Berlin.Table Analyse Sozialpolitik

Wofür die Mitglieder der Rentenkommission stehen

Die acht Köpfe aus der Wissenschaft haben sich in der Vergangenheit mehr oder weniger deutlich positioniert. Eine Übersicht.

01. März 2026

Die Mitglieder der Kommission haben sich in einer Geschäftsordnung dazu verpflichtet, bis zum Abschluss ihrer Beratungen keine Pressearbeit zu machen. Daher ist von Ihnen derzeit wenig zu erfahren. Öffentliche Äußerungen – größtenteils von Ende 2025 – zeigen aber, in welche Richtung die Beratungen gehen könnten. Eine Auswahl.

Jörg Rocholl

Der Ökonom ist Präsident der ESMT Berlin, einer privaten Wirtschaftsuniversität, und Vorsitzender des wissenschaftlichen Beirats des BMF. In einem Gastbeitrag für das Handelsblatt rief er die Regierung gemeinsam mit Clemens Fuest vom ifo-Institut und Michael Eilfort von der Stiftung Marktwirtschaft dazu auf, ihr Rentenpaket zurückzuziehen. Mit den geplanten Punkten – Haltelinie, „Mütterrente“, „Aktivrente“ und „Frühstart-Rente“ – würden die demografisch bedingten Probleme des Systems weiter verschärft „und es käme zu einer zusätzlichen Lastenverschiebung zwischen den Generationen – zulasten der Jüngeren, die schon heute unter steigendem finanziellen Druck stehen“.

In dem Text äußerten sich die drei Autoren auch zur Kommission. Sie müsse einseitige Belastungen, wie eben der jüngeren Generationen, vermeiden. Mit Blick auf das – in Teilen inzwischen verabschiedete Paket – warnten sie damals vor Auswirkungen auf das Vertrauen in Politik. Ihnen zufolge wäre es dafür fatal, „wenn jetzt Entscheidungen durchgedrückt würden, die bereits in wenigen Jahren zwangsläufig drastische negative finanzielle Folgen für den Staatshaushalt hätten und einen erneuten Kurswechsel in der Rentenpolitik notwendig machten“.

Martin Werding

Der Professor für Sozialpolitik und öffentliche Finanzen an der Universität Bochum ist Mitglied des SVR Wirtschaft. In einem unter anderem mit Ulrike Malmendier verfassten Arbeitspapier plädierte er für eine Stärkung der privaten Altersvorsorge. Ein kapitalmarktbasiertes Depot, das staatlich unterstützt wird, könne das „verloren gegangene Vertrauen“ in die geförderte Vorsorge zurückgewinnen.

Es sollte, so die Forderung, an die geplante Frühstart-Rente anknüpfen und damit „die Kontinuität der Vermögensbildung über den gesamten Lebensverlauf“ stärken. Indem langfristig alle Erwerbstätigen einbezogen werden, könne „der Vermögensaufbau breiter Bevölkerungsschichten gestärkt und eine tragfähige Kapitalmarktkultur“ geschaffen werden.

Tabea Bucher-Koenen

Die Professorin für Finanzmärkte lehrt an der Universität Mannheim und leitet den Forschungsbereich „Altersvorsorge und nachhaltige Finanzmärkte“ am ZEW. Kürzlich war sie als Sachverständige geladen für die Anhörung zum Aktivrentengesetz. In ihrer Stellungnahme äußerte sie sich zum Ziel der Regierung, das Potenzial älterer Arbeitnehmer besser zu nutzen. Eine wirksame Maßnahme sei die Anhebung des gesetzlichen Renteneintrittsalters und die Abschaffung von Möglichkeiten, vorzeitig in den Ruhestand zu gehen.

Dadurch reduziere sich „das Volumen der auszuzahlenden Rentenleistungen und es erhöht sich das gesamte Arbeitsvolumen, das die Steuer- und Beitragsbasis der sozialen Sicherungssysteme darstellt“. Zudem ermögliche ein späterer Renteneintritt, knapp werdende Fachkräfte im Arbeitsmarkt zu halten und personelle Engpässe abzuschwächen.

Silke Übelmesser

Die VWL-Professorin von der Universität Jena hat den Schwerpunkt Finanzwissenschaft und ist auch Forschungsprofessorin am Ifo-Institut sowie Mitglied des unabhängigen Beirats des Stabilitätsrats. Sie äußerte sich 2024 in einem Artikel zum „Rentenpaket II“ der Ampel-Koalition, das eine Verlängerung des 48-Prozent-Niveaus bis 2039 und das sogenannte Generationenkapital zur Dämpfung der Beitragssatz-Entwicklung vorsah. Es sei in einigen Jahren zu erwarten, dass „die fiskalischen Zwänge eine größere Korrektur der gesamten Staatsausgaben erforderlich machen, die auch den Sozialstaat mit einschließt“.

Eine nachhaltige Politik könnte laut Übelmesser darin liegen, „die gezielte Unterstützung sozial Schwacher zulasten des allgemeinen Sicherungsniveaus stärker in den Vordergrund zu rücken“. Umso wichtiger sei es, schon jetzt deutlich zu machen, dass die Alterssicherung „zunehmend Eigenverantwortung in Form von privater und betrieblicher Vorsorge erfordert“. Sollte die durch das Rentenpaket II „vermittelte Sicherheit die Bemühungen um mehr Eigenvorsorge schwächen, wäre dies gerade für die jüngeren Kohorten mit der größte negative Effekt des Pakets“, schrieb sie.

Peter Bofinger

Der VWL-Professor von der Universität Würzburg bezog in einem Interview mit der Mediengruppe NOZ/mh:n MEDIEN Stellung. Die aktuelle Belastung des Systems durch die geburtenstarken Jahrgänge sei ein Übergangsphänomen, in drei Jahrzehnten habe sich das Verhältnis von Rentnern und Beitragszahlern wieder normalisiert „aus biologischen Gründen“. Bis dahin sollten möglichst alle in die Rentenversicherung einzahlen, „um die angespannte Zeit zu überbrücken, ohne dass die Beiträge zu stark steigen“.

Wenn das mehr Menschen tun, erhöhe sich das Rentenniveau und der Anstieg der Beitragssätze könne etwas gedämpft werden. Im Gespräch mit dem rbb24-Inforadio sagte er außerdem, entscheidend sei das Erreichen eines ökonomischen Aufschwungs. Für die wirtschaftliche Dynamik in den kommenden zwei bis drei Jahren „ist es vollkommen egal, wie das Rentenniveau im Jahr 2032 ist“.

Camille Logeay

Die VWL-Professorin lehrt an der HTW Berlin und war wissenschaftliche Referentin beim BMAS und dem DIW. Ein von ihr mitverfasstes Papier der Hans-Böckler-Stiftung kam zu dem Schluss, das von der Regierung verabschiedete Rentenpaket sei generationengerecht und die Belastung für den Haushalt verkraftbar. Die Expertise basiert auf einem von Logeay und einem Kollegen entworfenen Modell, aus dem die Zeit einen Rechner („Wie viel zahle ich ein – und was krieg ich an Rente raus?“) gemacht hat.

Ihre Berechnungen haben die Forschenden in die Zukunft fortgeschrieben. Demnach liegen die Bundesmittel, die in den kommenden Jahrzehnten in die Rentenversicherung fließen, als Quote des BIP „nicht spürbar höher“ als zum bisherigen Höhepunkt 2003. Mittelfristig könnte ein größerer Anteil der Niveaustabilisierung auch durch höhere Beiträge statt durch Bundeszuschüsse finanziert werden, heißt es in dem Papier. Da ihnen höhere Leistungen und mehr Kaufkraft gegenüberstehen würden, hätten steigende Beiträge „gesamtwirtschaftlich auch keine negativen Wachstums- oder Beschäftigungseffekte“.

Monika Queißer

Die Leiterin der Abteilung Sozialpolitik bei der OECD äußerte sich in einem Interview mit der FAZ zur Lage Deutschlands im internationalen Vergleich. Zwar könne man wie andere Länder das Renteneintrittsalter an die Lebenserwartung koppeln – aber das werfe neue Pro­bleme auf, „da nicht alle Menschen länger in guter Gesundheit leben“. Zudem sprach sich Queißer dafür aus, auch auf Miet- und Kapitaleinkünfte Abgaben zu zahlen.

Bei der betrieblichen und privaten Altersvorsorge sieht sie einen „weitverbreiteten deutschen Irrtum“: dass kapitalgedeckt gleich individuell bedeute. Die Verwaltung von kapitalgedeckten Renten sei viel günstiger, wenn man das als Kollektiv mache – etwa über die Sozialpartner wie beim Versorgungswerk „Metallrente“ in der Metall- und Elektroindustrie.

Georg Cremer

Der frühere Generalsekretär des Caritasverbands hat vor Kurzem ein Buch über „Mythen, Halbwahrheiten, Fakten“ rund um den Sozialstaat veröffentlicht. Veränderungen des Äquivalenzprinzips – also daran, dass jeder so viel herausbekommt, wie er einzahlt – dürften nicht tabu sein, schreibt er darin. Man könnte jene, die in einem langen Berufsleben „gesellschaftlich notwendige, aber schlecht bezahlte Arbeit im Niedriglohnsektor geleistet haben“, dadurch unterstützen, dass man einen Teil ihrer Rentenansprüche aufwertet, so Cremer.

Er betont, ein Blick nur auf das Rentenniveau helfe den Ärmsten nicht. Denn wer ergänzend zur Rente die sogenannte Grundsicherung im Alter bezieht, bei dem werden Erhöhungen der gesetzlichen Rente – sofern man nicht bestimmte Voraussetzungen erfüllt – vollständig abgezogen. Zu den Reformdebatten allgemein äußerte sich Cremer in einem Gastbeitrag für die Zeit von Februar 2026: Deutschland werde sich weiterhin leisten können, rund 30 Prozent der Wirtschaftsleistung für den Sozialstaat einzusetzen. Aber es brauche eine Debatte darüber, wie das Geld „zielgenauer und effizienter“ eingesetzt werden kann.

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Letzte Aktualisierung: 01. März 2026