IPO-Klima: Nicht nur für Rüstungsfirmen bietet sich eine seltene Chance

Europäische Unternehmen nutzen das Fahrwasser US-Mega-IPOs für seltene Börsenchancen. Hohe Verteidigungsbudgets und gestiegenes Kapitalvertrauen schaffen ideale Bedingungen für deutsche Kandidaten.

07. April 2026
Die Volatilität im Markt steigt. Zur Darstellung von Grafiken und Karten aktivieren Sie bitte den Bilderdownload in den Einstellungen oberhalb dieses Briefings.

Bis zu zehn deutsche Börsengänge könnte es in diesem Jahr geben. Die Vorbereitungen dafür laufen: Der Aufzug- und Fahrtreppenhersteller TK Elevator prüft einen Börsengang bei einer angestrebten Bewertung von bis zu 25 Milliarden Euro – allerdings könnte das Unternehmen auch noch vom Wettbewerber Kone übernommen werden. Der deutsch-französische Panzerhersteller KNDS plant ein Doppellisting in Frankfurt und Paris bei einer Zielmarke von rund 20 bis 25 Milliarden Euro. Der Fahrzeugmarkt Mobile.de wurde schon vor Jahresfrist auf zehn Milliarden Euro taxiert.

Als weiterer Kandidat steht die – deutlich kleinere – Electrovac AG aus Salzweg bereit: Das Unternehmen, das hermetische Glas-Metall-Gehäuse für Rüstungs- und Industriekunden produziert, kündigte seinen Börsengang für das zweite Quartal an – mit zuletzt 98,2 Millionen Euro Jahresumsatz und einer Ebit-Marge von 12,2 Prozent in den vergangenen neun Monaten. Auch das Milliarden-Start-up DeepL aus Köln, das eine KI für Übersetzungen anbietet, steht auf den Watchlisten der Analysten, genauso wie der Mobilitätsanbieter Flix oder die Fintechs Bitpanda, Sumup und Raisin.

Im Fahrwasser von US-Mega-IPOs entsteht eine seltene Chance für europäische Unicorns. SpaceX hat Anfang April vertraulich bei der SEC Unterlagen eingereicht und strebt eine Bewertung von zwei Billionen US-Dollar an – es wäre der größte IPO der Geschichte. Die KI-Firmen OpenAI und Anthropic planen ebenfalls Börsengänge für 2026. Diese Mega-IPOs könnten in Summe so viel Kapital absorbieren wie alle US-Börsengänge der vergangenen zehn Jahre zusammen. „Besonders für Firmen mit KI im Geschäftsmodell gibt es starke Ausstrahlungseffekte“, sagt Martin Steinbach, Partner und Head of IPO and Listing Services bei EY, im Gespräch mit Table.Briefings.

Das IPO-Timing ist entscheidend – und gerade noch nicht ideal. Der VDAX-New, der die erwartete Schwankungsbreite des deutschen Aktienmarkts misst, notierte vor Redaktionsschluss am Dienstagabend bei 27,7 Punkten (siehe Grafik oben). Steinbachs Daumenregel ist eindeutig: „Die Volatilitätsindizes sollten unter 20 Punkten liegen, dann sind die Investoren nicht zittrig.“ Wer jetzt an die Börse geht, braucht also eine überzeugende Antwort auf die Frage nach dem Geschäftsmodell.

Defense liefert derzeit diese Antwort. „Jede Krise hat ihre Gewinner“, sagt Steinbach – und meint damit Unternehmen, die von steigenden Verteidigungsbudgets und geopolitischer Unsicherheit profitieren. Die Rüstungszulieferer Vincorion und die Gabler Group AG nutzten im März das Fenster: 345 Millionen Euro beziehungsweise 132,8 Millionen Euro Emissionserlös.

Zwei von drei Börsengängen im ersten Quartal 2026 kamen damit aus der Rüstungsbranche. Für Steinbach ist das kein Zufall. „Wer nicht jetzt Geld einsammelt – wann dann?“, sagt er. Sein Urteil ist klar: „Für viele kleine und mittlere Unternehmen in der Rüstungsindustrie ist jetzt das ‚once in a lifetime window'.“ Der deutsche IPO-Markt verzeichnete in drei Monaten so viele echte Erstnotizen wie im gesamten Jahr 2025 – mit einem Gesamtemissionsvolumen von 678 Millionen Euro.

Wenn der Sektor stark genug ist, spielen allgemeine Marktbedingungen eine untergeordnete Rolle. „Weil zahlreiche Staaten mit Blick auf die geopolitische Lage ihre Verteidigungsbudgets erhöhen, sind europäische Rüstungsunternehmen in den Fokus von Kapitalmarktinvestoren gerückt“, sagt Dirk Menker, PwC-Experte für Kapitalmarkttransaktionen. Demgegenüber war das erste Quartal in Sachen Kapitalerhöhungen sehr ruhig: Lediglich drei Unternehmen besorgten sich auf diesem Weg frisches Kapital und spielten dabei 94 Millionen Euro ein. „Wer nicht dringend Geld benötigt, wird im aktuellen, durch hohe Volatilität gekennzeichneten Marktumfeld Kapitalerhöhungen gegebenenfalls eher verschieben“, so Menker.

Der deutsche IPO-Markt ist noch nicht warm gelaufen. „Mit Blick auf die aktuelle geopolitische Lage mag Abwarten eine sinnvolle Option sein. Durch die langen Vorlaufzeiten eines IPOs ist es dennoch empfehlenswert, die internen Vorbereitungen auf einen Börsengang voranzutreiben“, findet Menker. So schaffe man die Möglichkeit, eine Transaktion zügig durchziehen zu können, sobald sich ein geeignetes Zeitfenster auftut.

Dividenden – so spendabel sind die Dax-Konzerne. Zur Darstellung von Grafiken und Karten aktivieren Sie bitte den Bilderdownload in den Einstellungen oberhalb dieses Briefings.

Das Umfeld bleibt selektiv, aber nicht verschlossen. Hohe DAX-Dividenden signalisieren starke Unternehmensgewinne und Kapitalmarktvertrauen (siehe Grafik), was das allgemeine Börsenklima aufhellt und die Bewertungsbereitschaft institutioneller Investoren auch für Neuemissionen erhöht – sofern die Ausschüttenden gleichzeitig Wachstumsperspektiven glaubhaft kommunizieren.

Wer sich für einen Börsengang positioniert, muss nach EY-Partner Martin Steinbach in jedem Fall hausgemachte Risiken ausschließen und Kapitalmarkt-ready sein. „Der Prospekt muss vorbereitet werden, die aktuellen Financials müssen verfügbar und die Governance muss geregelt sein. Und in der Peergroup sollte es nicht gerade Gewinnwarnungen gegeben haben“, sagt Steinbach. Als europäischen Erfolg im ersten Quartal nennt er den Börsengang der Czechoslovak Group (CSG) – ein Rüstungskonzern – mit 3,8 Milliarden Euro Volumen: „Da schaut die Welt auf Europa.“

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Letzte Aktualisierung: 07. April 2026