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Mit Finanzmärkten als Waffe spielt man nicht!

Staaten erwägen US-Staatsanleihen als geopolitische Waffe einzusetzen. Unser Kolumnist Gunther Schnabl warnt jedoch vor globalen Finanzfolgen und Kettenreaktionen.

GS
31. Januar 2026

Die geopolitische Lage ist seit dem russischen Angriff auf die Ukraine und der Wahl von US‑Präsident Donald Trump angespannt. Insbesondere Trumps wiederholte Zolldrohungen haben weltweit für erhebliche Unruhe gesorgt. Wenn andere Staaten versuchen, die Europäische Union zur Durchsetzung politischer Ziele wirtschaftlich unter Druck zu setzen, kann sich die EU mit ihrem Anti‑Coercion‑Instrument – auch als „Handels‑Bazooka“ bezeichnet – etwa durch die Erhebung von Zöllen zur Wehr setzen.

Im Zuge des Streits um Grönland ist darüber hinaus die Idee aufgekommen, die USA durch den gezielten Verkauf von US‑Staatsanleihen unter Druck zu setzen. In diesem Zusammenhang kündigte jüngst auch ein dänischer Pensionsfonds an, seinen gesamten Bestand an US‑Treasuries veräußern zu wollen.

Die USA profitieren seit Jahrzehnten davon, dass der Dollar die Weltleitwährung ist. US‑amerikanische Staatsanleihen gelten deshalb als besonders sichere und liquide Anlage und werden in großem Umfang von Zentralbanken weltweit gehalten. Senkt die US‑Notenbank Fed die Zinsen, fließt Kapital häufig ins Ausland. Dort geraten die lokalen Währungen unter Aufwertungsdruck. Um die Wettbewerbsfähigkeit der eigenen Exporte zu sichern, kaufen viele ausländische Zentralbanken dann Dollar und US‑Staatsanleihen.

Dieses sogenannte „exorbitante Privileg“, mit dem die USA andere Länder indirekt an der Finanzierung ihrer Staatsausgaben beteiligen, hat hohe Defizite ermöglicht. Es war zugleich eine wichtige Voraussetzung für die großen Militärausgaben, mit denen die USA ihre geopolitische Führungsrolle abgesichert haben. Von den insgesamt rund 30,8 Billionen Dollar ausstehenden marktfähigen US‑Staatsanleihen werden etwa 9,4 Billionen im Ausland gehalten. Europa ist mit rund 3,6 Billionen Dollar ein bedeutender Gläubiger. Russland hat seine US‑Anleihebestände bereits vor dem Ukraine‑Krieg vollständig abgestoßen, während China seine umfangreichen Bestände seit Jahren schrittweise reduziert.

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Sollte nun auch Europa in größerem Umfang US‑Staatsanleihen verkaufen, könnten deren Kurse deutlich fallen und die Renditen entsprechend steigen. Die jährlichen Zinsausgaben der USA liegen bereits heute bei über einer Billion Dollar und damit über den Militärausgaben. Das potenzielle Druckmittel ist also nicht zu unterschätzen.

Gleichzeitig sind die USA jedoch das Zentrum der internationalen Finanzmärkte. US‑Staatsanleihen bilden als wichtigste sichere und liquide Anlageklasse das Fundament des globalen Finanzsystems. Sie spielen eine zentrale Rolle in den Bilanzen von Banken und werden häufig als bevorzugte Sicherheiten akzeptiert.

Da Finanzinstitute weltweit eng miteinander verflochten sind, können selbst einzelne Zahlungsausfälle oder Marktverwerfungen dramatische Kettenreaktionen auslösen – weit über nationale Grenzen hinaus. Die US‑Staatsverschuldung liegt derzeit bei rund 122 Prozent des Bruttoinlandsprodukts. Für ein Land mit Weltleitwährung ist das zwar hoch, aber noch nicht unmittelbar kritisch. Ein massiver Schock am US‑Anleihemarkt hingegen könnte eine globale Finanzkrise auslösen. Müsste die Fed in einem solchen Szenario eingreifen, würde dies vermutlich den Dollar deutlich unter Druck setzen. Die wirtschaftlichen und finanziellen Folgewirkungen wären weltweit spürbar. Es ist daher ein Spiel mit dem Feuer, US‑Treasuries als geopolitische Waffe gegen einen Finanzriesen einzusetzen. Darauf hat zuletzt auch US‑Finanzminister Scott Bessent im Gespräch mit der Deutschen Bank hingewiesen.

Hinzu kommt, dass selbst große Länder ihre Bestände nicht kurzfristig und vollständig verkaufen können. Für derart große Volumina fehlt eine ausreichende Zahl an Käufern. Bereits bei den ersten Verkaufswellen würden die Kurse fallen, sodass der verbleibende Bestand erhebliche Buchverluste erleiden würde.

Finanzmärkte sollten nicht als Waffe genutzt werden. Stattdessen sollten die Industrieländer ihre Staatsverschuldung konsequent reduzieren, um die Risiken für die internationale Finanzmarktstabilität dauerhaft zu verringern.

Gunther Schnabl ist Professor für Volkswirtschaftslehre und Direktor des Thinktanks Flossbach von Storch Research Institute. In seiner Kolumne beleuchtet er regelmäßig Themen rund um die internationalen Finanzmärkte.

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Letzte Aktualisierung: 31. Januar 2026