Themenschwerpunkte


Chinas Investitionen auf dem afrikanischen Kontinent – Kein Heilsbringer

Prof. Robert Kappel
Robert Kappel, Professor Dr. em, lehrt im International SEPT Competence Center (Small Enterprise Promotion and Training) der Universität Leipzig. Dazu zählen auch Themen wie Chinas Investitionen in Afrika.
Robert Kappel lehrt im International SEPT Competence Center der Universität Leipzig.

China behauptet immer wieder, chinesisches Engagement sei gut für die Entwicklung der afrikanischen Länder. Keine Frage: Der Außenhandel Afrikas mit China ist stark angestiegen. Vor ein paar Jahren wurde China sogar dafür gelobt, dass es Afrika zur Hilfe komme, um die technologische und wirtschaftliche Kluft zu überbrücken. Die Volksrepublik wollte bereitwilliger investieren als Europa und die USA. China hat sich durch die Neue Seidenstraße am Ausbau der Infrastruktur wie kein anderes Land zuvor eingebracht. Einige Beobachter gingen sogar so weit zu behaupten, chinesische Privatunternehmen hätten in den letzten Jahrzehnten mit ihren Investitionen Afrikas Industrialisierung vorangetrieben und einen Beschäftigungsschub gezündet und damit die Lebensbedingungen der Menschen verbessert. Aber bei näherem Hinsehen erweisen sich diese Angaben als wenig glaubwürdig.

Chinas Direktinvestitionen in Afrika stiegen bis Ende des Jahres 2020 auf einen Wert von über 56 Milliarden US-Dollar an (Bestandsgrößen). Die chinesischen Zuflüsse an Investitionen in Afrika südlich der Sahara haben zugenommen (Grafik 1). Im Jahr 2020 beliefen sie sich auf 4,2 Milliarden US-Dollar. Folgende Länder gehören zu den wichtigen Zielen: Südafrika (ca. 14 Prozent), DR Kongo (12,5 Prozent), Angola 6,5 Prozent, Sambia 6,5 Prozent, Äthiopien 5,6 Prozent und Ghana 4,1 Prozent.

Ein Blick auf einzelne Länder zeigt, dass es China nicht nur um Rohstoffe und Energie geht, sondern auch um den Zugang zu Märkten: Chinesische Investitionen in Nigeria konzentrieren sich auf die verarbeitende Industrie, unter anderem auf die Produktion von Baumaterialien, Möbeln, Lebensmitteln, Getränken und Verpackungen. In vielen dieser Sektoren haben chinesische Firmen nigerianische Unternehmen verdrängt. Die meisten Unternehmen befinden sich jetzt in chinesischem Besitz. Ein Großteil der Arbeitskräfte ist jedoch einheimisch. In der Freihandelszone von Lekki (der Lagune vor Lagos am Golf von Guinea, Anm. d. Red.) beispielsweise waren 70 Prozent der Arbeitskräfte chinesischer Unternehmen Nigerianer. Chinesische Investitionen in Tansania fließen größtenteils in die Textil- und Bekleidungsindustrie. 2016 gab es in Kenia 400 Unternehmen in chinesischem Besitz, von denen die meisten in der Leichtindustrie, im Baugewerbe, im Tourismus und bei der Ausbeutung natürlicher Ressourcen tätig waren. Darüber hinaus investierten chinesische Firmen in die Metall-, die Kommunikations- und die Automobilindustrie in Kenia.

In vielen afrikanischen Ländern gibt es weniger staatliche Vorschriften für Unternehmen, sodass auch die zunehmend strengeren Umweltvorschriften in China viele chinesische Unternehmen veranlasst haben, im Ausland zu investieren. Die Aussicht auf wachsende Märkte und Mittelschichten ist ein weiterer Anziehungspunkt für chinesische Unternehmen. Schließlich locken Zollbefreiungen für den Handel mit den Vereinigten Staaten und der Europäischen Union exportorientierte chinesische Hersteller nach Afrika.

Man kann also mit Fug und Recht behaupten, dass China ein zentraler Wirtschaftsakteur auf dem afrikanischen Kontinent ist.

Jobwachstum bleibt schwach

Chinesische Investitionen wirken sich positiv auf die Beschäftigung und das Wirtschaftswachstum in Subsahara-Afrika aus. Ein Anstieg der chinesischen Investitionen um ein Prozent führte zu einem marginalen Anstieg der Beschäftigung um 0,2 Prozent und zu einem Anstieg des Wirtschaftswachstums um 0,17 Prozent. Damit bleibt China weit hinter den europäischen Investoren.

Ein wesentlicher Aspekt der chinesischen Investitionen in Afrika ist ihre sektorale Konzentration. Mit Ausnahme eines relativ kleinen Teils der Greenfield-Investitionen in der verarbeitenden Industrie ist der Großteil der chinesischen Investitionen beziehungsweise der Kreditvergabe auf die strategischen Ziele Chinas ausgerichtet. Vor diesem Hintergrund ist es nicht überraschend, dass chinesische Investitionen nur eine geringe Zahl von Jobs geschaffen haben (nur 1,8 Beschäftigte pro eine Million US-Dollar Investition) – hingegen deutsche Investoren immerhin 4,6.

Im Westen herrscht helle Aufregung über das chinesische Engagement. Beobachter glauben, dass chinesische Unternehmen Millionen von Arbeitsplätzen in Afrika wegen der steigenden Löhne in China schaffen werden und Europa damit noch weiter ins Hintertreffen geraten könnte. So erklärte der ehemalige Chefökonom und Senior Vice President für Entwicklungsökonomie der Weltbank, Justin Lin, im Jahr 2011: China stehe kurz davor, sich von den niedrig qualifizierten Arbeitsplätzen in der verarbeitenden Industrie zu verabschieden und ein ‚führender Drache‘ zu werden. Dadurch würden fast Millionen arbeitsintensive Arbeitsplätze in China frei, genug, um die Beschäftigung im verarbeitenden Gewerbe in Niedrigeinkommensländern mehr als zu vervierfachen.

Zahlreiche Beobachter glaubten sogar, dass Afrika das nächste große Produktionszentrum der Welt sein würde, da die chinesische Industrie in kostengünstigeren Regionen produzieren und sich 100 Millionen Arbeitsplätze von China nach Afrika verlagern könnten. Wenn dies zuträfe, könnte China tatsächlich als „Entwicklungsrolltreppe“ Afrikas gesehen werden, da mehr Arbeitsplätze als je zuvor entstünden, höheres Wachstum generiert und Armut beseitigt würde.

In der Tat haben chinesische Unternehmen und der chinesische Staat investiert und auch Arbeitsplätze für Afrikaner geschaffen – allerdings in einem weitaus geringeren Umfang. So gab es nach Angaben der äthiopischen Investitionskommission im Jahr 2020 etwa 620 aktive chinesische Investitionsprojekte (vor allem in der verarbeitenden Industrie und im Bausektor), in denen rund 200.000 Arbeitnehmer beschäftigt waren. In den Sonderwirtschaftszonen Äthiopiens waren dies im Jahr 2020 rund 86.000 Arbeitsplätze (rund 29.000 im Jahr 2018) und Anfang 2021 aufgrund der Pandemie nur noch 74.000. In anderen Ländern liegen die Zahlen deutlich niedriger. Insgesamt wurden im Zeitraum von 2010 bis 2019 im Durchschnitt jährlich etwa 19.000 Arbeitsplätze durch chinesische Investitionen auf dem afrikanischen Kontinent geschaffen – weit mehr als US-amerikanische Firmen leisten, aber weit weniger als alle europäischen Investoren.

Viele Autoren begründen die Möglichkeit steigender Investitionen in Subsahara-Afrika mit dem Argument, dass die Löhne in China steigen und Afrika daher ein Ziel für ausländische Direktinvestitionen im verarbeitenden Gewerbe werden kann. Das Argument der niedrigen Löhne ist jedoch nicht sehr überzeugend. In afrikanischen Ländern sind die Lohnstückkosten – verglichen mit vielen asiatischen Ländern – meist hoch. Die meisten chinesischen Investitionen erfolgen zudem im Energie- und Rohstoffsektor, d. h. es handelt sich um kapital- und rohstoffintensive Investitionen, die nicht wegen möglicher Lohnunterschiede, sondern wegen der durch die Modernisierung der chinesischen Wirtschaft geschaffenen Nachfrage nach Rohstoffen getätigt werden.

Im Vergleich zu China sind die Lohnstückkosten in afrikanischen Ländern nach wie vor höher. Darüber hinaus wirken sich eine unzureichende und teure Infrastruktur (Straßen, Strom, schwache Informations- und Kommunikationstechnologien; geringe Forschungsaktivitäten) und schwache Institutionen negativ auf  das Geschäftsumfeld für ausländische Investitionen aus. Vor allem die asiatischen Niedrigeinkommensländer Bangladesch oder Vietnam sind gegenüber den afrikanischen Ländern deutlich im Vorteil, weshalb chinesische Investoren eher in der Nachbarregion als in afrikanischen Ländern investieren.

Und was noch hinzukommt:

  1. In der Zwischenzeit modernisiert China seine Fertigungstechnologie („Made in China 2025“) gemäß der Richtlinie jiqi huanren (Maschinen ersetzen Arbeiter). Lohnkostenunterschiede verlieren an Bedeutung.
  2. Falls afrikanische Länder jemals von niedrigeren Lohnstückkosten hätten profitieren können, so verringert sich dieser Vorteil durch die „Globotik-Umwälzung“ (Robotisierung, Digitalisierung, künstliche Intelligenz), die insgesamt arbeitssparend ist. Es ist daher keineswegs eine ausgemachte Sache, dass steigende Löhne in China zu höheren chinesischen Direktinvestitionen führen werden.

Wohlwollender Akteur?

Die afrikanischen Länder sollten nicht in den Fehler verfallen, China als wohlwollenden Akteur zu betrachten. Er unterscheidet sich nicht von anderen globalen Mächten, die ihre wirtschaftlichen und außenpolitischen Interessen verfolgen. Zwischen China und Afrika gibt es strukturelle Asymmetrien, die sich am deutlichsten in den Handels- und Investitionsmustern zeigen: China importiert aus Afrika vor allem Rohstoffe, während die afrikanischen Länder aus China hauptsächlich Industrie- und Konsumgüter von höherer Wertschöpfung einführen. Diese Importe erschweren auch die Möglichkeit der afrikanischen Industrieentwicklung.

Die chinesische Regierung ist der Ansicht, dass der letzte China-Afrika-Gipfel (FOCAC) ein Erfolg war und dass die geplanten Vorhaben weitgehend umgesetzt wurden: Industrieförderung, Vernetzung der Infrastruktur, Handelserleichterung, umweltfreundliche Entwicklung, Kapazitätsaufbau, Gesundheitsversorgung, vertiefter Austausch in der Ausbildung sowie Frieden und Sicherheit. In vielen afrikanischen Ländern wird die Kooperation jedoch nicht so positiv gesehen. In immer mehr afrikanischen Staaten beginnt sich Kritik über Chinas Agieren Bahn zu brechen. Denn viele Versprechen wurden nicht eingehalten, beziehungsweise waren mit hohen Kosten verbunden (Schuldenfalle). Und so ist auch der Beitrag zur Industrialisierung Afrikas bislang sehr gering.

Zu den Themenbereichen, die auf dem FOCAC-Gipfel 2021 in Dakar beraten werden, gehört:

  1. die Ausgestaltung des Handels (beispielsweise erleichterter Zugang auch zum chinesischen Markt, der sich durch Zölle und nicht-tarifäre Handelsbarrieren abschottet.
  2. China wird versuchen, seine digitale Seidenstraßen-Agenda in Afrika voranzutreiben. Auf afrikanischer Seite ist das Interesse größer an Industrieinvestitionen, an tragfähigen Schuldenmaßnahmen, am Kampf gegen die Klimakrise und an Maßnahmen, die aus der Rohstofffalle herausführen.

Wenn China tatsächlich Interesse an einer erfolgreichen Investitions- und Kooperationsstrategie in Afrika hat, wird die chinesische Regierung umsteuern und den Schwerpunkt seiner Investitionen viel stärker auf die arbeitsintensivere verarbeitende Industrie, Landwirtschaft und Dienstleistungssektoren verlagern und vor Ort mit lokalen Unternehmen kooperieren müssen.

Robert Kappel, Wirtschaftswissenschaftler an der Universität Leipzig, beschäftigt sich bereits seit vier Jahrzehnten mit der Ökonomie der Entwicklungszusammenarbeit. Von 2004 bis 2011 war Kappel Präsident des German Institute of Global and Area Studies, Leibniz-Institut für Globale und Regionale Studien (GIGA) und Professor an den Universitäten Hamburg und Leipzig.

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