CEO.Table – Ausgabe 76

Die neue Insolvenzwelle und ihre Konsequenzen + Lars Feld: „Einen Übergewinn als solchen gibt es nicht“ + wie Unternehmen KIs auf ihre eigenen Daten trainieren

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Executive.Summary

Insolvenzwelle rollt auf Deutschland zu – was jetzt zu tun ist

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Entgegen den Erwartungen vieler Ökonomen zogen die Insolvenzen im März noch einmal deutlich an. „Nach den Entwicklungen der vergangenen Monate waren wir zunächst davon ausgegangen, dass der Höhepunkt der Insolvenzen erreicht ist“, sagt Steffen Müller, Leiter der Insolvenzforschung am Leibniz‑Institut für Wirtschaftsforschung Halle (IWH), im Gespräch mit Table.Briefings. „Dass die Zahlen im März wieder deutlich gestiegen sind, kam daher überraschend.“ Nach Einschätzung des Instituts dürfte sich die Lage auch im April nicht entspannen.

Nach jüngsten Zahlen des IWH stieg die Zahl der Insolvenzmeldungen von Kapital und Personengesellschaften, die den ökonomisch relevanten Kern des Geschehens abbilden, im ersten Quartal 2026 auf 4.573 Fälle. Damit erreichten die Insolvenzen den höchsten Stand seit dem dritten Quartal 2005. Bereits 2025 meldete das Statistische Bundesamt 24.064 Regelinsolvenzen, circa zehn Prozent mehr als 2024 und der höchste Wert seit 2014. Die amtliche Statistik erfasst dabei alle Regelinsolvenzen über sämtliche Unternehmens‑ und Rechtsformen hinweg, also nicht nur Kapital‑ und Personengesellschaften, sondern auch Einzelunternehmen sowie bestimmte natürliche Personen. Laut IWH-Halle ging der starke Zuwachs vor allem auf eine Häufung von Pleiten kleinerer Unternehmen zurück.

Der aktuelle Anstieg der Insolvenzen zeigt noch nicht die vollständigen Folgen des Iran‑Kriegs. „Wir sehen einen zeitlichen Verzug in der Statistik. Viele Insolvenzanträge werden im Dezember oder Januar gestellt und schlagen sich erst einige Wochen später, etwa im März, in den Zahlen nieder“, erläutert Müller. Vielmehr beruhe der derzeitige Anstieg auf harten ökonomischen Fakten, darunter eine anhaltend schwache Konjunktur, das erhöhte Zinsniveau, steigende Löhne sowie strukturelle Schwächen einzelner Geschäftsmodelle.

Das sieht auch Insolvenzverwalter Hans Joachim-Berner so. „Ich erlebe das fast schon als Omnikrise“, sagt er im Gespräch mit Table.Briefings. „Unter dem schwierigen Marktumfeld, den hohen Energiepreisen, der Inflation, die zu Kaufzurückhaltung führt, und Zinsen, die gedreht haben, leiden alle.“ Besonders betroffen seien Baugewerbe und Immobilienwirtschaft ebenso wie Einzelhandel und Gastgewerbe. Und: Handwerksbetriebe bekämen vermehrt Probleme. Aus diesem Bereich habe er in der Vergangenheit so gut wie keine Fälle auf dem Tisch gehabt, so Berner.

Es gäbe nicht den einen einzelnen Auslöser der aktuellen Insolvenzwelle. Stattdessen spricht Berner von einer „Stapelkrise“, die dazu geführt hat: „Erst Corona, dann Lieferkettenschwierigkeiten, dann wieder raus aus Corona. Ukraine, Energiekrise, jetzt Iran, dazu noch Zollthematiken. All das hat die Substanz bei vielen Unternehmen stark belastet oder sogar aufgezehrt.“ Und dann kam auch noch KI. Viele Unternehmen sehen sich vor „große Transformationsherausforderungen“ gestellt, beobachtet Berner. „Dort verändern sich Geschäftsmodelle grundlegend und mit dramatischer Geschwindigkeit – angetrieben durch KI.“

Die Insolvenzwelle trifft die Realwirtschaft – und jetzt auch die Kreditversorgung. Die Banken reagieren auf steigende Pleiten mit schärferen Vergabestandards: mehr Sicherheiten, höhere Konditionen, engere Prüfung. Für Unternehmen, die ohnehin unter Auftragsmangel und Strukturwandel leiden, kommt das zur Unzeit. Besonders betroffen sind zwei Schlüsselbranchen der deutschen Wirtschaft: Automobilzulieferer und Energieunternehmen. Im Bankenumfeld wird aktuell ausdrücklich nicht von Krise gesprochen – aber von einer spürbaren Verschiebung: Wenn die Risiken im System steigen, dann müssten die Konditionen sich verändern – weil die das Risiko reflektieren. Für den Mittelstand, der traditionell stark auf Bankkredite angewiesen ist, verengt sich damit der Spielraum genau dann, wenn Investitionen in den Umbau des Geschäftsmodells am dringendsten wären.

Dabei haben die Banken ihr Risikomanagement grundlegend verändert. Früher stand die Bilanz eines einzelnen Unternehmens im Mittelpunkt – stabile Auftragseingänge, langjährige Kredithistorie, solider Cashflow. Heute, so wird es in der Branche betont, denken die Institute in Netzwerken – sie schauen nicht mehr nur isoliert auf den Kunden mit seiner Ertragsrechnung, sondern auf die Vernetzung – etwa Lieferketten. Und auf die Auswirkungen für das Gesamtsystem. Für den deutschen Mittelstand, dessen Lieferketten eng miteinander verflochten sind, hat das eine unmittelbare Konsequenz: Ein einziger großer Insolvenzfall kann die Kreditwürdigkeit mehrerer Zulieferer gleichzeitig erschüttern.

Wichtig für Unternehmer ist jetzt: ehrlich und selbstkritisch sein – und die eigene Liquidität nicht aus den Augen zu verlieren. Das rät Insolvenzverwalter Berner. „Wer merkt, in einer Krise zu sein, sollte schnell aktiv handeln.“ Das sei auch einfach Ausdruck von gutem Unternehmertum, so der Verwalter: sich nicht wegducken, sondern der Situation stellen. Auch einer unbequemen.

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Lars Feld: „Einen Übergewinn als solchen gibt es nicht“

Eine Übergewinnsteuer ist deswegen verfehlt, weil es einen Übergewinn als solchen nicht gibt, sagt Lars Feld, Professor für Wirtschaftspolitik an der Universität Freiburg und Direktor des Walter Eucken Instituts, zu Table.Briefings. Die Debatte lebt gerade neu auf: Angesichts klaffender Haushaltslücken fordern Teile der SPD und anderer Parteien, Mineralöl- und Energiekonzerne erneut mit einer Sonderabgabe auf außerordentlich hohe Gewinne zu belasten – so wie es Deutschland 2022 bereits tat. Der EU-Energiekrisenbeitrag erhob damals 33 Prozent auf Gewinne, die den Durchschnitt der Jahre 2018 bis 2021 um mehr als 20 Prozent überstiegen.

Das Grundproblem sei konzeptuell. „Jede Definition, die das steuerrechtlich versucht zu erreichen, ist im Grunde willkürlich“, sagt Feld. Ob Preise überhöht seien, lasse sich feststellen – aber nicht über einen Gewinnvergleich, sondern über das Kartellrecht: Marktbestreitbarkeit, Monopol, Kartell. Das sei ein anderer, präziserer Maßstab.

Die Gerichte haben sich mit der Thematik eingehend befasst. Das Finanzgericht Köln stellte im Dezember 2024 ernstliche unions- und verfassungsrechtliche Zweifel am 2022 eingeführten Energiekrisenbeitrag fest; der Bundesfinanzhof wies die Beschwerde dagegen 2025 zurück. Feld sieht darin eine Bestätigung: Eine Übergewinnsteuer sei zunächst unionsrechtlich problematisch – und dann auch verfassungsrechtlich, „wenn Willkür im Spiel ist“.

Den Blick auf die Einnahmen hält Feld grundsätzlich für die falsche Strategie. „Alles, was man im Bereich der Einnahmen macht, ist nur eine Verschiebung hin und her.“ Wer den Haushalt konsolidieren wolle, müsse auf die Ausgabenseite schauen. Der Bundeshaushalt bestehe zu fast 50 Prozent aus Transfers – nicht nur klassische Sozialtransfers, sondern vor allen Dingen Unternehmenssubventionen, die seit 2015 und 2016 – nach strenger Subventionsdefinition – auf das Dreieinhalbfache gestiegen seien. Hier liege das eigentliche Einsparpotenzial.

Warum Feld die Übergewinnsteuer für ein steuerpolitisches Ablenkungsmanöver hält, was er stattdessen vom nächsten Bundeshaushalt erwartet und ob die Koalition aus seiner Sicht den Mut hat, auf die Ausgabenseite zu schauen, hören Sie im Podcast Table.Today.

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CEO.News

Energiepreise: Mittelstand fordert zusätzliche Entlastungen

Zwölf Unternehmensverbände fordern mehr Unterstützung für den Mittelstand von der Bundesregierung als nur die temporäre Senkung der Energiesteuer. Ohne weitere Maßnahmen drohten eine sinkende Wettbewerbsfähigkeit, Deindustrialisierung und weniger Investitionen. Besonders mittelständische Unternehmen seien durch steigende Energie- und Mobilitätskosten, unsichere Lieferketten und begrenzte Möglichkeiten zur Weitergabe von Kosten stark belastet.

Die Unterzeichner der Stellungnahme fordern unter anderem eine Überprüfung und vorübergehende Anpassung von CO2-Kosten. Außerdem verlangen sie eine technologieoffene Energie- und Verkehrspolitik sowie den Verzicht auf neue Abgaben und strengere Regulierungen. Zudem solle die Politik stärker darauf achten, ob Transformationsvorgaben wirtschaftlich umsetzbar sind.

Bereits vor ein paar Tagen haben 40 andere Führungspersonen einen „Action Brief“ zur deutschen Wirtschaft veröffentlicht. Darin sagen sie eigene Beiträge zur Reduktion von Energieverbrauch und zur Förderung nachhaltiger Lieferketten zu. Gleichzeitig fordern sie von der Politik Bürokratieabbau, Digitalisierung, bessere Innovationsbedingungen, schnelleren Infrastrukturausbau und mehr Planungssicherheit. Auch die Erwerbsbeteiligung von Frauen soll verbessert werden.

Zu den Unterzeichnern dieses Papiers gehören Martina Merz (ehemals CEO Thyssenkrupp), Hans Jürgen Kalmbach (CEO Hansgrohe), Rolf Buch (ehemals CEO Vonovia), Steffen Greubel (CEO Metro) und Saskia Juretzek (Head of Sustainability Tengelmann Group). Mehr dazu lesen Sie im ESG.Table. Marc Winkelmann

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KI: Wie China Token als „neues Öl” verkaufen will

Chinas Tech-Konzerne haben ein neues Exportgut entdeckt: Token. Das sind die Recheneinheiten, die ein KI-Modell benötigt, um Antworten auf Prompts zu generieren. Das Geschäftsmodell funktioniert so: Ein Abnehmer im Ausland ruft ein chinesisches KI-Modell auf. Die Anfrage fließt zu einem chinesischen Rechenzentrum, wo chinesische Chips mit chinesischem Strom die Berechnung ausführen. Das Ergebnis geht als Token zurück und wird abgerechnet. Je mehr Token, desto besser die Rechenleistung.

In China werden Token bereits als „neues Öl“ und „Schiffscontainer des KI-Zeitalters“ bezeichnet. Der Tech-Konzern Alibaba zum Beispiel stellte Investitionen von umgerechnet rund 53 Milliarden US-Dollar über drei Jahre in Aussicht. Auch Rivale Tencent vermarktet inzwischen ein eigenes Angebot. In China stieg der tägliche Token-Verbrauch von 100 Milliarden Anfang 2024 auf 140 Billionen im März 2026. Welche Strategie chinesische Konzerne verfolgen, um die US-amerikanische und europäische Konkurrenz zu übertreffen, lesen Sie im China.Table. Jörn Petring

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CEO.Presseschau

WirtschaftsWoche

Entlastungsprämie von 1000 Euro: Unternehmer rebellieren gegen Sonderprämie

Die Regierung schlägt eine steuerbefreite Sonderprämie von 1000 Euro vor, die Unternehmen an Mitarbeiter zahlen können, um Preissteigerungen abzufedern. Unternehmer kritisieren dies als Verlagerung der staatlichen Verantwortung. Viele Betriebe, insbesondere aus der Logistik, sehen sich aufgrund eigener hoher Kosten außerstande, die Prämie zu zahlen, und warnen vor einer falschen Erwartungshaltung.
manager magazin

Sport-Artikelhandel: Warum 11teamsports vor einem Verkauf stehen könnte

Europas führender Teamsport-Händler 11teamsports steht möglicherweise vor einem Verkauf. Nach Jahren der Expansion und trotz seiner Rolle als wichtiger Absatzkanal für Marken wie Adidas und Nike, soll das Unternehmen zuletzt Verluste geschrieben haben. Der Hauptgesellschafter JCK Holding prüft einen Anteilsverkauf, wobei Gerüchte über ein Interesse von Adidas bestehen, was beide Firmen dementieren.
Handelsblatt

Rüstung: Deutsche Industrie hilft Ukraine bei Langstreckendrohne

Das deutsch-amerikanische Startup Auterion und der ukrainische Rüstungshersteller Airlogix werden gemeinsam in Deutschland Angriffsdrohnen mit einer Reichweite von 1000 bis 1500 km bauen. Auch der Drohnenhersteller Quantum Systems erweitert seine Partnerschaften mit ukrainischen Unternehmen um zwei weitere Joint Ventures zur Produktion von Abfangdrohnen und unbemannten Bodensystemen.
Spiegel Online

Privatkredite: Droht die nächste Finanzkrise?

Finanzexperten warnen vor einem Zusammenbruch bei sogenannten Private-Credit-Fonds, da deren Volumen auf 1,8 Billionen Dollar angewachsen ist. Verunsicherte Anleger wollen ihre Gelder abziehen, was die Schattenbanken ins Wanken bringt. Da auch Versicherungsprämien investiert werden, sind neben Großanlegern auch normale Sparer betroffen, was das Risiko für die Realwirtschaft erhöht.
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Mehr von Table.Briefings

Europe.Table: EU-Kommission beschleunigt Energiepreisbeihilfen für Industrie. Nach Beratungen zum Iran-Krieg will die Brüsseler Behörde den Rahmen für staatliche Hilfen in betroffenen Sektoren erweitern. Welche Wirtschaftszweige besonders profitieren, lesen Sie hier.

Agrifood.Table: EU-Kommission bereitet Aktionsplan zu Düngemitteln vor. Angesichts des Nahostkonflikts besuchte Agrarkommissar Hansen am Freitag deutsche Düngewerke; am Montag folgte ein Dialog mit Verbänden. Welche kurzfristigen Maßnahmen der für Mai geplante Plan enthält, lesen Sie hier.

Research.Table: Hightech-Agenda setzt auf Batterien und alternative Antriebe. Das Forschungsministerium will die Weichen für klimaneutrale Mobilität stellen, ab Anfang Mai liegt die Roadmap vor. Ob die Fördergelder den Transfer in die Produktion sichern können, lesen Sie hier.

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CEO.Picks

Der Skandal beginnt mit der Rechtfertigung

Der Fall Signa erinnert daran, dass Wirtschaftsskandale selten mit dem ersten klaren Regelbruch beginnen. Sie beginnen früher – in Meetings, in denen aus „das dürfen wir nicht“ langsam „so schlimm ist es nicht“ wird. Noch bevor Juristen, Aufsicht oder Öffentlichkeit reagieren, verschiebt sich intern oft der Maßstab dessen, was als vertretbar gilt. Der eigentliche Kipppunkt liegt oft nicht in der Tat, sondern in der kollektiven moralischen Entkopplung („collective moral disengagement“): Wenn Teams anfangen, Regeln sprachlich zu verkleinern, Verantwortung zu verteilen und Risiken wegzuerklären, wird aus einer roten Linie schrittweise eine verhandelbare Grauzone.

Unsere Forschung zeigt: Solche Prozesse entstehen häufig vor dem Verstoß. Sie folgen oft einer Dynamik aus individuellem Grübeln, dem ersten vorsichtigen Aussprechen und anschließender gemeinsamer Sinnstiftung im Team. Besonders gefährlich wird es, wenn drei Dinge zusammenkommen: plausible Rechtfertigungen, stilles Einverständnis vieler und einflussreiche Fürsprecher, deren Haltung als Signal gelesen wird. Dann kippt ein Kollektiv oft schneller, als jedes Compliance-Handbuch reagieren kann.

Für CEOs heißt das: Achten Sie nicht nur auf Fehlverhalten, sondern auf die Sprache davor. Alarmzeichen sind Rationalisierungen wie „alle machen das“, „anders ist das Ziel nicht zu schaffen“ oder „am Ende nützt es doch dem Unternehmen“. Bauen Sie in kritische Entscheidungen einen kurzen Rechtfertigungs-Check ein: Welche Regel reden wir gerade klein? An wen verschieben wir unsere Verantwortung? Prüfen Sie Anreizsysteme auf Zielkonflikte und geben Sie Widerspruch sichtbar Status. Wer früh hört, wie im Unternehmen Regeln umgedeutet werden, verhindert nicht nur Fehlverhalten, sondern schützt auch Strategie, Kultur und Reputation.

Ulf Schäfer ist Senior Lecturer in Strategy an der ESMT Berlin. Die CEO.Picks sind eine Kooperation zwischen der ESMT und Table.Briefings.

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Best Practice

Professor Ulrich Walter

„ChatGPT ist nebensächlich“: Wie Unternehmen KIs auf ihre eigenen Daten trainieren

Ulrich Walter ist Physiker, Ingenieur, Professor an der TU München – und er flog 1993 an Bord der Columbia für zehn Tage ins All. Was er in all diesen Funktionen macht: Er beschäftigt sich mit Robotik und Künstlicher Intelligenz. Auch in seiner jetzigen Rolle als Aufsichtsratsmitglied bei der Bayerischen Lebensversicherung treibt ihn das Thema KI um. Es geht nicht nur um die Frage, wie das Unternehmen KI sinnvoll, sicher und gewinnbringend einsetzt – sondern auch, was für eine Art von KI das sein muss.

Walter spricht sich für den Bau eigener RAG-Systeme aus. Das steht für Retrieval Augmented Generation und beschreibt einen Ansatz, bei dem interne und externe Daten aus verschiedensten Quellen zusammengeführt werden, ohne sie tatsächlich zu vermischen. Die Informationen einer Datenquelle werden getrennt von denen anderer Datenquellen in einer KI-üblichen Vektordatenbank gespeichert. Ein Abfrage-Prompt sucht dann nach allen passenden Textstellen, den Vektoren. Ein allgemeines Sprachmodell, also beispielsweise ChatGPT oder Claude, verknüpft diese passenden Inhalte schließlich zu einer Antwort.

So ein RAG-System sei zum Beispiel ein ideales System für die Kundenberatung bei Versicherungen und dort teilweise bereits im Einsatz, berichtet Walter. Auf der einen Seite werden dafür alle internen Versicherungsangebote in der Datenbank gesammelt, ergänzt durch interne Regelungen des Governance-Systems, das dokumentierte Fachwissen und die Erfahrung der Mitarbeitenden, plus externe Bafin- und HGB-Anforderungen oder Solvancy-II-Richtlinien. Hinzu komme dann auf der anderen Seite das allgemeine Weltwissen, wie es öffentlich zugänglich ist und womit ein übliches KI-Foundation-Model trainiert ist, so Walter. Für eine Kundenanfrage wird innerhalb von Sekunden aus all diesen Daten ein gutes, verlässliches und tatsächlich verfügbares Angebot erstellt – in verständlicher Sprache.

Der entscheidende Vorteil der RAG-Systeme liege darin, dass die Informationen aus allen Quellen in der zentralen Vektordatenbank streng getrennt bleiben. Dennoch können sie gemeinsam genutzt werden. Die KI greife so „sowohl auf die geschützte Seite als auch auf die offene Seite“ zu. In diesem Kontext relativiert er die Rolle bekannter Tools: ChatGPT sei „eigentlich nebensächlich für Unternehmen“, vielmehr nur „die Schnittstelle, um mit dem System reden zu können“. Entscheidend sei, „eine regelbasierte und neuronale KI auf eigene Daten zu trainieren“.

Eine der größten Hürden beim Aufbau solcher RAG-Systeme aber ist die sogenannte „semantic gap“. Das ist die Lücke zwischen unstrukturiertem vorhandenem Wissen und dessen Nutzbarkeit, also seiner technischen Repräsentanz in einem IT-System. „Irgendwo weiß jemand etwas aus Erfahrung. Oder es gibt handschriftliche Vermerke. Oder eine wichtige Notiz irgendwo in Aktenordnern.“ Wer eine wirklich gute Vektordatenbank möchte, muss möglichst viel dieses analogen und teils nur in den Köpfen von Menschen steckenden Wissens digitalisieren.

Bei den Mitarbeitenden der Versicherung existierte viel implizites Erfahrungswissen zu Versicherungsbetrug, berichtet Walter. Zum Beispiel erkennen Sachbearbeiter gefälschte Handwerkerrechnungen. „Wenn in einer Rechnung steht ‚Abräumarbeiten: zwei Stunden‘, dann wissen sie aus ihrer Erfahrung: Das ist wahrscheinlich nicht richtig abgerechnet worden.“ Um künftig für die Rechnungsprüfung KI einsetzen zu können, müsse dieser „Erfahrungsschatz“, der in den Köpfen der Sachbearbeiter liegt, geborgen – sprich: für eine KI nutzbar gemacht – werden.

Dafür gibt es zwei Wege: die nachträgliche Digitalisierung, etwa durch Scannen von Notizen, oder die systematische Erhebung von Wissen durch Interviews. Letzteres ist jedoch sensibel. Mitarbeitende befürchten: „Jetzt soll ich mein Fachwissen der KI übergeben? Damit werde ich doch obsolet.“ Entsprechend „sträuben sich Experten, ihr Wissen auf diese Weise preiszugeben“, weiß Walter. Und in gewisser Weise könne er das auch verstehen.

Das Problem ist allerdings: Eine Wissensdatenbank ist nur gut, solange sie ausreichende und gute Informationen beinhaltet. Bleiben interne Daten unzureichend erschlossen, kann das Folgen haben. Dann, so Walter, werde „die andere Seite manchmal übermächtig“: Neuronale KIs wie etwa ChatGPT neigen dann dazu zu halluzinieren, also fehlende Informationen zu erfinden. Dem könne man nur durch sogenannte „explainable AI“ (xAI) oder möglichst regelbasierter KI (Expertensystemen) entgegenwirken. Ein gutes RAG-System brauche daher eine „Mischung aller relevanten, zuverlässigen Quellen zu einem Gesamtsystem“. So etwas gebe es nicht von der Stange, und der aufwendige Aufbau bedürfe eines spezialisierten IT-Unternehmens.

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CEO.Nachtisch

Aus der Kategorie „schlecht gealtert“: Friedrich Merz fand im Juni 2022 als Oppositionsführer im ZDF‑Morgenmagazin noch deutliche Worte zum damaligen Regierungshandeln von Olaf Scholz. Lesen Sie selbst.

"Ich befürchte, dass die Bundesregierung das Flickwerk der letzten Wochen fortsetzt. Nach Tankrabatt und Klimageld lädt der Bundeskanzler die Tarifpartner nun ein, sich auf Einmalzahlungen einzulassen. Das ist Flickwerk."
— Friedrich Merz

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