CEO.Table – Ausgabe 86

Digitaler Euro: Kaum Mehrwert für Verbraucher + Arx Robotics-CEO im Gespräch + Siemens baut eigene Mitarbeiter-KI

Teilen
Kopiert!

Executive.Summary

Digitaler Euro - Ein Kunde bezahlt seinen Einkauf mit dem digitalen Euro per Smartphone und Kartenlesegerät. Symbolbild für bargeldlose Transaktionen, moderne Finanztechnologie und digitales Zentralbankgeld.

Digitaler Euro: Kaum Mehrwert für Verbraucher, Banken wehren sich

Eigentlich soll der digitale Euro als digitales Pendant zum Bargeld das Bezahlen im stationären Handel, online und zwischen Privatpersonen digitalisieren. Und er soll auch offline funktionieren. Es geht aber auch darum, Europa unabhängiger von US‑Zahlungsanbietern wie Visa und Mastercard zu machen – Stichwort: europäische Souveränität. Doch was als strategisches Prestigeprojekt gedacht war, droht zum Minimalkompromiss zu werden. Innerhalb der Geschäftsbanken regt sich Widerstand, der Prozess verzögert sich – und in seiner aktuellen Ausgestaltung bietet der digitale Euro für Verbraucher kaum erkennbaren Mehrwert.

Wenn das EU-Parlament am 23. Juni über die Verordnung zum digitalen Euro abstimmt, entscheidet es formal über den rechtlichen Rahmen eines Projekts, das gegenüber früheren Plänen deutlich an Ambition verloren hat. „Die EZB ist beim digitalen Zentralbankgeld spät dran und hat unter dem Druck aus Politik, Öffentlichkeit und nicht zuletzt den Banken deutlich zurückgerudert“, sagt Pawel Tokarski, Ökonom bei der Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP), im Gespräch mit Table.Briefings. Gerade im Alltagseinsatz biete der digitale Euro „in der aktuellen Form wenig Mehrwert“. Zwar bleibt ein struktureller Vorteil bestehen – etwa die staatliche Garantie durch die EZB und die geringere Abhängigkeit von Visa und Mastercard –, doch dieser sei für „den normalen Nutzer nicht besonders sichtbar“.

Der digitale Euro unterscheidet sich von Geld auf dem Bankkonto dadurch, dass er direkt eine Forderung gegenüber der Zentralbank darstellt, während Guthaben auf dem Konto eine Forderung gegenüber der jeweiligen Geschäftsbank ist. Zwar besteht auch beim heutigen Kontogeld keine direkte Forderung gegenüber Visa oder Mastercard, doch laufen Kartenzahlungen in der Praxis häufig über deren Netzwerke, die die Abwicklung zwischen den Banken übernehmen. Genau diese Abhängigkeit von US‑Infrastruktur soll der digitale Euro verringern, indem er auf einer eigenständigen europäischen Zahlungsplattform basiert.

In der konkreten Ausgestaltung wird dieses Konzept jedoch bewusst begrenzt. Diskutiert werden Halteobergrenzen, die nach Informationen von Table.Briefings deutlich unter der einmal ins Spiel gebrachten Höhe von 3.000 Euro liegen, sowie eine ausbleibende Verzinsung. Damit wird genau jenes Risiko adressiert, das die Banken besonders fürchten: „Banken bremsen das Projekt, weil sie Abflüsse von Einlagen zur Zentralbank fürchten“, sagt Tokarski. Durch Limits und fehlende Verzinsung werde sichergestellt, „dass die Banken keine echte Konkurrenz mehr fürchten müssen“.

Vor allem aus Frankreich, aber auch beim Deutschen Sparkassen- und Giroverband regte sich Widerstand. Vordergründig kritisieren die Banken die hohen Einführungskosten, über deren tatsächliche Höhe jedoch erheblicher Dissens besteht. Eine von den drei europäischen Kreditverbänden (European Credit Sector Associations, ECSA) in Auftrag gegebene PwC-Studie schätzt die Gesamtkosten für die Banken im Euroraum auf 18 bis 30 Milliarden Euro, da beispielsweise Bezahlterminals, Geldautomaten, Karten, Online-Banking und Banking-Apps angepasst werden müssten. Die EZB kommt hingegen zu deutlich niedrigeren Werten und beziffert die Investitionskosten für den Bankensektor auf 4 bis 5,8 Milliarden Euro und die Entwicklungskosten des Eurosystems auf rund 1,3 Milliarden Euro, hinzu kommen etwa 320 Millionen Euro jährliche Betriebskosten.

Strategisch setzt Europa auf ein staatlich getragenes Modell und grenzt sich damit bewusst von den USA ab. Während die USA konsequent auf privat emittierte Stablecoins setzen und einen staatlichen digitalen Dollar gesetzlich ausgeschlossen haben, wählt Europa den gegenteiligen Weg und konzentriert sich mit dem digitalen Euro auf die Entwicklung eines staatlich kontrollierten Stablecoins in Form von digitalem Zentralbankgeld. Rund 99 Prozent der weltweit umlaufenden Stablecoins entfallen laut EZB auf dollarbasierte Token wie USDT oder USDC – der Markt ist damit strukturell vom US-Dollar dominiert. EZB-Präsidentin Christine Lagarde warnte unlängst in einer Rede vor einer dominanten Rolle privater Stablecoins und verwies dabei auf Risiken für Finanzstabilität und Geldpolitik, insbesondere bei möglichen Vertrauensverlusten und schnellen Kapitalabzügen.

Sparkassenpräsident Ulrich Reuter kritisiert dagegen die staatliche Rolle in einem Table-Gastbeitrag grundsätzlich: „Anstatt die Kräftebündelung europäischer Anbieter zu unterstützen, wird die EZB mit einem milliardenschweren Projekt über Jahre hinweg sämtliche Entwicklungskapazitäten europäischer Paymentanbieter belegen.“ Er plädiert stattdessen für Wero – eine europäische Zahlungslösung der European Payments Initiative (EPI), ein Zusammenschluss aus großen europäischen Banken und Zahlungsdienstleistern.

Bundesbankpräsident Joachim Nagel hält dem entgegen, dass es im Euroraum zwar „mehr als 100 europäische digitale Zahlungslösungen“ gebe, aber keine flächendeckende Lösung, wie er Ende April bei einer Rede im House of the Euro in Brüssel betonte. Eine gemeinsame Infrastruktur könne daher Innovation erst ermöglichen. Ökonom Tokarski von der SWP unterstützt den europäischen Ansatz grundsätzlich: „Ich halte es für richtig, dass Europa beim digitalen Euro auf staatliches Zentralbankgeld setzt“, auch weil mit der EZB eine Institution dahinterstehe, „die im Zweifel als sogenannter Lender of Last Resort einspringen kann, also als letzte Instanz Liquidität bereitstellt und Krisen abfedert.“

Ein Beschluss des EU-Parlaments im Juni wäre dabei nur ein wichtiger Zwischenschritt im Gesetzgebungsverfahren. Burkhard Balz, der im Vorstand bei der Bundesbank den digitalen Euro vorantreibt, ist sehr positiv gestimmt, was eine Zustimmung des EU-Parlaments angeht. Er rechnet noch vor der Sommerpause mit einem ersten Trilog-Verfahren zwischen Mitgliedstaaten und EU-Kommission. Erst nach dieser Einigung entsteht der finale Rechtsrahmen. Darauf folgt eine mehrjährige Umsetzungsphase: Die EZB baut die Infrastruktur auf, Banken integrieren den digitalen Euro in ihre Systeme, und erste Pilotprojekte könnten ab 2027 starten. Die EZB strebt an, bis 2029 für eine mögliche Einführung bereit zu sein.

Teilen
Kopiert!

ANZEIGE

NIM Market Decisions Day. Konferenz-Highlight zur Longevity Economy. Im Fokus: langlebige Strategien, Circular Economy, Reparierbarkeit und Märkte im Wandel – mit führenden Speakern. 1. Juli 2026, Nürnberg, MyEvent World.

CEO.Talk

Arx Robotics-CEO: Interesse der Bundeswehr an Bodendrohnen steigt

Für die Ukraine werden Bodendrohnen (UGV) strategisch immer wichtiger. Auch von Seiten der Bundeswehr wächst das Interesse: Es sei stark absehbar, dass der Bereich Bodendrohnen ähnlich wichtig werde wie der Bereich Luftdrohnen, sagt Marc Wietfeld, CEO und Mitgründer von Arx Robotics, im Interview mit Table.Briefings. „Wir als mitteleuropäische Streitkraft haben eine sehr große Landdimension.“ Demnach entfalte „Automatisierung und Digitalisierung den größten Effekt an Land“, sagt Wietfeld weiter.

Die steigende Konkurrenz im Geschäft mit UGV sieht Wietfeld entspannt. Diehl Defence arbeitet an einem unbemannten System namens Ziesel. Quantum Systems stellte im Frühjahr das unbemannte Bodenfahrzeug Mandrill vor. „Wir haben es geschafft, eine Lösung zu entwickeln, die im Faktor fünf bis zehn preiswerter ist als Prototypen von größeren Rüstungsherstellern“, sagt der Arx-Chef. Das Münchner Start-up will sich durch größere Anpassungsmöglichkeiten und schnellere Update-Zyklen gegen die Konkurrenz behaupten.

Dass nun mehrere deutsche Hersteller Bodendrohnen entwickeln, stellt einen Sinneswandel dar. „Oft wurden wir belächelt“, sagt Wietfeld. Sein Unternehmen habe vorzeitig auf die Bodendomäne gesetzt, dieses Marktsegment würde niemals so groß wie der Luftdrohnenbereich, hätten Kritiker gesagt. „Vor allem durch die Ukraine, die 25.000 solcher Systeme auf dem Gefechtsfeld einführen möchte“, sehe Wietfeld seine Strategie mittlerweile bestätigt.

Für die Ukraine und europäische Streitkräfte produziert Arx zwei unterschiedliche Versionen. „Die eine für den Krieg und die andere für die europäischen Streitkräfte“, sagt der Arx-CEO. Die Gereon Bodendrohne, wie sie in der Ukraine im Einsatz ist, „würde keinen TÜV-Stempel erhalten.“ Nach kurzer Zeit im Einsatz habe Arx die erste Version des Gereon „radikal verändert“: Sicherheitsmechanismen, die europäische Beschaffungsrichtlinien vorschreiben, im Einsatz in der Ukraine aber nicht gebraucht wurden, haben die Ingenieure des Münchner Start-ups komplett entfernt. Feststellbremsen oder Zweitfernbedienungen entfielen – die nachfolgende Version wurde deswegen preiswerter und schneller zu produzieren.

Wie Arx-CEO Marc Wietfeld als ehemaliger Soldat den Stand der Digitalisierung der Bundeswehr einschätzt, hören Sie im ausführlichen Interview im Podcast Table.Today.

Teilen
Kopiert!

CEO.News

Der Arbeitsmarkt kühlt spürbar ab

Schwächesignale: Die Zahl der Arbeitslosen in Deutschland stieg in den vergangenen Wochen, zugleich schreiben Unternehmen weniger neue Stellen aus. Das zeigen aktuelle Daten der Jobplattform Indeed und der Bundesagentur für Arbeit.

Im ersten Quartal 2026 ist die Zahl der offenen Stellen im Euroraum insgesamt um 5,6 Prozent gesunken. In Deutschland lag der Rückgang der Stellenausschreibungen auf dem Jobportal Indeed bei 4,6 Prozent. Betroffen sind nahezu alle Branchen: In 34 von 36 Berufsgruppen ging die Nachfrage zurück, im Einzelhandel sowie in Bildung und Erziehung jeweils um 13,2 Prozent.

Die Anzahl der offenen Stellen geht in vielen Ländern Europas zurück. Zur Darstellung von Grafiken und Karten aktivieren Sie bitte den Bilderdownload in den Einstellungen oberhalb dieses Briefings.

Ein Trend, der in der Statistik der Bundesagentur für Arbeit schon lange zu beobachten ist. Seit dem russischen Angriff auf die Ukraine 2022 ist nach dieser die Zahl der offenen Stellen in Deutschland um 26 Prozent zurückgegangen. Besonders betroffen sind Berufseinsteiger: Die Zahl der ausgeschriebenen Einstiegspositionen lag 2025 laut dem Jobportal Stepstone 42 Prozent unter dem Fünfjahresdurchschnitt.

Parallel steigt die Arbeitslosigkeit. Im April überschritt die Zahl der Erwerbslosen laut Bundesagentur für Arbeit erstmals seit 15 Jahren wieder die Marke von drei Millionen. Insgesamt ist sie in 42 der vergangenen 48 Monate gestiegen. Gleichzeitig berichten Arbeitsmarktforscher, dass Arbeitslose länger ohne Job bleiben.

Ökonomen sehen darin eine Folge der wirtschaftlichen Schwäche und eine geopolitisch angespannten Lage. „Noch zu Jahresbeginn gab es die berechtigte Hoffnung, dass der europäische und insbesondere der deutsche Stellenmarkt seine Schwächephase bald überwindet“, so die Ökonomin Virginia Sondergeld vom Indeed Hiring Lab. „Doch der geopolitische Schock des Iran-Krieges hat länderübergreifend zu Absenkungen von Konjunktur- und Arbeitsmarktprognosen geführt.“ Seit dem hätten viele Firmen geplante Einstellungen auf Eis gelegt.

Auch der Ausbildungsmarkt schwächelt ungewöhnlich: Statt des üblichen saisonalen Anstiegs sank das Angebot im ersten Quartal um 3,7 Prozent. Gleichzeitig stieg die Nachfrage: Der Anteil entsprechender Suchanfragen lag bei drei Prozent, nach 2,7 Prozent im Vorjahr.

Ob und wann sich die Lage verbessert, ist laut Ökonomin Sondergeld ungewiss: „Die Zeichen stehen derzeit weiterhin eher auf Abwarten als auf Aufbruch.“ Nina Anika Klotz

Teilen
Kopiert!
Existenzangst auf Höchststand. Zur Darstellung von Grafiken und Karten aktivieren Sie bitte den Bilderdownload in den Einstellungen oberhalb dieses Briefings.

Ein Fünftel der Selbstständigen sieht die eigene Existenz bedroht

Die Stimmung unter Solo-Selbständigen und Kleinstunternehmern ist auf ein Rekordtief gefallen. Im April brach der monatlich veröffentlichte Jimdo-ifo Geschäftsklimaindex um 9,1 auf minus 29,9 Punkte ein. Zugleich sinkt die Geschäftserwartung um 10,2 Punkte. Die gefühlte Existenzbedrohung erreicht mit 20,6 Prozent den höchsten bislang gemessenen Wert. Besonders im Dienstleistungssektor fällt das Geschäftsklima (minus 9,8 Punkte).

In der Gesamtwirtschaft sinkt der Index um 4,2 auf minus 15,6 Punkte, den niedrigsten Stand seit 2020. Auch der Auftragsmangel verschärft sich erheblich. Fast jeder zweite Selbstständige (48,4 Prozent) ist von der anhaltend schwachen Nachfrage betroffen. Infolge inflationsbedingter Konsumzurückhaltung verschlechtert der Einzelhandel seine Lageeinschätzungen und Erwartungen.

Hinzu kommt die verstärkte Unsicherheit. Nach eigenen Angaben finden 80,6 Prozent der Selbstständigen Einschätzungen für die zukünftige Entwicklung schwierig. Das Münchener Ifo-Institut befragt für den Indikator in Zusammenarbeit mit dem Softwareunternehmen Jimdo monatlich etwa 1.800 Selbstständige beziehungsweise Kleinstunternehmen mit bis zu neun Mitarbeitenden. Carlotta Bonnemeier

Teilen
Kopiert!

Uber kauft bei Delivery Hero zu – und hält die Tür zu Übernahme offen

Uber ist neuer größter Aktionär bei Delivery Hero – und hat die Tür zur Komplettübernahme offen gelassen. Der US-Konzern teilte am Montag mit, 19,5 Prozent am Berliner MDax-Unternehmen zu halten und dazu Optionen auf weitere 5,6 Prozent. Damit überholt er Prosus (16,8 Prozent) und den aktivistischen Investor Aspex Management (rund 15 Prozent).

Das Tempo der Zukäufe ist auffällig. Mitte April lag Ubers Anteil noch bei 7,24 Prozent. Da hatte der Konzern bereits 4,5 Prozent für 270 Millionen Euro von Prosus übernommen, das wegen EU-Auflagen aus der Just-Eat-Übernahme bis Spätsommer unter zehn Prozent fallen muss. Über 30 Prozent will Uber derzeit nicht hinaus – ab dieser Schwelle wäre ein Pflichtangebot fällig.

Der Vorstoß fügt sich in eine Konsolidierungswelle ein. Im vergangenen Jahr übernahm DoorDash den britischen Rivalen Deliveroo für 2,9 Milliarden britische Pfund, Prosus kaufte Just Eat Takeaway für 4,1 Milliarden Euro. Delivery Hero – Mutter von Glovo, Foodpanda und Talabat, aktiv in rund 70 Ländern – ist der letzte große unabhängige europäische Lieferkonzern.

Firmenchef Niklas Östberg hatte vergangene Woche seinen Rückzug bis spätestens 31. März 2027 angekündigt. Der Mitgründer leitet Delivery Hero seit 2011. Aspex hatte bereits im März 2025 in einem Brief an den Aufsichtsrat Östbergs Ablösung sowie den Rückzug aus ganzen Weltregionen gefordert. Im Dezember 2025 kündigte der Konzern einen strategischen Review an, in dessen Rahmen das Taiwan-Geschäft für 600 Millionen US-Dollar an Grab verkauft wurde. Alex Hofmann

Teilen
Kopiert!

Venture Capital: Branchenriese EQT wird neuen EU-Scale-up-Fonds managen

Europas größter Venture-Capital-Fonds nimmt konkrete Formen an. Am Montag gab die EU-Kommission bekannt, dass die schwedische Private-Equity-Firma EQT den Scaleup Europe Fonds (SEF) managen wird, der insgesamt fünf Milliarden Euro an Finanzierung an Start-ups in der Expansionsphase vergeben soll. Die Kommission und Privatinvestoren, die gemeinsam den Fonds planten, haben den Branchenriesen unter insgesamt 27 Bewerbern ausgewählt. Warum gerade EQT und welche Vorhaben der SEF unterstützen wird, lesen Sie im Europe.Table. Silke Wettach

Teilen
Kopiert!

Breitbandausbau und TKG-Novelle: ANGA-Verband sieht die Telekom von Politik bevorzugt

Der Entwurf der Bundesregierung zur Änderung des Telekommunikationsgesetzes (TKG) sorgt für Kritik. In einer Studie des Düsseldorf Institute for Competition Economics warnt der Wettbewerbs-Ökonom Justus Haucap, dass der Entwurf den dringend benötigten Glasfaserausbau bis in die Gebäude hinein verzögern und „insbesondere marktstarke Anbieter“ begünstigen würde. Damit zielt Haucap auf den Marktführer Telekom. Die Studie liegt Table.Briefings vor. Mit dem Gesetz will Digitalminister Karsten Wildberger den Glasfaserausbau etwa in Mehrfamilienhäusern verpflichtend machen und dazu auch ein Vollausbaurecht an einzelne Anbieter vergeben.

Die geplante Regelung könne dazu führen, dass sich das marktbeherrschende Unternehmen die lukrativen innerstädtischen Gebäudekomplexe herauspickt. So würde der Ausbau in der Fläche stocken, heißt es weiter. „Wer heute Milliarden in den Glasfaserausbau steckt, braucht verlässliche regulatorische Rahmenbedingungen. Ein pauschaler gesetzlicher Zugang zur Gebäudeverkabelung würde genau diese Investitionssicherheit schwächen“, sagt Sascha Brok, Geschäftsführer des Breitbandverbands ANGA am Rande der Branchenmesse am Dienstag in Köln. In dem Verband ist auch Telekom-Konkurrent Vodafone organisiert. Wettbewerber der Telekom würden schon jetzt den „erheblichen Teil des Ausbaus bis in die Wohnungen hinein“ leisten, so Brok. Das Gesetz brächte die Telekom in die Lage, die spätere Wertschöpfung für sich zu vereinnahmen. Auch die Spitzenverbände der Wohnungswirtschaft BfW, GdW und Haus & Grund kritisieren den Entwurf und mahnen Nachbesserungen an. Michael Bröcker

Teilen
Kopiert!

Hightech-Agenda: KI- und Quanten-Roadmaps zeigen neuen innovationspolitischen Fahrplan der Bundesregierung

Noch bevor das federführende Forschungsministerium (BMFTR) am morgigen Mittwoch alle Technologie-Roadmaps der Hightech-Agenda veröffentlicht, liegen Table.Briefings die Pläne für Künstliche Intelligenz und Quantentechnologien exklusiv vor. Beide Dokumente machen deutlich: Die Bundesregierung setzt stärker als bisher auf konkrete wirtschaftliche und technologische Durchbrüche. Experten begrüßen das politische Signal und die stärkere Orientierung an Wertschöpfung. Zugleich warnen sie vor zu vagen Zielmarken, fehlender Priorisierung und teils ungeklärter Finanzierung.

Im Bereich KI formuliert die Roadmap 25 Meilensteine. Ein Meilenstein sieht zum Beispiel vor, dass sich bis 2030 die Zahl der KI-Start-ups vervierfacht, als Ausgangswert dient 2025. Das soll auf das Ziel einzahlen, bis 2030 zehn Prozent der deutschen Wirtschaftsleistung KI-basiert zu erwirtschaften. Ein neu gesetztes Ziel ist es, die Nutzung von KI im Gesundheitswesen zu forcieren, was als sinnvolle Entscheidung gewertet wird, weil die öffentliche Hand im Gesundheitswesen eine besonders große Rolle spielt. So kann sich der Staat effektiver als in anderen Branchen für die Nutzung von KI einsetzen.

Die Quantentechnologie-Roadmap soll Deutschland bis 2030 in die internationale Spitzengruppe führen. Unter anderem mit zwei fehlerkorrigierte Quantencomputern, zwei deutschen Scale-ups und drei Pilotlinien für Quantenchips. Die strategische Priorisierung findet in der Forschungs-Community Anklang, zugleich wird vor einer zu linearen Vorstellung technologischer Entwicklung gewarnt: Anwendungen, Hardware und Software ließen sich nicht einfach nacheinander „abhaken“, sondern müssten enger zusammengedacht werden.

Henning Hahn, Mitgründer des Quanten-Start-ups Qudora Technologies begrüßt die industriepolitische Stoßrichtung der Roadmap ausdrücklich. Der Wettbewerb zum Aufbau der nächsten Generation von Quantencomputern könnte deutschen Start-ups nicht nur die Skalierung erleichtern, sondern ihnen auch international wertvolle Referenzen bei Investoren und Kunden verschaffen. Welche Voraussetzungen er nennt, lesen Sie im Research.Table hier, mehr über die KI-Meilensteine hier. Anne Brüning und Tim Gabel

Teilen
Kopiert!

Best of Table.Briefings

Research.Table: Grüne drängen auf schnellere Innovationspolitik. Ein Positionspapier kritisiert die Umsetzung der Hightech-Agenda als zu langsam und fordert radikale Reformen. Warum Bürokratie und Silodenken Deutschlands technologische Souveränität gefährden, lesen Sie hier.

Climate.Table: China dominiert globale Greentech-Investitionen. Chinesische Firmen stehen hinter 55 Prozent aller angekündigten Greentech-Investitionen weltweit – während US-Unternehmen Milliarden stornierten. Warum China den Westen in der grünen Industrie so weit abgehängt hat, lesen Sie hier.

Berlin.Table: Absage an Palantir — Verfassungsschutz setzt auf europäische Alternative. Das BfV hat sich für die französische Software ChapsVision statt für Palantir entschieden — mit möglicher Signalwirkung für Bundespolizei und Länder. Warum die Entscheidung die Debatte über europäische Digitalsouveränität neu entfacht und was das für laufende Verträge in Bayern, NRW und Baden-Württemberg bedeutet, lesen Sie hier.

Lernen Sie alle Table.Briefings in voller Länge kostenlos kennen: Vier Wochen, ohne automatische Verlängerung, ohne Zahldaten – und informiert wie die Topentscheider.

Teilen
Kopiert!

CEO.Presseschau

FAZ

Rechtsstreit um KI: Musk verliert Prozess gegen Open AI

Elon Musk hat seinen Rechtsstreit gegen OpenAI verloren. Ein Gericht in Kalifornien entschied, Musks Ansprüche seien verjährt. Er hatte OpenAI vorgeworfen, die ursprüngliche Mission, KI zum Nutzen der Menschheit zu entwickeln, verraten zu haben. Musk kündigte Berufung an, die zuständige Richterin schloss sich dem Urteil der Geschworenen jedoch an und wies die Klage ebenfalls ab.
manager magazin

Amazon Prime Video: Sammelklage von 220.000 Kunden wegen Werbung beim Streaming geht vor Gericht

Wegen der Einführung von Werbung bei Prime Video ist Amazon mit einer Sammelklage von fast 220.000 deutschen Kunden konfrontiert. Das Bayerische Oberste Landesgericht verhandelt die Klage der Verbraucherzentrale Sachsen. Diese richtet sich gegen die Zusatzgebühr von 2,99 Euro pro Monat für Werbefreiheit und zielt auf mögliche Schadensersatzansprüche ab.
Handelsblatt

Varta: Verlust von Apple-Auftrag kostet 350 Mitarbeiter den Job

Der Batteriehersteller Varta gibt seine Knopfzellenproduktion in Nördlingen auf, nachdem der Hauptkunde, mutmaßlich Apple, den Vertrag gekündigt hat. Die Zellen für Kopfhörer werden künftig aus China bezogen. Dies führt zum Abbau von rund 350 Arbeitsplätzen in Nördlingen und Ellwangen, da die wirtschaftliche Grundlage für den Standort entfällt. Der Vertrag läuft Ende Oktober aus.
WirtschaftsWoche

Bosch: Autozulieferer sichert sich Großauftrag von Mercedes für E-Motoren

Der Autozulieferer Bosch hat einen Großauftrag von Mercedes-Benz für die Lieferung von Elektromotoren erhalten. Der Auftrag für die nächste Generation elektrischer Antriebe läuft bis in die 2030er Jahre. Finanzielle Details wurden nicht genannt. Die Bestellung festigt die langjährige Partnerschaft der Unternehmen.
Teilen
Kopiert!

CEO.Picks

Nachhaltige KI beginnt mit besseren Fragen

KI steigert Effizient – und den Ressourcenverbrauch. Warum nachhaltige KI mehr braucht als Produktivitätskennzahlen und welche Fragen Unternehmen jetzt stellen müssen, erklärt Joanna Radeke von der ESMT Berlin.

Viele Unternehmen betrachten KI vor allem als Effizienzmaschine. Schnellere Prozesse, niedrigere Kosten, mehr Produktivität. Damit wächst auch der Ressourcenverbrauch hinter dem KI-Boom rasant. Meine Arbeit zu nachhaltiger KI zeigt, dass sich ihr wirtschaftlicher Nutzen nicht getrennt von ihren Folgekosten betrachten lässt.

KI hilft, Energie effizienter zu steuern und Emissionen zu senken. Gleichzeitig benötigen Rechenzentren enorme Mengen an Strom und Wasser. Laut einer Studie des Öko-Instituts für Greenpeace Deutschland könnte sich der Stromverbrauch KI-spezigischer Rechenzentren bis 2030 von 101 auf 433 TWh vervierfachen. Der Wasserverbrauch könnte im gleichen Zeitraum von 60 auf 338 Milliarden Liter steigen. Unternehmen optimieren Prozesse, während zugleich der ökologische Fußabdruck ihrer Systeme wächst.

Das eigentliche Risiko liegt deshalb weniger in der Technologie als in ihrer Steuerung. Viele Organisationen behandeln KI noch immer als isoliertes Digitalthema. Tatsächlich verändert sie Infrastruktur, Beschaffung und Reporting zugleich. Genau dort entstehen strategische Widersprüche, die in klassischen Effizienzkennzahlen oft unsichtbar bleiben.

Unternehmen messen derzeit vor allem Geschwindigkeit, Produktivität und Nutzung von KI. Häufig fehlt jedoch Transparenz über den Ressourcenverbrauch der Systeme und die langfristigen Folgen. Entscheidend sind deshalb drei Fragen:

  • Welches Nachhaltigkeitsproblem löst unsere KI tatsächlich?

  • Welche ökologischen oder sozialen Risiken könnte sie selbst verursachen?

  • Und wie lassen sich diese Risiken frühzeitig mindern, bevor sie langfristige Entwicklungen prägen?

Joanna Radeke ist Director des ESMT Institute for Sustainable Transformation und Director of Sustainability an der ESMT Berlin. Die CEO.Picks sind eine Kooperation zwischen der ESMT und Table.Briefings.

Teilen
Kopiert!

Best.Practice

UlliWaltinger

Siemens baut sich eine eigene Mitarbeiter-KI

Statt Claude, ChatGPT oder Grok nutzen die Mitarbeitenden von Siemens ihr eigenes KI-Modell: SiemensGPT. Der nutzt das Können der großen LLMs – plus firmeninterne Daten. Ulli Waltinger, Global Practice Head of Artificial Intelligence & New Technologies bei Siemens Advanta, erklärt, was das System kann, wie es eingesetzt wird und was unbedingt dazu gehört, wenn man KI im Arbeitsalltag verankern will.

Seit 15 Jahren beschäftigt sich Waltinger mit Künstlicher Intelligenz bei Siemens. Grundsätzlich unterscheidet er drei Anwendungsbereiche von KI im Konzern: Everyday AI, Process AI und Product AI. Während es bei letzterem darum geht, Siemens-Produkte um KI zu erweitern, zielt Process AI darauf ab, Produktivität zu steigern, indem KI tief in Systeme integriert wird. „Everyday AI hat die Mission, jede und jeden unserer Mitarbeiter mit AI-Tools und Fähigkeiten auszustatten, um selbst effizienter, produktiver und innovativer zu werden“, erklärt er. In diesen Bereich fällt SiemensGPT.

Der Konzern bietet seinen Mitarbeitenden über die Plattform Zugriff auf verschiedene große Sprachmodelle. Sie können wählen, welches Modell sie nutzen möchten. Zusätzlich gibt es einen sogenannten Agentic Layer: Mitarbeitende können sich individuelle Fähigkeiten zusammenstellen, während gleichzeitig sichergestellt ist, dass die Nutzung datenschutzkonform und sicher erfolgt.

Die Entwicklung von SiemensGPT begann vor etwa drei Jahren. Der Impuls kam aus den Tech-Teams, die sahen, was Tools wie GitHub Copilot oder Codex leisten können. Die zentrale Frage war: Wie lassen sich solche Systeme mit unternehmensinternen und Kundendaten sinnvoll verbinden? Daraus entstand eine Infrastruktur, die öffentliche und geschlossene LLMs kombiniert.

190.000 Mitarbeitende haben sich seit dem Launch als Nutzer registriert. Für Waltinger ist das ein klares Signal: „Nutzen die das alle sinnvoll und jeden Tag? Sicher nicht. Aber wenn 190.000 Leute sich dort registrieren, sagen sie sich doch zumindest: Hey, ich schau mal, was KI mit mir macht und was ich damit machen kann.“

Die Einsatzmöglichkeiten sind vielfältig. Führungskräfte nutzen SiemensGPT für Feedback oder zur Vorbereitung von Mitarbeitergesprächen, andere für Kommunikation, E-Mails oder Kundenanfragen. Häufig fasst das System Meetings zusammen. Im Vertrieb unterstützt es bei der Pitch-Vorbereitung, bei Marktanalysen oder beim Erstellen von Präsentationen.

Besonders intensiv wird SiemensGPT in den Tech-Abteilungen genutzt. Siemens beschäftigt rund 30.000 Entwicklerinnen und Entwickler und ist damit nach SAP einer der größten Softwarearbeitgeber in Deutschland. Gerade hier zeige sich der Produktivitätsgewinn durch Everyday AI besonders deutlich, sagt Waltinger, zwischen zehn und 30 Prozent Steigerung seien realistisch. SiemensGPT unterstützt beim Schreiben und Optimieren von Code. Einige Teams hätten inzwischen ihre eigenen KI-Agenten entwickelt, etwa für Marktanalysen oder zur Auswertung historischer Daten, die sie intern teilen. Genau darin sieht Waltinger einen zentralen Erfolgsfaktor.

„Das Tool allein reicht nicht. Man muss die Leute auch enable, empowern, trainieren und top-down incentivieren“, sagt Waltinger. Regelmäßig tauschen sich Mitarbeitende in internen Formaten aus, was sie mit SiemensGPT machen. Kürzlich habe ein Kollege einen PowerPoint-Generator vorgestellt, erzählt Waltinger, der automatisch Standard-Pitch-Decks erstellt. Der kann nun konzernweit genutzt werden.

Natürlich sei die Nutzung von KI nicht verpflichtend. Niemand messe bei einzelnen Mitarbeitern, wie viel Interaktion sie mit SiemensGPT haben. „Die Verwendung sehen wir insgesamt in der neuen Währung in AI, der Token Consumption“, sagt Waltinger. Und je mehr Tokens verwendet werden, desto besser: Denn das zeige, dass KI tatsächlich Anwendung findet.

Teilen
Kopiert!

Briefings wie CEO.Table per E-Mail erhalten

Keine Bankdaten. Keine automatische Verlängerung.

Sie haben bereits das Table.Briefing Abonnement?

Anmelden