Berlin.Table Table.Standpunkt Sozialpolitik

Was es für eine geschlechtergerechte Rentenpolitik braucht

Frauen bekommen im Schnitt 13.449 Euro weniger Rente pro Jahr, schreibt die Soziologin. Es brauche daher gezielte arbeitsmarkt- und familienpolitische Maßnahmen, da die Ungleichheit weit vor dem Renteneintritt entstehe.

CR
07. Januar 2026
Erhielt einen Preis des Forschungsnetzwerks Alterssicherung: Carla Rowold (Max-Planck-Institut für Demografische Forschung)

In Deutschland, wie in den meisten europäischen Ländern, erhalten Frauen deutlich geringere Renten erhalten als Männer. Dieser sogenannte Gender Pension Gap ist in Westdeutschland mit bis zu 61 Prozent besonders hoch. In Ostdeutschland sind es nur circa 24 Prozent. Zentrale Ursache sind stark geschlechtsspezifische Erwerbs- und Familienbiografien: Während Väter Elternschaft meist mit durchgehender Vollzeiterwerbstätigkeit verbinden, übernehmen Mütter überwiegend unbezahlte Sorgearbeit oder arbeiten in Teilzeit.

Die Rentenlücke entsteht daher nicht nur durch geringere Erwerbsbeteiligung von Frauen, sondern auch durch die geringe Beteiligung von Männern an Sorgearbeit – und deren geringe rentenrechtliche Anerkennung. Hinzu kommen Lohnungleichheiten, die vor allem für private Renten relevant sind. Der fehlende Zugang von Müttern zu hoch entlohnten Vollzeitkarrieren erklärt 22 Prozent der Rentenlücken bei privaten Renten – die Lücke ist hier fünfmal größer als bei gesetzlichen Renten.

Ungleichheiten, die im Erwerbsverlauf entstehen, werden also durch das Rentensystem reproduziert. Geschlechtsspezifische Lebensverläufe sind nicht nur Ausdruck individueller Präferenzen, sondern vor allem wohlfahrtsstaatlicher Anreize. Lange wurde das männliche Alleinernährer-Modell stark inzentiviert - mit langfristigen Folgen. Mehr Geschlechtergerechtigkeit in der Rente erfordert mehrere Ansatzpunkte.

1. Die Diskrepanz zwischen Wohlfahrtsstaats- und Rentenpolitik muss adressiert werden. Nachhaltige Rentenreformen müssen familien- und steuerpolitische Anreize einbeziehen, die bisher ungleiche Lebensverläufe begünstigen. Langfristig ist die gerechtere Verteilung von Sorgearbeit der wirksamste Hebel. Auch Geschlechterungleichheiten bei Arbeitszeit und Einkommen sind abzubauen, da die Teilzeitquote von Frauen und die Lohnlücke auf einem hohen Niveau verharren und damit auch für jüngere Generationen zentral bleiben.

Der Abbau von Geschlechterungleichheiten vor dem Renteneintritt verbessert nicht nur die individuelle Alterssicherung von Frauen, sondern stärkt auch die finanzielle Stabilität der gesetzlichen Rente insgesamt durch höhere und stabilere Beitragszahlungen. Erforderlich ist eine langfristig ausgerichtete Rentenpolitik, die die Vereinbarkeit von Erwerbs- und Sorgearbeit stärkt – durch bessere Kinderbetreuung, väterorientierte Elternzeit, und vor allem eine Reform des Ehegattensplittings, das die Erwerbsbeteiligung von Frauen hemmt.

2. Heutige Rentnerinnen sind auf Umverteilung angewiesen. Die Anrechnung von Kindererziehungszeiten und die Aufstockung niedriger Renten sind wichtig für Frauen, deren Erwerbsverläufe von Sorgearbeit dominiert waren. Sie eichen aber nicht aus, um die Rentenlücke substanziell zu schließen. Das bisher effektivste Umverteilungsinstrument ist die Aufteilung der während der Ehe erworbenen Rentenansprüchen nach einer Scheidung, der sogenannte Versorgungsausgleich. Eine Ausweitung der Aufteilung auf Paarebene – auch auf private Renten – unabhängig von einer Ehe beziehungsweise Scheidung, stärkt die finanzielle Unabhängigkeit von Frauen im Alter.

3. Auch wenn private Renten Einkommensunterschiede stärker als die gesetzliche Rente reproduzieren, kann im Zuge der Privatisierung der Altersvorsorge eine verpflichtende betriebliche und private Vorsorge helfen, Ungleichheiten zu reduzieren. Dies würde zwar keine Geschlechtergleichstellung bewirken, aber zumindest einen Teil der Ungleichheit adressieren: den ungleichen Zugang zur privaten Vorsorge. Zusätzlich sind aber Maßnahmen zur Reduktion geschlechtsspezifischer Einkommensunterschiede sowie umverteilende Elemente in der betrieblichen und privaten Vorsorge notwendig.

Fazit: Mit Blick auf die geplanten Reformen ist es zentral, die weiterhin ungleiche Verteilung von Sorgearbeit sowie deren langfristige Auswirkungen mitzudenken. Rentenpolitik sollte sich nicht nur an idealtypischen Vollzeitbiografien orientieren, da diese reale Erwerbsverläufe – auch von Frauen – unzureichend abbilden.

Eine Harmonisierung von Familien-, Arbeitsmarkt- und Rentenpolitik kann jüngeren Generationen ermöglichen, durch egalitärere Lebensverläufe eigene Rentenansprüche zu erwerben und langfristig finanzielle Unabhängigkeit zu gewährleisten – für alle Geschlechter.

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Letzte Aktualisierung: 07. Januar 2026