Gibt es das große Klinik-Sterben, Herr Lemke?
Dauer: 23:34

Gibt es das große Klinik-Sterben, Herr Lemke?

Unmittelbar vor Beginn der Gesundheitsministerkonferenz von Bund und Ländern an diesem Montag warnt der Vize-Chef der Deutschen Krankenhausgesellschaft und Vorstandsvorsitzende der Sana Kliniken AG, Thomas Lemke, vor mehr als 100 Insolvenzen bei den Krankenhäusern in diesem Jahr. 

  

„Wenn nicht schnell etwas passiert, werden dieses Jahr deutlich mehr als 100 Kliniken in die Insolvenz gehen. Die Lage wird immer angespannter. Es erwischt längst auch kommunale Häuser“, sagt Lemke. „Das ist schlichte Mathematik.“ Die Kosten seien vielfach seit Jahren höher als die Erlöse. Aktuell sind Lemke zufolge bereits 45 Kliniken in der Insolvenz, der Steuerzahler zahle dafür bereits eine halbe Milliarde Euro Insolvenzausfallgeld. 

 

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Transkript

Sprecher 1: Table Today mit Michael Bröker und Helene Bubrowski.

Sprecher 2: Herzlich willkommen bei Table Today, dem Podcast mit den entscheidenden Fragen des Tages. Heute wollen wir zum Beispiel wissen, ob die Krankenhäuser in diesem Land eigentlich noch zu retten sind oder wie viele am Ende übrig bleiben. Wir fragen außerdem, ob die Sarah-Wagenknecht-Partei, die sich am Wochenende gegründet hat, die Parteienlandschaft nachhaltig verändern kann. Und wir sagen Ihnen ganz zum Schluss in unserem kleinen Nachtisch, warum Sie das iPhone mal wieder beiseite und den Füller in die Hand nehmen sollten. Zum Tischgespräch bitten wir heute den CEO der Sana-Kliniken und Vizepräsidenten der Deutschen Krankenhausgesellschaft, Thomas Lemke, sein Name. Mit ihm sprechen wir am Tag der Gesundheitsministerkonferenz über die neue Krankenhausreform von Minister Lauterbach. Jetzt geht es los mit der Partei, die neben FDP und SPD ihren großen Auftritt am vergangenen Wochenende hatte, ihren Gründungsparteitag, das Bündnis Sarah Wagenknecht. Dazu lassen wir zunächst mal einen ganz alten Sozi kurz ans Mikrofon treten.

Sprecher 3: Ich habe wirklich nicht da gesessen und gebettelt. Hoffentlich darf ich auch ein paar Worte wechseln. Die Frage war, wer redet denn ganz am Schluss? Es hat sich keiner gemeldet. Einer hat dann gesagt, das könnte ja dann der Oskar Lafontaine machen. Da hat meine Frau noch gesagt, ja, das könntest du eigentlich machen. Und wenn die Frau das sagt, der Saarländer steht immer unter Pantoffeln, macht das, was die... Frau sagt, bitte also um Verständnis, dass ich das mache.

Sprecher 2: Sarah lässt Oskar reden und ich lasse erstmal Helene reden. Einen schönen guten Tag, liebe Helene Bubrowski.

Sprecher 4: Michael, über diesen Vergleich muss ich jetzt noch länger nachdenken, aber wir lassen es mal so stehen. Ich freue mich auf unser Gespräch. Guten Tag.

Sprecher 2: Auf geht's, hier ist Table Today. Heute ist Montag, der 29. Januar. Schön, dass Sie am Tisch dabei sind.

Sprecher 5: Ich bin manchmal ein bisschen zu ehrlich, aber ganz im Ernst, ich mag es einfach klar, ohne Überraschungen. Genau deshalb bin ich bei Frank, dem einfach Mobilfunkanbieter. App runterladen, Tarif bestellen, fertig. 20 GB für 10 Euro. In bester D-Netz-Qualität. Monatlich kündbar, keine versteckten Kosten. Und das Beste ist Frank for Friends. Ich schicke einfach meinen Code an meine FreundInnen. Und jedes Mal, wenn jemand darüber startet, kriegen wir alle dauerhaft extra Datenvolumen. Kein Drama, keine Geheimnisse. Also, probier's mit Frank. Ist ehrlich einfacher.

Sprecher 2: Am Wochenende drei Tage, drei Parteien. Die FDP und die SPD hatten ihren Europaparteitag. War da was Spannendes dabei für uns jetzt hier heute Morgen, Helene?

Sprecher 6: Spannend, weiß ich nicht. Unterhaltsam fand ich den neuen Werbeslogan für Marie-Agnes Strack-Zimmermann, die FDP-Spitzenkandidatin für die Europawahl. Das war nämlich Euro-Fighterin und ein wirklich spektakuläres Foto von ihr. Das hat mich sehr amüsiert. Der Rest war erwartbar, genauso bei der SPD, oder? Fandst du da was spektakulär?

Sprecher 2: Nee, sehe ich ganz genauso. Die FDP hofft auf die super beliebte Marie-Agnes Strack-Zimmermann und die SPD hofft mal wieder auf ihr einziges Wahlprogramm, alle gegen die AfD.

Sprecher 6: Ja, Katharina Barley, die Spitzenkandidatin mit fast 100 Prozent gewählt. Auch da habe ich Zweifel, ob diese nach außen getragene Selbstvergewisserung eigentlich wirklich... Der Partei am Ende hilft oder ob die nicht einfach mal jetzt mit bei den schlechten Umfragewerten, die sie haben, stärker in kritische Selbstbetrachtung eintreten sollten. Aber auch das werden wir bei Zeiten diskutieren.

Sprecher 7: Liebe Freundinnen und Freunde.

Sprecher 6: Heute reden wir über Sarah Wagenknecht, oder?

Sprecher 7: Wir sind keine Linke 2.0. Und das muss auch für unseren Umgang miteinander gelten. Lasst uns eine Partei des Miteinanders werden und nicht eine Partei der Intrigen und des Postengeschachers wie alle anderen.

Sprecher 2: Die spannende Parteigründung am vergangenen Wochenende. Die erste Partei, die mit dem Namen ihrer Spitzenkandidatin gleich in den Parteinamen geht und die immerhin laut Umfragen acht bis... 12 Prozent bei nationalen Wahlen kriegen könnte. Warum? Weil sie wunderbar geschickt populistisch am rechten und am linken Rand abgreifen. Sozialpolitisch links, migrationspolitisch rechts, national und sozialistisch, könnte man sagen, Helene?

Sprecher 6: Ja, dieses Begriffspar ist natürlich historisch belastet. Man kann jetzt Sarah Wagenknecht nicht unterstellen, dass sie da die Nachfolgepartei der Nationalsozialisten werden will. Aber natürlich, sie hat gesehen, dass es ein großes Potenzial gibt am rechten und am linken Rand. Und daraus will sie jetzt das Beste machen.

Sprecher 2: Die wahre Huf-Eisen-Partei und irgendwie hat sie natürlich gerade einen Punkt in dieses Thema Friedenspartei, was sowohl Sarah Wagenknecht als auch Oskar Lafontaine aufgemacht haben am Wochenende, finde ich beeindruckend. Denn es gibt eine relevante Zahl an Menschen da draußen im Land, die eben nicht mit dem vermeintlichen Kriegstreiber Olaf Scholz, und ich sehe es ganz anders, aber die so argumentieren, nicht mit ihm gehen wollen. Diese Alice Schwarzhas, diese Welt. Ich glaube, die wollen und könnten sich bei Frau Wagenknecht wiederfinden, egal ob sie damit eigentlich auch der Ukraine in den Rücken fallen.

Sprecher 7: Nein zu Krieg und nein zu Waffenexporten in Kriegsgebiete. Das muss gestoppt werden.

Sprecher 8: Von deutschem Boden soll niemals wieder Krieg ausgehen.

Sprecher 6: Wobei diese Anleihe bei großen Sozialdemokraten wie Willy Brandt, der Friedenspartei, ist natürlich hochgradig missbräuchlich. Gerade wenn wir auf die Ukraine schauen, weil es ja diesen Menschen in Wahrheit gar nicht um nachhaltigen, echten Frieden geht, sondern es geht um die Unterwerfung der Ukraine unter den russischen Revanchismus. Das ist für mich kein Frieden. Deswegen finde ich diesen Begriff schwierig, den die für dich... Also ich würde jedem empfehlen, das nicht einfach unkritisch zu übernehmen, den Begriff der Friedenspartei.

Sprecher 2: Und das zweite Momentum dieser Partei scheint ja so ein bisschen zu sein, wir sind die Heimatpartei, die Schutzpartei der Arbeitnehmerinnen und Rentner und aber auch Transferempfänger und gegen diejenigen, die von draußen kommen, die Zuwanderer und die vielleicht von unserem Sozialstaat auch profitieren wollen. Das hat wirklich was Ressentiment geladenes und trotzdem, glaube ich, verfängt so etwas.

Sprecher 6: Ja, das ist eine interessante Mischung, eine Partei, die sich als links versteht, die wirtschaftspolitisch ganz klar auch links ist und in der Migrationspolitik einen deutlichen rechten Kurs fährt. Mindestens mal CDU, aber eigentlich noch darüber hinaus, noch weiter rechts. Und übrigens auch in anderen gesellschaftlichen Themen. Also eine klare Anti-Wokeness-Partei, kann man sagen. Also das ist ja Sarah Wagenknechts alte Agenda. Sie findet, Gendern und all diese Fragen rund um Diskriminierung lenken eigentlich von den wahren Problemen ab, sind nicht die Probleme der Arbeitnehmer. Davon hält sie alles gar nichts. Sie will im Grunde genommen die Linkspartei von diesen ganzen gesellschaftspolitischen Fragen. Wenn man so will, befreien.

Sprecher 2: Ja, irgendwie habe ich das Gefühl, diese Partei ist Gerhard Schröder pur. Der Slogan Vernunft und soziale Gerechtigkeit, den kenne ich auch schon aus 1998. Das war auch Schröder. Bei der Russland-Politik sind sich die beiden... irgendwie auch einig. Und die Anti-Wokeness, die Lifestyle-Linken hat auch schon Gerd Schröder immer gegeißelt. Es ist ein interessantes Experiment in der Parteiendemokratie. Und Helene, es sind erstaunlich viele ältere Männer aus der Wirtschaft, die diese Frontfrau Sarah Wagenknecht toll finden, obwohl sie eigentlich ihren sozialpolitischen Kurs gar nicht gut finden könnten. Ein interessanter Mix an Fans, die diese Frau einsammeln kann.

Sprecher 6: Ja, am Wochenende habe ich einen getroffen, das war sehr interessant. Während ich an der Theke des Traditionsfischladens Rogatzki in Charlottenburg stand, war neben mir ein älterer Herr im Anzug, freundlich, der dann mich ansprach und sagte, ja, ich kenne Sie ja aus dem Fernsehen und so weiter. Dann haben wir kurz geredet und dann unterbrach er das Gespräch und hatte einen Kopfhörer im Ohr und sagte, tut mir leid, jetzt spricht Sarah, ich muss jetzt aufhören.

Sprecher 7: Wir haben Großes vor. Für unser Land und für die Menschen, die große Erwartungen in uns setzen. Wir sind es ihnen schuldig, unsere Sache gut zu machen.

Sprecher 6: Ja, fast schon ehrfurchtsvoll hat er auf die Parteigründerin verwiesen. Es hat mich überrascht und andererseits wiederum nicht, denn warum ist Sarah Wagenknecht auch in den vergangenen Jahren, wo sie in der Linkspartei keine wichtige Rolle mehr spielte, so oft in Talkshows gewesen? Weil sie Quote macht, weil die Menschen ihr gerne zuhören. Viele finden sie zwar kalt und nicht gerade so sympathisch, aber sie schalten ein.

Sprecher 2: Die Genossin der Bosse, auch das werden wir hier kritisch weiter prüfen und darüber berichten. Selbstverständlich die Partei Sarah Wagenknecht, das Bündnis Sarah Wagenknecht, hier in einer ersten Einschätzung bei Table Today. Vielen Dank, liebe Helene. Danke dir, Michael. Die Gesundheitspolitik ist eins der umstrittensten Felder in der deutschen Politik. Es geht um Milliarden, es geht um Einflussmacht und am Ende vor allem natürlich um die Versorgung der Patienten. Karl Lauterbach, der Bundesgesundheitsminister, legt sich gerade reihenweise sowohl mit gesetzlichen Krankenkassen als auch mit Ärzteverbänden, vor allem aber auch mit den Kliniken an, denn er will die große Krankenhausreform. Darüber wollen wir heute bei Table Today reden. Was ist da los? Manche sagen schon, das könnte das nächste Heizungsgesetz dieser Ampel werden, denn der Streit darum ist groß. Und ich dachte, wir reden mit einem, der sich auskennt, weil er selbst Kliniken betreibt. Das ist Thomas Lemke, CEO der SANA. Und die SANA ist ein großer Gesundheitsdienstleister und Versorger in Deutschland, der 34.000 Beschäftigte hat und 3 Milliarden Euro Umsatz macht. Unter anderem gehören zu diesem Konzern rund 45 Kliniken. Einen schönen guten Tag, lieber Herr Lemke.

Sprecher 3: Herr Bruegger, ich grüße Sie. Hallo.

Sprecher 2: Wo ist das Problem? Wir haben 1800 Kliniken in Deutschland und damit mehr pro Einwohner als fast jedes andere europäische Land. Alleine 26 sind es pro eine Million Einwohner in Brandenburg. Und da könnte man doch mal sagen, ja, endlich gibt es da ein Gesundschrumpfen. Wir brauchen nicht jede Wald- und Wiesenwegklinik.

Sprecher 9: Lieber Herr Brücker, an dieser Erkenntnis gibt es überhaupt gar keine Zweifel, dass wir in Deutschland im Durchschnitt zu viele Krankenhausbetten haben. Das ist aber keine Erkenntnis, die Herr Lauderbach schon hatte, sondern die haben wir alle gemeinsam viele Jahre vorher gehabt. Die Frage ist jetzt aber, wie kommen wir von diesen Kapazitäten zu einem Maß, was für die Patienten akzeptabel ist und wo wir eine stabile Gesundheitsversorgung auch in den nächsten Jahren, insbesondere im ländlichen Raum, haben werden.

Sprecher 2: Okay, dann machen wir es mal konkret. Es gibt Experten, die sagen, eigentlich reicht ein gutes Krankenhaus für 200.000 Einwohner. Dann hätten wir immer noch eineinhalb mal so viel wie in Dänemark, obwohl die Leistungsdaten aus Dänemark, also Versorgung zum Beispiel nach Herzinfarkt oder Schlaganfall, deutlich besser sind als unsere. Also es geht mit weniger, wenn die dann besser sind. Würden Sie sich dieser Arithmetik anschließen?

Sprecher 9: Grundsätzlich stimmt diese Arithmetik, dass weniger Krankenhäuser und eine Konzentration zu einem besseren Outcome führt. Das ist aber eine ganz wesentliche Bedingung, die die Kollegen in Dänemark mittlerweile ja auch für sich erkannt haben, dass wir nämlich in Deutschland die Strukturen umbauen müssen, nämlich die Frage, wie verhält es sich zwischen einer ambulanten und einer stationären Versorgung. Und wenn immer das dänische Beispiel genannt wird oder auch andere Länder, dann vergessen wir immer, dass wir in Deutschland zwei Versorgungskreise haben, stationär und ambulant. Und das sind uns die anderen Länder, die genannten voraus. Und insofern ist ein Abbau der Kapazitäten immer mit der Frage verbunden, wo bauen wir denn dann adäquat andere Kapazitäten, nämlich im ambulanten Bereich, auf. Das ist ein Prozess von Jahren, das geht nicht über Nacht.

Sprecher 2: Ah, okay. Also Ihre Kritik ist erstmal, dass sich Lauterbach mit der Strukturreform Klinikgesetz erstmal in eine Art Reduktion der stationären Versorgung begibt, ohne einen Weg aufzuzeigen, wie wir die ambulante Versorgung verbessern können.

Sprecher 9: Das ist ein Thema, die Experten sagen ja, wir brauchen eigentlich keine Klinik- oder Krankenhausreform, wir brauchen eine Gesundheitsreform aus einem Guss. Wir müssen sozusagen ambulante und stationäre Versorgung aus einer Hand denken, weil wir gar nicht mehr die Menschen haben, die zukünftig überhaupt in diesen doppelten Strukturen arbeiten. Das ist das eine. Und das zweite ist, dass genau diese doppelten Strukturen der Kostentreiber schlechthin ist für unser Gesundheitssystem. Und das können wir und werden wir uns auch nicht mehr leisten können in Deutschland. Insofern ist auch immer das Bepidium gewesen, eine Gesundheitsreform als Ganzes zu denken und nicht nur einen Baustein herauszugreifen, den, der für die Krankenhäuser gilt.

Sprecher 2: Eine große Gesundheitsreform ist bei diesen vermachteten, finanziell bedingten Strukturen in diesem Land seit Ulla Schmidt, glaube ich, nicht mehr möglich. Ich kenne keine große Gesundheitsreform und keinen Politiker, der sie sich zutraut. Insofern ist doch die Frage, können wir die Kliniklandschaft reformieren, verbessern, ohne zugleich die große Reform zu machen.

Sprecher 9: Es geht Ihnen recht, den großen Wurf werden wir nicht hinbekommen. Wir müssen sozusagen in evolutorischen Schritten denken und nicht in revolutionären Schritten. Wir werden mit dem jetzigen Vorschlag der Reform eine zunehmende Ökonomisierung haben, weil das, was Herr Lauterbach versprochen hat, nämlich sozusagen weg von den Fallpauschalen, stimmt nicht. Wir werden auch weitere Fallpauschalen haben. Und das Thema Vorhaltefinanzierung sozusagen zu tun, wir bezahlen einfach dafür, dass eine Klinik da ist. Diese Vorhaltefinanzierung in seiner jetzigen Form ist erst vor kurzem quasi in der Luft zerrissen. Sie erfüllt nicht ansatzweise die Ziele, die wir alle haben. Es gibt ein Modell, das heißt für die Hörer ganz einfach, 40 Prozent auch zukünftig werden nach wie vor leistungsabhängig vergütet. Wenn ich kein neues Geldensystem gebe und nur umverteile, dann werden 40 Prozent über die Fixkosten vergütet und bedeutet, dass die kleineren Häuser in der Fläche noch schneller laufen müssen, weil sie sozusagen weniger Geld pro Einheit für die Mengen abhängig bekommen.

Sprecher 2: Es sagt ja niemand, dass wir in Deutschland eine schlechte Qualität in der Gesundheitsversorgung anbieten. Aber was zahlreiche Experten sagen, auch die, die die Bundesregierung beraten, ist, dass wir für die Qualität, die wir liefern, zu hohe Kostenstrukturen haben im Vergleich zu ganz vielen europäischen Ländern, die eine bessere Qualität oder Versorgung hinbekommen zu geringeren Kosten. Da sind wir uns doch einig.

Sprecher 9: Da sind wir uns einig, Herr Brücker. Und jetzt ist immer die Frage, was ist Ursache-Wirkung? Und wenn der Staat bestellt, nämlich der Staat im Sinne von der Regulator hat in den letzten zehn Jahren Anforderungen an den Betrieb von Krankenhäuser und Kliniken an Strukturen definiert, die sind weit, weit überbürden und bürokratisch. Das ist ein Kostenfaktor und ein Kostentreiber und ein ungemasener Ausweis. Und das haben eben die anderen Länder nicht. Das heißt, wir haben wieder das Phänomen, der Staat bestellt bestimmte Regeln und Strukturen, wundert sich, warum alles teurer wird und wundert sich im dritten noch darum, dass es kaum noch Menschen gibt, die dieses komplexe System überhaupt im Alltag am Leben haufen.

Sprecher 2: Machen Sie mal ein Beispiel. Nehmen Sie mal eine beispielhafte Sana-Klinik und sagen Sie, was Sie genau damit meinen, welche Teile des Umsatzes oder der Kosten eigentlich durch bürokratische Strukturen genutzt werden müssen und die aus Ihrer Sicht entfallen sollten.

Sprecher 9: Wir haben intensivste, ganz digitale Strukturvorgaben, wie konkret ein Ablauf, ein Dienstplan, wie Schichten auszusehen haben, wie Mitarbeiter einzusetzen sind in Fachabteilungen zur Versorgung von Patienten. Früher war es so, dass ein Krankenhaus frei war in der Einsetzung von Ressourcen, dort wo Bedarfe da sind, dort wo Patienten da sind. Heute ist es so, dass der Staat Ihnen vorschreibt, mit welcher Ressource Sie in welchen Fachabteilungen ganz konkret die Leistungsabbringung zu vollziehen haben. Das Denken, die Effizienz, die Innovationsprozesseffizienz ist abhandengekommen, weil wir uns nur noch nach bürokratischen Regeln in der Leistungsabbringung im Krankenhaus bewegen. Und das führt am Ende dazu, dass die Menschen nicht mehr für den Patienten da sind, sondern die Menschen sind dafür da, den Prozess bürokratisch einzuhalten. Das ist eine gravierende Fehlentwicklung, die wir aber auch in anderen Bereichen in Deutschland gesehen haben.

Sprecher 2: Das höre ich immer wieder. Mehr Zeit für den Patienten wünschen sich die Kliniken und zugleich versuchen die Kliniken und auch Sie, das kann man Ihrem Geschäftsbericht entnehmen, möglichst viel Umsatz pro Klinik zu machen. Vielleicht passt beides einfach nicht zusammen.

Sprecher 9: Doch, das passt zusammen. Wenn das Finanzierungssystem zurzeit so ausgerichtet ist, dass wir Erlöse bekommen für die Fallpauschalen, dann ist ein Anreizsystem hinterlegt, dass eine Klinik viele Fälle produzieren muss. Und wenn Sie jetzt fragen, wo ist der Stellhebel? Wenn Sie die bürokratischen Hürden abbauen und die Regeln runternehmen, dann sind die Kostenstrukturen viel schlanker und effizienter und damit ist auch der Druck auf sozusagen Leistungsabbringung zu minimieren. Das gehört ja zur Wahl dazu. Das sind ja zwei kommunizierende Röhren am Ende des Tages. Und das Fallpauschalsystem, was zu diesen vermeintlichen Fehlentwicklungen geführt hat, funktioniert ja in anderen Ländern dieser Erde auch. Allerdings haben wir hier ein ganz großes Problem. Wir haben nämlich dieses Fallpauschalsystem einfach umfunktioniert, nämlich im Hinblick auf die Frage, wer finanziert zukünftig Investitionen in diesem Krankenhauswesen, wo die Länder zuständig sind. Und wir haben sukzessive Gelder aus dem System entzogen. Und deshalb waren die Träger auch dazu gezwungen, Geld, aus diesen Fallpauschalen abzuzweigen, um es ganz plastisch zu sagen, um Investitionen zu finanzieren. Dafür war das System nicht gemacht. Und das führte jetzt zu diesem Crash, an dem wir uns jetzt befinden.

Sprecher 2: Und das führt dazu, dass wir am Ende wieder über Föderalismus reden. Wenn der Bund die Betriebskosten einer Klinik bezuschusst und die Länder aber die Investitionen der Kliniken tragen, dann ahnt man schon, dass es zwischen Bund, Länder, Geflecht wieder nur um Streitereien rund ums Geld geht und am Ende die Klinik darunter leidet, richtig?

Sprecher 9: Das ist in der Tat so. Ich glaube aber, dass wir mittlerweile an einem Punkt sind, wo die Länder selbst den Handlungsdruck ja spüren im Alltag, in ihren Regionen, in den Kommunen, dass sich Dinge verändern. Das ist das, was ich jetzt letztendlich auch mal wieder kritisiere in vielen Gesprächen. In so einer Phase braucht es jemand, der Leadership zeigt, der diesen Konsens zusammenführt, eine Perspektive für den Ordnungsrahmen gibt und auch anerkennt, dass die Länder nach wie vor für die Krankenhausplanung zuständig sind. Und es gibt so viel Willen, auf allen Seiten die Dinge nach vorne zu bringen, die Dinge auch in die richtige Richtung zu bewegen, jenseits von der Frage, wo kommt das Geld her. Aber in Krisenzeiten, in der wir jetzt leben, da braucht es auch eben jemand, der kommunizieren kann, der Konsens herbeiführen kann, der Interessen ausgleichen kann. Und das ist das, wo wir zurzeit im Gesundheitswesen leider auf verlorenen Posten stehen.

Sprecher 2: Die Schätzungen auch hier im Gesundheitsministerium laufen darauf hinaus, dass etwa... 100 Kliniken dieses Jahr in die Insolvenz gehen könnten, ohnehin ganz ohne politische Strukturen, die dort neu geschaffen werden, eine Art kalter Strukturwandel. Ist dann nicht eine Reform, die auch den kleineren Kliniken eine Grundfinanzierung gibt, nicht doch die bessere Alternative als dieser kalte Strukturwandel, wo am Ende dann auch ohnehin, ohne Steuerung, immer weniger Kliniken übrig bleiben?

Sprecher 9: Also, lieber Brügger, ich finde es in der Tat schon etwas sehr amüsant, dass das BMG in ihrer eigenen Analyse von 100 Insolvenzen spricht. Die Deutsche Krankenhausgesellschaft und wir alle, die Verantwortung tragen, haben das Thema Insolvenzen schon seit zwei Jahren in die Öffentlichkeit getragen. Da wurden wir alle belächelt und jetzt holen uns die Insolvenzen schon jeden Tag neu ein. Also das ist schon ein bisschen ein Treppenwitz der Geschichte.

Sprecher 2: Stimmt die Zahl? Wie viele sind es denn derzeit? Was glauben Sie für dieses Jahr?

Sprecher 9: Aktuell haben wir 45 Insolvenzen. Sich im Insolvenzverfahren befinden oder auch schon geschlossen worden sind, Kliniken. Und ich glaube, ich habe den Hörern meine Zahl gegeben. Wir zahlen zurzeit als Steuerzahler über eine halbe Milliarde Euro an Insolvenzausfallgeld für die Krankenhäuser. Das ist doch auch ein Wahnsinn. Auf der einen Seite haben wir kein Geld, um irgendeine Reform mit anzufinanzieren. Und auf der anderen Seite, aus einem anderen Topf zahlt der Steuerzahler jetzt Insolvenzausfallgeld. Worauf will ich aber hinaus? Natürlich ist ein geordneter Übergang viel besser als ein kalter Strukturwandel. Nur die Reform, so wie sie angedacht ist, wirkt ja erst mindestens oder frühestens im Jahr 2020. 2026, 2027. Wir tun ja gerade so, als wenn die Reform, wenn die heute verabschiedet wird, ab morgen früh alles Bestens ist. Das stimmt doch mitnichten. Und die Frage hat ja noch keiner beantwortet. Was passiert denn in der Zeit zwischen heute, dem Hier und Jetzt und dem Zeitpunkt, wo diese Reform dann möglicherweise positive Aspekte für neue Strukturreformen hat? Da bleibt ein Gap. Und in dieser Zeit, wenn da gar nichts passiert, dann haben wir nicht nur 100 Insolvenzen, sondern dann haben wir wirklich fast die gesamte Versorgung an die Wand gefahren.

Sprecher 2: Aber es wird ja dieses Jahr definitiv keine Reform geben. Mit wie vielen Insolvenzen rechnen Sie als Vizepräsident der Deutschen Krankenhausgesellschaft?

Sprecher 9: Das kann ich Ihnen so nicht sagen, weil wir unterschiedliche Trägerschaften haben. Mittlerweile erwischt es auch kommunale Häuser. Die kommunalen Häuser leben jetzt zurzeit davon, dass deren Träger Steuergeld aus den lokalen Steuersäckeln sozusagen zum Ausgleich dieser horrenden Defizite finanzieren. Und das wird davon abhängen, wer hat am Ende den längeren Atem und wie lange hält die Luft an zum Atmen.

Sprecher 2: Klartext von Thomas Lemke, dem CEO der Sana Kliniken AG direkt aus Ismaning. Ich bedanke mich für dieses Gespräch und selbstverständlich werden wir hier demnächst Karl Lauterbach begrüßen, der dann darauf antworten kann, was Sie da an Kritik formuliert haben. Ich bedanke mich und freue mich darauf, wenn wir uns an anderer Stelle wiedersehen.

Sprecher 9: Herr Brücker, vielen Dank. Grüße an die Hörer.

Sprecher 2: Zum Abschluss bei unserem Nachtisch habe ich eine wirklich gute Nachricht für Sie. Allerdings nur, wenn Sie jetzt Ihr iPhone oder Android-Handy mal zur Seite legen und das Tippen sein lassen. Denn eine Studie, die jetzt in der Fachzeitschrift Neuropsychologia veröffentlicht wurde, hat herausgefunden, dass die Handschrift medizinisch eine Wohltat sein kann. Das Schreiben von Hand, so sagen es die Autoren, können das Gedächtnis stärken, die kognitive Flexibilität nach oben schrauben und unsere Funktion insgesamt verbessern. Die Studie legt nahe, dass das Schreiben von Hand mehr Hirnareale als Tippen einbezieht und so möglicherweise unser Gehirn dauerhaft besser trainiert. Na, wenn das kein Aufruf sein könnte, um mal wieder den Briefbogen rauszunehmen, den Füller mit einer frischen Patrone zu versehen und an die Liebsten, an die Freunde oder wen auch immer ein paar Zeilen per Hand zu schreiben. Wenn Sie weniger schreiben wollen, weil Sie es so lange nicht mehr getan haben, dann nehmen Sie einfach eine Postkarte und das tut es auch. Danke, dass Sie heute wieder bei uns am Tisch waren. Ich hoffe, Sie hatten mit uns ein paar informative Minuten und Sie nehmen den ein oder anderen Gedanken mit in Ihren beruflichen Alltag. Wenn es Ihnen nicht gefallen hat, sagen Sie uns, was Sie sich anders wünschen. Chefredaktion at Table Media ist dann die E-Mail Ihres Vertrauens für alle Fragen, Anregungen oder Feedback. Wenn es Ihnen gefallen hat, dann sagen Sie es doch gleich direkt Ihrem Kollegen oder Ihrer Kollegin in der Kantine oder Sie empfehlen uns weiter mit einer netten Bewertung in Ihrer Podcast-App. Ich würde mich darüber sehr freuen. Morgen sind wir natürlich wieder für Sie da. Dann kommt die Euro-Fighterin zu uns, FDP-Europa-Spitzenkandidatin Marie-Agnes Strack-Zimmermann. Freuen Sie sich auf ein kontroverses Gespräch. Bis dahin, bleiben Sie entspannt. Ihr Michael Bröker.

Sprecher 1: Table Today mit Michael Bröker und Helene Bubrowski.

Sprecher 5: Ich bin manchmal ein bisschen zu ehrlich, aber ganz im Ernst, ich mag es einfach klar, ohne Überraschungen. Genau deshalb bin ich bei Frank, dem einfach Mobilfunkanbieter. App runterladen, Tarif bestellen, fertig. 20 GB für 10 Euro. In bester D-Netz-Qualität. Monatlich kündbar, keine versteckten Kosten. Und das Beste ist Frank for Friends. Ich schicke einfach meinen Code an meine FreundInnen. Und jedes Mal, wenn jemand darüber startet, kriegen wir alle dauerhaft extra Datenvolumen. Kein Drama, keine Geheimnisse. Also, probier's mit Frank. Ist ehrlich einfacher.