Berlin.Table Table.Standpunkt

Gemeinsam die globale Zukunft gestalten

Damit aus dem geplanten Freihandelsabkommen zwischen der EU und Indien ein Erfolg regelbasierten Zusammenarbeitens in einer zunehmend fragmentierten Welt werden kann, müssen beide Seiten gegenseitige Kritik aushalten.

AV
MS
25. Januar 2026
Ambika Vishwanath und Michael Scharfschwerdt sehen im bevorstehenden Freihandelsabkommen der EU mit Indien einen historischen Moment.

Der EU-Indien-Gipfel am 27. Januar, dem Tag nach dem indischen Republiktag, ist an sich ein politisches Signal. Tags zuvor sind Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen und Ratspräsident António Costa die Ehrengäste der Parade in Delhi, was die Bedeutung dieses Moments für die indischen Gastgeber unterstreicht. Doch schöne Bilder gab es schon viele in einer Beziehung voller Absichtserklärungen, aber letztlich oft unerfüllten Erwartungen. Wenn es jedoch nach Jahrzehnten der Verhandlungen auf diesem Gipfel gelingt ein Freihandelsabkommen abzuschließen, dann ist dies tatsächlich ein historischer Moment, der das Leben von zwei Milliarden Menschen zum Besseren verändert. Es entsteht eine Freihandelszone mit heute schon 165 Milliarden Euro Handelsvolumen, 40 Milliarden mehr als das EU-Mercosur-Abkommen.

Beide Seiten zeigen damit einer zunehmend fragmentierten Welt, dass eine regelbasierte Zusammenarbeit gegenseitigen Nutzen bringt, noch dazu zwischen einem Schwergewicht des „Westens“ und einem der wichtigsten Akteure des „Globalen Südens“. Doch die Unterzeichnung des Abkommens kann nur der Anfang sein. Über Erfolg und Misserfolg wird entscheiden, ob beide Seiten es als den Beginn einer echten Partnerschaft begreifen.

Das bedeutet: Das Abkommen darf weder ein „Anti-Trump“ noch ein „Anti-China“ Projekt sein. Es muss sich aus eigener Stärke und gemeinsamen Zielen tragen und Vorteile in Zukunftsfeldern bringen, wie Innovation und wirtschaftlicher Resilienz, Bildung und Ausbildung, Digitalisierung und Datensouveränität. Ohne den Mut Prioritäten zu setzen, wird das nicht gehen, dafür sind die Ausgangslagen zu unterschiedlich. Geschichte, Kultur und geografische Lage haben auf den ersten Blick wenig gemein. Indien wächst demografisch und wirtschaftlich dynamisch, während Europa altert und wirtschaftlich stagniert. Gleichzeitig lag nach OECD-Daten das durchschnittliche Jahreseinkommen in Indien 2024 bei unter 2.500 Euro, in Ungarn hingegen bei 18.000 Euro und in Deutschland gar bei 50.000 Euro. Beide Seiten bekennen sich zur regelbasierten internationalen Ordnung und zum UN-System, doch unterschiedliche Ansätze – besonders im Umgang mit Russland – bleiben eine Herausforderung.

Es wäre ein Fehler, die vorhandenen Unterschiede mit Harmonie zu übertünchen. Vielmehr sollten beide Seiten Kritik des anderen aushalten, ohne sie reflexhaft als „Einmischung“ oder „Moralismus“ abzutun. Zuhören und voneinander lernen – daraus erwächst gegenseitiges Verständnis, Vertrauen und gemeinsamer Erfolg.

Stresstests wird es genug geben. Ein Blick auf Klima- und Industriepolitik – Stichwort CBAM – oder die Gestaltung globaler Normen reicht aus. Doch die besondere Konstellation öffnet den Weg für innovative Lösungen. Gemeinsam haben die EU und Indien größere Chancen den Tech-Monopolisten aus USA und China eigene, digitale Lösungen entgegenzusetzen. Von Indiens Engagement und Erfahrung in der Humanitären und Katastrophenhilfe, gepaart mit dem Wissen und den Mitteln der EU-Mitgliedstaaten könnten Menschen in Not in vielen Ländern profitieren, um nur zwei Beispiele zu nennen.

Dafür braucht es Vertrauen auf vielen Ebenen und eine viel größere Zahl an indo-europäischen Netzwerken. Ohne Mobilität wird das nicht möglich sein – und damit auch nicht ohne Reformen der Visasysteme. Austausch darf sich nicht auf die höchste Politik- und Verwaltungsebene beschränken, sondern muss Industrie, Wissenschaft, Kommunen, Kultur und Medien einbeziehen. Indien wird seine oft zurückhaltende und vorsichtige Außenpolitik überwinden und aktiver mit der EU und ihren Mitgliedern zusammenarbeiten müssen. Europa wiederum muss akzeptieren, dass der Partner Indien für seine Transformation Zeit, Zugang zu Technologie und Finanzierung erfordert.

Vermutlich hoffen einige globale Akteure noch auf ein Scheitern der Verhandlungen. Indiens Premier Modi und seine europäischen Gäste von der Leyen und Costa sollten ihnen diesen Gefallen nicht tun, und sich stattdessen bei der Unterzeichnung des Vertrags versprechen, ihn schnell mit Leben zu füllen. Dann wird das Abkommen mehr als ein Deal: Es wird ein geostrategischer Wendepunkt für beide Länder und ein starkes Signal für eine kooperative, regelbasierte und zukunftsorientierte Globalisierung.

Ambika Vishwanath ist Co-Gründerin und Direktorin der Kubernein Initiative, Indien und Principal Research Fellow des LaTrobe Centre for Global Security, Australia.

Michael Scharfschwerdt ist als Senior Advisor Geopolitics für die Unternehmensberatung Kearney tätig und war 2022 bis 2025 Leiter des Planungsstabs im Auswärtigen Amt.

Hinweis der Redaktion: Über China und Asien zu diskutieren heißt heute mehr denn je: kontrovers debattieren. Wir möchten die Vielfalt der Standpunkte abbilden, damit Sie einen Einblick in die Breite der Debatte gewinnen können. Standpunkte spiegeln nicht die Meinung der Redaktion wider.

Briefings wie China.Table per E-Mail erhalten

Keine Bankdaten. Keine automatische Verlängerung.

Sie haben bereits das Table.Briefing Abonnement?

Anmelden

Letzte Aktualisierung: 25. Januar 2026