Westafrika: Warum sich Terroristen im Dreiländereck Nigeria-Niger-Benin weiter ausbreiten

Der Terrorismus breitet sich aus dem Sahel immer weiter Richtung Süden aus. Anschläge verüben vor allem Gruppen, die al-Kaida und dem IS nahestehen. Immer wieder taucht aber auch ein neuer Akteur auf. Sein tatsächlicher Einfluss ist unter Analysten umstritten ist.

26. Februar 2026
Menschen warten an einer Tankstelle in Bamako nach einer Blockade von Treibstoffimporten durch JNIM. (picture alliance / ASSOCIATED PRESS | Uncredited)
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Das Grenzgebiet zwischen Niger, Benin und Nigeria entwickelt sich zunehmend zu einer neuen Front des Terrorismus in Westafrika. 2025 stieg die Anzahl der terroristischen Angriffe um 86 Prozent im Vergleich zum Vorjahr, wie aktuelle Zahlen der Analyseplattform Acled zeigen. Die Todesfälle zwischen 2024 und 2025 haben sich mehr als verdreifacht (262 Prozent Zunahme). Besonders betroffen sind folgende Gebiete in der Grenzregion:

  • in Benin: die Departments Alibori und Borgou;

  • in Niger: das Department Dosso;

  • in Nigeria: die Bundesstaaten Sokoto, Kebbi, Niger und Kwara.

Im Zentral-Sahel hat die al-Kaida-nahe JNIM ihre Vormachtsstellung deutlich ausgebaut. „Man kann ehrlich sagen, dass JNIM etwa 80 Prozent des malischen Territoriums abdeckt. Dort sind sie auf die eine oder andere Weise präsent. Es gibt auch eine Konzentration des JNIM in der Dreiländerzone zwischen Niger, Mali und Burkina Faso“, so der Sahel-Experte Seidik Abba vom Thinktank Centre International de réflexions et d’études sur le Sahel im Gespräch mit Table.Briefings. Die Gruppe Jama’at Nusrat al-Islam wal-Muslimin wurde 2017 gegründet und verübt seit 2019 auch Anschläge in der Golf-von-Guinea-Region.

JNIM setzt auf eine Langfriststrategie und wird in den eingenommenen Territorien dauerhaft ein Teil der Gesellschaft. „Der JNIM hat eine Form der Regierungsführung entwickelt, die es ihm ermöglicht, sich als Alternative zum Staat zu präsentieren“, schreiben Analysten der Crisis Group in einem aktuellen Bericht zum Erfolg der Gruppe. „In Mali hat JNIM es geschafft, die Legitimität des Staates vollkommen in Frage zu stellen“, sagte die Analystin Anelise Bernard, Gründerin der Beratungsfirma Strategic Stabilization Advisors zu Table.Briefings. Propaganda und Predigten werden schon seit längerem etwa auf Bambara verbreitet, damit mehr Menschen in Mali die Botschaften verstehen können. Die Terroristen haben erfolgreich parallele Strukturen der Verwaltung und der Rechtsprechung aufgebaut. In diesem System werden islamische Richter (Qadi) bei Streitigkeiten angerufen. Ein weiteres Element der sozialen Kontrolle und der Verankerung im Alltag der Menschen ist die Erhebung von Steuern.

Je weiter sich JNIM jedoch in Richtung Küstenländer ausbreitet, desto risikoreicher wird es für die Gruppe. Die Expansion sei ein „Dilemma für JNIM“, so heißt es in der Crisis-Group-Analyse. Wachsende Mitgliederzahlen und Einnahmen stehen der Gefahr gegenüber, dass der Gruppenzusammenhalt geschwächt werden könnte. Zwischen dem Sahel, Nigeria, Niger und Benin gibt es in jedem Fall viele Verbindungen: Kämpfer verschiedener Gruppen wechseln die Orte; außerdem gibt es Bezüge über Verwandtschaft und die Zugehörigkeit zu ethnischen, sprachlichen, kulturellen Gruppen.

Spätestens seit den US-Bombardierungen in Nordnigeria (Sokoto State) um Weihnachten 2025 taucht eine andere, neue Terrorgruppe öfter in den Medien auf: Lakurawa. Zuletzt machte Nigeria die Gruppe vor gut einer Woche verantwortlich, 34 Menschen im Bundesstaat Kebbi in Nordwest-Nigeria getötet zu haben. Die nigerianische Regierung stuft Lakurawa offiziell als Terroristen ein. Ursprünglich seien die Lakurawa eine nicht-staatliche Selbstverteidigungsmiliz gewesen, schreiben Analysten des Institute for Security Studies (ISS) in einem Report vom Februar. Die Mitglieder seien ehemalige Dschihadisten aus dem Sahel, Viehhirten und andere lokale Akteure gewesen. Doch dann habe sich die Gruppe gewandelt und sei selbst gewalttätig geworden. Lakurawa charakterisieren die ISS-Analysten als „hybrid“: Demnach setzt die Gruppe einerseits auf Ideologie, andererseits bedient sie sich der organisierten Kriminalität. Dazu gehören etwa Entführungen und Treibstoffschmuggel.

Doch welche Rolle Lakurawa in der Ausweitung des Sahel-Terrorismus nach Nigeria, Niger und Benin wirklich spielt, ist unter Experten umstritten. Lakurawa ist nach Einschätzung des Westafrika-Experten Héni Nsaibia von Acled „keine eigenständige Gruppe“. Vielmehr gehe es um Aktivitäten, die im weiteren Sinne dem IS (genauer der Islamische Staat – Sahel-Provinz, ISSP) zuzurechnen seien.

Entscheidend für die Ausbreitung der Terroristen, egal welcher Zugehörigkeit, ist ihr Beitrag zur lokalen Wirtschaft. Es geht um den Transport von Treibstoff, Nahrungsmitteln oder Personen. Das bedeutet für Menschen vor Ort aber gleichzeitig auch eine Abhängigkeit von den Terroristen: „Daher sind Gemeinschaften und Händler entlang dieser Routen zunehmend auf Zugang, Besteuerung und Schutzarrangements angewiesen, die von diesen Gruppen bereitgestellt werden, was sowohl zu passiver als auch aktiver Unterstützung führt“, so Nsaibia.

Ein weiterer Vorteil für die Terroristen ist, dass insbesondere das Ecowas-Mitglied Nigeria mit Niger von den AES (Alliance des États du Sahel) im Dauerstreit ist. Das verhindert koordinierte Anti-Terror-Einsätze und den Austausch von Informationen. Welche Rolle die erneuerte US-Militärpräsenz in Nordnigeria spielen wird, bleibt fraglich. Mitte Februar kamen 100 neue Spezialkräfte dort an. „Das ist eine bedeutende Zahl“, sagte US-Analystin Bernard zu Table.Briefings.

Der jüngste Anschlag in Nigers Hauptstadt Niamey vor gut einem Monat verdeutlicht zudem, wie erfolgreich Kooperationen zwischen Terrorgruppen sein können – unabhängig davon, ob sie dauerhaft ein bestimmtes Gebiet kontrollieren. Bei dem Drohnen-Angriff auf den Flughafen der Hauptstadt vermuten Experten eine Kooperation der IS-Fraktionen ISSP und der am Tschadsee vorherrschenden ISWAP (Islamischer Staat – Westafrika Provinz). „Der Angriff zeigt, dass Dschihadisten im Sahel dank besserer grenzüberschreitender Kooperation komplexe Operationen mit Drohnen in Hauptstädten vornehmen können, wie im Nahen Osten“, sagte Ulf Laessing vom Sahel-Programm der Konrad-Adenauer-Stiftung in Bamako. „Die Zeiten, in denen Dschihadisten nur mit Motorrädern in Dörfern angreifen konnten, sind vorbei“, so Laessing weiter zu Table.Briefings.

Letzte Aktualisierung: 27. März 2026