Bremen führt Single-Sign-On für alle Lernangebote ein

An Bremens Schulen bricht eine neue Zeit des digitalen Lernens an. Schülerinnen und Schüler sollen bald mit nur einer einzigen Anmeldung alle pädagogischen Angebote nutzen können, die sich dem neuen Identitätsmanagement der Hansestadt anschließen. Ab Juli wird das zum Beispiel die Mathe-Plattform Bettermarks sein, auch der Westermann-Verlag soll bereit sein, seine digitalen Angebote über ein zentrales Single-Sign-On zugänglich zu machen. Das haben die Digitalexperten von Schulsenatorin Claudia Bogedan (SPD) gestern angekündigt, als sie die Einführung eines sogenannten ID-Brokers vorstellten. „Wir müssen die technischen Voraussetzungen schaffen, digitale Bildungsinhalte noch sicherer und einfacher in den Schulalltag zu integrieren„, sagte Bogedan zu Bildung.Table. Die Identitätsverwaltung wird von dem Bremer Open-Source-Software-Haus „Univention“ entwickelt. 

Landesweites ID-Gedächtnis statt Merkzettel im Mäppchen

Der Vorteil des neuen Systems lässt sich am einfachsten an den kleinen Zetteln erklären, die Schüler häufig in ihren Federmäppchen dabei haben. Darauf sind die Benutzernamen und Passwörter verschiedener Plattformen notiert – damit man vor dem Online-Lernen nicht jedes Mal vergessene Passwörter erneuern muss. Bremen ersetzt diese Zettel nun durch ein landesweites ID-Gedächtnis, das sich alle Schüler merkt und zugleich ihre personenbezogenen Daten schützt. Die Schüler brauchen dann nur noch ein einziges Passwort. „Das mit den Merkzetteln machen bis jetzt viele Kollegen“, sagte der Mathematiklehrer André Sebastiani vom Landesinstitut für Schule. „Wenn es noch einen Hemmschuh gibt, dann ist das – insbesondere in Grundschulen – der, dass wir noch mehrere Nutzerkonten haben.“ Gerade den weniger IT-affinen Lehrkräften sei es oft zu aufwändig, die vielen Konten und Passwörter mit ihren Schülern zu verwalten. „Die lassen das digitale Lernen dann halt.“ 

Ingo Steuwer von Univention sagte zu dem ID-Broker, „das Single-Sign-On ist das wichtigste und grundlegende Element für alles Weitere.“ Es sei der Einstieg in die Vision eines unbegrenzten virtuellen Lernraumes für Schüler. Künftig werde es egal sein, von wo aus der Lernende diesen Raum betrete, von der Startseite des landesweiten Lernmanagementsystems oder über ein integriertes Angebot wie „Bettermarks“ oder „Sofatutor“ oder über die Zugangsseite von Univention – er könne sich von da an frei bewegen. „Irgendwann morgens muss sich der Schüler anmelden. Von da aus geht die Reise dahin, dass er künftig alles, was da drin ist, in seinem Berechtigungskontext nutzen kann.“ Steuwer sagte, das ID-Management sei nicht auf Bremen reduziert. Prinzipiell könne jedes Land und jeder Schulträger das System nutzen. 

Reisefreiheit in alle digitalen Bildungslandschaften

Die Schüler anderer Bundesländer werden es allerdings aus zwei Gründen nicht so einfach haben, ein einheitliches Single-Sign-On zu beantragen. Das kleine Bremen ist, erstens, so gut mit Hard- und Software ausgestattet, dass es dort sinnvoll ist, den Schülern mit einem digitalen Ausweis Reisefreiheit in alle möglichen digitalen Bildungslandschaften zu gewähren. Wo es kein flächendeckendes Breitband und WLAN, keine weit verbreiteten Schulclouds und Lernmanagementsysteme und nicht für jeden Schüler und Lehrer Zugangsgeräte gibt, ist das noch nicht so wichtig. 

Zweitens, ist der große Bruder des Bremer ID-Brokers, das System „Vidis“ der Kultusministerkonferenz (KMK), noch lange nicht so weit. Der sogenannte „Vermittlungsdienst für das digitale Identitätsmanagement in Schulen“ wird seit diesem Jahr im Auftrag der KMK entwickelt. „Unser Ziel ist es, dass wir nächstes Jahr die ersten Systeme der Länder prototypisch verbinden„, sagte Andreas Koschinsky vom Medieninstitut der Länder „FWU“ in München. Es sei aber noch nicht klar, welches Land oder welcher größere Schulträger im Jahr 2022 für den Testlauf an den Start gehe. Ingo Steuwer betonte, der ID-Broker in Bremen sei kein Konkurrenzprojekt zu Vidis. Will sagen: Sobald das Münchener zentrale Zollhäuschen für die Ausgabe von Schüleridentitäten öffnet, lasse sich das Bremer System dort integrieren. „Die freuen sich, wenn wir dann schon viele Accounts mit zu Vidis mitbringen“, so Steuwer. 

Ein wichtiger Interessent an dem Bremer ID-Broker dürfte der Verband der Bildungsmedien sein, das ist die vormalige Lobby der Schulbuchverlage, die noch die wichtigsten Anbieter geprüfter und lehrplangerechter Bildungsinhalte sind. Der Verband ist mit Univention derzeit in einem Prüfverfahren, um über ein einheitliches „Bildungslogin“ die Angebote seiner Mitgliedsverlage verfügbar zu machen. Das würde ebenfalls mittels eines Single-Sign-On geschehen. Das bedeutet, dass die Schulbuchverlage, die bisher nicht an der Speerspitze der Digitalisierung standen, sich mit ihrem Bildungslogin eine gute Position verschaffen, um ihre Inhalte Schulen auch online anbieten zu können. Wer einen einfachen und sicheren Zugang ermöglicht, kann dafür auch weiter Geld verlangen. André Sebastiani sagte für das Land Bremen, „dass mit jenen vereinbart ist, sich an den ID-Broker anzuschließen, mit denen wir Landeslizenzen haben. Das ist eine Bedingung von uns.“ Das heißt: Wer sich dem ID-Broker nicht anschließt, ist in absehbarer Zukunft aus Bremens Schulen raus. 

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