„Wir Lehrer erleben Angriffe von Eltern“

Auf dem Foto ist Simone Fleischmann zu sehen, sie setzt sich ein für mehr Gesundheit für Lehrer ein bei den hohen Inzidenzen in Bayern.
Simone Fleischmann, Präsidentin des BLLV

Frau Fleischmann, wie fühlen sich die Lehrer, die im Land der hohen Inzidenzen unterrichten, in Bayern?

Wenn ich mit den Kolleg:innen spreche, spüre ich viel Irritation und manchmal Angst. Im Gymnasium zum Beispiel kann es sein, dass sie als Lehrkraft Kontakt zu 280 Schüler:innen haben – pro Tag. Da denkt man selbstverständlich drüber nach: „Wie geschützt sind die Kinder? Was macht das mit mir, mitten drin zu sein und die Verantwortung zu tragen?“ Ich kenne Lehrer, die sich buchstäblich nicht mehr in die Schule trauen. Das erschüttert mich, und wir müssen dem irgendwie begegnen. 

Wie können Sie Schulen und Lehrern helfen?

Ich fordere für den Bayerischen Lehrerinnen- und Lehrerverband einen regionalspezifischen Index, in dem der Kultusminister klar definiert: Wann ist eine Schule offenzuhalten? Wann muss man ganze Klassen zu Hause behalten? Wann die Schule schließen? 

Warum muss der Index regionalspezifisch sein? 

Weil jede Schule anders aufgestellt ist. Wir haben Schulen in relativ entspannten Regionen mit gerade mal sechs Klassen und freien Klassenzimmern. Das ist etwas völlig anderes, als wenn wir eine Schule anschauen, die 1.000 oder mehr Schüler zählt – und weder Ausweichmöglichkeiten noch Luftfilter hat. Wenn diese Schule vielleicht in Niederbayern mit einem Inzidenzwert von über 2.000 liegt, reicht meine Fantasie nicht mehr aus, mir vorzustellen, wie die Lehrkräfte das eigentlich aushalten. Ich will jetzt gar nicht von Lehrermangel oder schwangeren Kolleginnen mit Beschäftigungsverbot anfangen. Die bayerischen Lehrer stehen diese Notlage, weil sie an der Seite der Kinder sind. Aber ich werde diese Frage an die Politik nicht vergessen: Wie konnte man uns erneut in eine derart katastrophale Situation bringen? 

Und trotzdem vertrauen Sie offenbar noch auf die Weisheit der Politik und der Schulbehörden? 

Ja, wir entlassen die Landesregierung nicht aus ihrer Verantwortung. Wir wollen die Entscheidungen über Rahmenpläne und die Parameter, wie man Schule öffnet und wie man sie schließt, von oben haben, vom Minister. Michael Piazolo ist der politisch Verantwortliche. Wir können und wollen nicht die einzelnen Schulleiterinnen und Schulleiter in die Verantwortung holen. Soll der eine dann den lieben Schulleiter geben, der alle Schüler im Präsenzunterricht da lässt? Und der andere den bösen, der alle nach Hause schickt? Nein, wir brauchen hier etwas von oben. Denn die Eltern sind sehr gereizt – aus allen Richtungen. Wir müssen die Schulleiter legitimieren und sie auch schützen. 

Warum müssen Sie Lehrer und Schulleiter schützen? Vor wem denn?

Vor Angriffen. Lehrer erleben Angriffe von Eltern, verbal und gereizt bis zum Anschlag. Die Lehrer sind zwischen Politik und Eltern geraten.

Was sind die konkreten Ursachen für solche Attacken?

Ganz unterschiedlich. Weil die Lehrerin das Lüftungsprotokoll angeblich nicht richtig geführt hat. Weil sieben Kinder in Quarantäne müssen. Oder weil ein Pooltest positiv ist, aber alle Individualtests negativ – und keiner weiß, was jetzt? Oder weil ein Kollege die Sitzstruktur so verändert hat, dass die Schüler wieder mal richtig zusammenarbeiten – aber jetzt ist Ann-Sophie positiv. Die Angriffe auf uns Lehrer:innen sind immens. Unsere Juristen im Verband haben alle Hände voll zu tun. 

Das hört sich nicht gut an. Trotzdem: Gerade die Schulleiter haben doch gezeigt, dass sie in der Pandemie quasi die einzige verlässliche Größe sind. Sind die nicht vertrauenswürdiger als die Politik?

Klar sind sie das. Ich glaube an die Schulleiterinnen und Schulleiter. Die tun das, was sie eh schon die ganze Zeit tun: mutig und professionell entscheiden, Verantwortung übernehmen. Wir haben schon im Juni ein bildungspolitisches Logbuch gefordert. Scheinbar hat sich aber nichts verändert, trotz unserer steten Betonung dieser Missstände. Ich lasse den Kultusminister  da nicht davonkommen: Wir wollen einen klaren Index, wann ist Schule offenzuhalten und wann werden Schüler nach Hause geschickt. 

Man wagt es angesichts der Lage kaum zu fragen. Aber wie schaut es mit der digitalen Bildung aus? 

Die Erwartungshaltung der Eltern ist hoch. „Ihr werdet doch wohl in der Lage sein, nach eineinhalb Jahren perfekten hybriden Unterricht anzubieten! Mit perfektem Streaming guten Distanz- oder Wechselunterricht anzubieten!“ Ich sage dazu, „Ja, wir haben gelernt, wir haben Fortbildungen besucht und versucht, alle zusammen die ganze Hardware in die Schule zu integrieren“. Das ist gelungen bei den einen – und bei den andern weniger. Wir haben hier eine breite Streuung. Aber mir fehlt bei all dem Technikwahn und den vielen Digitalmilliarden irgendetwas. 

Was vermissen Sie?

Wir sollten uns mal überlegen, was ist denn eigentlich digitale Schule und digitaler Unterricht? Das sind doch oft nur Worthülsen. 

Darf ich Sie fragen: Was ist denn Ihr Parameter für gute digitale Schule?

Wir müssen uns ganz genau überlegen, was die Kinder jetzt brauchen. Aber auch die Langzeitwirkungen sind entscheidend. Da schauen die Medien aber nicht hin. Aktuell erlebe ich eine regelrechte bildungspolitische Blockade. Ich frage mich: wo bleiben die grundlegenden Themen? Ich nenne sie die großen Fünf, die Big Five: Inklusion, Integration, Digitalisierung, Ganztagsbildung und individuelle Förderung!

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