Carolin Strehmel will Schüler mit „Knowbody“ sexuell aufklären

Auf dem Foto sieht man Knowbody-Gründerin Carolin Strehmel mit ihrem Team
Knowbody-Gründerin Carolin Strehmel mit ihrem Team

Wie genau funktioniert das mit dem Schwangerwerden? Warum wissen wir so wenig darüber, wie sich sexuelle Krankheiten übertragen? Mit solchen Fragen begann die Geschäftsidee der Gründerinnen Carolin Strehmel und Vanessa Meyer, aus der die Knowbody-App entstand. Die steht nun kurz vor dem Launch. Mit Knowbody möchten die beiden an den Schulen über Sexualität, Gefühle und Körper aufklären. 

Die erste Umfrage von Strehmel und Meyer unter Kommiliton:innen in der Uni-Mensa hatte ein wenig überraschendes Ergebnis. Kaum jemand hatte gute Erinnerungen an seinen oder ihren Sexualkunde-Unterricht – wenn sie sich überhaupt erinnern konnten. „Wir waren fassungslos“, sagt Carolin Strehmel. Und da sie und ihre Freundin gerade für die Masterarbeiten Online-Umfragen konzipierten, erstellten sie noch eine weitere für Lehrkräfte. Sie wollten herausfinden, wie präsent das Thema sexuelle Aufklärung im Biologie-Lehramtsstudium heute ist. Das Ergebnis ihrer Umfrage: 70 Prozent der Lehrkräfte waren gar nicht ausgebildet. Trotzdem waren sie die Einzigen, die an ihren Schulen zu Sexualität unterrichten.

Die Gründer sind mit einem Stipendium gestartet

„Das ist der Zustand in einer aufgeklärten Gesellschaft des 21. Jahrhunderts. Und gleichzeitig hängen gut sichtbar auf den Straßen halbnackte Körper, die für Unterwäsche werben„, sagt Carolin Strehmel. Das Thema ließ sie und ihre Kommilitonin Vanessa Meyer nicht mehr los. Und irgendwann entstand die Idee, eine App zu entwickeln, um das Problem aus der Welt zu schaffen. Also scharrten die Beiden ein kleines Team um sich. Es bestand aus Sexualpädagoginnen, Lehramtsstudierenden, zwei Designern und einem Programmierer. So bewarben sie sich um ein Gründerstipendium des Landes Nordrhein-Westfalen

Eine erste Hürde für das Start-up war die Beschaffung der Informationen. Obwohl das Internet Unmengen an Wissen bereitstellt, scheint der neueste Stand der Wissenschaft sich eher selten in Publikationen wiederzufinden. Viele Lehrbücher, die heute noch in Schulen Verwendung finden, stammen aus den 1990ern. Sie beinhalten veraltete Bilder und behandeln das Thema Sexualität und Fortpflanzung mit Fingerspitzen. Wenn Lehrkräfte zeitgemäßen Sexualunterricht abhalten wollen, müssen sie besonders umfangreich recherchieren. Die App von Carolin Strehmel und Vanessa Meyer soll sie dabei unterstützen.

Ein Mix aus Information, Links und Aufgaben

In der App gibt es Informationen zu acht Gebieten: „Beziehungen“, „Sexualität“, „Geschlecht“, „sexuelle Selbstbestimmung“, „Familie und Familienplanung“, „Sexualität und Medien“, „Vielfalt und Gesellschaft“ sowie einen Bereich über „Körper“. Bei letzterem wird der Menstruationszyklus mit Abbildungen und Text erklärt und die Unterschiede zwischen Tampons, Binden und Cups herausgearbeitet. Unter „Geschlecht“ geht es um verschiedene Identitäten, Stereotype oder toxische Männlichkeit. Es ist ein Mix aus Informationen, weiterführenden Links und von eigens für die App designten Abbildungen, die die Unterschiedlichkeit aller menschlichen Körper versuchen einzufangen.

Die Idee ist, dass Lehrer:innen die Knowbody-App ohne viel Vorbereitung nahtlos in ihren Unterricht integrieren können. Dafür hat das Team um Carolin Strehmel Handouts für Lehrkräfte konzipiert, die sie auf die jeweiligen Module vorbereiten und trotzdem genug Raum lassen für eigene Impulse.

Knowbody machte Tests an allen Schulformen

Die App richtet sich an alle Schulformen der weiterführenden Schulen: Förderschulen, Realschulen, Gymnasien, Haupt- oder Gesamtschulen von der sechsten bis zur zehnten Klasse. Zurzeit wird sie an verschiedenen Schulen getestet. Mehr als 100 Registrierungen von Lehrkräften aus fast allen Bundesländern, die Knowbody in ihren Klassen einsetzen, gebe es bereits, sagt Carolin Strehmel.

Die Lehrkräfte und Schüler:innen füllen Fragebögen aus, damit die Testversion der App erweitert oder präzisiert werden kann. Für manche Tests setzt sich Carolin Strehmel auch in den Klassenraum in die letzte Reihe und beobachtet im Feld, wie die App im Unterricht funktioniert.

Sexuelle Identitäten stehen zur Debatte

Besonders viel diskutieren Schüler über das Thema Heteronormativität. Also eine Weltsicht, die vorgibt, das Normale sei Sex ausschließlich zwischen Männern und Frauen und dass jeder Mensch sich auch dem Geschlecht zugehörig fühlt, das ihm bei der Geburt zugeschrieben wurde. Knowobody will ein breiteres Bild vermitteln: Es gibt nicht nur weiblich und männlich, es gibt auch Trans-Identitäten oder Menschen, die sich gar nicht auf ein Geschlecht festlegen wollen. Und Sex ist viel mehr, als die Penetration einer Frau durch einen Mann.

Im Juni endet die Testphase, im September soll das Endprodukt auf den Markt kommen, dann endet die Anschubfinanzierung des Bundeswirtschaftsministeriums. Für vier Euro soll die App dann pro Nutzer:in im App-Store erhältlich sein. Sie soll nicht nur an Kommunen, Schulen und Klassen verkauft werden, sondern auch für jeden einzelnen verfügbar sein.

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