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Energie als Fundament: Warum Deutschlands Zukunft an einer klaren Agenda hängt

Von Joe Kaeser

Seit Jahren wird über einzelne Maßnahmen der Energiepolitik gestritten. Doch die eigentliche Frage lautet: Wie schaffen wir eine Energieagenda, die unser Land dauerhaft wettbewerbsfähig hält? Energie ist kein Randthema, auch wenn sie manchmal so behandelt wird. Sie ist das Fundament jeder Volkswirtschaft – und zugleich die Voraussetzung für industrielle Stärke, Innovation und Wohlstand.

Jede wirtschaftliche Entwicklung folgt im Kern derselben Logik: Am Anfang steht Energie. Auf ihr bauen Infrastruktur und Mobilität auf, erst danach kommen Industrialisierung, Automatisierung und natürlich auch die Wertschöpfung, die unseren Lebensstandard ermöglicht. Ohne verlässliche und bezahlbare Energie entwickelt sich kein Industrieland – und ohne ein tragfähiges Energiekonzept bleibt ein Industrieland nicht lange eines. Das ist keine ideologische Position, sondern eine ökonomische Realität.

Energiepolitik entscheidet darüber, ob Volkswirtschaften prosperieren oder an Wettbewerbsfähigkeit verlieren. Deshalb eignet sie sich weder für ideologisches Wunschdenken noch für kurzfristige Symbolpolitik. Erfolgreiche Energiepolitik bewegt sich immer innerhalb eines Dreiecks: Bezahlbarkeit, Nachhaltigkeit und Verlässlichkeit. Aus diesem Spannungsfeld gibt es kein Entkommen. Jede Gesellschaft muss sich innerhalb dieses Dreiecks positionieren – und genau diese Positionierung ist letztlich Industriepolitik. Sie entscheidet darüber, wie und wohin sich eine Volkswirtschaft entwickelt.

Wer Energiepolitik betreibt, trifft Entscheidungen darüber, welche Branchen eine Zukunft haben sollen und welche nicht. Sie bestimmt, wo investiert, geforscht und ausgebildet wird. Deshalb muss sie langfristig angelegt sein, realistisch kalkuliert werden und strategisch konsistent sein. Strategische Konsistenz heißt vor allem eines: Energiepolitik darf sich nicht an Legislaturperioden orientieren, sondern muss mindestens einen Innovationszyklus abdecken. Und der ist in aller Regel länger als vier Jahre.

Die Folgen kurzfristiger oder widersprüchlicher Energiepolitik kennen wir aus der Vergangenheit; die negativen Folgen spüren wir auch in der Gegenwart. Energiekosten wirken unmittelbar auf Standortentscheidungen, Investitionen und Produktionsverlagerungen. Doch heute kommt eine neue Dimension hinzu: Die nächste große industrielle Entwicklung steht an – die vierte industrielle Revolution, geprägt durch Künstliche Intelligenz (KI), Datenverarbeitung und digitale Infrastruktur.

KI ist derzeit allgegenwärtig. Was dabei oft unterschätzt wird: Ohne Energie gibt es keine KI. Rechenzentren, Datenverarbeitung, Cloud-Infrastrukturen – all das benötigt enorme Mengen verlässlicher Energie. Die Frage lautet daher nicht nur, ob wir bei KI „mitmachen“ wollen, sondern ob wir sie aktiv gestalten oder uns von diesem Entwicklungsschub abkoppeln. Diese Entscheidung wird wesentlich durch unseren Energiemix und unsere energiepolitische Prioritätensetzung

geprägt. Und sie wird die Zukunft des Standortes Deutschland nachhaltig prägen – zum Guten wie zum Schlechten.

Dabei stehen wir erst am Anfang. Was wir heute erleben, ist vor allem der konsumnahe Einsatz von KI. Die eigentliche industrielle Anwendung – die Verbindung von Computing Power, Datenverfügbarkeit und physischer Produktion – hat in Deutschland noch kaum begonnen. Dabei ist das Grundkonzept keineswegs neu. Bereits vor rund zehn Jahren wurde mit „Industrie 4.0“ skizziert, wie die Verschmelzung von digitaler und physischer Welt aussehen kann. Deutschland war damals führend – und auch heute gibt es in der Wirtschaft mehr Expertise, als die öffentliche Diskussion manchmal vermuten lässt. Was damals fehlte, war die notwendige Rechenleistung. Heute ist sie in Reichweite, wenn die Energie – genauer gesagt, der benötigte Strom – dafür vorhanden ist. Eine stimmige Energiepolitik könnte Deutschland den nötigen Schub geben, um hier wieder richtig stark zu werden.

All das macht deutlich: Energiepolitik ist heute mehr denn je Wirtschafts-, Innovations- und Zukunftspolitik. Ohne klare energiepolitische Leitplanken wird es keine erfolgreiche Digitalisierung, keine leistungsfähige KI-Industrie und damit auch keinen nachhaltigen Wohlstand geben.

Was folgt daraus? Eigentlich ist die Antwort einfach. Deutschland braucht eine langfristige Energie- und Industrieagenda. Einen Plan, der benennt, wo das Land hinwill, welche Prioritäten gelten und wie die Transformation des Energiesystems zur Stärkung der Wettbewerbsfähigkeit beitragen soll. Eine Agenda 2030, die die industrielle Zukunft Deutschlands beschreibt – und in der Energie an erster Stelle steht.

Dazu gehört der Mut, Realitäten anzuerkennen, Zielkonflikte offen zu benennen und Entscheidungen über Legislaturperioden hinweg zu tragen. Energiepolitik darf nicht zum Reparaturwerkzeug für akute Krisen verkommen. Sie muss wieder Gestaltungsanspruch entwickeln.

Denn eines steht fest: Mit Energie fängt alles an. Und ohne eine klare energiepolitische Strategie hört am Ende vieles auf.

Autor: Joe Kaeser ist Aufsichtsratsvorsitzender bei Siemens Energy sowie bei Daimler Truck.

Dieser Beitrag basiert auf seinem Impuls beim High-Level-Round-Table des Table.Forum Nachhaltige Energie am 21. April 2026.

Wie sichern wir in Deutschland eine nachhaltige, bezahlbare und verlässliche Energieversorgung?
Während der Anteil erneuerbarer Energien im Strommix stetig wächst, stehen Politik und Wirtschaft vor der entscheidenden Frage: Wie gelingt die Energiewende ohne Verlust an Versorgungssicherheit und Wettbewerbsfähigkeit? Im neuen Forum Nachhaltige Energie richten wir den Blick auf systemische Effizienz, tragfähige Kostenmodelle und klare Signale an Investoren.

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