CEO.Table Executive Summary

Warum der Kapitalmarkt besser läuft als die deutsche Wirtschaft

Während der deutsche Kapitalmarkt kräftig wächst, hinkt die Inlandswirtschaft hinterher. Die Kluft erklärt sich durch die starke Auslandsorientierung großer DAX-Unternehmen und strukturelle Probleme in Deutschland.

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Bulle voraus: Der DAX läuft der deutschen Wirtschaft davon (picture alliance/dpa)

Vergleicht man die Entwicklung des deutschen Kapitalmarkts mit der Lage der deutschen Volkswirtschaft, entsteht der Eindruck, als spiele sich beides in zwei unterschiedlichen Ländern ab.

  • So legte der DAX innerhalb eines Jahres um 24 Prozent zu, überschritt in der vergangenen Woche erstmals die Marke von 25.000 Punkten und entwickelte sich damit besser als S&P 500 (plus 19 Prozent) und Stoxx Europe 50 (plus 18 Prozent).

  • Dem stehen nach unten revidierte Wachstumsprognosen der führenden Wirtschaftsinstitute sowie Meldungen über Stellenabbau gegenüber. Im Dezember stieg die Zahl der Arbeitslosen um 23.000 auf 2,908 Millionen, wie die Bundesagentur für Arbeit (BA) mitteilte; die Arbeitslosenquote erhöhte sich damit um 0,1 Prozentpunkte auf 6,2 Prozent.

Der DAX eignet sich nicht besonders gut als Konjunkturindikator, da rund 80 Prozent der Erträge der 40 größten deutschen börsennotierten Unternehmen im Ausland generiert werden. Hier drei Beispiele:

  • Deutsche Telekom: Der Telekommunikationskonzern mit Sitz in Bonn erwirtschaftete im dritten Quartal 2025 lediglich 22 Prozent seines Umsatzes in Deutschland.

  • Siemens: Im Geschäftsjahr 2025 erzielte das Unternehmen einen Umsatz von 78,9 Milliarden Euro, davon nur 11,6 Milliarden Euro in Deutschland.

  • SAP: Im dritten Quartal setzte der international agierende Softwarekonzern 9,08 Milliarden Euro um, etwa 16 Prozent davon in Deutschland.

Hinzu kommt: DAX ist nicht gleich DAX. Vor allem Rheinmetall (plus 185 Prozent), Siemens Energy (plus 144 Prozent), Commerzbank (plus 118 Prozent), Bayer (plus 101 Prozent) und die Deutsche Bank (plus 97 Prozent) verzeichneten innerhalb eines Jahres starke Kursgewinne und zogen den gesamten Leitindex nach oben.

Als besserer Gradmesser gilt der MDAX. Der Index umfasst die 50 Unternehmen, die in der Rangliste nach Streubesitz-Marktkapitalisierung und Börsenumsatz unmittelbar auf die DAX-Werte folgen. Die dort gelisteten Unternehmen wie LEG Immobilien oder der Finanzdienstleister Hypoport weisen eine wesentlich höhere Inlandsorientierung auf und hängen stärker von der Entwicklung der deutschen Wirtschaft ab.

MDAX bleibt hinter DAX-Aufschwung zurück. Zur Darstellung von Grafiken und Karten aktivieren Sie bitte den Bilderdownload in den Einstellungen oberhalb dieses Briefings.

Dennoch legte auch der MDAX nach einer langen Seitwärtsbewegung innerhalb des vergangenen Jahres um rund 25 Prozent zu (siehe Grafik). Die Deutsche Bank Research sieht zudem weiteren Spielraum nach oben. „Getragen von einer Erholung der Gewinne und einer Ausweitung der Bewertungsmultiplikatoren sehen wir Aufwärtspotenzial für den DAX – und ein noch größeres für den MDAX“, heißt es in einer aktuellen Analyse. Das Haus bevorzugt weiterhin den MDAX gegenüber dem DAX, da dieser ein höheres Re-Rating-Potenzial – also die Chance, künftig mit einer höheren Bewertung gehandelt zu werden – sowie eine stärkere Deutschland-Exponierung aufweist.

Maximilian Uleer, Head of European Equity- and Cross Asset Strategy bei der Deutschen Bank Research, betont, dass der Ausblick für die deutsche Wirtschaft insgesamt besser sei, „als es in der öffentlichen Diskussion häufig kolportiert wird“. Belastet seien vor allem energieintensive Unternehmen sowie Teile der Automobilindustrie. Gleichzeitig zeigten jene Bereiche, die direkt vom fiskalischen Stimulus der Bundesregierung profitieren, bereits eine spürbare Dynamik – insbesondere die Bauwirtschaft. Nach Angaben von S&P Global ist der Einkaufsmanagerindex für das deutsche Baugewerbe im Dezember auf 50,3 Punkte gestiegen und hat damit den höchsten Stand seit rund 45 Monaten erreicht.

Zudem verweist der Kapitalmarktstratege auf einen Stimmungsumschwung auf Investorenseite. In Gesprächen mit internationalen Investoren lasse sich über den Jahresverlauf hinweg ein klarer, phasenweiser Wandel beobachten (siehe Grafik). Nach anfänglicher Euphorie folgte zunächst eine Abwartehaltung, da viele Marktteilnehmer konkrete Umsetzungsnachweise des fiskalischen Programms forderten. „In den vergangenen Wochen hat sich dieses Sentiment jedoch wieder zunehmend aufgehellt“, sagt Uleer. Der fiskalische Impuls werde erst mit der Verabschiedung des Haushalts für 2026 voll wirksam. Entsprechend zeigt sich die Deutsche Bank Research für 2026 optimistisch und erwartet ein Wachstum des Bruttoinlandsprodukts von 1,5 Prozent.

Investoren-Sentiment: Folgt auf den Einbruch der Aufbruch? Zur Darstellung von Grafiken und Karten aktivieren Sie bitte den Bilderdownload in den Einstellungen oberhalb dieses Briefings.

Dass der Sachverständigenrat Wirtschaft deutlich pessimistischer auf das bevorstehende Jahr blickt und ein Wachstum von lediglich 0,9 Prozent erwartet, ist vor allem in strukturellen Bedenken begründet. Zwar laufe „das Geschäft in vielen Branchen fantastisch“, erklärt die Wirtschaftsweise Veronika Grimm, etwa bei Energie, Rüstung, aber auch gerade bei Digitalisierung, Medizintechnik und Pharma. Gleichzeitig warnt sie vor einer weiteren Orientierung der Unternehmen weg vom Inlandsgeschäft: „Energiekosten, hoher Kündigungsschutz, viele Krankheitstage, hohe Lohnnebenkosten – schon das spricht für eine Verlagerung ins Ausland.“ Hinzu komme die strategische Neuausrichtung: Unternehmen produzierten verstärkt „local for local“, um Lieferkettenprobleme und Zölle zu umgehen.

Besonders schmerzhaft: Deutschland verliert in Zukunftsbranchen den Anschluss. Grimm sieht darin eine direkte Folge der Politik: „Wir stehen uns durch restriktive Regulierung gerade in vielen Hochtechnologiebranchen im Weg.“ Die Folge: „Aus Unternehmensperspektive haben viele vermutlich sogar ein Klumpenrisiko in Europa“ – und diversifizieren ihre Produktion konsequent in andere Regionen. „Man beliefert Drittländer ungern aus Deutschland heraus, sondern lieber aus den Staaten, in denen die Produktion günstiger ist.“

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Letzte Aktualisierung: 10. Januar 2026