Hoffnung auf Hightech: Wie Roboter die Industrie retten sollen

Roboter könnten den Fachkräftemangel ausgleichen und die Deindustrialisierung womöglich stoppen. Experten sehen Chancen, warnen aber vor Unterschätzung der Herausforderungen des globalen Wettbewerbs.

17. März 2026
Bundesministerin für Forschung, Technologie und Raumfahrt Dorothee Bär
Bundesministerin für Forschung, Technologie und Raumfahrt Dorothee Bär bei einer Keynote auf der German Robotics Conference in Köln am vergangenen Donnerstag. (© Frank Erpinar/ BMFTR)

Roboter könnten die Deindustrialisierung Deutschlands aufhalten. Sie springen ein, wo Fachkräfte fehlen. Offshoring ist nicht mehr nötig, lokale Wertschöpfung wieder möglich. Auf der German Robotics Conference in Köln machte sich Bundesforschungsministerin Dorothee Bär letzte Woche ein Bild vom Status Quo der Robotik. In ihrer Keynote forderte sie, selbstbewusst den „German Way of Robotics“ zu verfolgen. Bereits im Januar hat Bärs Ministerium den „KI-Robotikbooster“ als Flagship-Maßnahme der Hightech-Agenda Deutschland gestartet und Geld für Robotik-Forschung, Labore, Transferzentren und Mehrzweckroboter zugesagt.

Der Wille scheint da, die Technologie auch. Was fehlt? „Die Wichtigkeit der KI-basierten Robotik für Deutschland wird nach wie vor unterschätzt“, findet Angela Schoellig, Professorin für Robotik und KI an der TU München. „Es braucht ein Investment in die besten Köpfe der Robotik in Deutschland, die das Thema aktiv vorantreiben.“ Wagniskapitalgeber würden das erkennen, berichtet Matthias Althoff, Professor für Cyber Physical Systems, der am Munich Institute of Robotics and Machine Intelligence (TUM MIRMI) forscht und lehrt. Er hat bereits zwei Roboter-Start-ups auf den Weg gebracht, sagt aber auch: „Ein Grund, warum wir auch Start-ups machen, ist, dass unsere Forschungsergebnisse in der Industrie teilweise nicht so angenommen werden, wie wir uns das erhofft hatten.“

Mehr „urgent buyer“ müssen her. „Es gibt zu wenige Industrieunternehmen, die die Dringlichkeit ihrer Lage wirklich erkannt haben“, sagt Sam Baker, Investor beim Wagniskapitalgeber Planet A. Dabei gäbe es seiner Meinung nach etliche „urgent buyers“, also Unternehmen, die neue Technologien einsetzen müssen, um ihre Geschäftsmodelle zu erhalten. „Die haben das nur noch nicht realisiert.“ Womöglich vertun sie so nicht nur Chancen auf ihre eigene, sondern die Rettung der deutschen Industrie.

„DIE eine Lösung ist Robotik nicht für das Problem der Deindustrialisierung– aber gewisse Effekte kann man erkennen“, sagt Professor Klaus Prettner, Makroökonom an der Wirtschaftsuniversität Wien. Er beschäftigt sich mit der Frage, was technologischer Wandel mit langfristigem Wirtschaftswachstum macht. Erst mal wirken Roboter positiv, weil sie Arbeitskosten senken. „Entscheidend ist aber: Wie stark ist dieser Effekt?“ Robotisierung lohne sich, so Prettner, primär bei Firmen, „wo Wissen eine große Rolle spielt“. Die Hightech-Industrie etwa könnte profitieren.

Roboter können die Produktivität dieses Landes steigern. Und das ist gut, denn: „Wir dürfen nicht weg vom Hochlohnland. Wir müssen viel mehr wieder hin zu einem Hochproduktivitätsland“, sagt Wirtschaftsprofessor Enzo Weber vom Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB). „Wir befinden uns mitten in einer Transformation, in einem Umbruch“, so Weber. Jeden Monat verschwinden in Deutschland laut IAB 15.000 Industriejobs. Das Problem: „Das Neue kommt nicht schnell genug nach.“ Die Erneuerung könnte im Bereich der Robotik liegen. Automatisierung, Sensorik, Maschinenbau, kombiniert mit KI – Weber sieht realistische Chancen, da führend zu sein. Eine Bedingung für Re-Industrialisierung durch Robotik aber ist: „Wir müssen Roboter nicht nur einsetzen, sondern sie auch herstellen.“

Deutschland ist keineswegs von China abgehängt, sagen Fachleute. Als Kanzler Friedrich Merz vor vier Wochen in China war, führte das Unternehmen Unitree vor, dass seine humanoiden Roboter tanzen und Saltos schlagen können. „Gut ausgeführt, aber kein Hexenwerk“, so das Fazit der TUM-Professorin Schoellig. Die Roboter-Tanz-Truppe hätte nicht mit der Umgebung interagiert, benötigte keine Wahrnehmung oder Fingerfertigkeiten. Das seien die harten Nüsse für Roboter. Hier könne Deutschland noch wirklicher Vorreiter sein. „Das war eine tolle Show“, urteilt ihr Kollege Althoff. Ihm sei allerdings unklar, was die gezeigten Fähigkeiten in der Praxis bringen.

Humanoide Roboter seien generell etwas überschätzt, Althoff spricht gar von einer „Investorenblase“. Der wirtschaftlich sinnvolle Einsatz der Roboter auf zwei Beinen sei eingeschränkt. Er sehe sie primär im Haushalt und in der Pflege. Der große Hebel aber liegt in der Industrie.

278.900 Industrieroboter waren laut World Robotics Report bereits 2024 in deutschen Fabriken im Einsatz. Mit 415 Robotern pro 10.000 Beschäftigten gehörte Deutschland damals schon weltweit zur Spitzengruppe. Inzwischen dürften es noch mehr sein. Und sie werden immer besser. Stichwort: Physical AI. Künstliche Intelligenz im Körper eines Roboters. „Dass jeder Roboter mithilfe der LLMs auf das gesamte Wissen des Internets zugreifen kann, ist ein Meilenstein“, sagt TUM-Professorin Schoellig.

Der nächste große Durchbruch kommt beim Preis: Firmen wie das Münchner Start-up Robco fokussieren sich auf kleine Roboter, die ohne Aufwand integriert werden können – und vor allem wenig kosten. „Der Wendepunkt ist erreicht, wenn selbst kleine Lager im deutschen Mittelstand autonome Gabelstapler einsetzen können“, so Baker. Nur: Womöglich sind andere schneller.

Endet hier die Idee vom Stoppen der Deindustrialisierung mithilfe der Roboter? Es gibt Branchenkenner, die vermuten: Noch stehen in europäischen Fabriken überwiegend Roboter aus Europa. Aber Roboter für die nächste Dekade würden in China gekauft – weil sie billiger sein werden.

Die Hoffnung hier könnte – wie so oft – in Spezialisierung und Partnerschaften liegen. „Ein Ansatz: Europa entwickelt Technologien, China skaliert sie industriell“, so der Investor Baker. China könne gut günstige Standard-Roboter bauen. Die sei allerdings in deutschen Betrieben nicht unbedingt geeignet: „Chinas Industrie wurde oft von Grund auf für Automatisierung gebaut, Europas Fabriken sind heterogener und voller Legacy-Systeme“, sagt Baker. Das könnten deutsche Anbieter für sich nutzen.

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Letzte Aktualisierung: 17. März 2026