Kitas, Kernfächer, Brennpunktschulen

Man sieht eine Grafik des Bildungstrend: Der IQB-Bildungstrend offenbart eklatante Schwächen der Schulen - vor allem beim Schreiben.
Der IQB-Bildungstrend offenbart eklatante Schwächen der Schulen – vor allem beim Schreiben.

Es ist die Grafik des Grauens nach dem IQB-Bildungstrend. Vergleicht man beim Schreiben jene Viertklässler aus der Gruppe der Verlierer mit der Kohorte der Topschüler, so stellt man fest: Die deutsche Schule ist eine Loseranstalt. Es gibt in Baden-Württemberg viermal so viele Risikoschüler wie Topschüler, in ganz Deutschland, Hamburg, Hessen und Sachsen-Anhalt fünfmal so viele. In NRW zeigen sich die funktionalen Analphabeten den Eleven zahlenmäßig siebenfach überlegen. In Bremen sind es zehnmal so viele schwache wie sehr gute Schüler, in Brandenburg zwölfmal so viele, in Berlin 13-mal so viele. Allein Bayern hat lediglich doppelt so viele Schreibschwache wie -talente. Das ist, wichtig zu sagen, nicht die Schuld der Schülerinnen und Schüler. Aber soll so Schule in Deutschland aussehen? 

Die Diagnose der Studie ist erschreckend. Was könnte die Therapie sein? Offiziell wollen die Kultusminister ein Gutachten der Ständigen Wissenschaftlichen Kommission (SWK) abwarten. Das betonte die Präsidentin der KMK, Karin Prien (CDU). Wer nun in den vergangenen beiden Tagen den beteiligten Forschern, allen voran Petra Stanat im gestrigen Live-Briefing des Bildung.Table, gut zuhörte, der weiß, wohin die Reise geht. Die Kommission wird im Dezember im Wesentlichen vier Vorschläge unterbreiten:

  1. Evidenzbasiertes Förderkonzept auf der Grundlage von Vergleichsarbeiten (Vera)
  2. Verstärkte und systematische Sprachförderung in den Kitas
  3. Stärkung der Kernfächer Deutsch und Mathematik in der Grundschule
  4. Fokussierung der Finanz- und Förderinitiativen auf Schulen im Brennpunkt

Drei dieser Vorschläge konterkariert die Politik allerdings, ehe sie auch nur beschlossen sind. Zwei sind möglicherweise gegen das Personal in Kitas und Grundschulen durchzusetzen.

Vera: Evidenzbasierte Förderkonzepte

Evidenzbasierte Förderkonzepte: Das Wort stammt von dem Vorsitzenden der Ständigen Wissenschaftlichen Kommission, Olaf Köller. Er wie auch Petra Stanat meinen damit, dass auf der Grundlage von Vergleichsarbeiten und Diagnoseinstrumenten zunächst jene Schüler identifiziert werden, die Förderbedarf haben. Und diese Lernenden dann auch die nötige Unterstützung bekommen. Stanat lobte den Stadtstaat Hamburg, der konsequent auf diesen Kurs setze. „Hamburg hat Stabilität im Bildungstrend erreicht. Das hat mit der datenbasierten Schul- und Unterrichtsentwicklung zu tun“, lobte Stanat im Live-Talk. „Dort ist eine regelrechte Kultur des Hinschauens entstanden. Wir sollten den Hamburger Weg einschlagen.“

Aber: Es sind die Kultusminister selbst, die ihre Diagnoseinstrumente entweder nicht einsetzen oder verstecken. Bildung.Table hat das Hütchenspiel der Bildungsverantwortlichen lange begleitet. Die Minister der KMK haben Petra Stanats IQB schriftlich untersagt, Ländervergleiche anzufertigen.

Sprachförderung in den Kitas

Sprachförderung schon in der Kita: Diese Therapie ist nach dem Bildungstrend für Zehnjährige noch wichtiger als nach den Pisatests, die die Leseleistungen 15-Jähriger messen. Petra Stanats Kritik an den Erzieherinnen ist knackig. Sie nennt es gelegentlich „unterlassene Hilfeleistung„, was in Kitas an Bildungselementen nicht stattfindet. Im gestrigen Live-Talk forderte sie, „in Kitas Fachkräfte zu engagieren, die bestimmte Lernangebote machen, um Basiskompetenzen gezielt zu fördern.“ Lesen Schritt für Schritt zu lernen sei richtiges Training und Kärrnerarbeit. Im Elementarbereich wolle man so etwas aber teils gar nicht.

Das Problem ist hier ein doppeltes. Die Kultusminister haben bereits im Jahr 2000 die Sprachförderung in Kitas gefordert und beschlossen. Aber was ist eigentlich in den letzten 20 Jahren in den Kindergärten passiert? Karin Prien klagt, viele Kultusminister seien nicht zuständig, sondern die Sozial- bzw. Jugendministerien der Länder. Der behindernde Faktor, wenden viele Forscher ein, seien zudem die pädagogischen Mythen der Lehrpersonen. Sprich: In der Kita soll gespielt werden, und es ist verpönt, Buchstaben oder Zahlen zu lernen. In Frankreichs école maternelle ist das selbstverständlich.

Kernfächer der Grundschule stärken

Kernfächer Deutsch und Mathematik in der Grundschule stärken: Pädagogen in Grundschulen klagen seit langem darüber. Es sei einfach nicht genug Zeit, um mit Primarschülern gründlich das ABC und das kleine Einmaleins zu üben. Daher plädiert Olaf Köller für, wie er es nennt, die Sicherung der Basiskompetenzen. Das bedeutet: mehr Zeit für Lesen, Schreiben und Rechnen in der Grundschule. Der Co-Vorsitzende der Kommission ergänzt zugleich mit Blick auf die Lehrer in der Primarstufe: „Keiner fordert, Musik oder Kunst abzuschaffen“. Auch die Leiterin der IQB-Studie, Petra Stanat, forderte, Mindeststandards zu definieren und zu implementieren. „Die basalen Kompetenzen müssen gefördert werden – und das hat viel mit Üben zu tun.“

Auch hier ist Widerstand vonseiten der Lehrpersonen zu erwarten. Die Pädagogen vor allem in Grundschulen setzen gern auf reformpädagogische Konzepte, also wenig Leistungsorientierung, am besten keine Noten und viel Freiheit für die Lernenden. Das, was Petra Stanat und die anderen Forscher fordern, ist allerdings keine Drill- und Paukschule in der Grundstufe. Sie wollen mehr Üben, verbindliche Standards, bessere und gezielte Hilfen für benachteiligte Schüler. „Wir müssen dafür sorgen“, sagte Stanat, „dass die Evidenz, die es gibt, in den Schulen ankommt. Wir wissen, wie Lernen funktioniert.

Gezielte Förderung von Brennpunktschulen

Gezielte Förderung von Brennpunktschulen: Auch über diese Idee gibt es keine Zweifel, weder bei den Pädagogen selber, noch in der Politik oder der Forschung. Das beste Beispiel dafür ist die Verwandlung der berühmten Neuköllner Rütli-Schule. Aus der Schule, in der vor beinahe 20 Jahren die Lehrer eine Art Kapitulationserklärung abgaben, wurde binnen kurzer Zeit eine Vorzeigeschule, in der sogar das Abitur möglich ist. 

Leider ist das Aber auch hier groß zu schreiben. Für den Rütli-Campus legten sich sowohl der Staat als auch Stiftungen mächtig ins Zeug. Sogar eine Straße wurde stillgelegt, um in Neukölln einen Campus für bisher benachteiligte Schüler entstehen zu lassen. Bei den anderen 50 ehemaligen Hauptschulen in Berlin sieht es ganz anders aus: Die standen nicht im Rampenlicht, also wurden sie auch nicht derart gut gefördert. 

Sogar der Bund hat inzwischen verstanden, dass es eine gezielte Förderung von Brennpunktschulen geben muss. Daher hat die Ampel ein ambitioniertes Startchancen-Programm in ihre Koalitionsvereinbarung geschrieben. Allerdings ist dieses ursprünglich mit bis zu 2,5 Milliarden Euro jährlich geplante Förderprogramm für 4.000 benachteiligte Schulen inzwischen in die Mühlen von Bund und Ländern geraten. Gerade musste die liberale Bundesbildungsministerin Bettina Stark-Watzinger verkünden, dass das Programm frühestens 2024 startet.

Was ist also davon zu halten, wenn die Politik drei von vier ihrer eigenen Rezepte gegen die grassierende Bildungsarmut nicht einhält? Olaf Köller zeigt sich da ziemlich selbstbewusst. Die 3G-Regel in der Zusammenarbeit von Politik und Kommissionen werde er nicht zulassen: gelesen, gelacht, gelocht. 

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