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Ein „Leapfrogging" im öffentlichen Sektor ist möglich, wenn wir bei der Digitalisierung der Verwaltung nicht nur an der Oberfläche kratzen

von Andrea Nahles

Verwaltung muss einfacher, effizienter und bürgernäher werden – das ist ohne digitalen Wandel nicht möglich. Dieser kann jedoch nur gelingen, wenn alle an einem Strang ziehen: wenn Bund, Länder und Kommunen, wenn Verwaltung, Politik und Wirtschaft den gleichen Antrieb haben.

Inzwischen gibt es auf breiter Ebene den Willen zur Modernisierung. Das ist die Chance auf einen echten Neustart. Wenn wir diese Chance jetzt jedoch verpassen, droht Deutschland den Anschluss zu verlieren.

Dabei müssen wir den Spagat zwischen „mutig“ und „machbar“ schaffen: Es reicht nicht, nur an der Oberfläche zu kratzen. Wir brauchen tiefgreifende Prozessoptimierungen und eine echte Ende-zu-Ende-Digitalisierung. Genau hier bleiben wir in Deutschland leider noch unter unseren Möglichkeiten.

Ich sehe sechs wesentliche Stellschrauben:

Digitale Verwaltung braucht digitales Recht

Digitalisierung beginnt im Recht. Wo wir Komplexität reduzieren, schaffen wir die Basis für Automatisierung. Wo wir auf unnötige Differenzierungen verzichten, gewinnen wir Geschwindigkeit und Effizienz. Wir brauchen Gesetze, die digital gedacht sind: klar. Verständlich. Umsetzbar.

Digitale Verwaltung braucht Standardisierung

Standardisierung bedeutet: Gleiche Fälle werden gleich behandelt. Entscheidend ist dabei die Verbindlichkeit. In einer föderalen Struktur ist Vielfalt nicht nur legitim, sondern Teil unserer freiheitlich-demokratischen Grundordnung. Technologien und Prozesse können dennoch identisch funktionieren.

Dazu braucht es gemeinsame Systeme, modulare Architekturen, die individuelle Anpassungen zulassen, sowie klare Absprachen zwischen Bund, Ländern und Kommunen. Unterschiedliche Lebensrealitäten rechtfertigen unterschiedliche Leistungen – aber keine unterschiedlichen IT-Systeme. Dabei müssen wir verstärkt auf Plattformtechnologien setzen, um im Sinne der Standardisierung künftig einfacher zu integrierten IT-Lösungen zu kommen.

Es geht dabei nicht darum, die Prinzipien des Föderalstaats infrage zu stellen. Vielmehr soll eine Diskussion über notwendige Weiterentwicklungen angestoßen werden. Diese Diskussionen müssen jetzt offen geführt und die richtigen Entscheidungen getroffen werden.

Digitale Verwaltung braucht Daten, die fließen

Heute verfügen wir in Deutschland über unzählige Register: Melderegister, Fahrzeugregister, Handelsregister – die kaum miteinander verknüpft sind. Hier eröffnet die Registermodernisierung eine echte Chance. Mit der Identifikationsnummer für Verwaltungsdienstleistungen schaffen wir die Möglichkeit, Daten intelligent und sicher zu verbinden.

Hier setzt das Once-Only-Prinzip an: Bürgerinnen und Bürger müssen ihre Daten nur einmal angeben, danach fließen die Informationen zwischen den Behörden – nicht die Menschen. Das bedeutet: weniger Papier, kürzere Wartezeiten, klarere Prozesse und damit eine effizientere Umsetzung.

Wir wünschen uns daher dringend eine gesetzliche Erweiterung und breitere Nutzungsmöglichkeiten der Identifikationsnummer – selbstverständlich auf Basis klarer Datenschutzstandards.

Digitale Verwaltung braucht Cloud-Technologie

Cloud-Technologien sind ein zentraler Baustein moderner Verwaltung. Sie ermöglichen Skalierbarkeit, schnellere Weiterentwicklung und höhere Stabilität.

Entscheidend ist dabei: Cloud ist nicht gleich Cloud. Wir brauchen sichere und souveräne Cloud-Lösungen – insbesondere, wenn es um sensible Daten von Bürgerinnen und Bürgern geht. Deshalb setzt die Bundesagentur für Arbeit (BA) auf eine Multicloud-Strategie und kann neben Hyperscalern gezielt europäische und deutsche Partner auswählen. Genau das hilft uns, souverän und sicher zu bleiben.

Digitale Verwaltung braucht Cybersicherheit

Die Anzahl gezielter Angriffe auf Unternehmen und Verwaltungen hat sich in den letzten Jahren – insbesondere seit Beginn des Angriffskrieges auf die Ukraine – signifikant erhöht.

Diese Bedrohungslage wird sich in absehbarer Zeit nicht entspannen. Wir müssen deshalb wachsam bleiben und kontinuierlich in moderne Technik sowie in die Befähigung unserer Mitarbeitenden investieren, um das Sicherheitsniveau dauerhaft hoch zu halten. In einer zunehmend vernetzten Welt ist Cybersicherheit entscheidend dafür, dass Staat und Verwaltung handlungsfähig bleiben.

Digitale Verwaltung braucht Befähigung und Akzeptanz

Konsequent gestalten heißt auch: Digitalisierung gemeinsam mit den Menschen umsetzen, in Prozessen denken und eine Kultur der Veränderung entwickeln. Dabei müssen Hürden anerkannt und aktiv überwunden werden.

Mitarbeitende müssen die eigenen digitalen Produkte kennen, bedienen und vermitteln können. Auch Bürgerinnen und Bürger müssen befähigt werden: Ein digitaler Zugang allein reicht nicht aus – Services müssen verständlich, transparent und im Alltag leicht nutzbar sein. Die geringe Nutzung des elektronischen Personalausweises (BundID) zeigt zum Beispiel, dass dieser in der Praxis entweder zu kompliziert ist oder zu wenige Einsatzmöglichkeiten bietet. Hier brauchen wir deutlich mehr Alltagstauglichkeit. Der E‑Personalausweis muss so selbstverständlich werden wie die Bankkarte: zücken, Vorgang freigeben, fertig.

Dabei darf Automatisierung kein Selbstzweck sein. Sie ist ein Mittel zur Entlastung, zur Effizienzsteigerung und zur besseren Zusammenarbeit zwischen Mensch und Maschine. Wir als BA verfolgen deshalb einen ganzheitlichen Human-Friendly-Automation-Ansatz. Er beinhaltet einen global gültigen Werte- und Prinzipienkompass. Viele Institutionen und Organisationen in Deutschland haben sich – gemeinsam mit der BA – zur Einhaltung dieser Werte verpflichtet, um nachhaltige, faire und gemeinschaftliche Automatisierungsprojekte zu gewährleisten.

Kurz gesagt: Demografie, Qualifizierung sowie ein moderner und stabiler Sozialstaat gehören für mich untrennbar zusammen. Dafür braucht es große Entwürfe – und gleichzeitig viele konsequente, klare Schritte, die täglich gegangen werden müssen. Jetzt haben wir noch die Chance, die Weichen richtig zu stellen.

Autorin: Andrea Nahles ist Vorstandsvorsitzende der Bundesagentur für Arbeit.  

Leapfrogging heißt: große Sprünge statt kleiner Schritte. Das Table.Forum „Leapfrogging“ beleuchtet, wie Deutschland und Europa in Schlüsseltechnologien wieder nach vorn kommen können, durch Geschwindigkeit als Standortfaktor, durch eine neue Kultur des Risiko- und Lernens und durch Strukturen, die den Transfer von Wissenschaft in industrielle Umsetzung systematisch beschleunigen. 

Dieser Beitrag basiert auf ihrem Impuls beim High-Level-Round-Table des Table.Forum Leapfrogging am 22. April 2026.

Unser Partner: SAP 

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