Simpleclub wird Oberstufen-Lehrer

Simpleclub wird Oberstufen-Lehrer
Zum ersten Mal vor der Klasse: Alex Giesecke und Nico Schork erklären die Lern-App vor Elftklässlern.

Für die Schüler:innen der Q11 war es nur ein kleiner Schritt. Die Oberstufe des Don-Bosco-Gymnasiums Rostock nutzt bereits mehrheitlich die Videos von Simpleclub. Für die Macher der Lern-App wird es allerdings ein großer Schritt. Zwar zählen die Videos des Bildungsunternehmens nach eigenen Angaben bereits 500 Millionen Klicks. Aber unmittelbar im Unterricht wurde die App bisher noch kaum getestet. „Wir haben Simpleclub ursprünglich nicht darauf ausgerichtet, dass es in der Schule eingesetzt wird“, sagte Gründer Alexander Giesecke den Abiturienten in spe. „Deswegen ist wichtig, von Euch zu erfahren: könnt ihr damit arbeiten oder nicht? Und wenn nicht: warum?“ Giesecke und sein Co-Gründer Nicolai Schork stellten ihre Lern-App „Simpleclub unlimited“ am Samstag in der Rostocker Katholischen Schule vor – mit einer Überraschung. 

Simpleclub gehört neben Bettermarks und Sofatutor zu der Handvoll großer und arrivierter deutscher EduTechs. Giesecke und Schork begann 2011 auf Youtube unter dem Namen „TheSimpleMaths“ mit Lernvideos. Seitdem haben sie eine Reihe von Kanälen gegründet, die auch andere Fächer erklären. 2015 entstand in Zusammenarbeit mit der Influenzerberatung „Mediakraft“ die GmbH. Seit 2019 sind Simpleclub in eine eigene App gewechselt, die nicht mehr nur Lernvideos beinhaltet, sondern eine ganze Lernumgebung mit Aufgaben und interaktiven Erklärmodellen bietet. Der Deal mit der Don-Bosco-Schule hilft: Die Edu-Techs wollen raus aus der YouTube-Nische, rein in den Schulalltag. Erfolgreiche Bildungs-Mittelständler möchten das alle: zu Bildungsdienstleistern aufgewertet werden, die auf Augenhöhe mit den Schulbuchverlagen stehen. Schließlich hat die Corona-Krise ihre Qualitäten als niedrigschwellige Stoffvermittler bewiesen.

„Wir tracken zu jedem Thema, wie gut ihr seid“ 

YouTube verleite die Nutzer dazu, so viele Videos anschauen wie möglich, um möglichst viel Werbung zu verkaufen, erklärte Giesecke den Schülern. „Das heißt, YouTube optimiert auf den Werbeerfolg. Das ist aber etwas anderes als auf den Lernerfolg zu optimieren.“ Simpleclub hat sich stets Lernoptimierung auf die Fahnen geschrieben – seit einiger Zeit tun die ehemaligen Mathe-Youtuber das mit Algorithmen. Simpleclub biete den Schülern einen Lernplan, „der Euch jeden Tag genau sagt, was ihr lernen müsst“, so Giesecke. „Wir tracken zu jedem Thema, wie gut ihr seid … Das heißt, wir sagen Euch quasi, wie gut ihr auf die nächste Klausur vorbereitet seid.“ Dafür dürfte eine KI sorgen.

Schüler und Lehrer der Don-Bosco-Schule soll die App im engen Austausch mit Simpleclub in der Oberstufe nutzen. „Ich nenne Simpleclub gerne die Einstiegsdroge zum Lernen,“ sagte die Chemielehrerin der Don Bosco, Maria Kammerer. Sie nutze die Videos schon seit langem – auch im Unterricht. „Aber die App bringt noch mal viel mehr Möglichkeiten,“ erläuterte sie Bildung.Table. „Gerade die animierten Modelle wie etwa der Hochofen machen das Lernen noch anschaulicher. Ich konnte bei der Lernsequenz vorhin schrittweise die Zonen eines Hochofens zuschalten, die Temperaturen und welche Reaktionen dort stattfinden.“ Solche Visualisierungen gebe es zwar häufig auch ergänzend für Schulbücher, „aber da muss man dann jeweils eine neue Lizenz zukaufen.“ 

Lehrerin verwendet Simpleclub ergänzend

Besonders gut lasse sich Simpleclub für den sogenannten Flipped Classroom nutzen. Dabei bereiteten Schüler die Schulstunde zu Hause digital vor, indem sie den Stoff per Video schon einmal anschauen könnten. Gleichzeitig sagte Kammerer, „ich würde nie nur diese App nutzen. Ich habe immer ein Buch, ich verwende Arbeitsblätter, ich setze Videos ein und so weiter.“ Der Schulleiter der Bosco-Schule Gert Mengel will Simpleclub im Erfolgsfall dauerhaft für die Oberstufe nutzen, am liebsten als Lernmanagementsystem (LMS). In der Don-Bosco Regionalschule werde hingegen das LMS „Scobees“ zum Einsatz kommen. 

Die beiden Gründer Giesecke und Schork kündigten an, dass es für zwei Jahre eine enge Zusammenarbeit mit der Rostocker Schule geben werde. „Für uns ist es superwichtig, von Euch zu lernen,“ sagte Giesecke im typischen Simpleclub-Slang. Eine User-Researcherin werde Schüler und Lehrer bei der Nutzung begleiten, „damit wir ein bisschen besser verstehen, wie ihr auch damit arbeitet.

Nicolai Schork versicherte den Schülern, dass die Lehrer nicht automatisch Zugriff auf das haben, was die Schülerin in der App machten. „Egal wie oft ihr das jetzt richtig oder falsch habt, das wird erst mal grundsätzlich nicht gesehen,“ versprach Schork. Erst wenn die Schüler einem Lernplan aktiv beitreten, hätten die Lehrkräfte die Lernfortschritte immer im Blick. In diesem Fall gebe es gleichzeitig eine Art Warnung an die Schüler. „Das ist transparent, sodass ihr nicht Angst haben müsst, dass ihr komplett kontrolliert werdet,“ sagte Schork. 

Zwei Drittel der Don-Bosco-Kollegiaten nutzten Simpleclub schon vorher

Ungefähr zwei Drittel der Oberstüfler gaben an, dass sie Simpleclub schon länger zur Vorbereitung nutzten. „Jeder Schüler kennt die beiden,“ sagte eine Kollegiatin, „weil die einem immer helfen.“ Ein Schüler sagte dem NDR, Simpleclub „hat mir nicht nur ein paar Punkte gebracht, gerade in den naturwissenschaftlichen Fächern.“ Schülerin Olga [Name geändert] berichtete Bildung.Table, dass sie ohne die Simpleclub-Videos die Zehnte nicht geschafft hätte. Die 16-Jährige hatte 53 Fehltage wegen einer Krankheit. Sie habe in mehreren Fächern mit Simpleclub von zu Hause aus gelernt. „Und ich habe noch nie einen Fehler entdeckt.“ 

Simpleclub wird Oberstufen-Lehrer
Fadenstrahlrohr in Realität (hinten) und in virtueller Realität: Tobias Köhler (16) zeigt das Experiment.

In der Lehrerschaft hat Simpleclub nicht nur Freunde. Die Videos enthielten häufig Fehler, behaupten manche Lehrer. Simpleclub zementiere zudem ein veraltetes Verständnis von Lernen. Außerdem bemängeln Lehrer:innen häufig die Sprache der Gründer. Schüler scheinen die Videos gerade deswegen zu nutzen, weil sie in einer verständlichen, oft etwas gewollt wirkenden Jugendsprache präsentiert werden. Zu den schärfsten Kritikern zählt der Erlanger Deutschdidaktiker Axel Krommer. In einem Video, das mithilfe des Modells des chinesischen Zimmers Lernsimulationen angreift, sagt Krommer über die Simpleclub-Gründer: „Da ist alles falsch: Die Art und Weise, wie sie sprechen, was sie sagen, die Batman-Musik im Hintergrund.“ 

Augmented Reality wird Teil der Lern-App und der Schule

Kritik gibt es auch an der Datenschutz Erklärung der Lern-App. Dort heißt es im Zusammenhang mit genutzten US-Tools, „ein Datenschutzniveau nach den Vorgaben der DSGVO kann demnach nicht gewährleistet werden.“ Das könnte Simpleclub in Konflikt mit dem Datenschutz bringen. Die Datenschutzbehörde von Mecklenburg-Vorpommern teilte Bildung.Table allerdings mit, sie habe nicht die Kapazität, um Überprüfungen der Lern-App durchzuführen.

Simpleclub selbst kritisierte die Datenschutzbehörden. „Es gibt aktuell keinen klaren Prozess und es ist super undurchsichtig für Unternehmen, wie rechtskonformer Datenschutz genau umgesetzt werden soll,“ sagte eine Sprecherin. Um mehr Klarheit zu bekommen, beteilige sich Simpleclub am Projekt „Directions“ (Data Protection Certification for Educational Information Systems), bei dem unter anderen das Bundesbildungsministerium und die Elite-Uni „Karlsruher Institut für Technologie“ beteiligt sind. 

Simpleclub hat sich für seinen ersten Einsatz in Rostock gleich zwei Neuerungen zugelegt. Bald wird eine Karteikarten- und Vokabelfunktion frei geschaltet. Diese sei stark nachgefragt. Zudem stellte Nicolai Schork eine Augmented Reality-Funktion (AR) vor, die Anfang nächsten Jahres verfügbar sei. Am Samstag wurde dafür das Beispiel des Fadenstrahlrohr-Experiments vorgeführt, mit dem in der Physik Elektronenstrahlen in Magnetfeldern sichtbar gemacht werden. Die Don-Bosco-Schule hat das Gerät in echt, es kostet über 3.000 Euro. Simpleclub spielte nun ein virtuelles Modell des Fadenstrahlrohrs auf die Smartphones der Schüler. Das bedeutet, Physiklehrer Oliver Heidenreich könnte seinen Schülern künftig das Fadenstrahlrohr virtuell mit nach Hause geben, um dort Übungen mit verschiedenen Parametern rechnen zu lassen. Ein Meilenstein nicht nur für Simpleclub, dass AR regulär in die Schule Einzug hält.

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