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Die Chinesische Klagemauer

Als die Regierung in Peking in der vergangenen Woche das Ende der Null-Covid-Politik verkündete, stürmten die Menschen auf die Weibo-Seite von Li Wenliang, um ihm die Nachricht zu überbringen. „Dr. Li, endlich ist es vorbei. Nach drei Jahren“, schrieb jemand.  

Am 1. Februar 2020 schrieb der Whistleblower und Augenarzt aus Wuhan seine letzte Nachricht auf dem chinesischen Twitter-Gegenstück Weibo: Heute wurde ich positiv auf Covid getestet. Der Staub hat sich gelegt. Endlich die Diagnose. (Hundegesicht-Emoji.).

Fünf Tage später verstarb er.  

Lis Tod löste einen Tsunami der Trauer und Wut aus, wie er im chinesischen Netz noch nie dagewesen war: über das Ableben eines jungen, gewissenhaften Arztes, über die demütigenden Zurechtweisungen, die er über sich ergehen lassen musste, weil er andere über die Pandemie aufgeklärt hatte, und über die Vertuschung des Vorgangs durch die chinesische Regierung. 

In zahlreichen Kommentaren unter Lis letztem Weibo-Eintrag lassen die Netzbürger seitdem ihrem Ärger freien Lauf, zollten ihm Respekt und wünschen ihm alles Gute für sein Leben nach dem Tod.  

Dann fingen manche zudem an, mit ihm so in Dialog zu treten als redeten sie mit einem alten Freund, einem verstorbenen Bekannten oder einem verehrten Heiligen. Manchmal schreiben sie nur ein einfaches Hallo; sie schreiben ihm Geburtstagsglückwünsche (am 12. Oktober); sie posten Bilder von Lis Lieblingsessen, gebratenem Hähnchen. Einer hält Li sogar über die Ergebnisse der Fußballweltmeisterschaft auf dem Laufenden. Ein anderer erzählte Li jeden Abend einen Witz.  

Meistens aber erzählen sie ihm aus ihrem Alltag, vor allem von der Not und dem Elend, das durch die Pandemie und die drakonischen Coronamaßnahmen der Regierung verursacht wurde. 

Einige nennen es die Chinesische Klagemauer. Eine ausländische Internetseite fasst regelmäßig Beiträge dieser Klagemauer zusammen.

Wie geht es Ihnen auf der anderen Seite, Dr. Li? Mein Onkel ist gestern gestorben, zwei Monate nach meinem Großvater. Ich hoffe wirklich, dass Sie ihn dort treffen. Ihr könntet zusammen etwas trinken, lautet ein Kommentar. 

Es regnet draußen. Ich mag Regentage, weil ich dann weinen kann, ohne dass andere es merken, schrieb ein anderer, ohne zu sagen, warum er oder sie traurig war. 

Ein Großteil der Kommentare drehte sich in den Jahren mit Null-Covid um die endlosen Corona-Tests und alle möglichen Einschränkungen. Im Laufe der Zeit zeigten sich die Auswirkungen der Pandemie-Maßnahmen in verschiedenen Teilen des Landes auf ganz unterschiedliche Weise. Manche hatten monatelang nicht genug zu essen; eine saß auf einer Reise nach Xinjiang zwei Monate im Lockdown fest; wieder andere waren mehr als zehnmal von Lockdowns betroffen; jemand verlor seinen Job und konnte seine Hypothek nicht mehr zurückzahlen; jemand, der in Kanada lebt, erhielt kein Visum für die Einreise nach China, um seine sterbende Mutter zu besuchen … All dies wurde auf der Seite von Li geschrieben.  

Für die Wahrheit zum Schweigen gebracht

„Wann wird das aufhören? Dr. Li, dreht sich das Leben nur um Lockdowns und Corona-Tests?“ 

„Dr. Li, wir müssen uns jeden Tag auf Corona testen. Mein Sohn ist vier Jahre alt. Heute habe ich gesehen, wie er und seine Freunde ‚Doktor und Patient‘ gespielt haben und so taten, als würden sie sich auf Corona testen. Corona-Tests Test, das ist seine gesamte Kindheit bislang. Ich bin so traurig.“ 

Einige Kommentare haben einen raueren Ton. „Ist die chinesische Welt anders als der Rest der Welt?“ 

„Es sind fast drei Jahre vergangen, und es ist alles immer noch gleich, nichts hat sich geändert“, schrieb jemand, der sich offensichtlich auf die Regierung bezog. 

„Dr. Li, jetzt können Sie im Paradies frei atmen. Und niemand bestraft sie für die Wahrheit. Wenn Sie eine Reinkarnation in Erwägung ziehen, versuchen Sie es in einem anderen Land.“ 

Bereits vor seinem Tod gewann Li Wenliang das Mitgefühl der Bevölkerung, denn was ihm widerfuhr, war ein perfektes Beispiel dafür, wie die chinesische Regierung mit Krisen umgeht: Vertuschung und Bestrafung eines aufrichtigen Bürgers, der um die Wahrheit bemüht ist.

Was Li Wenliang in seinen letzten Tagen tat, macht seinen Fall noch ergreifender: Er postete ein Foto einer Polizeiverwarnung wegen „Verbreitung von Gerüchten“. In dem Dokument musste Li mit seiner Unterschrift und seinen roten Fingerabdrücken schwören, dass er sein „gesetzeswidriges Verhalten“ einstellen würde, und musste außerdem erklären, dass er sich bewusst sei, dass er bestraft werden würde, wenn er so weitermache.  

Etwa zur gleichen Zeit, als er das Dokument auf Weibo postete, gab Li ein Zeitungsinterview, in dem er sagte, dass er sich ungerecht behandelt fühle und folgende schallende Aussage machte: „In einer gesunden Gesellschaft sollte es nicht nur eine einzige Stimme geben.“ 

In einem Land, in dem die Menschen ständig in Angst leben, war diese Aussage eines äußerlich zurückhaltend wirkenden Arztes äußerst mutig.

Auch die Reaktion der Regierung auf die öffentliche Meinung um und nach dem Tod von Li ist einen genaueren Blick wert.  

Warum ist sein Benutzerkonto noch aktiv?

Selbstverständlich wurde Lis Weibo-Seite von den Zensoren streng überwacht. Vier Monate nach seinem Tod wurde die Kommentarfunktion auf seiner Seite geschlossen und sämtliche Kommentare wurden entfernt. Dies löste einen großen Aufschrei im Internet aus.  

Daraufhin wurde die Kommentarfunktion wieder aktiviert und die alten Kommentare waren ebenfalls wieder da. Allerdings wurde die Reihenfolge der Kommentare geändert. Normalerweise erscheinen Kommentare mit den meisten Likes an erster Stelle. Doch nach der Umstellung erscheinen nun die neusten Kommentare ganz oben. Dies ist nur auf Li Wenliangs Seite so. Somit wurden die kritischsten, bewegendsten und aufsehenerregendsten Kommentare regelrecht ausgeblendet.  

Zu diesem Zeitpunkt verzeichnete Lis letzter Beitrag bereits mehr als eine Million Kommentare. In den darauf folgenden zwei Jahren kamen ständig weitere hinzu, bis heute. Aber die Anzeige blieb bei „1 Millionen+“ stehen. Eigentlich wird die tatsächliche Zahl der Kommentare eines Beitrages angezeigt, ohne Obergrenze.

Es schien also alles unter Kontrolle zu sein. 

Doch gehen wir zurück zu der Nacht, in der Li Wenliang diese Welt verließ. 

Laut Recherchen der New York Times verstarb Li am 6. Februar 2020, gegen 21 Uhr. Schon bald erreichte die Nachricht über seinen Tod auch die chinesischen sozialen Medien. Ein Vulkan des Zorns brach los, und es schien, als würde jeder der 1,4 Milliarden Chinesen weinen, schreien, fluchen und in den sozialen Medien nach Rache rufen.    

Für einige Stunden geriet die Situation außer Kontrolle. Ich glaube, die Zensoren waren einfach überwältigt und gelähmt vom Ausmaß der Empörung. Sie mögen versucht haben, Beiträge zu löschen, haben es dann aber angesichts der gigantischen Menge an Kommentaren, die jeden Winkel des chinesischen Internets überschwemmten, aufgegeben. 

Schließlich gab die Führung bekannt, dass Li immer noch im Krankenhaus versorgt werde. Sofort bezichtigten einige die Regierung der Lüge, um die Gemüter der Bevölkerung zu beruhigen. Einige ließen sich tatsächlich zu der Hoffnung verleiten, dass Li noch am Leben sei. Am nächsten Tag wurde er in den frühen Morgenstunden für tot erklärt, sechs Stunden später nach seinem eigentlichen Tod, nachdem die meisten Menschen bereits zu Bett gegangen waren.

Damals ging niemand auf die Straße. Die Rechnung der Regierung schien aufgegangen zu sein. Aber das Ausmaß der öffentlichen Reaktion im Netz war überwältigend. Die unbeholfene Reaktion der Regierung, wenn auch nur für einige Stunden, zeigte, dass ihr ausgeklügeltes Zensur- und Überwachungssystem nicht allmächtig ist.    

Und das ließ sich auch im letzten Monat wieder beobachten, als die Leute mutig mit einem leeren weißen Blatt Papier auf die Straße gingen.

China wirkt oft wie ein stilles Becken. Die Menschen dort scheinen alles über sich ergehen zu lassen. Jetzt wissen wir, dass diese Auffassung nicht immer zutrifft.  

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