CEO.Table Executive Summary

Wie Platzmangel den Ausbau des Stromnetzes bremst – und damit auch die Wirtschaft

Deutschlands Stromnetzausbau steht vor dem Problem begrenzter Flächenkapazitäten. Dies führt zu einer Überlastung der Netzbetreiber und gefährdet die Versorgungssicherheit sowie wirtschaftliche Entwicklungen wie den Bau von Rechenzentren.

31. Januar 2026
[Stromnetz]. Zur Darstellung von Grafiken und Karten aktivieren Sie bitte den Bilderdownload in den Einstellungen oberhalb dieses Briefings.
Die Nachfrage nach dem Ausbau des Stromnetzes steigt – aber es mangelt an passenden Flächen. (picture alliance / SZ Photo | Wolfgang Filser)

Deutschlands Stromnetz stößt an physische Grenzen – vor allem wegen fehlender Flächen. Im Raum Frankfurt etwa sucht Amprion zehn Hektar für eine Umspannanlage zur Versorgung der Industrie. „Die sind einfach nicht zu bekommen“, sagt Christoph Müller, CEO des Übertragungsnetzbetreibers, im Gespräch mit Table.Briefings. Das Problem: „Deutschlands Flächen sind schon jetzt gut verplant, besonders in den dicht besiedelten Regionen.“

Die Nachfrage nach Netzanschlüssen übersteigt die Kapazitäten um das Dreifache. „Amprion hat heute ein Netz mit einer Last von 27 Gigawatt. Wir haben bereits für 70 Gigawatt neue Netzanschlüsse zugesagt“, erklärt Müller. Von den Zusagen entfallen mehr als 20 Gigawatt auf Batteriespeicher. Bis 2029 rechnet Amprion damit, dass knapp die Hälfte der Zusagen tatsächlich angeschlossen werden.

Um spekulative Anfragen auszusortieren, verlangt Amprion wie auch 50 Hertz und andere Betreiber eine Bearbeitungsgebühr von 50.000 Euro. „65 Prozent der Projekte wurden daraufhin nicht weiter verfolgt“, sagt Müller. Das räume Ressourcen für ernsthafte Anträge frei. Dennoch bleibe das Unternehmen „komplett überlaufen“. Müller plädiert dafür, vom bisherigen Windhund-Prinzip wegzukommen und stattdessen Kriterien wie Grundstücksverfügbarkeit oder Finanzierungszusagen einzuführen.

Verschärft wird die Lage durch den Wegfall konventioneller Kraftwerkskapazitäten. „Es gibt sechs Gigawatt Braunkohle im Rheinischen Revier, die sollen bis 2030 stillgelegt werden. Die wandern nicht in die Netzreserve. Die sind einfach weg“, warnt Müller. Zudem seien bestehende Reservekraftwerke im Schnitt 44 Jahre alt. „Daran hängt unsere Versorgungssicherheit. Wir brauchen also dringend neue Kraftwerkskapazitäten.“

Der Platzmangel und die resultierenden Versorgungseinschränkungen werden auch in der breiten Wirtschaft zum wichtigen Faktor. An einigen Orten sei der Raum für neue Rechenzentren bereits „zu“ – doch der große Ansturm durch KI-Investitionen steht erst noch bevor. „Die Rechenzentren, die aktuell gebaut werden, sind größtenteils für Cloud-Anwendungen geplant. Die KI-Investitionen sind in der Masse noch gar nicht am Start“, sagt Andreas Feicht, CEO der Rheinenergie, zu Table.Briefings. Die kommende Welle werde den Bedarf an Netzanschlusskapazitäten drastisch erhöhen.

Deutschland kämpft mit strukturellen Nachteilen im Wettbewerb um Rechenzentren. „Unsere Energie- und Strompreise sind mit am höchsten“, erklärt Feicht. Hinzu komme die deutsche Goldplating-Regulierung: Anders als in anderen EU-Ländern müssen hierzulande ab 2028 zwingend 20 Prozent der Abwärme verwendet werden – eine Hürde, die Standorte ohne nahegelegene Wärmesenken nahezu unbaubar mache.

Die hohen Systemkosten haben ihre Ursache auch im extremen Debundling des Energiegeschäfts. „Die Kosten für das Gesamtsystem laufen aus dem Ruder, weil sich die Akteure innerhalb der regulatorisch gesetzten Grenzen optimieren“, kritisiert Feicht. Eine Optimierung des Gesamtsystems finde nicht statt und müsse von der Politik geleistet werden – was aber nur unzureichend klappe.

Besonders problematisch: die Entsolidarisierung bei den Netzkosten durch dezentrale PV-Anlagen. „Viele dezentrale PV-Anlagen sind deswegen wirtschaftlich, weil der produzierte Strom selbst verbraucht wird, aber dennoch Netzentgelte vermieden werden – während gleichzeitig Versorgungssicherheit in Anspruch genommen wird“, so Feicht.

Die Kosten müssten dann von denen mitgetragen werden, die nicht selbst einspeisen können. Amprion-Chef Müller rechnet konkret vor: „In der Amprion-Regelzone haben wir einen Verbrauch von ungefähr 200 Terawattstunden. Was wird aus unserem Netz entnommen? 100 Terawattstunden.“ Die andere Hälfte werde dezentral eingespeist. Alle Netzkosten würden aber nur auf die 100 entnommenen Terawattstunden umgelegt. Gleichzeitig entstehen massive Aufwendungen: Alleine die Redispatch-Kosten, die entstehen, wenn Netzbetreiber zur Vermeidung von Netzüberlastungen kurzfristig die Stromerzeugung von Kraftwerken ändern müssen, belaufen sich auf 2,7 Milliarden Euro im Jahr.

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Letzte Aktualisierung: 31. Januar 2026