Winterspiele: Die außergewöhnliche Familiengeschichte von Eiskunstlauf-Superstar Alysa Liu

Gold im Teamwettbewerb bei den Olympischen Winterspielen in Milano-Cortina hat sie bereits gewonnen: Alysa Liu ist die prägende Figur des modernen Eiskunstlaufs. Ihr Aufstieg ist verbunden mit einer Familiengeschichte von Migration, unkonventionellen Wegen und komplexen Beziehungen zu China.

13. Februar 2026
Alysa Liu
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Alysa Liu steht auf dem Eis wie eine Selbstverständlichkeit: leicht, präzise, unerschrocken. Doch hinter der Eleganz ihrer Sprünge verbirgt sich eine Familiengeschichte, die von Migration, Entwurzelung, unkonventionellen Entscheidungen und einer komplizierten Beziehung zu China geprägt ist. An ihrer Seite steht stets ihr Vater, Arthur Liu. Er ist ihr Trainer, Mentor und Architekt eines Lebensentwurfs, der bewusst mit gesellschaftlichen Normen gebrochen hat.

Arthur Liu wuchs in Sichuan auf und emigrierte in der Folge des Tian’an-Massakers als junger Mann in die USA. Er besuchte eine Elite-Highschool in Zhongxian, Chongqing, und studierte anschließend englische Literatur an der Southwest Teachers University in Guangzhou. Während des Studiums entwickelte er ein Interesse an politischem Aktivismus und organisierte Berichten zufolge als Absolvent Ende der 1980er-Jahre prodemokratische Demonstrationen in der Hafenstadt.

Nach den Ereignissen der Proteste von 1989 auf dem Platz des Himmlischen Friedens soll er in Guangzhou Demonstrationen angeführt haben, bei denen Straßen blockiert wurden. Laut Sports Illustrated brachte ihn das auf eine Liste von Studenten, die von der chinesischen Regierung gesucht wurden. Kurz darauf emigrierte Liu nach Kalifornien. Er verdiente seinen Lebensunterhalt mit der Arbeit in einem chinesischen Restaurant und finanzierte damit sein Jurastudium an der University of California. Heute betreibt er eine eigene Kanzlei in Oakland. Über die Entscheidung, in die USA zu gehen, sagte er: „Ich wollte ein Leben, in dem meine Tochter frei entscheiden kann, wer sie sein möchte. Das war in China für mich so nicht vorstellbar.“

Die heute 20-Jährige kennt diese Geschichte seit ihrer Kindheit: „Ich weiß, dass mein Vater alles aufgegeben hat, damit ich hier eine Chance habe. Das ist etwas, das ich jeden Tag mit mir trage“, erklärte sie in Interviews. Ihre Verbindung zu China sei deshalb ambivalent.

Zu der besonderen Biografie der Familie Liu gehört auch die bewusste Entscheidung von Arthur Liu, alle seine fünf Kinder mithilfe von Leihmüttern zur Welt bringen zu lassen. Für ihn war das kein Tabu, sondern Ausdruck persönlicher Freiheit: „Ich wollte Kinder haben, auch wenn ich keine traditionelle Familie habe. Für mich zählen Liebe und Verantwortung, nicht das klassische Modell.“

Sportlich führte der unkonventionelle Weg Alysa früh auf die größten Bühnen. Mit fünf Jahren begann sie mit dem Eiskunstlauf. Mit 16 Jahren hatte sie ihr Debüt bei den Olympischen Winterspielen 2022 in Peking. 2025 gewann sie den Weltmeisterinnentitel. In Milano-Cortina holte sie nun Gold im Teamwettbewerb. Sie gilt als eine der prägendsten Figuren des modernen Eiskunstlaufs, auch durch ihre im Halo-Look gefärbten Haaren und Gesichtspiercings.

Besondere Aufmerksamkeit für die Lius gab es 2022, als Vater und Tochter öffentlich machten, sie hätten sich zeitweise beobachtet und ausspioniert gefühlt. Arthur Liu sagte dazu: „Wir hatten das Gefühl, dass Menschen uns folgten und Fragen stellten, die nichts mit Sport zu tun hatten. Das war beängstigend.“

„Sie sagten mir, dass die chinesische Regierung Spione in die Bay Area geschickt habe, um die Passdaten von mir und meiner Tochter zu sammeln“, sagte er der BBC. „Ich würde nicht sagen, dass ich schockiert war. Aber ich dachte mir: ‚Wow, die nehmen das richtig ernst.’“ Arthur Liu stellte zunächst keinen Zusammenhang her.

Es habe einen „verdächtigen“ Anruf von einem Mann gegeben, der behauptete, vom United States Olympic & Paralympic Committee zu sein und eine „Vorbereitungsüberprüfung“ im Vorfeld der Reise seiner Tochter zu den Olympischen Winterspielen Peking 2022 durchführen zu wollen. „Ich habe nicht vollständig realisiert, dass der Anruf von jemand anderem als dem Olympischen Komitee kam“, erinnerte sich Herr Liu. „Ich habe einfach beschlossen, das Richtige zu tun und keine Informationen herauszugeben. So reichen wir normalerweise keine Passdaten ein.“

Der Anruf hatte Folgen: Der Mann am anderen Ende der Leitung war nach Einschätzung der US-Behörden Anthony Ziburis, ein 49-jähriger ehemaliger Justizvollzugsbeamter aus Florida und Bodyguard, der in den USA für China Dissidenten ausspionierte. Er wurde mittlerweile wegen Spionage rechtlich verfolgt.

Diese Erfahrungen verstärkten Alysa zufolge ihren Wunsch nach Schutz der Privatsphäre – und nach Kontrolle über die eigene Erzählung: Für sie bedeute Eiskunstlauf nicht nur sportlichen Ehrgeiz, sondern auch Selbstbehauptung: „Auf dem Eis bin ich einfach ich. Keine Politik, keine Erwartungen – nur Bewegung und Musik.“

Letzte Aktualisierung: 27. März 2026