Quinn Slobodian: „Muskismus ist eine neue Version des digitalen Kapitalismus“

Der kanadische Historiker ist Co-Autor eines Buchs über Elon Musk. Hier sagt er, wie abhängig die Welt von ihm ist und was man dagegen tun kann.

15. März 2026
Ist Professor an der Boston University: Quinn Slobodian (Bénédicte Roscot/Suhrkamp Verlag)

In einem Interview sagten Sie, beim „Muskismus“ gehe es um sozialen Krieg. Was meinen Sie damit?

Das war ein Vergleich zum nach Henry Ford benannten Fordismus. Der wird oft als ein Modell gesehen, das sozialen Frieden sichert durch das Versprechen steigenden Konsums und steigender sozialer Mobilität über Generationen hinweg. Die Idee, dass es eine Art Ausgleich zwischen den Gewinnen der Unternehmer und den Löhnen der Arbeiter gibt, war eines der Dinge, die den Kapitalismus im 20. Jahrhundert stabilisiert haben. Die neue Version des digitalen Kapitalismus, der Muskismus, scheint daran aber weniger interessiert zu sein.

Inwiefern?

Ideologisch scheint Musk zu glauben, dass er Menschen für sein Projekt gewinnen kann, indem er ihnen Angst macht – etwa vor einer Bedrohung durch Migration – und seine Produkte als eine Art Schutz verkauft: als etwas, mit dem man sich gegen eine angebliche Invasion wappnen kann.

Wenn es ein Krieg ist: Wer führt ihn an Musks Seite – und wer gewinnt?

Die Ideologie der aktuellen Trump-Regierung passt in vieler Hinsicht zu dieser Philosophie. Sie versucht ebenfalls, politische Legitimität zu gewinnen, indem sie Gefahren einer „Übernahme durch Migranten“ konstruiert. Die Regierung führt diesen Krieg derzeit auf den Straßen amerikanischer Städte – etwa durch Kampagnen für Massenabschiebungen. Und Musk trägt seinen Teil dazu bei, ihre Botschaft zu verstärken. Ich würde allerdings nicht sagen, dass sie unbedingt gewinnen.

Warum?

Minneapolis ist ein gutes Beispiel. Dort stieß der Versuch, eine breitere „Säuberung“ unerwünschter Bewohner durchzuführen, auf starken lokalen Widerstand. Die Ideologie des „sozialen Krieges“ verbindet Musk mit seinen rechten Kollegen im Tech-Sektor wie Peter Thiel und David Sacks. Sie versuchen, das Silicon Valley als eine Art Ergänzung zu einem militarisierten amerikanischen Staat zu etablieren, der seine Macht sowohl nach außen als auch im Inneren ausübt. Aber ich denke, das lässt sich für viele Menschen nur schwer vermitteln.

Was ist mit Musks Aktivitäten in Europa?

Meine Interpretation ist, dass Musk versucht, eine Art Patronage-Beziehung zur extremen Rechten aufzubauen. Er geht offenbar davon aus, dass die etablierten Parteien langfristig verschwinden und von neuen Bewegungen ersetzt werden. Für ihn sind diese Parteien gewissermaßen die „Teslas der Politik“. Früher hätte niemand gedacht, dass Ford oder Chevrolet von einem neuen Unternehmen verdrängt werden könnten – heute ist Tesla mehr wert als beide zusammen.

Tesla ist im Konflikt mit Gewerkschaften. Ein IG-Metall-Vertreter sagte über die aktuelle Betriebsratswahl, der Wahlkampf habe gezeigt, wie einfach es für einen Multimilliardär ist, die Demokratie auszuhöhlen.

Für Musks Geschäftsmodell ist es zentral, dass Tesla-Fabriken Orte bleiben, an denen Beschäftigte keine unabhängige Stimme haben und seine Entscheidungen nicht verlangsamen können. Statt Tarifverhandlungen zu führen, versucht er, Unterstützung auf andere Weise zu gewinnen. Beschäftigte werden etwa ideologisch in ein Projekt der „zivilisatorischen Verteidigung“ eingebunden. Gleichzeitig erhalten sie Aktienoptionen, es ist das klassische Silicon-Valley-Modell: Loyalität durch Beteiligungen – statt durch kollektive Arbeitnehmerrechte.

Korrespondenzen deutscher Ministerien mit Tesla zeigen, wie sehr Regierungen um die Gunst von Elon Musk buhlten. Wie stark ist sein Einfluss auf die Politik?

Musk war erfolgreich, weil er die Marke Tesla Ländern als Möglichkeit verkaufen konnte, die eigenen Ziele zu stärken: die Schritte hin zu einem „grünem Kapitalismus“, eine gewisse wirtschaftliche Unabhängigkeit und den Vorstoß in neue Sektoren – in diesem Fall die Elektroauto-Industrie. So konnte er die Gigafactory in Shanghai den Chinesen als Ausdruck wirtschaftlichen Nationalismus verkaufen und in Berlin und der EU als Möglichkeit, die Elektrifizierung des Autosektors zu beschleunigen.

Wie ist es heute?

Früher konnte er seine persönlichen politischen Ansichten vom Produkt trennen. Inzwischen hat er die Marke durch seine eigene radikale Politik so stark belastet, dass die Kompromisse, zu denen Regierungen bereit waren, um ihn zu Investitionen zu bewegen, eine politische Hypothek darstellen.

Große Staats- und Pensionsfonds wie der in Norwegen sind an Tesla beteiligt, andere wie in Schweden sind inzwischen ausgestiegen. Wie groß ist die Macht des Konzerns in dem Bereich?

Tesla ist eine Aktie, die für institutionelle Investoren weltweit interessant ist. Viele Menschen, die Musk politisch ablehnen, haben dennoch über ihre Pensionsfonds Geld in seinen Unternehmen. Er ist inzwischen so eng mit politischer Ökonomie und Börsenbewertungen verflochten, dass man ihn kaum aus dem System lösen kann, ohne eine Kettenreaktion auszulösen.

In Ihrem Buch schreiben Sie, Musk mache Länder von ihm abhängig und verkaufe „Souveränität als Dienstleistung“. Wie abhängig ist die Welt?

SpaceX und Starlink sind dafür die besten Beispiele. Die Nasa ist inzwischen vollständig von SpaceX abhängig, wenn es um den Start von Satelliten geht. Und Starlink baut sein Netzwerk von Satelliten im niedrigen Erdorbit rasant aus. Musk hat kürzlich beantragt, eine Million Satelliten in die Umlaufbahn zu bringen – derzeit sind es etwa 11.000.

Das wäre also eine Verhundertfachung.

Ja. Kanada nutzt Starlink für die Kommunikation in abgelegenen Regionen, andere Länder – darunter die Ukraine – für militärische Operationen. Und wir wissen aus den frühen Monaten des Kriegs, dass Musk die Verbindung manchmal einfach abgeschaltet hat. Also ergibt es Sinn, dass europäische Staaten nach Alternativen suchen.

Was können oder sollten sie tun?

Es gibt Bemühungen, alternative Satellitennetze aufzubauen. Das EU-Projekt IRIS² ist ein solcher Versuch. Allerdings fehlt ihm meiner Einschätzung nach bislang noch das nötige Geld und der große politische Schub. Als etwa Giorgia Meloni mal erklärte, dass sie stattdessen auf Starlink setze, war das gewissermaßen ein Zeichen dafür, dass sich Musks Investitionen in rechtsextreme Politik auszahlen.

Welche Rolle spielt X? Sie schreiben über Musks Sicht auf Twitter vor der Übernahme: „Es hatte die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit auf das Problem der sozialen Ungleichheit gelenkt. Also musste es zerstört werden.“

Heute vergisst man leicht, wie störend Bewegungen wie #MeToo, Black Lives Matter und Occupy Wall Street für die Macht von Unternehmen und Arbeitgebern waren. Die #MeToo-Bewegung hat erstmals systematisch sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz sichtbar gemacht. Die Black-Lives-Matter-Bewegung hat Druck etwa für mehr Diversität in Führungsetagen erzeugt. Auch im Tech-Sektor selbst kam es um 2018/2019 zu einer stärkeren Politisierung.

Worauf beziehen Sie sich?

Beschäftigte begannen, bestimmte Aufträge abzulehnen. Ein berühmtes Beispiel war der Google-Walkout 2018, als Beschäftigte nicht am Project Maven mitarbeiten wollten. Das war ein Projekt, bei dem Google KI-Tools für das Pentagon entwickelte – genau solche Technologien wurden kürzlich etwa für die Auswahl von Zielen im Iran eingesetzt.

Und was bewegte Musk zum Kauf von Twitter?

Tech-Unternehmer wie Alexander Karp von Palantir oder Marc Andreessen wollten, dass sich ihre Beschäftigten stärker auf Fragen der nationalen Sicherheit konzentrieren statt auf soziale Gerechtigkeit. Plattformen wie Twitter galten ihnen als Ort, an dem diese Ideen verbreitet wurden. In Musks Vorstellung war Twitter vom „Woke-Mind-Virus“ infiziert – einer Ideologie, die sich über Smartphones in den Köpfen der Menschen ausbreite. Deshalb müsse man sie eindämmen und durch ein „Anti-Woke-Mind-Virus“ bekämpfen.

Wie sollte man damit umgehen?

Bürgerinnen und Bürger sollten X verlassen, Regierungen sollten X verlassen. Wenn Menschen die Plattform verlassen, die er inzwischen als Verstärker seiner eigenen politischen Positionen nutzt, verliert er Einfluss. Auch Alternativen zu den Diensten aufzubauen, mit denen er sein Vermögen verdient, kann wirksam sein. Tesla macht noch immer den Löwenanteil seines Vermögens aus – doch die Marke befindet sich in Europa im freien Fall. In Nordamerika stagniert oder sinkt sie ebenfalls.

Sehen Sie bei europäischen Regierungen die Bereitschaft, solche Alternativen tatsächlich aufzubauen?

Ich denke schon. Dass die Staatsanwaltschaft die X-Zentrale in Paris durchsuchen ließ, ist ermutigend. Der spanische Ministerpräsident Pedro Sánchez liefert sich derzeit mit ihm einen Schlagabtausch über ähnliche Fragen, etwa die Regulierung sozialer Netzwerke. Großbritannien hat Ermittlungen wieder aufgenommen zu den Möglichkeiten von Grok, Darstellungen sexuellen Missbrauchs von Kindern zu erzeugen – nachdem Musk das System Anfang dieses Jahres bewusst freigeschaltet hatte.

Wird all das zur Gefahr für Musk?

Er geht ein erhebliches Risiko ein, weil er ständig neue rote Linien überschreitet. Irgendwann kann sich daraus genügend öffentliche Unzufriedenheit entwickeln, um echten politischen Widerstand auszulösen. Die entscheidende Frage ist, ob er das Weiße Haus auf seine Seite ziehen kann. Wenn Washington etwa freien Zugang zu X oder Starlink zur Bedingung für niedrigere Zölle machen würde, wäre es für europäische Staaten deutlich schwieriger, sich zu wehren.

Sie plädieren für ein anderes Verständnis von Politik – weniger als Steuerung von oben, sondern als „Prozess kollektiver Intelligenz“. Wie könnte das aussehen?

Der Umgang mit den neuen Technologien aus dem Silicon Valley ist derzeit im Grunde weitgehend unreguliert. Sie erhalten faktisch einen Blankoscheck, um Rechenzentren aufzubauen und ihre Systeme zu entwickeln. Ein Grund, warum Leute wie Sam Altman oder Musk 2024 Trump unterstützt haben, war ihre Sorge, dass die Biden-Regierung zu viele Regeln für KI einführen würde.

Was nun?

Menschen sollten stärker von den Daten profitieren können, die ihnen derzeit entzogen werden. Die kollektiven Leistungen der Gesellschaft werden von Unternehmen wie OpenAI genutzt und zu Trainingsdaten für große Sprachmodelle gemacht – ohne dass diejenigen, die diese Inhalte produziert haben, dafür entschädigt werden.

Was fordern Sie?

Demokratische Gesellschaften sollten gemeinsam entscheiden, wie Technologien wie generative KI eingesetzt werden dürfen und wo ihre Grenzen liegen. Sie sollten nicht einfach den CEOs überlassen werden, die sie entwickeln. Ein guter Anfang wäre schlicht ein grundlegendes Maß an Regulierung und Aufsicht. Genau das fehlt derzeit.

Mehr dazu lesen Sie in Quinn Slobodians und Ben Tarnoffs Buch Muskismus. Aufstieg und Herrschaft eines Technoking.

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Letzte Aktualisierung: 15. März 2026