Table.Forum

Leapfrogging – wie wir technologische Entwicklungssprünge schaffen können

von Karsten Wildberger

Eine nüchterne Bestandsaufnahme

Wenn wir über „Vorsprung“ sprechen, dann geht es für mich vor allem darum, Entwicklungsstufen zu überspringen. Die zentrale Frage lautet daher: Wie schaffen wir es, mithilfe neuer Technologien echte Sprünge nach vorn zu machen? Und wenn wir dabei die großen Wachstumszyklen der vergangenen Jahrzehnte betrachten – von Software und Halbleitern über Bezahlplattformen, Cloud und Plattformökonomie bis hin zu digitalen Geschäftsmodellen und Künstlicher Intelligenz – dann müssen wir feststellen: Deutschland und Europa haben an diesem Wachstum viel zu wenig teilgenommen.

Das hat direkte Folgen für unsere heutigen Geschäftsmodelle und wirtschaftlichen Herausforderungen. Viele der Probleme, die wir heute beklagen, hängen eng damit zusammen, dass wir zu spät, zu wenig und zu zögerlich in diese Technologiefelder eingestiegen sind.

Darin spiegeln sich nicht nur wirtschaftliche Entwicklungen wider, sondern auch jene Wertschöpfung, die durch Technologie entsteht – und die uns zunehmend verloren geht. Es reicht also nicht, im Rückspiegel nur bestehende Defizite zu analysieren oder Korrekturen einzufordern. Wir müssen vor allem nach vorn denken: Was müssen wir tun, um in Zukunft wieder zu den Gestaltern zu gehören?

KI als Chance und als unverzichtbarer Entwicklungsschritt

Beim Thema Künstliche Intelligenz haben wir noch die Möglichkeit aufzuholen. Wenn wir diese Technologie verschlafen, ist der Rückstand irreversibel. KI-Modelle übernehmen immer mehr Wertschöpfungsschichten – und das in einem Tempo, das wir oftmals unterschätzen.

Die gute Nachricht: Mit unseren Talenten und unseren strukturellen Stärken können wir diesen Sprung schaffen. Länder, die KI als echte Chance begreifen, haben die Möglichkeit, einen Frog leap hinzulegen – also Entwicklungsstufen zu überspringen, die wir in der Digitalisierung versäumt haben.

Die USA investieren massiv. China schafft es, KI flächendeckend und rasant zu diffundieren. Beide Nationen beherrschen nicht nur die zugrunde liegenden Technologien, sondern auch das Ausrollen in die Breite – und genau daraus entsteht Wettbewerbsfähigkeit.

Was wir konkret tun

Als Bundesregierung – und besonders mit dem neuen Digitalministerium – treiben wir drei zentrale Entwicklungen voran: Mit der nationalen Rechenzentrumsstrategie schaffen wir erstmals einen verbindlichen Rahmen, der nicht nur formuliert ist, sondern bereits umgesetzt wird. Deutschland verfügt heute über rund drei Gigawatt Rechenzentrumskapazität; bis 2030 werden wir diese verdoppeln und die KI-Kapazitäten vervierfachen. Dahinter stehen konkrete Projekte, gesetzliche Anpassungen und der Anspruch, Energieeffizienz, schnellere Genehmigungen und digitale Souveränität miteinander zu verbinden – also den richtigen Mix aus globalen Hyperscalern und starken deutschen Anbietern.

Gleichzeitig bringen wir Künstliche Intelligenz in die Verwaltung. Mithilfe agentischer Systeme automatisieren wir schrittweise tausende Fachverfahren und arbeiten dafür eng mit Partnern zusammen, die diese Lösungen auch in der Breite skalieren können. So wird Modernisierung nicht nur möglich, sondern spürbar.

Und schließlich bauen wir ein Ökosystem für europäische Basismodelle auf. Wir stärken die Entwicklung von Sprach-, Bild-, Video- und multimodalen Modellen sowie sogenannten Weltmodellen, die physische Prozesse planen können. Unser Ziel ist es, ein Umfeld zu schaffen, in dem Start-ups, Mittelstand und internationale Player gemeinsam skalierungsfähige KI-Innovationen hervorbringen können.

Weniger Komplexität, mehr Skalierung

Technologische Sprünge gelingen nur, wenn wir Komplexität abbauen. Beim Bürokratieabbau haben wir erste Fortschritte erzielt – rund acht Milliarden Euro Entlastung sind bereits auf dem Weg –, doch wir müssen schneller werden. Gemeinsam mit den Bundesländern arbeiten wir daran, ein Drittel der Berichtspflichten zu streichen, und auch in der Infrastruktur setzt sich die Modernisierung fort: schnellere Genehmigungen, neue Baustandards und digitale Services wie Führerschein oder Ummeldung zeigen, dass Bewegung drin ist.

Unsere eigentliche Schwäche liegt jedoch in der fehlenden Skalierung. Deutschland glänzt in Forschung und Prototypen, aber zu selten werden daraus Produkte oder breit nutzbare Lösungen. Mit dem Deutschland‑Stack schaffen wir erstmals gemeinsame IT‑Standards; die souveräne Cloud soll zur Grundlage werden, auf der Bund, Bundesländer und Kommunen gemeinsam entwickeln und Anwendungen wiederverwenden können. Wenn es gelingt, 70 Prozent neuer Anwendungen tatsächlich nachnutzbar zu machen, wäre das ein echter Durchbruch.

Ein hoffnungsvoller Blick nach vorn

Trotz aller Herausforderungen bin ich optimistisch. Deutschland hat enormes Potenzial. Was uns fehlt, ist weniger die Fähigkeit – sondern der Hunger. Der Wille, den Schalter umzulegen.

China zeigt, welchen Unterschied ein mentaler Wandel machen kann. Auch wir können diesen Sprung schaffen. Wenn wir ihn wollen.

Autor: Dr. Karsten Wildberger ist Minister im Bundesministerium für Staatsmodernisierung und Digitales.

Dieser Beitrag basiert auf seinem Impuls beim High-Level-Round-Table des Table.Forum Leapfrogging am 23. März 2026.

Leapfrogging heißt: große Sprünge statt kleiner Schritte. Das Table.Forum „Leapfrogging“ beleuchtet, wie Deutschland und Europa in Schlüsseltechnologien wieder nach vorn kommen können, durch Geschwindigkeit als Standortfaktor, durch eine neue Kultur des Risiko- und Lernens und durch Strukturen, die den Transfer von Wissenschaft in industrielle Umsetzung systematisch beschleunigen.

Unser Partner: SAP

Weitere Beiträge aus dem Table.Forum Leapfrogging

Impressum

Table.Forum ist ein Angebot von Table.Briefings
Leitung: Regine Kreitz (v.i.S.v. § 18 Abs. 2 MStV)
Table Media GmbH, Wöhlertstraße 12-13, 10115 Berlin · Deutschland,
Telefon +49 30 30 809 520
Amtsgericht Charlottenburg HRB 212399B, USt.-ID DE815849087
Geschäftsführer Dr. Thomas Feinen, Jochen Beutgen