China – das Land, „an dem niemand mehr vorbeikommt“

Bundeskanzler Friedrich Merz setzt bei seinem China-Besuch auf wirtschaftlichen Pragmatismus. Der Besuch zeigt eine klare Prioritätensetzung mit konkreten Wirtschaftsvereinbarungen und signalisiert eine Neuausrichtung deutscher China-Politik.

28. Februar 2026
Wenn Bundeskanzler Friedrich Merz nach China reist, steht die Wirtschaft im Vordergrund: Li Qiang, Ministerpräsident von China, begrüßt die deutsche Delegation mit Siemens-Chef Roland Busch. (picture alliance/dpa/dpa pool | Michael Kappeler)

Der erste Eindruck dieses China-Besuchs von Bundeskanzler Friedrich Merz ist eindeutig: Der Kanzler setzt bewusst auf wirtschaftlichen Pragmatismus statt auf geopolitische Konfrontation. „Dialog“ ist sein Leitwort. Damit signalisiert er eine deutliche Tonverschiebung gegenüber der schärferen Rhetorik aus Wahlkampfzeiten. Auf der Münchner Sicherheitskonferenz hatte der Kanzler erklärt, dass deutsche Außenpolitik zu lange „gemahnt, gefordert, gemaßregelt habe“. Er will es jetzt wieder anders machen, gerade im Verhältnis zu China – dem Land, „an dem niemand mehr vorbeikommt“.

In der Sache ist dieser Ansatz zunächst nicht unklug. Wer mit China arbeiten will, braucht Gesprächskanäle. Merz knüpft damit an die Merkel-Jahre an: Handel zuerst, politische Differenzen später. Dass er in Peking vor allem die Probleme deutscher Unternehmen adressierte, wie Überkapazitäten, Wechselkurs, Marktzugang und Exportlizenzen für Seltene Erden, zeigt, wo seine Prioritäten liegen.

Doch die Szenen in der Großen Halle des Volkes mit Premier Li Qiang folgen einem bekannten Muster: Die deutsche Seite listet konkrete Beschwerden auf, die chinesische bedankt sich für „pragmatische Empfehlungen“ und verspricht Prüfung. Substanziell verändert hat sich an den strukturellen Problemen bislang wenig. Deutsche Unternehmen haben vor Ort unter anderem weiterhin große Probleme, Exportlizenzen für Seltene Erden zu bekommen. Eine Besserung wurde bereits Vizekanzler Lars Klingbeil im November 2025 zugesagt.

Bemerkenswert ist nun die Tonlage des Kanzlers. Noch im Wahlkampf hatte Merz China als Teil einer „Achse von Autokratien“ bezeichnet und deutsche Firmen vor übermäßigen Risiken gewarnt. Nun meidet er die heiklen Themen auffällig konsequent. Sicherheitsfragen wie Spionage oder Sabotage tauchen öffentlich nicht auf. Selbst bei Taiwan bleibt es bei formelhaften Positionen.

Ist Merz damit in der Realpolitik angekommen? Wahrscheinlich ja. Die deutsche Wirtschaftslage zwingt zu nüchterner Prioritätensetzung, und dazu gehört auch die Suche nach Investoren und Absatzmärkten.

Der Besuch produzierte eine lange Liste von Vereinbarungen. Dazu gehören unter anderem die Fortsetzung des bilateralen Transformations- und Klimadialogs zwischen dem Bundeswirtschaftsministerium und der Nationale Entwicklungs- und Reformkommission, ein Airbus-Deal, neue veterinärrechtliche Abkommen zum Geflügel- und Schweinefleischhandel und eine Medien- und Sportrechte-Kooperation zwischen der staatlichen China Media Group, der Bundesliga und dem Deutschen Tischtennis-Bund.

Die größte Schlagzeile zur Merz-Reise war die Bestellung von 120 Flugzeugen bei Airbus durch die China Aviation Supplies Holding Company (CASC). Wirtschaftlich ist das ein gewichtiger Auftrag. Politisch jedoch vor allem ein Signal, denn Flugzeuge werden nicht bestellt, weil ein Kanzler anreist. Es geht um Flotttenerneuerung, und hier wird in Peking klar der Mangel an geopolitischen Alternativen abgewogen. China hätte auch bei Boeing bestellen können, das Verhältnis mit den USA gibt das derzeit aber nicht her. Inländisch lässt sich der Bedarf durch COMC noch nicht voll erfüllen. Airbus ist damit praktisch die beste Lösung.

Während Merz mit Blick auf schnell wachsende Tech-Unternehmen wie den Roboterhersteller Unitree viel Potenzial für Zusammenarbeit erkennt, bleibt die deutsche Industrie zögerlich. „Wir werden sicherlich einen Beitrag leisten, wenn es um die Herstellung von Robotern geht. Das können wir automatisieren. Wir könnten aber auch an einem Teil des Technologie-Stacks von Robotern teilnehmen“, sagte Siemens-Chef Roland Busch zu Table.Briefings. Man brauche die richtigen Partner und natürlich auch entsprechend viel Kapital, „denn dieser Markt entwickelt sich unglaublich schnell und er kostet unheimlich viel Geld.“ Es gebe jedoch „noch einiges an Hausarbeit zu erledigen. Vor allem müssen wir schneller werden.“

Konkreter sind die agrarpolitischen Vereinbarungen: China ist ein riesiger Absatzmarkt für Schweinefleisch und Produkte wie Hühner- und Schweinefüße, die in Deutschland als Nebenprodukt gelten. Die neuen geplanten veterinärrechtlichen Zulassungen schaffen reale Geschäftschancen für deutsche Produzenten. Im Idealfall kann Bundeslandwirtschaftsminister Alois Rainer (CSU) die Verhandlungen im April zum Abschluss bringen. Nach gegenwärtigem Stand wird er dann in die Volksrepublik reisen. Deutschland wäre in diesem Fall das erste Land in der Europäischen Union, das sich mit China nach einem Ausbruch der Afrikanischen Schweinepest (ASP) auf ein Regionalisierungsabkommen einigt, teilt ein Sprecher des Bundeslandwirtschaftsministeriums mit.

Merz’ Kurs ist kein strategischer Durchbruch, aber ein erster Schritt. So nahm das unter anderem auch Adidas-CEO Bjørn Gulden wahr, der Teil der Wirtschaftsdelegation war: „Wenn man das mit der Situation vor ein paar Jahren vergleicht, war das Gespräch auf politischer Ebene, an dem auch wir beteiligt waren, außergewöhnlich offen. Man redet jetzt ohne Skript miteinander“, sagt Gulden im Gespräch mit Table.Briefings.

Ebenfalls Teil der Wirtschaftsdelegation war Bayer‑CEO Bill Anderson. Anderson sieht China längst nicht mehr nur als Absatzmarkt, sondern als Forschungspartner – Decoupling hält er für den falschen Weg. Seine Einschätzung hören Sie im Podcast Table.Today.

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Letzte Aktualisierung: 28. Februar 2026