Warum das Ölembargo wenig bewirken wird

Von Daniel Gros
Daniel Gros, Vorstandsmitglied und Distinguished Fellow des Centre for European Policy Studies, im Standpunkt über das Öl-Embargo gegen Russland.
Daniel Gros ist Distinguished Fellow und Mitglieds des Boards beim Centre for European Policy Studies.

Nach hundert Tagen Krieg in der Ukraine sollten wir uns fragen, wie sehr die westlichen Sanktionen Russland geschadet haben, und ob wir die Strategie des russischen Präsidenten Wladimir Putin mit weiteren Maßnahmen verändern können – insbesondere mit dem gerade angekündigten Embargo gegen russisches Öl (Europe.Table berichtete).

Früher sorgte Öl für den größten Teil der russischen Exporterlöse: Im Dezember 2021 exportierte das Land 7,8 Millionen Barrel pro Tag – jährlich also über 2,8 Milliarden. Dies war zwar vor der Invasion, aber Russland wird wohl auch weiterhin eine robuste Exportkapazität behalten, bis der Mangel an hochwertiger westlicher Ausrüstung die Förderung begrenzt.

Kurzfristig werden die westlichen Sanktionen die russische Ölförderung nicht bremsen. Außerdem wird aufgrund des Rückgangs der russischen Wirtschaft die Inlandsnachfrage zurückgehen. Momentan kann Russland daher seine Rohölexporte aufrechterhalten und bei Preisen von 110-120 Dollar pro Barrel allein dadurch mehr als 300 Milliarden Dollar jährlich einnehmen – genug, um seine Regierung zu finanzieren und weiterhin Krieg zu führen.

Dies soll durch das EU-Embargo verhindert werden. Die Rechnung, die in diplomatischen Kreisen kursiert, ist einfach: Hört die EU – in die die Hälfte der russischen Ölexporte fließt – auf, russisches Rohöl zu importieren, verliert Putin 150 Milliarden Dollar. Aber die Wirklichkeit ist komplizierter.

Schon kleine Verringerung der Ölmenge treibt Preise

Da die Nachfrage nach Öl kurzfristig sehr unelastisch ist, kann bereits eine kleine Verringerung der Ölmenge, die die globalen Märkte erreicht, zu massiv steigenden Preisen führen. Tatsächlich zeigen Studien, dass die Einnahmen, wenn weniger Öl verfügbar ist, sogar steigen. Anders ausgedrückt: Stark steigende Preise werden die russischen Exporteinnahmen in neue Höhen treiben und den Eindruck erwecken, die Sanktionen seien gescheitert.

Natürlich werden die Preise dann nach und nach wieder fallen, da andere Länder, um von den hohen Preisen zu profitieren, ihre Ölförderung ankurbeln. Der Hauptgrund für die jüngste Entscheidung der OPEC, ihre Förderziele auszuweiten, war wahrscheinlich nicht der politische Druck aus den USA, sondern reines Profitstreben. Trotzdem wird Russland, bis die Preise fallen, erhebliche Einnahmen erzielen.

EU-Embargo gilt nicht für Pipeline-Öl aus Russland

Dafür, dass das EU-Embargo gegen Öl aus Russland nur begrenzte Wirkung haben wird, gibt es noch einen weiteren wichtigen Grund: Öl ist ein fungibler Rohstoff. Das Öl, das Europa importiert hätte, könnte nun an Länder wie Indien und China verkauft werden – die gemeinsam doppelt so viel Öl verbrauchen wie die EU. Daher ist es nicht möglich, Russlands Ölexporte zu stoppen.

Außerdem muss betont werden, dass das EU-Embargo nur für per Schiff geliefertes russisches Rohöl gilt und nicht für Importe über Pipelines. Dieses Teilverbot – das Ergebnis eines mühsamen Kompromisses – dürfte weitgehend unwirksam sein, da das verschiffte Öl, das sowieso in Tanker geladen werden muss, leicht an andere Orte umgeleitet werden kann.

Der Schlüssel liegt in niedrigeren Preisen

Der Erfolg solcher Sanktionen sollte nicht nur anhand der Menge des in den Westen importierten russischen Öls gemessen werden, sondern auch daran, wieviel Einnahmen Russland durch seine Exporte erzielt. Der Schlüssel liegt nicht in einer Verringerung der Menge, sondern in niedrigeren Preisen.

Auch sollten Einschätzungen der potenziellen russischen Exporteinnahmen nicht auf dem Weltmarktpreis beruhen, sondern auf dem Preis, zu dem das Land Rohöl verkaufen kann. Hier gibt es bessere Nachrichten: Zwischen dem europäischen Ölpreis und dem Preis russischen Öls hat sich eine große Lücke aufgetan. Russland muss momentan Abschläge von etwa 30 Dollar pro Barrel in Kauf nehmen. Diese Divergenz entstand direkt nach dem russischen Einmarsch in die Ukraine. Das deutet darauf hin, dass sie nicht durch die offiziellen Sanktionen verursacht wurde, sondern durch Selbstsanktionierung von Händlern, Reedern und Importeuren, die nicht mit Russland in Verbindung gebracht werden wollten.

Wegen der hohen Weltmarktpreise kann Russland trotz dieses Abschlags 80 bis 90 Dollar pro Barrel erzielen. Dies ist mindestens das Doppelte der Förderkosten (etwa 40 Dollar pro Barrel) und liegt viel höher als noch vor einem Jahr. Aber obwohl Russland von seinen Ölexporten profitiert, verliert es – verglichen mit einem Verkauf zum vollen Preis – jährlich fast 100 Milliarden Dollar.

Versicherungsverbot für Tanker

Und aufgrund einer weniger beachteten, aber vielleicht wichtigeren Entscheidung, die gleichzeitig mit dem EU-Embargo getroffen wurde, könnten sich diese Verluste noch vergrößern: Die EU und Großbritannien haben sich darauf geeinigt, dass Tanker, die russisches Öl transportieren, nicht mehr versichert werden dürfen. Dies wird Russlands Möglichkeiten, sein Öl in alle Welt zu exportieren, erheblich behindern, und das Land zu noch größeren Preisnachlässen zwingen.

Der Ölpreis hat für Russlands geopolitische Berechnungen eine erhebliche Bedeutung: Ende 2014 hat sich das Land offensiver an den Kämpfen in der ostukrainischen Donbas-Region beteiligt. Wäre es zu dieser Zeit weiter in die Ukraine vorgedrungen, hätte das noch junge ukrainische Militär nicht viel Widerstand leisten können. Aber die Ölpreise gaben damals von über 100 Dollar auf weniger als 50 Dollar pro Barrel nach – und Putin stimmte den Minsker Abkommen zu, die den russischen Vormarsch stoppten.

Obwohl die internationalen Preise heute deutlich höher liegen, ist die gute Nachricht, dass sie aufgrund der Preisabschläge, die Russland hinnehmen muss, lediglich auf 80 Dollar pro Barrel fallen müssten, um dem Land erhebliche wirtschaftliche Probleme zu bereiten. Eine deutliche Erhöhung der Ölfördermengen anderer Länder könnte dazu beitragen, ein Embargo gegen russisches Öl hingegen nicht. Die westlichen Politiker sollten diese Wirklichkeit akzeptieren und zugeben, dass sie nicht in der Lage sind, der russischen Wirtschaft einen schweren Schlag zu versetzen.

In Kooperation mit Project Syndicate. Aus dem Englischen von Harald Eckhoff.

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