Themenschwerpunkte


Europas Olympia-Dilemma

Von Nadine Godehardt und Maximilian Mayer
Nadine Godehardt, Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP), und Maximilian Mayer, Universität Bonn schreiben in diesem Beitrag über Europas Dilemma mit dem Boykott der olympischen Spiele.
Nadine Godehardt, Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP), und Maximilian Mayer, Universität Bonn

Die Bewertung der Olympischen Winterspiele in Peking könnte in China und im Westen kaum unterschiedlicher ausfallen. Für die chinesische Führung sind die Spiele in erster Linie ein großer Prestigeerfolg. Peking kann ein modernes und hochtechnologisiertes Land präsentieren, das selbst unter Pandemiebedingungen in der Lage ist, das weltweit größte Sportereignis perfekt zu organisieren. In Europa und den USA beherrschen stattdessen die Menschenrechtsverletzungen in Xinjiang, Tibet und Hongkong, die strikte Null-Covid Politik, der politische Boykott der Spiele sowie das Schweigen des IOC zu all diesen Themen die Berichterstattung. Eindrucksvoll zeigen die Diskussionen um die Olympischen Spiele, wie weit China und der Westen sich mittlerweile voneinander entfernt haben.

Im Kontrast zu den Sommerspielen vor 14 Jahren ist Chinas Status als Großmacht vollkommen etabliert. Die Ausrichtung von internationalen Großereignissen ist zur Selbstverständlichkeit geworden. Kurz vor der Eröffnungsfeier zeigen chinesische Staatsmedien einen mitunter bedächtig wirkenden Staatspräsidenten Xi Jinping, der beim Treffen mit IOC-Präsident Thomas Bach Ende Januar lediglich das Ziel betont, „einfache, sichere und großartige“ Spiele abzuliefern. Dieser bescheidene Ton weicht auffällig ab von der bombastischen Darstellung der neugebauten Sportanlagen und farbenfrohen Olympia-Berichterstattung auf dem eigens dafür eingerichteten Kanal des chinesischen Staatsfernsehens. Die verspielte Atmosphäre der Eröffnungsfeier und die selbstbewusste Darstellung von der Einheit des chinesischen Volkes verdeutlichen, dass es der politischen Führung in Peking offenbar nicht mehr in erster Linie darum, der Welt etwas „beweisen“ zu müssen.

Vielmehr repräsentieren die Olympischen Spiele der Welt das neue globale China. Denn chinesische Akteure sind mittlerweile fast in jeder Weltregion vertreten und Chinas Regierung ist in den meisten internationalen Organisationen sehr aktiv. „China goes Global“ ist Schnee von gestern. Aber dass die Welt mittlerweile auch chinesischer wird, ist immer noch ein gewöhnungsbedürftiger Gedanke. In diesem Sinne verdeutlichen die Winterspiele das Ziel der chinesischen Führung, weltweit die Diskurshoheit zu erringen. Gerade unter Xi geht es nicht nur darum, in internationalen Foren die Agenda zu setzen oder eigene Ideen zu positionieren. Im Mittelpunkt steht vielmehr, existierende Diskurse wie etwa den Begriff des „Olympischen Geistes“ (Freundschaft, Solidarität und Fairplay) inhaltlich so anzupassen, dass sie mit einem chinesischen Verständnis kompatibel werden. Auch die Olympischen Spiele werden folglich ein ganzes Stück chinesischer.

Diese Beobachtung hat für das IOC gravierende Folgen: zwar nutzt die politische Führung das Sportereignis, um der Welt Chinas alternativen Modernisierungsweg zu präsentieren – gerade im Kontrast zu westlich-liberalen Demokratien. Doch das Hauptinteresse besteht darin, die Olympischen Spiele selbst an China anzupassen und nicht umgekehrt. Wer also die Spiele nach China vergibt, muss in der Lage sein, die sich wandelnde politische Gemengelage zu dekodieren. Damit auch erkannt wird, wann Interessen des olympischen Sports und wann Interessen der Kommunistischen Partei Chinas vertreten werden. Die gebetsmühlenartigen Wiederholungen der Neutralität in fast jeder öffentlichen Äußerung des IOC unterstreichen, dass es dem IOC an Chinakompetenz fehlt. Trotz der langjährigen Beziehungen mit der Volksrepublik, zeigt sich einmal mehr: Chinaerfahrung ist nicht gleich Chinakompetenz. 

Die westliche Empörung verhallt ungehört

Ebenso kritikresistent wie das IOC scheint auch Chinas Führung selbst zu sein. Wer glaubt, Peking stehe wegen der massiven Kritik an Internierungslagern in Xinjiang oder der Niederschlagung der demokratischen Kräfte in Hongkong unter Rechtfertigungsdruck, begeht einen Irrtum. Im Gegenteil: auf jegliche Kritik aus dem Ausland wird reflexartig mit Empörung und Gegenkritik reagiert. Auch hier folgt China seiner eigenen Logik. So verhallt in China die westliche Entrüstung darüber, dass Dinigeer Yilamujiang, eine Sportlerin uigurischer Herkunft, die olympische Flamme entzündete. Insgesamt ist die Vorstellung unzutreffend, die chinesische Führung möchte sich mit perfekt inszenierten Spielen von den Vorwürfen, Menschenrechtsverletzungen zu begehen, „reinwaschen“.

Wie ist vor diesem Hintergrund die Diskussion um einen politischen Boykott der Winterspiele zu sehen? Es gibt gute Gründe für einen Boykott. Das haben jüngst auch eine Reihe von Mitgliedern des EU-Parlaments in starke Worte gepackt. Ein Boykott ist nicht nur eine symbolische Maßnahme. Er dürfte zumindest einen gewissen Effekt haben, weil er den Propaganda-Wert der Spiele für die kommunistische Partei durchaus schmälert.

Zur Ehrlichkeit zählt jedoch auch, dass ein Boykott zwar eine klare Haltung zum Ausdruck bringt, aber nichts an der Situation in Xinjiang oder Hongkong ändert. Letztendlich ist die hitzige Boykott-Debatte kurz vor den Spielen scheinheilig, da viele Missstände in China schon lange vor der Vergabe der Winterspiele 2015 bekannt waren. Ein Boykott ist politisch auch nicht besonders mutig, sondern vor allem eine Entscheidung aus moralischen Beweggründen, die europäische Staaten in ihrer Position gegenüber China spaltet. Nur wenige Regierungen folgen dem Beispiel der USA mit einem politischen Boykott. Andere begründen ihr Fernbleiben mit der Corona-Pandemie – so auch Deutschland.

Der Boykott-Diskussion fehlt die strategische Abwägung. Es gibt viele gute Gründe für politische Entscheidungsträger*innen gerade jetzt nach China zu fahren, ohne dass dies naiv wäre. Mit der Anwesenheit europäischer Politiker*innen verstreicht die Möglichkeit, Xi Jinping die Stirn zu bieten sowie dem symbolträchtigen Schulterschluss zwischen Xi und Russlands Staatspräsident Putin andere Bilder entgegenzusetzen. Ferner bleibt die Gelegenheit ungenutzt, vor Ort klare Positionen zu beziehen. Denn Xi kann ausländischen Staats- und Regierungschefs – im Gegensatz zu den Sportler*innen – nicht den Mund verbieten. Die Chance wurde verpasst, nicht nur den Olympioniken den Rücken zu stärken, sondern auch immer wieder zu betonen, dass man nicht die Augen davor verschließt, was in anderen Teilen Chinas passiert. 

Die Diskussionen um die Winterspiele in Peking sind auch ein Fingerzeig für die Dilemmata, denen sich westliche Regierungen im Umgang mit China immer mehr ausgesetzt sehen. Erschwerend kommt hinzu, dass nationale China-Debatten zunehmend moralisiert werden. Meist geht es nur noch darum, sich gegenseitig in alternativlosen politischen Bekenntnissen zu bestärken. Dieses Schwarz-Weiß Denken schränkt die politischen Handlungsoptionen westlicher Regierungen zu sehr ein. Beispielsweise kann eine Teilnahme an den Olympischen Spielen politisch nicht mehr gerechtfertigt werden, da sie moralisch bereits verurteilt wurde. Bei aller Verpflichtung, deutliche Kritik an Menschenrechtsverletzungen zu äußern, führen Entweder-Oder-Positionen, die auch in Deutschland vermehrt die China-Debatte prägen, in eine Sackgasse. Sie erschweren es deutlich, strategischer und zukunftsorientierter den Umgang mit China zu gestalten.

Nadine Godehardt ist Wissenschaftlerin in der Forschungsgruppe Asien bei der Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP) in Berlin. Maximilian Mayer ist Professor am Center for Advanced Security, Strategic and Integration Studies (CASSIS) an der Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn.

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