Vietnam: Đổi Mới und die Grenzen des Gradualismus

Vom hungernden Planstaat zur Exportnation: Seit den Reformen von 1986 hat Vietnam einen rasanten Aufstieg erlebt. Doch trotz Wachstum, Investitionen und Freihandel bremsen Staatskonzerne und fehlende Finanzreformen den Wohlstand.

GS
30. Mai 2026

Am Ende des Vietnamkriegs 1975 war Vietnam ein armes Land, in dem Hunger herrschte. Rund 80 Prozent der Bevölkerung produzierten vorwiegend für den Eigenbedarf. Es herrschte die Planwirtschaft. Die Betriebe waren staatlich und der Verwaltungsapparat überdimensioniert. In der Landwirtschaft führten unerfahrene Kader ineffiziente Großkooperativen. Das Pro-Kopf-Einkommen und die Lebenserwartung gehörten zu den niedrigsten in Asien. Die Staatsausgaben waren außer Kontrolle und die Inflation galoppierte.

Der entscheidende Wendepunkt kam auf dem 6. Parteikongress der Kommunistischen Partei Vietnams 1986 mit der Wahl von Nguyễn Văn Linh zum neuen Generalsekretär. Dieser erkannte das Scheitern der „zentralistisch-bürokratischen“ Planwirtschaft „in entscheidenden Punkten“ an. Im Zuge des schrittweisen Reformprozesses Đổi-Mới (Erneuerung) legalisierte die Regierung den privaten Verkauf der landwirtschaftlichen Produktion, die über den staatlichen Ablieferungsquoten lag. Die Regierung erlaubte die Gründung privater Unternehmen und schuf Geschäftsbanken. Die Entlassung zahlreicher Staatsbediensteter und die Kürzung der Subventionen für die Staatsbetriebe half, die Inflation zu senken und die Währung zu stabilisieren. Mit der makroökonomischen Stabilisierung verbesserten sich die Bedingungen für Investitionen.

Bereits früh hat Vietnam den Weg für Direktinvestitionen frei gemacht, sodass ausländisches Know-how kombiniert mit günstiger inländischer Arbeitskraft die Industrieproduktion wachsen lassen konnte. Das steigerte die Produktivität und den Export und brachte Devisen ins Land. Der Beitritt zu ASEAN (1995), der WTO (2007) und zahlreichen anderen Freihandelsabkommen gab dem Export zusätzlichen Rückenwind. Die geopolitischen Spannungen um China lassen multinationale Unternehmen nach dem Motto „China plus One“ Teile ihrer Produktion von China nach Vietnam verlagern. Der Handelskonflikt der USA mit China hat bewirkt, dass Chinas Exporte in die USA teilweise den Umweg über Vietnam machen.

Das Pro-Kopf-Einkommen Vietnams ist stark von unter 500 Dollar im Jahr 1985 auf 5.000 US-Dollar im Jahr 2025 gewachsen. Die Bildungsrate ist hoch und die Armutsrate ist gering. Trotzdem bleibt Vietnam deutlich hinter anderen ostasiatischen Ländern wie Thailand (8.400 Dollar), China (14.700 Dollar) und Südkorea (36.300 Dollar) zurück. Das liegt auch daran, dass die großen staatseigenen Betriebe immer noch weite Teile der nicht ausländisch kontrollierten Produktion dominieren. Einen Mittelstand wie in den Industrieländern gibt es quasi nicht.

Das Finanzsystem wird von staatlich kontrollierten Banken dominiert, die Kredite nach politischen Kriterien vergeben. Der private Kapitalmarkt bleibt stark unterentwickelt. Dies verdeutlicht die Grenzen des gradualistischen Reformprozesses. Der Wohlstandsgewinn bleibt begrenzt, weil wichtige Reformschritte wie die finanzielle Liberalisierung einfach ausgeblieben sind.

Die Schocktherapien der mittel- und osteuropäischen Länder nach dem Fall des Eisernen Vorhangs haben zwar in den 1990er-Jahren deutlich stärkere Verwerfungen mit sich gebracht. Aber die Pro-Kopf-Einkommen liegen heute auch viel höher – beispielsweise in Estland bei 37.900 US-Dollar und in Polen bei 30.000 Dollar. Das zeigt, dass eine Schocktherapie zwar schmerzlicher ist, aber auch größere Erfolge erzielen kann. Der nächste, der das gerade unter Beweis stellen könnte, könnte Javier Milei in Argentinien sein.

Gunther Schnabl ist Professor für Volkswirtschaftslehre und Direktor des Thinktanks Flossbach von Storch Research Institute. In seiner Kolumne beleuchtet er regelmäßig Themen rund um die internationalen Finanzmärkte.

Dieser Standpunkt spiegelt nicht zwingend die Meinung der Redaktion wider.

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Letzte Aktualisierung: 30. Mai 2026