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Bulgariens umstrittener Rutsch ins Euroland

Am 1. Januar 2026 ist Bulgarien dem Euroraum beigetreten. Politisch gilt der Schritt als Signal gen Westen, wirtschaftlich ist er umstritten, weil Einkommensniveau und Struktur des Landes deutlich vom Durchschnitt des Währungsraums abweichen.

GS
03. Januar 2026

Am 1. Januar 2026 ist Bulgarien als 21. Mitglied dem Euroraum beigetreten. Der Beitritt erfolgte nach einem mehrjährigen Konvergenzprozess, in dem Bulgarien die formalen Kriterien hinsichtlich Inflation, Zinssätzen, Haushaltsdefizit und Staatsverschuldung erfüllte.

Bulgarien hatte seine Währung Lew seit 1997 mit einem sogenannten Currency Board sehr glaubwürdig zunächst an die Deutsche Mark und ab 1999 an den Euro gebunden. Im Juli 2020 trat Bulgarien dem Europäischen Wechselkursmechanismus II bei, in dem ein Euro-Kandidatenland als „Wartesaal zum Euro“ mindestens zwei Jahre ohne Spannungen und Abwertungen des Leitkurses Mitglied sein muss. Es folgte ein Konvergenzprozess, der Bulgarien in Einklang mit den restlichen Konvergenzkriterien für den Eurobeitritt – Inflation, langfristige Zinsen, Haushaltsdefizit und Staatsverschuldung – brachte bzw. hielt.

In Bulgarien war der Eurobeitritt umstritten. Die Regierung sah diesen auch als politisches Bekenntnis für die unumkehrbare Einbindung des Landes in den Westen. Die EU unterstützte die Konvergenz indirekt durch finanzielle Zuwendungen im Rahmen der Kohäsionspolitik. Nationalistische und prorussische Kreise schürten hingegen die Angst vor Fremdbestimmung durch Brüssel und Frankfurt. Sie kritisierten die Manipulation der Statistiken. Nachdem im März 2025 die Inflation noch bei vier Prozent gelegen hatte, machte laut offiziellem Konvergenzbericht von Europäischer Kommission und EZB eine Inflationsrate von 2,7 Prozent im April 2025 den Weg frei. Dies wurde durch die drastische Senkung öffentlich administrierter Preise erreicht.

Bei einer Volksabstimmung hätte der Euro nach Umfragen wohl keine Mehrheit gefunden. Vor allem ältere Menschen, Haushalte mit niedrigem Einkommen und Bewohner ländlicher Regionen hatten Angst vor Kaufkraftverlust und der Entwertung ihrer Ersparnisse.

Hingegen hatte EZB-Präsidentin Christine Lagarde den Bulgaren in Aussicht gestellt, dass der Euroraum das kleine Bulgarien gegen die zunehmend unsichere geoökonomische Lage absichern werde. Bulgariens Unternehmen würden die Umtauschkosten in den Euro erspart. Sie würden direkten Zugang zu den EU-Kapitalmärkten und damit niedrigere Finanzierungskosten erhalten. Nachdem durch den Festkurs zum Euro de facto bereits keine geldpolitischen Entscheidungsspielräume mehr bestanden hatten, könne Bulgarien fortan an den Entscheidungen der EZB partizipieren.

Für die Europäische Zentralbank ist der Beitritt Bulgariens ein Prestigegewinn. Lagarde kündigte als Silvestergruß an, auf das freudige Ereignis mit einem Glas guten bulgarischen Weins anzustoßen. Doch die Heterogenität des Währungsraums wächst weiter, da das Pro-Kopf-Einkommen Bulgariens rund 34 Prozent unter dem Durchschnitt des Euroraums liegt. Die Wirkungsweise der geldpolitischen Entscheidungen der EZB in Bulgarien ist damit ungewiss. Der Erfolg von Bulgariens umstrittenem Rutsch ins Euroland dürfte damit auch davon abhängen, inwieweit die EU weiterhin durch Transfers die wirtschaftliche Konvergenz mit dem reicheren Zentrum des Euroraums sicherstellt.

Gunther Schnabl ist Professor für Volkswirtschaftslehre und Direktor des Thinktanks Flossbach von Storch Research Institute. In seiner Kolumne beleuchtet er regelmäßig Themen rund um die internationalen Finanzmärkte.

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Letzte Aktualisierung: 03. Januar 2026