Berlin.Table Talk of the town

Gewalt im Stadion: Die Voicemessage eines Polizisten – und alte neue Fragen an die Politik, auch in Berlin

Nach brutalen Ausschreitungen in Magdeburg mit schwer verletzten Polizisten fordert die Gewerkschaft der Polizei Konsequenzen. Die Gewaltexzesse führen nun in Berlin und bundesweit zu neuen Fragen an die Sicherheitspolitik.

Der Block brennt – Magdeburg-Fans mit Pyrotechnik (picture alliance / dts-Agentur)

Hunderte Verletzte bei der Polizei, brennende Fanblöcke und hunderte Millionen Euro an Kosten jedes Jahr: Was Fußball-Hooligans in deutschen Stadien anrichten, beschäftigt Polizei, Politik und Bevölkerung fast pausenlos. Trotzdem erreichten die Vorkommnisse beim Spiel des 1. FC Magdeburg gegen Dynamo Dresden am vergangenen Wochenende mit 70 verletzten Beamten, davon 17 schwer, ein neues Ausmaß. Vor allem die Gewerkschaft der Polizei fragt immer lauter: Wieso wird das immer schlimmer? Und: Wieso fühlt sich niemand so verantwortlich, dass endlich was unternommen wird? Eine Frage, die auch in der Hauptstadt mittlerweile gestellt wird.

Die Ereignisse von Magdeburg könnten daran etwas ändern. Ein beteiligter Polizeibeamter hat in einer Voicemessage die Abläufe geschildert. Table.Briefings liegt die Audio-Nachricht vor. Er schildert, wie seine Hundertschaft mit Pflastersteinen, Heizungen, Feuerwehrschläuchen, Klimaanlagen, Sitzschalen und sogar Toilettenschüsseln angegriffen wurde. „Ich hab’ hinter der Kette einen nach dem Nächsten umkippen sehen“, erzählt er. Eine Kollegin habe es besonders schwer erwischt. „Die haben sie runtergezogen, haben auf die eingedroschen, haben wohl einen Gullydeckel auf sie draufgeschmissen.“ Dann hätten die Angreifer der am Boden Liegenden gesagt: „Wir töten dich.“ Die Polizei hat ein Hinweisportal eingerichtet. Sie ermittelt wegen versuchten Mordes.

Der DFB hat inzwischen reagiert – und viele Innenpolitiker fordern Konsequenzen. DFB-Präsident Bernd Neuendorf sagte Table.Briefings: „Die Ereignisse von Magdeburg sind völlig inakzeptabel. Sie schaden der Fankultur, den Vereinen und dem Fußball insgesamt.“ Neuendorf berichtete, dass der DFB-Kontrollausschuss inzwischen eine Untersuchung der Vorfälle eingeleitet habe. Das BMI wollte sich auf Anfrage nicht äußern. Aus dem Innenministerium Magdeburgs heißt es dagegen, dass dem 1. FC Magdeburg nur nahegelegt werden könne, „den beteiligten Anhängern die Mitgliedschaft zu entziehen und sich unmissverständlich zu distanzieren“. Für viele Polizisten wäre das das Mindeste, aber kaum mehr ausreichend.

Drastischer wird Sachsens Innenminister Armin Schuster. Der CDU-Politiker kündigte gegenüber Table.Briefings einen Kurswechsel an. Bisher habe die IMK bewusst auf Konsens gesetzt. „Unser Ziel war, Schritt für Schritt dem gemeinsamen Ziel von deutlich reduzierten Polizeieinsätzen näher zu kommen – beispielsweise durch Stadionverbote“, so Schuster. Dafür brauche es aber gegenseitiges Vertrauen. „Genau das wird durch Gewaltexzesse wie in Magdeburg schwer beschädigt.“ Unweigerlich entstünden „Zweifel, ob der eingeschlagene Verhandlungsweg zum Erfolg führen kann“. Schuster will das nicht länger akzeptieren.

Auch der Innenausschuss des Bundestags wird sich damit befassen. Das kündigte der innenpolitische Sprecher der Union Alexander Throm Table.Briefings an. „Das sind inakzeptable Ausschreitungen, die zu harten Konsequenzen führen müssen. Ich erwarte, dass die Taten strafrechtlich geahndet werden.“ Solche Hooligans hätten „in Stadien nichts mehr zu suchen.“ Sebastian Fiedler, der innenpolitische Sprecher der SPD, bezeichnete die Angriffe als „widerwärtig“ und „abscheulich“. „Das sind vollkommen irre Gewaltverbrecher, die sich Fußballspiele als Anlass für ihre Exzesse suchen.“

Etwas zurückhaltender klingen Grüne und Linke. Auch der Grüne Marcel Emmerich zeigt sich „erschüttert“ und fordert konsequente Strafverfolgung. Gleichzeitig verweist er auf die „übergroße Zahl der Fans“, die friedlich ihr Spiel verfolgen wollten. Es brauche „bundesweit einheitliche, präventiv wirksame Standards statt eines sicherheitspolitischen Flickenteppichs“. Clara Bünger von der Linken verweist auf andere Fälle und warnt davor, ganze Fanszenen zu bestrafen. Sie beobachte, dass die Polizei manchmal „nicht unbedingt zur Deeskalation beiträgt“.

Für betroffene Polizisten von Magdeburg dürften solche Sätze harte Kost sein. Zumal Magdeburg am letzten Wochenende kein Einzelfall war, wobei die Bewertungen im Nachgang teils stärker auseinandergehen. Auch beim Spiel Hertha gegen Schalke kam es zu gewalttätigen Ausschreitungen, die Polizei, Fans und Innensenatorin seither beschäftigen. Der Berliner GdP-Chef Stephan Weh erklärte Table.Briefings, was die Situation immer schwieriger mache. So hätten sich in manchen Vereinen die Machtverhältnisse zugunsten der Ultras verschoben. Einige Vereine seien „nicht mehr weit von italienischen Verhältnissen entfernt“. Ultras würden Einfluss gewinnen, Ordner entschieden, wer ins Stadion kommt. „Wir erleben eine Renaissance der Hooliganszene: Sport als Plattform gegen den Rechtsstaat.“

Dabei fordert auch der Polizeigewerkschafter eine klare Trennung zwischen Fans und Ultras. „Ein Fan greift keine Polizisten an, schmeißt Metallmülleimer, Gullydeckel oder Steinplatten auf Menschen. Die Ultras aber machen genau das, weil sie meinen, Stadien seien ein rechtsfreier Raum.“ Allein im vergangenen Jahr wurden in den ersten drei Bundesligen bei 992 Spielen 306 Beamtinnen und Beamten verletzt. Der Politik solle zu denken geben, so Weh, „dass wir mittlerweile darüber sprechen müssen, dass betroffene Polizeibeamte im Stadion mit dem Tod bedroht werden.“

Briefings wie Berlin.Table per E-Mail erhalten

Keine Bankdaten. Keine automatische Verlängerung.

Sie haben bereits das Table.Briefing Abonnement?

Anmelden

Letzte Aktualisierung: 27. Januar 2026