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Das Jahr des Renminbi?

Von Arvind Subramanian
Arvind Subramanian bei einem Vortrag - hier schreibt er über den Renminbi als Reservewährung in China.

Als der Milliardär und Investor Ray Dalio kürzlich vorhersagte, der chinesische Renminbi werde sich zur globalen Reservewährung entwickeln, nahm die Welt das zur Kenntnis. Diese Prognose hat die chinesische Regierung durch ihre eigenen Bemühungen gefördert. Die Frage ist nun, ob im kommenden „Jahr des Büffels“ die entscheidenden Veränderungen stattfinden, die nötig sind, um den RMB für dieses politische Ziel in Stellung zu bringen.

Wie bei einem Schönheitswettbewerb zählt auch beim Rennen um den Status einer Reservewährung die relative Attraktivität: Internationale Händler und Investoren müssen entscheiden, welche der ihnen verfügbaren Währungen am leichtesten verwendbar ist, vom stärksten Finanzsystem unterstützt wird und – vielleicht am wichtigsten – die Unterstützung eines vertrauenswürdigen Souveräns genießt. Dabei ist neu, dass zwei der größten weltweiten Souveräne momentan darum zu wetteifern scheinen, ihre eigene Vertrauenswürdigkeit zu verringern.

Relative Attraktivität ist schwer zu quantifizieren. Aber hinter diesem Konzept steht ein Faktor, der genau gemessen werden kann: die wirtschaftliche Größe des entsprechenden Landes. Wie der Ökonom Paul Krugman 1984 in einem Artikel erklärte: „Die Währung eines Landes, das auf den Weltmärkten bedeutsam ist, ist ein besserer Kandidat für ein internationales Zahlungsmittel als die eines kleineren Landes.“ Mit anderen Worten, eine global dominante Wirtschaft ist die „Hardware“ für eine internationale Reservewährung.

Belt-and-Road-Kunden nutzen Renminbi

China verfügt eindeutig über die nötige Hardware. Das Land ist seit 2013 die weltgrößte Handelsnation, seine Wirtschaft ist unter Berücksichtigung der Kaufkraftparität jetzt größer als die der Vereinigten Staaten, und es wird bald auch hinsichtlich der Wechselkurse die Führung übernehmen. Aus diesen Gründen betonte einer von uns (Subramanian) bereits vor zehn Jahren, der Renminbi würde irgendwann in Konkurrenz zum Dollar treten und ihn schließlich überholen.

Seitdem hat China bei der Förderung der relativen Attraktivität seiner Währung große Fortschritte gemacht. Seine Wirtschaft wächst weiterhin viel schneller als das US-BIP und ging auch stärker aus der COVID-19-Krise hervor. Seine Zentralbank hat mit der Entwicklung und Prüfung einer digitalen Währung begonnen. Und seine „Belt-and-Road“-Kunden in den Entwicklungsländern nutzen für ihre zunehmenden Handels- und Finanztransaktionen mit China zunehmend den Renminbi.

Aber der Dollar hat sich als hartnäckig und widerstandsfähig erwiesen. Wie Gita Gopinath, die leitende Ökonomin des Internationalen Währungsfonds, und ihre Kollegen gezeigt haben, wird weiterhin eine überwältigende Mehrheit des Handels in Dollar verbucht, und auch bei der grenzüberschreitenden Finanzierung spielt der Dollar immer noch eine prominente Rolle.

Ein Hauptgrund für die Resilienz des Dollar gegenüber dem Renminbi ist, dass die wirtschaftliche Hardware Amerikas durch eine mächtige Software ergänzt wird: durch die immateriellen Qualitäten, die das Vertrauen der Investoren sichern – zu denen nicht zuletzt ein starkes Bankensystem gehört, hinter dem ein verlässlicher Souverän steht. In diesen Bereichen steht China noch ein langer Weg bevor.

Vertrauen in das Bankensystem fehlt

Um Vertrauen in sein Bankensystem zu schaffen, muss China seine hoch verschuldeten, überforderten Kreditinstitute stärken. Danach muss das Land seine Kapitalverkehrskontrollen abschaffen und größere Transparenz gewährleisten, damit Investoren im Vertrauen an die chinesischen Finanzmärkte gehen können, dass sie wissen, was sie kaufen. Dann müssen sich die chinesischen Behörden verpflichten, die Kapitalkontrollen nicht wieder einzuführen, damit die Investoren sicher sein können, dass sie ihr Geld auch jederzeit wieder aus dem Land abziehen können. Nichts davon kann schnell geschehen, und die Investoren davon zu überzeugen, dass die Veränderungen irreversibel sind, wird sogar noch länger dauern.

Als nächstes folgt die Aufgabe, Vertrauen in den staatlichen Souverän aufzubauen. China wird andere Länder davon überzeugen müssen, dass es ein verlässlicher Wirtschaftspartner ist und auch bleiben wird. Dies wird sogar noch mehr Zeit und Mühe erfordern – insbesondere angesichts dessen, dass sich die chinesische Regierung in die falsche Richtung bewegt hat. China mag zwar dazu beigetragen haben, die kürzlich verabschiedete Regionale Wirtschaftspartnerschaft RCEP auszuhandeln, hat aber auch Handelssanktionen als politische Bestrafung gegen seinen großen Handelspartner Australien eingesetzt.

Darüber hinaus hat China hart gegen Aktivisten für Redefreiheit und Demokratie in Hongkong durchgegriffen und sich dabei kaum um die Folgen für die Position der Stadt als internationales Finanzzentrum gekümmert. Außerdem hat das Land mit Strafmaßnahmen gegen einen seiner führenden Finanzunternehmer reagiert: den Alibaba-Gründer Jack Ma. Gleichzeitig haben die Behörden eine neue Entwicklungsstrategie der „zwei Kreisläufe“ eingeführt, die zweifellos eine wirtschaftspolitische Wendung nach innen signalisiert.

Sicherlich haben auch die USA für Zweifel an ihrer eigenen Vertrauenswürdigkeit gesorgt, insbesondere unter Präsident Donald Trump. Beispielsweise hindern die Sanktionen der Trump-Regierung gegen den Iran die US-Banken nicht nur daran, mit diesem Land direkt zu handeln, sondern auch mit allen ausländischen Banken, die dort tätig sind. So erkennen andere Länder – darunter auch viele Freunde und Verbündete – jetzt, wie verletzlich sie gegenüber unilateralen Maßnahmen der USA sind. Obwohl die Dominanz des Dollar Vorteile bietet, kann sie heute einen hohen Preis kosten – so hoch, dass sich Europa beeilen musste, seinen eigenen grenzübergreifenden Clearing-Mechanismus für den Handel aufzubauen.

Dollar bald auf dem „Aschehaufen der Geschichte“?

Unter Donald Trump hatte die US-Regierung direkte Maßnahmen gegen China ergriffen, indem sie US-Finanzinstitutionen und -investoren vorschrieb, die Verbindungen zu bestimmten chinesischen Staatsunternehmen zu kappen. Weiterhin hat sie drei chinesische Unternehmen von der New Yorker Aktienbörse ausgeschlossen. Seitdem überlegen die chinesischen Behörden, wie sie reagieren können, um chinesische Unternehmen vor den Fallstricken der finanziellen Dominanz Amerikas zu schützen.

Welches Land mehr getan hat, um das Vertrauen in seine eigene Software zu untergraben, ist unklar, also sollte man nicht einfach annehmen, die Macht des Dollar sei unerschütterlich. Wenn entweder der Renminbi attraktiver wird oder der Dollar unattraktiver, kann China den Wettkampf um die Reservewährung immer noch gewinnen.

Darüber hinaus sollten wir uns daran erinnern, dass die Geschichte nicht auf Seiten des Dollar steht. Der verstorbene MIT-Wirtschaftshistoriker Charles P. Kindleberger traf die berühmte Vorhersage, der Dollar werde „gemeinsam mit dem Pfund Sterling, dem Gulden, dem Florin, dem Dukaten und dem noch früheren levantinischen Bezant auf dem Aschehaufen der Geschichte landen„.

Ob bereits in diesem Jahr ein entscheidender Übergang vom Dollar zum Renminbi beginnt, ist eine offene Frage. Aber langfristig vertraut die chinesische Regierung auf die Aussichten ihrer Währung. Sie scheint bereits davon überzeugt zu sein, dass sich ihre Hardware trotz der Mängel ihrer Software als attraktiv erweisen wird. Ihre gar nicht so subtile Botschaft an die Welt ist, dass der Renminbi in Führung gehen wird – unabhängig davon, was China tut.

Arvind Subramanian war führender wirtschaftlicher Berater der indischen Regierung und ist Professor für Ökonomie an der Ashoka-Universität. Er ist Verfasser von Eclipse: Living in the Shadow of China’s Economic Dominance. Josh Felman ist Direktor von JH Consulting. Aus dem Englischen von Harald Eckhoff.

Copyright: Project Syndicate, 2021.
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