Berlin.Table Table.Standpunkt Sozialpolitik

Die Debatte um die alternde Gesellschaft wird von Mythen beherrscht

Es klinge wie ein Naturgesetz, wenn vom demografischen Wandel geredet wird, schreibt der Autor – und unterzieht die gängigen Argumente einem Faktencheck.

AH
11. Februar 2026
Arbeitete unter anderem für SZ und Stern: Andreas Hoffmann (Gordon Welters)

„Den Arbeitnehmern wird bei der Rente immer mehr aufgebürdet.“

Falsch. Die Beschäftigten tragen bei der Rente keine höheren Lasten. Der Rentenbeitrag ist gesunken, von 20,3 Prozent im Jahr 1999 auf derzeit 18,6 Prozent. Und dies, obwohl wir seit der Jahrtausendwende etwa drei Millionen Ruheständler mehr haben, die im Schnitt knapp fünf Jahre länger leben. Also mehr Rentner, die länger leben und trotzdem niedrigere Beiträge. Das muss jemand mal nachmachen. Der Staat zahlt ebenfalls nicht mehr, relativ gesehen: Der Bundesfinanzminister überwies damals wie heute etwa ein Viertel seines Etats an die Rentenkasse.

„Wir haben zu viele Alte und zu wenige Junge, das kann nicht funktionieren.

Diese Klage ist fast 100 Jahren alt. Gustav Hartz, ein Politiker der Weimarer Republik, warnte bereits 1932 vor der „immer größer werdenden Zahl von Alten“. Seitdem wächst die Schlange der Mahnerinnen, doch der vorhergesagte Kollaps der Rente ist nie eingetreten. Denn: Wir sind produktiver geworden. Dramatisch produktiver. Während seit 1970 die Zahl der geleisteten Arbeitsstunden um ein knappes Drittel sank, stieg der Wohlstand.

Lag das Bruttoinlandsprodukt pro Erwerbstätigem damals bei 13.500 Euro, erreichte es im Jahr 2023 fast 90.000 Euro. Ein Plus von über 650 Prozent. Die belächelte Formel „Weniger Arbeit und mehr Wohlstand“ klappt durchaus. Es arbeiten auch mehr Leute. Weil viele Menschen aus dem Ausland kamen und hier tätig sind, haben wir mehr Beitragszahler. Die Zahl der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten wuchs seit der Jahrtausendwende um gut sieben Millionen auf 35 Millionen Ende vergangenen Jahres. Das ist Rekord.

„Wir schrumpfen.“

Auch ein Klassiker. Bereits in der Weimarer Republik fürchtete dies Friedrich Burgdörfer, ein einflussreicher Statistiker. Er sah 1932 eine „unausbleibliche Volksverminderung“ voraus: Ende des 20. Jahrhundert werde in Deutschland „die Einwohnerzahl nur noch 47 Millionen betragen“. Wir sind heute fast 84 Millionen.

Nach dem Krieg sorgte sich Konrad Adenauer um das Volk. Und 2003 war sich der damalige Chef des Statistisches Bundesamts, Johann Hahlen, sicher, dass Deutschland schrumpft: „Die Entwicklung ist vorgegeben und unausweichlich.“ Aber Deutschland wuchs. Seit 2010 um über 3,4 Millionen Menschen – vor allem, weil mehr Menschen einwanderten.

Nun soll es endlich ernst werden mit dem Schrumpfen, in 35 bis 45 Jahren. So hieß es im Dezember, als das Statistische Bundesamt die 16. Prognose zur Bevölkerungsentwicklung vorstellte. Seltsamerweise waren sich die Fachleute drei Jahre zuvor, bei der 15. Prognose, noch sicher, dass unsere Bevölkerung auch in 35 bis 45 Jahren stabil bleiben würde. Doch sollten wir eines Tages wirklich schrumpfen, wäre das kein Problem, wie Japan oder Südkorea zeigen. Deren Bevölkerung sinkt, doch die Wirtschaft ist innovativ und wächst.

„Nur längeres Arbeiten rettet die Rente.“

Eine Idee, die viele vertreten, die aber wenig hilft, wie die Rente mit 67 zeigt. Die Rentenversicherung sparte dadurch 2020, acht Jahre nach der Einführung, etwa 3,2 Milliarden Euro. Und 2030, nach 18 Jahren, sollen es etwa acht Milliarden Euro sein. Klingt nach viel – ist aber wenig, da die Rentenversicherung eine Milliarde Euro pro Tag ausgibt. Die Einsparungen von 2020 reichten so für drei Tage Rente. Weitere Studien, die die Folgen des längeren Arbeitens berechnet haben, kommen zu ähnlichen Ergebnissen. Natürlich kann längeres Arbeiten gut sein, fürs Selbstbewusstsein, Teilhabe und Sinn – aber bitte freiwillig.

„Wir brauchen mehr Kapitaldeckung für unsere Altersversorgung.

In den letzten 25 Jahren gab es drei Anläufe für mehr Kapitaldeckung: die Riesterrente, die Rürup-Rente und den Pflege-Bahr. Allesamt Flops. Die Riester-Rente glich nicht die Einschnitte bei der gesetzlichen Rente aus, die Rürup-Rente tauge, so Verbraucherschützer, „in aller Regel nicht als Alternative zur gesetzlichen Rente für Selbständige“. Und der Pflege-Bahr, als Absicherung für den Pflegefall im Alter sei, so ebenfalls Verbraucherschützer, „in der Regel nicht zu empfehlen“. Eine Triologie des Scheiterns.

Dass ein vierter Versuch ein Meisterstück hervorbringt, ist nicht zu erwarten. Die Deutschen sparen heute schon kräftig, aber viele Geringverdiener haben schlicht zu wenig Geld, und selbst 20 Jahre Riester-Förderung haben bei Ihnen zu „faktisch keinem Finanzvermögen geführt“, urteilt der frühere Wirtschaftsweise Peter Bofinger. Keiner kennt die Zukunft, gewiss. Aber die Vergangenheit lehrt, dass die Menschen die alternde Gesellschaft gut bewältigt haben. Denn seit etwa Mitte des 19. Jahrhunderts bekommen die Menschen in Europa weniger Kinder und leben länger. Der demografische Wandel ist also ein alter Bekannter.

Das heißt nicht, dass sich nichts ändern muss. Doch der Staat sollte nur das Richtige tun. Etwa den Arbeitsmarkt so reformieren, dass mehr Migranten, Frauen und Ältere arbeiten können. Unsere Schulen so verbessern, dass weniger Bildungsverlierer zurückbleiben. Und unser Geschäftsmodell einstellen auf eine neue Welt, wo Regeln und offene Märkte wenig zählen – dafür aber Zölle, militärische Stärke und eine aggressive Industriepolitik, finanziert über Schulden. Wer in dieser anderen Zeit ernsthaft den Zahnersatz oder die Teilzeit als Problem sieht, hat die neue Welt nicht verstanden. Doch wenn wir es schaffen uns an diese Zeit anzupassen, meistern wir von selbst die Demografie.

Mehr dazu lesen Sie in Hoffmanns Buch „Die erfundene Bedrohung“.

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Letzte Aktualisierung: 11. Februar 2026