Insolvenzwelle rollt auf Deutschland zu – was jetzt zu tun ist

Während die Politik über Entlastungen infolge des Iran‑Kriegs berät, geraten in Deutschland immer mehr Unternehmen in wirtschaftliche Schieflage. Welche Branchen besonders unter Druck stehen und was Insolvenzverwalter raten.

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Entgegen den Erwartungen vieler Ökonomen zogen die Insolvenzen im März noch einmal deutlich an. „Nach den Entwicklungen der vergangenen Monate waren wir zunächst davon ausgegangen, dass der Höhepunkt der Insolvenzen erreicht ist“, sagt Steffen Müller, Leiter der Insolvenzforschung am Leibniz‑Institut für Wirtschaftsforschung Halle (IWH), im Gespräch mit Table.Briefings. „Dass die Zahlen im März wieder deutlich gestiegen sind, kam daher überraschend.“ Nach Einschätzung des Instituts dürfte sich die Lage auch im April nicht entspannen.

Nach jüngsten Zahlen des IWH stieg die Zahl der Insolvenzmeldungen von Kapital und Personengesellschaften, die den ökonomisch relevanten Kern des Geschehens abbilden, im ersten Quartal 2026 auf 4.573 Fälle. Damit erreichten die Insolvenzen den höchsten Stand seit dem dritten Quartal 2005. Bereits 2025 meldete das Statistische Bundesamt 24.064 Regelinsolvenzen, circa zehn Prozent mehr als 2024 und der höchste Wert seit 2014. Die amtliche Statistik erfasst dabei alle Regelinsolvenzen über sämtliche Unternehmens‑ und Rechtsformen hinweg, also nicht nur Kapital‑ und Personengesellschaften, sondern auch Einzelunternehmen sowie bestimmte natürliche Personen. Laut IWH-Halle ging der starke Zuwachs vor allem auf eine Häufung von Pleiten kleinerer Unternehmen zurück.

Der aktuelle Anstieg der Insolvenzen zeigt noch nicht die vollständigen Folgen des Iran‑Kriegs. „Wir sehen einen zeitlichen Verzug in der Statistik. Viele Insolvenzanträge werden im Dezember oder Januar gestellt und schlagen sich erst einige Wochen später, etwa im März, in den Zahlen nieder“, erläutert Müller. Vielmehr beruhe der derzeitige Anstieg auf harten ökonomischen Fakten, darunter eine anhaltend schwache Konjunktur, das erhöhte Zinsniveau, steigende Löhne sowie strukturelle Schwächen einzelner Geschäftsmodelle.

Das sieht auch Insolvenzverwalter Hans Joachim-Berner so. „Ich erlebe das fast schon als Omnikrise“, sagt er im Gespräch mit Table.Briefings. „Unter dem schwierigen Marktumfeld, den hohen Energiepreisen, der Inflation, die zu Kaufzurückhaltung führt, und Zinsen, die gedreht haben, leiden alle.“ Besonders betroffen seien Baugewerbe und Immobilienwirtschaft ebenso wie Einzelhandel und Gastgewerbe. Und: Handwerksbetriebe bekämen vermehrt Probleme. Aus diesem Bereich habe er in der Vergangenheit so gut wie keine Fälle auf dem Tisch gehabt, so Berner.

Es gäbe nicht den einen einzelnen Auslöser der aktuellen Insolvenzwelle. Stattdessen spricht Berner von einer „Stapelkrise“, die dazu geführt hat: „Erst Corona, dann Lieferkettenschwierigkeiten, dann wieder raus aus Corona. Ukraine, Energiekrise, jetzt Iran, dazu noch Zollthematiken. All das hat die Substanz bei vielen Unternehmen stark belastet oder sogar aufgezehrt.“ Und dann kam auch noch KI. Viele Unternehmen sehen sich vor „große Transformationsherausforderungen“ gestellt, beobachtet Berner. „Dort verändern sich Geschäftsmodelle grundlegend und mit dramatischer Geschwindigkeit – angetrieben durch KI.“

Die Insolvenzwelle trifft die Realwirtschaft – und jetzt auch die Kreditversorgung. Die Banken reagieren auf steigende Pleiten mit schärferen Vergabestandards: mehr Sicherheiten, höhere Konditionen, engere Prüfung. Für Unternehmen, die ohnehin unter Auftragsmangel und Strukturwandel leiden, kommt das zur Unzeit. Besonders betroffen sind zwei Schlüsselbranchen der deutschen Wirtschaft: Automobilzulieferer und Energieunternehmen. Im Bankenumfeld wird aktuell ausdrücklich nicht von Krise gesprochen – aber von einer spürbaren Verschiebung: Wenn die Risiken im System steigen, dann müssten die Konditionen sich verändern – weil die das Risiko reflektieren. Für den Mittelstand, der traditionell stark auf Bankkredite angewiesen ist, verengt sich damit der Spielraum genau dann, wenn Investitionen in den Umbau des Geschäftsmodells am dringendsten wären.

Dabei haben die Banken ihr Risikomanagement grundlegend verändert. Früher stand die Bilanz eines einzelnen Unternehmens im Mittelpunkt – stabile Auftragseingänge, langjährige Kredithistorie, solider Cashflow. Heute, so wird es in der Branche betont, denken die Institute in Netzwerken – sie schauen nicht mehr nur isoliert auf den Kunden mit seiner Ertragsrechnung, sondern auf die Vernetzung – etwa Lieferketten. Und auf die Auswirkungen für das Gesamtsystem. Für den deutschen Mittelstand, dessen Lieferketten eng miteinander verflochten sind, hat das eine unmittelbare Konsequenz: Ein einziger großer Insolvenzfall kann die Kreditwürdigkeit mehrerer Zulieferer gleichzeitig erschüttern.

Wichtig für Unternehmer ist jetzt: ehrlich und selbstkritisch sein – und die eigene Liquidität nicht aus den Augen zu verlieren. Das rät Insolvenzverwalter Berner. „Wer merkt, in einer Krise zu sein, sollte schnell aktiv handeln.“ Das sei auch einfach Ausdruck von gutem Unternehmertum, so der Verwalter: sich nicht wegducken, sondern der Situation stellen. Auch einer unbequemen.

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Letzte Aktualisierung: 14. April 2026