Deutschlands Schulschließungen dauerten zu lang

Schulschließungen: Deutschland im europäischen Vergleich
Deutschland machte Schulen dicht, Spanien das öffentliche Leben.

Deutschland hat in der Coronavirus-Pandemie im internationalen Vergleich mit einer (zu) langen Schulschließung agiert. Das geht aus einem Vergleich von sieben europäischen Staaten hervor, den das Münchener Ifo-Institut vornahm. „Andere Länder in Europa legten größeren Wert darauf, die Schulen weitgehend offen zu halten„, sagte ifo-Forscherin Larissa Zierow. „Gleichzeitig waren die anderen Länder für digitalen Fernunterricht besser gerüstet.“ Deutschlands Schulen waren 183 Tage lang ganz oder teilweise zu. Nur die Schulen in Polen waren mit insgesamt 273 Tagen länger geschlossen. Im Mittelfeld des Ländervergleichs liegen Österreich und die Niederlande (152 bzw. 134 Tage), während Frankreich, Spanien und Schweden mit je 56, 45 und 31 Tagen die kürzesten Schulschließungen verzeichnet hätten. Die entstandenen Lernrückstände seien gerade für Leistungsschwächere besonders hoch gewesen, nehmen die Forscher:innen an. 

Diese Schlußfolgerung wird allerdings nicht empirisch durch Kompetenzmessungen unterlegt. Das ifo-Institut hat eigene Messungen mit Hilfe von Vergleichsarbeiten nicht vorgenommen. Die Forscher arbeiten hier mit einer Studie ihres ifo-Kollegen Ludger Woessmann, der die Lernzeit während der Pandemie durch Elternbefragungen in Erfahrung brachte. „In Ermangelung nationaler Schülerleistungstests bieten Einschätzungen der Lernzeitveränderung eine Annäherung an die Kompetenzentwicklung deutscher Schüler:innen,“ heißt es in der Studie. Die Lernzeit von Schulkindern in Deutschland habe sich während des ersten Lockdowns im Frühjahr 2020 von 7,4 auf 3,6 Stunden pro Tag halbiert. Diese Erhebung – ebenfalls des ifo-Institutes – wurde vor allem von Lehrern infrage gestellt. Fragwürdig sind auch die Zahlen für den Distanzunterricht, die das ifo-Institut verwendet. Es arbeitet mit Quoten von Lernmanagementsystemen, die aus dem Jahr 2018 stammen.

Deutschland zwang Schulen in harten Lockdown, Spanien die Erwachsenen

Interessant ist die Studie des Ifo-Instituts besonders im Hinblick auf die Methoden der Lockdowns. Deutschland auf der einen sowie Spanien und Frankreich auf der anderen Seite wendeten ganz unterschiedliche Formen an. Während in Deutschland die Schulschließung Priorität hatte, „bestand für die erwachsene Bevölkerung während der Pandemie größtenteils keine Verpflichtung, bei realisierbarem Homeoffice von zu Hause aus zu arbeiten.“ Ganz anders agierten Frankreich und Spanien. Sie öffneten – trotz extrem hoher Todeszahlen in der Bevökerung – die Schulen relativ schnell wieder, legten aber gleichzeitig das öffentliche Leben und Arbeiten der Erwachsenen lahm. Für sie „wurden aber mehrere harte Lockdowns mit strengen Ausgangssperren und Bestimmungen, sich nicht über einen sehr engen Radius vom eigenen Wohnort zu entfernen, vollzogen“, schreiben Larissa Zierow und ihre Kolleg:innen. „Zusätzlich bestand ab Oktober 2020 für alle Arbeitnehmer:innen in Homeoffice-fähigen Berufen eine Pflicht, von zu Hause aus zu arbeiten.“ cif

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