What’s cooking in Brussels? Abschied eines Agrarexperten

Von Claire Stam
Schwarz-weiß Portrait von Claire Stam

Anfang Juni wird Éric Andrieu das EU-Parlament verlassen. Dieser Abschied aus dem politischen Leben sei „seit über einem Jahr“ vorbereitet worden und sein Nachfolger stehe bereits fest, erzählt der französische Europaabgeordnete im Gespräch mit Table.Media bei einem Orangensaft in der Pressebar des Europäischen Parlaments. Er wird sein Amt an Christophe Clergeau übergeben, den ersten Nichtgewählten auf der Liste der Sozialisten bei den Europawahlen 2019.

Clergeau, der sich selbst als Unternehmer bezeichnet, ist ein Regionalabgeordneter der Sozialistischen Partei für die Region Pays de Loire (Zentralfrankreich) und Mitglied des Europäischen Ausschusses der Regionen. Er wird dasselbe Team behalten und in denselben parlamentarischen Ausschüssen wie sein Vorgänger sitzen. Noch ist Andrieu Mitglied der Ausschüsse für Landwirtschaft und ländliche Gebiete (AGRI), Umwelt und Gesundheit (ENVI) und Zusammenarbeit und Entwicklung (DEVE).

Angesprochen auf das Ergebnis seiner Arbeit, sagt Andrieu: „Ich weiß nicht, ob man vom Erfolg sprechen kann, aber ich denke, ich habe dazu beigetragen, dass man sich der Notwendigkeit bewusst wurde, der Landwirtschaft einen neuen Sinn zu geben und die Verbindung zwischen Landwirtschaft, Ernährung, Gesundheit und biologischer Vielfalt wieder herzustellen.“

Befürworter einer tiefgreifenden GAP-Reform

In den zehn Jahren seines europäischen Mandats hat Andrieu stets seinen ausgeprägten südfranzösischen Akzent beibehalten. Er stammt aus der Stadt Narbonne am Mittelmeer und wurde damit im Land von Jean Jaures geboren, einer Ikone der französischen Linken. Es ist daher nicht überraschend, dass er 1986, als er 26 Jahre alt war, der Sozialistischen Partei beitrat.

Seit Mai 2012 sitzt Andrieu im Europäischen Parlament und wurde 2014 erster stellvertretender Vorsitzender des Ausschusses für Landwirtschaft und ländliche Entwicklung und 2017 agrarpolitischer Sprecher der S&D-Fraktion (Sozialdemokraten). Als Gegner von Freihandelsabkommen (TTIP, CETA, MERCOSUR) und Befürworter einer tiefgreifenden Reform der Gemeinsamen Agrarpolitik (GAP) machte der Europaabgeordnete den Pestizidrahmen zu seinem Steckenpferd, womit er sich in der Landwirtschaft nicht nur Freunde machte, um es vorsichtig auszudrücken.

Ab 2018 war er Vorsitzender der Kommission zur Untersuchung des Pestizidbewertungsprozesses in Europa (PEST-Kommission). „Diese Funktion war meine größte Leistung„, sagt er. Er kämpfte unter anderem für den Ausstieg aus Glyphosat und das Verbot von Neonikotinoiden, die extrem schädlich für Insekten sind. Aktuell sorgt er sich um die Patente auf neue gentechnisch veränderte Organismen (GVO).

Einfluss der Umweltpolitik ist gewachsen

In den Verhandlungen mit der Kommission und dem Rat um die GAP-Reformen „haben wir nie aufgegeben“, sagt Andrieu. Dies gilt umso mehr, als unter den Parlamentariern parteiübergreifend Einigkeit herrschte. „Das ist eine Stärke, die es uns in den Trilogen ermöglicht hat, auch Kämpfe zu gewinnen, die am Anfang unmöglich erschienen“, erinnert er sich.

So freut sich der Parlamentarier, dass es ihm gelungen ist, mehr Regulierung in einen Agrarmarkt zu bringen, der seiner Meinung nach mehr in den Händen der großen Agrarkonzerne als in denen der Landwirte liegt.

„Das ist vielleicht anmaßend, aber wir haben uns in Bezug auf das Umweltbewusstsein weiterentwickelt.“ Konkret zeige sich dies in der Beziehung zu wissenschaftlichen Forschungsinstituten im Bereich der Landwirtschaft. „Zu Beginn meines Engagements standen wir eher auf Konfrontationskurs mit den Wissenschaftlern. Sie sagten uns, dass der Produktivismus der Schlüssel zum Erfolg in der Landwirtschaft sei“, erinnert er sich.

Jetzt seien auch Fragen der Umwelt, Ernährung und Biodiversität Teil der wissenschaftlichen Analysen – auch dank der vielen Gespräche mit Andrieu und anderen Abgeordneten. „Und das ist ein sehr großer Fortschritt.“

Mehr zum Thema

    Recycelte Metalle gehören in den Rohstoffclub
    What’s cooking in Brussels? Angst vor den Landwirten
    Wenn am Sonntag Europawahl wäre… Grüne legen zu
    Afrika-Strategie — zwischen Ohnmacht und Pragmatismus