Berlin.Table Talk of the town

Streit um Grönland: Großes Entsetzen, ein besonders heftiger Klimawandel und ein dankbarer Ex-Grönlandminister

Trump beansprucht die arktische Insel, während die Region unter beschleunigtem Klimawandel leidet. Der ehemalige dänische Grönlandminister betont die enge Bindung zur Familie Dänemarks.

Trumps Kundschafter: US-Vizepräsident J.D. Vance im März auf Grönland (picture alliance / ASSOCIATED PRESS | Jim Watson)

Auch wenn bei Donald Trump nichts jemals wirklich klar sein wird, so hat sich in Berlin nach diesem Wochenende eine Überzeugung doch radikal durchgesetzt: dass man auch die letzte Hoffnung beerdigen muss, die alte Welt könnte noch gerettet werden. Hörte man am Montag in die Regierung, dann zeigte sich, dass Friedrich Merz und sein Kabinett einen zweiten Trump-Schock zu verdauen haben. Der erste war Wolodymyr Selenskyjs miserable Behandlung im Weißen Haus, kurz nach Trumps Amtseinführung. Der zweite sind Trumps Drohungen und Handlungen von diesem Wochenende.

Was geschehe, sei „ohne Beispiel“, heißt es in der Regierung. Das kann als Beleg dafür gelten, dass Berlin eine klare und entschlossene Antwort der EU unterstützt. Öffentlich allerdings erklärte der Kanzler zum Zwecke der De-Eskalation: „Ich will es nicht, aber wenn es nötig ist, dann werden wir natürlich auch unsere europäischen Interessen, auch unsere deutschen nationalen Interessen schützen.“ Kaum noch jemand bezweifelt, dass dieser Fall immer näher rückt. Dabei wird nicht nur auf Trumps Zoll-Drohungen verwiesen, sondern auch auf seine Forderung vom Wochenende, die Welt möge seinem Board of Peace beitreten. Ein entsprechendes Dokument hat auch die Bundesregierung erhalten.

Personen, die das Dokument gelesen haben, sind irritiert über Duktus und Botschaft. An der Spitze soll Donald Trump persönlich stehen (nicht der US-Präsident); alle anderen dürfen drei Jahre mitmachen, wenn sie eine Milliarde Dollar einzahlen. Verwendungszweck: wird nicht genannt. Wer das Geld verwalten soll, bleibt offen. So etwas hätte auch Ludwig XIV nicht besser verfassen können, heißt es. Sofort Ja gerufen haben Argentinien und Ungarn. Aber ein Nein wäre auch heikel, weil Trump eine Teilnahme hier quasi zur Bedingung gemacht hat für eine Beteiligung am Wiederaufbau des Gaza-Streifens. Den möchten im Grundsatz viele Europäer unterstützen.

Durchgesetzt hat sich auch ein anderes Gefühl: dass es Trump nicht um Sicherheit geht, sondern ums Besitzen. Ein Blick aufs Klima und seine Bedeutung zeigt, dass Grönland kein Schlaraffenland für Öl, Gas und seltene Erden ist. Die eskalierende Klimakrise limitiert die ökonomische und militärische Nutzung der Region. Laut Weltklimarat IPCC treten in der Arktis bereits Wetterextreme auf, die in anderen Weltgegenden erst 2050 zu erwarten sind. Die Gegend um den Nordpol erwärmt sich etwa drei- bis viermal so schnell wie der globale Durchschnitt. In und um Grönland gibt es derzeit kaum Perspektiven für eine Öl- und Gasproduktion. Warum selbst China keine Fortschritte beim Abbau von seltenen Erden macht und wie US-Ölfirmen über Bohrungen in der Arktis denken, lesen Sie im Climate.Table.

Die Nato und Dänemark bemühten sich am Montag um eine kluge Reaktion auf Trump. Der dänische Verteidigungsminister Troels Lund Poulsen und Grönlands Außenministerin Vivian Motzfeldt schlugen bei einem Treffen mit Mark Rutte am Hauptquartier der Allianz eine Nato-Mission auf Grönland vor. Für eine Nato-Mission bräuchte es die Zustimmung von Donald Trump. Lehnt der US-Präsident eine Nato-Mission ab, ist aus Sicht der Dänen klar, dass es Trump nicht um die Sicherheit in der Arktis gehe. Wie Rutte reagierte, lesen Sie im Europe.Table.

Der frühere dänische Grönlandminister Tom Høyem hält es für ausgeschlossen, dass sich die Grönländer in freier Abstimmung für einen Beitritt zu den USA entscheiden könnten. Høyem sagte im Podcast Table.Today, 95 Prozent aller Einwohner der größten Insel der Welt würden für einen Verbleib bei Dänemark stimmen. „Wir sind eine Familie. In den letzten 300 Jahren haben Dänen und Grönländer geheiratet. Wir haben Onkel und Tanten und Cousinen in allen Familien.” Høyem zeigte sich „sehr dankbar, dass Deutschland und andere europäische Länder, NATO-Länder, Soldaten in Grönland gehabt haben, um zu erkunden, wie wir eine gemeinsame NATO-Verteidigung dort aufrüsten können”, sagte Høyem. Das gesamte Gespräch hören Sie ab 5 Uhr hier.

Table.Today mit Michael Bröcker und Helene Bubrowski. "Was denken die Grönländer, Herr Høyem?"

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Letzte Aktualisierung: 19. Januar 2026