte man den Kanzler gar nicht. Sie sind Arzt, Herr Lauterbach, was haben Sie ihm gegeben?

Sprecher 11: Ich war gar nicht im Einsatz. Also er hat weder von der kommenden Cannabis-Gesetzgebung profitieren müssen, noch habe ich irgendetwas verschreiben müssen. Das ist der echte Olaf Scholz, wie wir in internen Sitzungen oft erleben, wenn er sich ärgert. Und heute hat er den Ärger über die Opposition öffentlich gemacht, war angriffslustig. So müsste er häufiger sein, so wird er auch häufiger sein. Aber es ist eigentlich der Olaf Scholz, den es immer schon gibt.

Sprecher 1: mehr von sich gezeigt.

Sprecher 12: Thorsten Frei, CDU und Hubertus Heil, SPD.

Sprecher 2: Abtausch zwischen Olaf Scholz und Friedrich Merz heute im Bundestag. Ist das eigentlich alles gespielt oder ist dir die Stimmung zwischen Ampel und Opposition wirklich so schlecht?

Sprecher 12: Herr Frey, wollen Sie zuerst?

Sprecher 13: Von mir aus, ja. Nein, ich glaube, das war eine spannende Debatte. Das muss man zunächst einmal sagen. Das ist die Generaldebatte. Möglicherweise die am stärksten polarisierte Debatte, die wir im Jahr führen. Und das braucht unsere Demokratie auch. Bei aller Klarheit und aller Einigkeit, wenn es um die Grundlagen von Staat, Demokratie und Rechtsstaatlichkeit geht, ist es, glaube ich, wichtig, dass wir in der Sache heftig miteinander streiten und den Menschen in einer pluralen Demokratie auch unterschiedliche Angebote machen.

Sprecher 12: Erstaunlicherweise stimmt es zu.

Sprecher 14: Heute Abend ist Kelt-Harmonie ein. Nein, nein, nein.

Sprecher 12: Ich meine, Max Weber hat mal drei Begriffe genannt, was gute Politik auch macht. Verantwortung, Leidenschaft und Augenmaß. Heute war viel Leidenschaft, aber wenn es darauf ankommt, geht es auch um Verantwortung und um Augenmaß. Aber nochmal, in der Sache ist Streit gut, auch Zuspitzung gehört dazu, das wäre ja sonst ein bisschen aseptisch. Und es gab übrigens in der deutschen Geschichte schon heftigere Schlagabtäusche, wenn man so 70er-Jahr Wiener Strauß sieht. Wichtig ist trotzdem, dass wir am Ende des Tages wissen, dass wir eine gemeinsame Grundlage haben. Denn wir haben im Moment mit Extremisten, mit Feinden der Demokratie zu tun. Und ich glaube, wir sind miteinander trotz aller Auseinandersetzungen froh, dass... Gerade die Mitte der Gesellschaft aufsteht und dagegen auch eine klare Meinung hält. dass es keine great silent majority ist, sondern das ist wirklich für viele jetzt reicht bei diesem Extremismus. Und ich glaube, das freut uns gemeinsam bei allen sachlichen Unterschieden. Genau, so ist es.

Sprecher 8: Sie saßen neben Friedrich Merz und jetzt meine Frage an Sie. Hat er ein Kinn aus Glas?

Sprecher 13: Nein, natürlich nicht. Also ausgerechnet Friedrich Merz. Nein, er ist einer, der austeilen und einstecken kann, genauso wie es sich gehört. Aber ich fand es jetzt ehrlicherweise auch nicht ganz besonders dramatisch. Und ich habe diesen Einwurf des Bundeskanzlers wirklich auch nicht verstanden, weil Friedrich Merz hat den Namen Olaf Scholz ja nicht ein einziges Mal in seiner Rede verwendet.

Sprecher 2: Olaf Scholz, leidenschaftlich kämpferisch, Bravo-Rufe aus der SPD. Herr Heil, ist das jetzt der Start des letzten Aufbäums oder der Comeback von Olaf Scholz?

Sprecher 12: Nein, bekanntlicherweise ist der Bundeskanzler der Brasilianer unter den Hanseaten.

Sprecher 13: Das sagt aber viel über die Hanseaten aus.

Sprecher 12: Nichts gegen Hanseaten. Das sind ganz vernünftige Leute, aber wir Norddeutschen sind nicht immer so im Herz auf der Zunge. Und das ist auch wichtig, man muss präzise sein in der Politik. Und das war der Kanzler heute auch in den Themen, die er angesprochen hat, um die es geht.

Sprecher 15: Volker Wessing, FDP. Geben Sie uns in diesem konstruktiven Medienunternehmen Table Media eine Hoffnung, dass sich die GDL und die Bahn doch noch rascher einigen, als manche glauben? Aber ja, die sitzen jetzt zusammen und verhandeln. Das war das, was ich wollte, weil nicht miteinander reden und streiken, die Leute blockieren, das war nicht so cool. Was Herr Wesselski will, haben wir ja alle verstanden. Aber am Ende ist die Lösung immer der Kompromiss, der führt zum Ausgleich. Ende auch zum konstruktiven Miteinander.

Sprecher 2: Sie sind nicht nur Verkehrsminister, sondern auch noch FDP-Politiker.

Sprecher 15: Ich dachte Digitalminister.

Sprecher 2: Das auch. Aber wenn wir damit jetzt anfangen, hören wir gar nicht mehr auf, Herr Wissing. Aber ich frage wenigstens den FDP-Politiker noch, kommen jetzt 20 Monate Wahlkampf in der Ampel oder wird doch noch richtig Politik gemacht und noch das eine oder andere Problem gelöst?

Sprecher 15: Ich mache schon seit zwei Jahren richtig Politik.

Sprecher 2: Ach, Sie sind das?

Sprecher 15: Ja gut, habe jetzt nicht vor, viel zu ändern. Wir haben immer noch eine engagierte, ambitionierte Agenda abzuarbeiten, machen das sehr motiviert und kommen gut voran.

Sprecher 2: Ja, das war ein kleiner Ausschnitt unseres Neujahrsempfangs. Sie lesen auf table.media heute eine schöne Zusammenfassung, was hier passiert ist. Und natürlich sehen Sie auch alle Impressionen und Fotos des Abends, falls Sie sich dafür interessieren. Ansonsten geht es, was die Themen betrifft, in den nächsten Tagen und Wochen mit dem einen oder anderen, der hier bei uns zu Gast war, im Podcaststudio weiter. Seien Sie gespannt, freuen Sie sich darauf. Helene und ich sind ganz schön fertig von diesem Abend, aber es war der erste Neujahrsempfang von Table Media. Wir sind vier Wochen jetzt schon an Bord. Danke Ihnen auch für die Treue als Hörer und Hörerin dieses Podcasts. Sie hören noch von uns.

Sprecher 4: So lieber Michael, und jetzt übernehme ich wieder und begrüße sehr herzlich am Tisch unseren heutigen Gast bei Table Today, Thomas de Maizière. Herr de Maizière, man muss ihn eigentlich gar nicht vorstellen. Er ist ehemaliger CDU-Politiker, jetzt Vorsitzender der Telekom-Stiftung. Zwölf Jahre lang war er Bundesminister unter Angela Merkel. Und seit sage und schreibe 50 Jahren ist er in der Politik. Damals hat er angefangen als 20-Jähriger im RCDS, war dann in den neuen Bundesländern Staatssekretär und Landesminister und hat die Geschicke dieser Republik in verschiedener Hinsicht mitgeprägt. Hallo Herr de Maizière.

Sprecher 16: Vielen Dank Frau Bobowski für die Begrüßung und jetzt zur Sache.

Sprecher 4: Jetzt unbedingt zur Sache. Ich möchte mit Ihnen sprechen über die Unzufriedenheit im Land und die Frage, ob das eigentlich zu den wahren Zuständen passt. Wir haben jetzt gesehen, die Bauern protestieren. Die Unzufriedenheit mit der Ampelregierung ist riesengroß. Unternehmen ziehen ihre Investitionen aus Deutschland ab. Die Stimmung ist insgesamt mies und ich frage mich manchmal, ob die Stimmung nicht viel schlechter ist als die Lage. Wie sehen Sie das?

Sprecher 16: Wir kennen ja von Umfragen, so war es auch beim Jahreswechsel wieder, dass gesagt wird, auch mir persönlich geht es ganz gut, aber dem Land geht es schlecht. Nur diese Diskrepanz hatten wir lange nicht. Und sicher ist die Stimmung schlechter als die Lage. Aber die Lage ist auch schlecht. Ampel sagt selbst, dass sie nicht gut regiert. Muss ich das gar nicht sagen. Was mich ein bisschen schadenfroh freut, in Anführungsstrichen, obwohl es bitter ist. Ich habe immer die These vertreten, dass gutes Regieren die halbe Miete für einen Wahlerfolg ist. Jetzt sieht man, dass jedenfalls der Umkehrschluss richtig ist. Schlechtes Regieren hilft jedenfalls mal nicht. Und es ist ja wenig zu sehen, dass es besser wird.

Sprecher 4: Sagen Sie mal, was ist denn das größte Problem der Ampelregierung? Bleiben wir kurz beim schlechten Regieren.

Sprecher 16: Zunächst haben sie ein Krisen- und Konfliktbündel zu bewältigen, was seinesgleichen sucht. Krieg, Energiekrise, alles was damit zusammenhängt. Aber anstatt dass sie sich da zusammenreißen, laufen sie auseinander. Das liegt vielleicht daran, dass der Traum, dass drei unterschiedliche Parteien eine neue Geschichte erzählen und einen Fortschritt für Deutschland und so machen, dass das ein gutes Narrativ war, aber nicht substanziell unterlegt. Dann fehlt es an Disziplin, eigentlich aller Beteiligten. Es gibt auch zu viele Erwartungen daran, was Politik überhaupt lösen kann.

Sprecher 4: Da wollte ich gerade mal einsetzen. Erwartung an Politik, ist das nicht völlig übersteigert mittlerweile, die Erwartungshaltung, was Leute alles einfordern, sodass man zu dem Schluss kommen kann, es ist in Deutschland fast nicht möglich, überhaupt irgendwas zu ändern, jedenfalls dann nicht, wenn es mit einer Kürzung einhergeht.

Sprecher 16: Es fängt ja im Kleinen an. Im Wahlkreis mir Erzieherinnen gesagt haben, dass Eltern sagen, ja, wissen Sie, also Schnürsenkel zumachen und Knöpfe zumachen bei einer Jacke, das könnten Sie eigentlich machen. Und wir haben eigentlich keine Zeit, zu Hause gemeinsam zu essen, aber es wäre schön, wenn Sie im Kindergarten gemeinsam anfangen zu essen und aufzuhören, dann lernt man das so. Also die Abgabe von privaten Kernkompetenzen an irgendwie staatliche Institutionen ist weit vorangeschritten. Das überträgt sich auf die großen Dinge. Die Schule soll Erziehungsdefizite lösen, der Staat soll alle sozialen Probleme lösen, externe Schocks dürfen bei Bürgerinnen und Unternehmen nicht ankommen, Unternehmen erwarten, dass Geschäftsmodelle nur funktionieren mit dauerhaften Subventionen. Wenn eine vorübergehende Maßnahme eingeführt wird, die eine Mehrwertsteuersenkung in der Krise, dann ist es selbstverständlich, dass die verlängert werden muss. Und das ist auch hervorgerufen, diese Anspruchshaltung, diese übertriebene Anspruchshaltung mit einer Erwartung und Versprechung, die von der Politik geweckt worden ist.

Sprecher 4: Genau, ich zitiere mal den Kanzler, you never walk alone, bedient es nicht vollständig dieses Gefühl, für mich wird gesorgt, deswegen muss ich gar nicht Verantwortung für mich selber übernehmen.

Sprecher 16: Ja, You Never Walk Alone ist schon okay. In dem Sinne, wir lassen dich nicht alleine. Aber bei einem Doppelwurms und niemandem wird es schlecht. Wenn wir eine große Krise haben, das kennen wir auch im Privaten, dann wird es nicht so schön sein wie vorher. Oder man gewinnt Kräfte, aber verliert. Und diese Haltung, dass nur mit Anstrengung aus der Krise herausgekommen wird, dass jeder sich anstrengt, lassen Sie mich ein Beispiel nennen, ich will ja gar nicht so sehr die Ampel beschimpfen. Wir haben in Deutschland das mit einem anderen Land geringste Arbeitsstundenvolumen in der Europäischen Union. Knapp 1400 Stunden. Die Franzosen, die Italiener, die Griechen, alle arbeiten mehr als wir. Und wir haben die törichteste Teilzeitquote. Das heißt, zu glauben, dass man Fachkräftemangel löst, dadurch, dass die Politik irgendwelche Menschen aus aller Herren Länder irgendwie durch ein Zuwanderungssitz herbeiführt, Wir brauchen Zuwanderung, aber das muss man bei einem selber anfangen. Und wenn die Regierung jetzt Geld einspart, hätte ich mir auch gewünscht, dass sie gesagt hätte, wir fangen bei uns an, jetzt nicht bei den Gehältern der Minister, das ist Symbolpolitik, aber Stellenabbau in den Ministerien, Beauftragtenabbau und so. Selbst wenn das nicht so viel Geld bringt. Das Zeichen, jeder muss einen Beitrag leisten und ich erwarte erstes was von mir, nicht von einer. Das braucht das Land.

Sprecher 4: Woher kommt denn diese Bresigkeit? Vieles wäre ja möglich, also zum Beispiel Bürokratieabbau und andere Dinge, die Sie übrigens schon vor einem knappen Jahr in einem Vorschlag zu einer großen Staatsreform vorgeschlagen haben, der leider, so muss man sagen, ziemlich verpufft ist, was auch daran liegt, dass sich niemand dran macht. Wie erklären Sie sich das? dass das, obwohl die Menschen sich so sehr beschweren und beklagen, über die Verhältnisse im Land, am Ende niemand vorangeht und die Dinge anfängt.

Sprecher 16: Wohlstand führt zu Bequemlichkeit.

Sprecher 4: Das geht uns noch zu gut.

Sprecher 16: Das kann man im Sport sehen. Sehr erfolgreiche Leistungssportler in allen Sportarten, insbesondere im Fußball, sind deswegen erfolgreich, weil sie über den Fußball mit ganz viel Anstrengung, einen Sozialaufstieg schaffen, auch einen ökonomischen Aufstieg. Wohlstand macht ein bisschen träge, das ist das Erste. Das Zweite ist, die Bürokratie ist ja nicht dadurch entstanden, dass Beamte morgens ins Amt kommen und sagen, wie kann ich jetzt mal Bürger quälen, sondern das beruht immer auf Forderungen, auf Sicherheit. Im Grunde wollen wir alles voraus und sicher haben und natürlich gefördert. Ich war vier Jahre im Abklingbecken im Bundestag im Finanzausschuss als einfacher Abgeordneter. Die sind für Steuerpolitik zuständig. Ich habe in dieser Zeit nicht einen einzigen Vorschlag aus der deutschen Wirtschaft. Zur Steuervereinfachung bekommen, aber bestimmt 20 oder 30 Vorschläge zur Steuerkomplizierung. Warum? Weil daraus für die betroffene Wirtschaft ein Vorteil entstand. So ist das entstanden. Mir hat mal ein Bundesminister gesagt, wir haben uns irgendwie verheddert, alle gemeinsam. So, und deswegen, da muss man jetzt irgendwie raus. Und dann kommt noch hinzu, dass... Die Krisen dazu führen, dass jeder und jede in Verantwortung so beschäftigt ist, dass es kaum Zeit gibt, sich mit grundlegenden Dingen wie unserem Staatsausbau zu beschäftigen. aufbau zu beschäftigen. Das ist so ein bisschen wie, wir müssen eigentlich mal den Keller aufräumen. Das können wir aber auch noch nächstes Wochenende machen.

Sprecher 4: Ja, und dann ist am nächsten Wochenende schon wieder irgendwas Neues los. Interessant der Punkt, dass Sie die Wirtschaft kritisieren, die ja ihrerseits sehr stark auch die Verantwortung beim Staat sieht und sagt, die müssen Rahmenbedingungen schaffen, die müssen Subventionen zur Verfügung stellen, die müssen dies, das, das machen und dürfen auf gar keinen Fall irgendwas kürzen. Das heißt, Sie sagen, Ihr Appell geht, Wirtschaft, bitte übernehmt ihr doch auch mal Verantwortung für euch und schreit nicht immer durch, vertreten durch eure Lobbyisten. Was eure Partikularinteressen sind. Habe ich Sie da richtig verstanden?

Sprecher 16: Jeder und jede muss bei sich selber anfangen, auch die Wirtschaft. Als Herr Habeck vorgeschlagen hat, ein Industriestrompreis für einige wenige industrieintensive Subventionen, war die erste Antwort des Bundesverbandes der deutschen Industrie, geht nicht für alle. Ja, ich meine, so kann man nicht gezielte Förderung machen. So, deswegen glaube ich schon, dass Wirtschaft auch bei sich anfangen kann. Ich sage ein anderes Beispiel. Wahrscheinlich die Hälfte der bürokratischen Vorschläge und Vorschriften stammt von Selbstverwaltungsorganisationen, der Wirtschaft und der Selbstständigen, die Berufsgenossenschaften. Die ärztlichen und zahnärztlichen vereinigen und viel andere mehr. Wie unser Bürostuhl so ist, dass unser Rücken nicht wehtut. Wie die Bürolampe sein muss, damit unsere Augen gut bleiben. Klammer auf, im Homeoffice, aber nicht, Klammer zu. Das sind alles Regelungen, die hat nicht der Staat davon, die Berufsgenossenschaft. Also nur zu. Zu, das sind keine staatlichen Institutionen. Jeder soll bei sich anfangen. Der Staat hat verdammt viel zu tun. Aber jeder für sich auch.

Sprecher 4: Ja, und jetzt kommen wir nochmal zur Rolle des Staates, wo Sie ja, ich habe es gesagt, zwölf Jahre lang mitgewirkt haben an verschiedener einflussreicher Stelle als Kanzleramtsminister, als Innenminister, als Verteidigungsminister. Schwingt da jetzt auch ein bisschen Selbstkritik mit, dass Sie damals diese Projekte selber nicht angestoßen haben und diese Reform, die ja Ihrer Meinung nach überfällig sind?

Sprecher 16: Jede Institution, auch jedes Unternehmen weiß, dass man von Zeit zu Zeit eine Organisationsreform braucht. Man darf das nicht zu oft machen, dann ist zu viel Unruhe. Die letzte große, die wir hatten, waren die beiden Föderalismusreformen. Übrigens mit der Einführung der Schuldenbremse. Die waren meines Erachtens besser als ihr Ruf, aber es war jedenfalls eine grundlegende Überarbeitung dessen, wie unser Staat arbeiten soll. So, das können Sie jetzt nicht alle drei Jahre machen. Trotzdem ist die Zeit jetzt einerseits reif, andererseits... Ist schon so. Wir haben auch zu lange im System und zu wenig am System gearbeitet. Ich habe das im Bereich der Sicherheitsarchitektur gemacht. Viele Vorschläge, da ist auch einiges umgesetzt worden, nicht genug. Das lag an Besitzständen, die keiner abgeben wollte, auch die Bundesländer nicht. Aber jetzt merkt eigentlich jeder, dass es dran ist. Und ich würde mal sagen, die Partei, die sagt, wir bringen diesen Staat wieder in Ordnung, Und zwar so, dass es für das Funktionieren des Staates gut ist und nicht, dass das System zerschlagen wird, wie die AfD das behauptet. Oder andere. Das wäre sogar der Sache nach gut und taktisch gut.

Sprecher 4: Ein Appell, dass wir alle bei uns selber anfangen und mehr tun sollen. Ich hätte mir eine letzte Frage noch an Sie. Sie haben die Ampel scharf kritisiert. Welche Hoffnung setzen Sie auf Friedrich Merz? Wird Deutschland ein besseres Land, wenn er Kanzler wird?

Sprecher 16: Ich habe die Ampel scharf kritisiert, aber auch darauf hingewiesen, was sie für ein Problembündel zu bearbeiten hat. Das muss man erstmal hinkriegen. Ich habe schon großen Respekt vor der physischen und psychischen Belastung aller Beteiligten, namentlich des Bundeskanzlers und des Chefs des Bundeskanzlers, in dessen Lage ich mich noch ganz gut reinversetzen kann.

Sprecher 4: Ein Wort zu Friedrich Merz, bitte.

Sprecher 16: Friedrich Merz ist dabei, die Union gut aufzustellen. Das ist nicht leicht. Wir haben 16 Jahre regiert. Der Vorwurf, ihr hättet alles früher besser machen können, klebt noch eine Weile. Ist auch sehr schwer nach 16 Jahren, zwei Jahre später schon. Regierungsübernahme fähig zu sein im Urteil der Bürger, das sind wir noch nicht. Deswegen muss daran gearbeitet werden. Also die Kritikseite an der Regierung funktioniert schon ganz gut. Die Kompetenzseite muss noch weiterentwickelt werden. Muss es jetzt aber auch.

Sprecher 4: Ist er der richtige Kandidat?

Sprecher 16: Ich will jetzt zu Personal gar nichts sagen, dann bleibt nur das übrig von unserem Gespräch und das wäre schade.

Sprecher 4: Das wäre wirklich schade. Wir haben uns sehr gefreut, dass Sie heute hier am Tisch von Table Media Platz genommen haben. Vielen Dank, alles Gute für Sie.

Sprecher 16: Sehr gerne.

Sprecher 2: Zum Nachtisch serviere ich Ihnen jetzt einen Mann, der durchaus umstritten ist. Mancher hält ihn für einen verrückten, rechtskonservativen Trump-Unterstützer. Andere halten ihn für das unternehmerische Genie auf der Welt. Elon Musk, von ihm ist natürlich die Rede und sein Start-up-Unternehmen Neuralink hat jetzt was Bahnbrechendes gemacht, nämlich erstmals in der Geschichte der Menschheit einem Patienten ein Gehirnimplantat eingesetzt. Erste Ergebnisse zu dieser neuronalen Aktivität seien sehr vielversprechend, sagen die Experten und sagt sogar die US-Arzneimittelbehörde FDA. Also da ist was wissenschaftlich Relevantes entstanden unter der Fittiche von Elon Musk. Egal wie er auf X oder ehemals Twitter auch sonst so kommuniziert, das müssen wir ernst nehmen und das tun wir natürlich auch. Denn die gute Nachricht dieser ersten kleinen Forschungsidee ist es natürlich später, es Menschen zu ermöglichen, mit solchen Chips Lähmungen oder andere nachhaltige Gehirnschäden zu therapieren. Und das wäre natürlich eine bahnbrechende Geschichte. Und deswegen haben wir bei Research Table, unserem Fachbriefing für alle Forschungsthemen, uns diesem Thema nochmal angenommen. Ich empfehle es Ihnen dringend. Gehen Sie mal auf table.media und lesen Sie, was die Kolleginnen und Kollegen vom Research Table dazu herausgefunden haben. Das ist wirklich eine gute Nachricht. Den Neujahrsempfang haben wir gut überstanden, diesen Podcast hoffentlich für Sie auch. Ich bedanke mich bei Ihnen für Ihre Treue als Hörerinnen und Hörer und freue mich natürlich wie immer auf Feedback an Chefredaktion at Table Media oder Sie unterlassen uns in einem Podcastkanal bei Apple oder Spotify einfach einen kurzen Kommentar, eine kleine Bewertung. Wir freuen uns darüber und sind selbstverständlich morgen an dieser Stelle wieder für Sie da. Ich freue mich darauf. Bis dahin, bleiben Sie entspannt. Ihr Michael Bröker.

Sprecher 1: Table Today mit Michael Bröker und Helene Bubrowski.