Schafft Künstliche Intelligenz Arbeitslosigkeit?

Seit ChatGPTs Start 2022 erlebt die KI-Branche einen Boom und die Börsen steigen stark. KI steigert Produktivität, automatisiert Wissensarbeit und weckt zugleich Ängste vor Jobverlust. Ob KI Wohlstand oder Jobs bringt, entscheidet die Politik.

GS
02. Mai 2026

Seitdem OpenAI im November 2022 mit ChatGPT eine generative Künstliche Intelligenz (KI) für die breite Anwendung auf den Markt gebracht hat, herrscht Goldgräberstimmung in der Branche. Der Nasdaq, in dem viele führende KI-Unternehmen gelistet sind, ist seitdem um rund 220 Prozent gestiegen.

Die KI verfügt über viele Fähigkeiten, die bisher nur Menschen hatten. Sie kann Wissensarbeit beschleunigen, Prozesse automatisieren, Fehler vermeiden und sogar Software entwickeln. Der Aufbau riesiger Rechenzentren kündigt weitere große Sprünge an. Da im Arbeitsleben große Produktivitätsgewinne möglich sind, geht die Angst vor dem Verlust von Arbeitsplätzen um. Kommt die Massenarbeitslosigkeit zurück – wie damals bei den Webern in Schlesien?

Die Produktivität steigt, weil der Zeitaufwand für routinemäßige Abläufe sinkt. Einfache Arbeiten wie das Aktualisieren von Excel-Tabellen, Schreiben von Standard-E-Mails oder ermüdendes Korrekturlesen werden automatisiert. Wissensarbeit wird schneller, beispielsweise das Schreiben von Texten, Übersetzen, Recherchieren und Informationsaufbereitung. Eine Recherche, die in Bibliotheken Stunden verschlang, erfolgt plötzlich in Sekundenschnelle.

KI findet oder verhindert Fehler, die durch menschliche Schwächen wie Flüchtigkeit, Unwissen oder Motivationslosigkeit entstehen. Hohe Folgekosten können vermieden werden. Eine steigende Produktivität führt dazu, dass bei gleichem Arbeitseinsatz der Output wächst. Die lange Zeit schrumpfenden Zeitungen könnten beispielsweise wieder mehr Artikel bringen.

Alternativ wird die Arbeitszeit informell verkürzt. Wenn eine Routine schneller erledigt ist, bleibt mehr Zeit für unproduktive Meetings oder Kaffeetrinken. Der Staat kann die frei gewordenen Potenziale binden, indem er durch KI-Regulierungen zusätzlichen Arbeitsaufwand schafft. Oder die Arbeitgeber sparen Arbeitskräfte ein. Der Stab der wissenschaftlichen Mitarbeiter, die Buchhaltungsabteilung oder das Callcenter schrumpfen.

Welcher Kanal dominiert, hängt vom Wettbewerbsumfeld ab. Wenn der Konkurrenzdruck wächst, müssen nach Friedrich August von Hayek Unternehmen Kosten sparen und Innovationen voranzubringen.

Lange Zeit haben Zentralbanken durch niedrige Zinsen die Finanzierungskosten und damit den Druck zu Effizienzgewinnen gedämpft. Wenn die Zinsen steigen und der Staat dereguliert, dann wird der Druck zu Kostensenkungen und Innovationen wachsen. Produktivitätsgewinne mithilfe von KI werden begünstigt – was aber auch die Einsparung von Arbeitskräften mit sich bringt.

Karl Marx hat argumentiert, dass im Kapitalismus technischer Fortschritt Arbeitslosigkeit und Verelendung bewirkt. In der Tat ist die Angst vor Arbeitsplatzverlusten durch KI nicht unbegründet. Doch Marx hat übersehen, dass eine steigende Produktivität die Löhne steigen lässt. Die Nachfrage nach Gütern und Dienstleistungen wächst, sodass neue Beschäftigungsmöglichkeiten entstehen. Die Massenarbeitslosigkeit bleibt aus.

Wie sich das Produktivitätspotential der Künstlichen Intelligenz volkswirtschaftlich kanalisieren wird, hängt also maßgeblich von der Politik ab. Nur wenn sie ohne Angst vor Arbeitslosigkeit mehr Wettbewerb zulässt, wird die KI zu maßgeblichen Produktivitätsgewinnen und einem Anstieg der gesellschaftlichen Wohlfahrt führen.

Gunther Schnabl ist Professor für Volkswirtschaftslehre und Direktor des Thinktanks Flossbach von Storch Research Institute. In seiner Kolumne beleuchtet er regelmäßig Themen rund um die internationalen Finanzmärkte.

Dieser Standpunkt spiegelt nicht zwingend die Meinung der Redaktion wider.

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Letzte Aktualisierung: 02. Mai 2026