Fachkräftemangel trotz Stellenabbau: Warum KI nicht (allein) schuld ist an diesem Mismatch

Mehr Jobsuchende, aber weiter Fachkräftemangel: Der deutsche Arbeitsmarkt steckt im „Mismatch“. Warum KI nur ein Teil der Erklärung ist und welche strukturellen Probleme wirklich dahinterstecken.

02. Mai 2026
Der unlängst in der Zentrale der Bundesagentur für Arbeit in Nürnberg vorgestellte aktuelle Arbeitsmarktbericht zeigt einen Anstieg der Arbeitslosigkeit. (picture alliance / Eibner-Pressefoto/Ardan Fuessman)

Der Arbeitsmarkt kühlt ab. In Deutschland sind mehr Menschen als vor einem Jahr auf Jobsuche, die Arbeitslosenquote liegt bei 6,7 Prozent. Zugleich suchen Unternehmen Personal: 43 Prozent der Recruiter sehen sich als vom Fachkräftemangel akut betroffen, 88 Prozent empfinden es als eine große Herausforderung, passende Kandidaten zu finden. Das sind zwei Wahrheiten, die – so paradox es scheint – nebeneinander existieren.

Es ist ein „Mismatch“: Die Leute, die Jobs suchen, sind nicht die, die Unternehmen suchen. Doch die Begründung ist nicht so einfach, wie viele sie gerne hätten: Nicht KI allein ist schuld, dass Jobs wegfallen. Aber Unternehmen treffen Entscheidungen, die zu Spannungen am Arbeitsmarkt führen und möglicherweise kurzsichtig sind.

3.021.230 Menschen waren im März 2026 laut der Bundesagentur für Arbeit arbeitslos, 4.697.682 galten als arbeitssuchend. „Seit Frühjahr 2022 ist die Anzahl der Stellenausschreibungen um mehr als ein Drittel zurückgegangen“, beobachtet Virginia Sondergeld, Ökonomin beim Jobportal Indeed. Besonders rückläufig waren im letzten Jahr Jobs im Kundenservice, Einzelhandel, Projektmanagement und Marketing. Dahingegen ist die Zahl der ausgeschriebenen Stellen im Bauwesen und im Bereich Soziales um sieben bis zehn Prozent gestiegen. Das deckt sich mit den Beobachtungen von Christina Langer, Arbeitsmarktforscherin bei Stepstone: Auf ihrem Portal gibt es derzeit bis zu dreimal so viele Stellen als Schweißer, Schlosser oder Fräser wie noch vor einem Jahr. „Praxisnahe und gewerbliche Berufe spielen eine besonders starke Rolle“, sagt sie.

Irrglaube 1: Wir haben es mit einer White-Collar-Jobkrise zu tun. „Das wird so wahrgenommen, weil solche Jobs, die als sicher galten, es zum Teil nun nicht mehr sind“, erklärt Langer. Ein Blick Auf die Entwicklung auf den Markt für Jobs in der Softwareentwicklung zwischen 2021 und 2022 relativiert das aber: Da waren Developer extrem gefragt. Was jetzt passiert, ist eher Normalisierung als Krise. Demgegenüber dauert der Mangel etwa in Pflegeberufen schon lange an und wird durch den demografischen Wandel beständig verstärkt.

Irrglaube 2: KI ist ein Jobkiller. Für manche Beobachter ist es eine logische, für Unternehmen eine bequeme Erklärung: Es gibt weniger Stellen, weil KI die Arbeit übernimmt. Allerdings belegen das die Zahlen nicht: OpenAI hat ChatGPT am 30. November 2022 der Öffentlichkeit vorgestellt. „Wir sehen aber bereits seit Frühjahr 2022 eine Abkühlung auf dem Arbeitsmarkt“, sagt Sondergeld. Diese gehe einher mit einer Rezession in Deutschland, konjunkturellem Abschwung und der Zinswende. Auch der Verlust von Industriejobs sei nicht in erster Linie Folge technologischer Fortschritte im Bereich KI und Robotik. Auch Verlagerung der Produktion ins Ausland aufgrund hoher Arbeits- und Energiekosten, mangelnde Wettbewerbsfähigkeit und Innovation spielen schon länger eine Rolle.

Es gibt „zwei parallel existierende Trends“: „Einerseits die wirtschaftliche Schwäche Deutschlands, die womöglich strukturell, nicht nur zyklisch ist“, erklärt Sondergeld, „und die KI-Revolution und Transformation auf der anderen Seite.“ Wegen der writschaftlichen Lage treten Unternehmen vorallem beim Hiring auf die Bremse. Das Aufkommen von KI lässt sie Teams neu organisieren ,Stellen kritisch prüfen und gegebenenfalls auch streichen.

Besonders der Berufseinstieg ist härter geworden, beobachtet die Stepstone-Ökonomin Langer. Doch die simple Erklärung „Jetzt macht KI, was der Trainee früher gemacht hat“, sei unzureichend: „In einer wirtschaftlichen Spannungssituation ist es normal, dass die Einstiegsjobs stärker betroffen sind, weil Unternehmen hier erst investieren müssen, bevor jemand sein volles Potenzial ausschöpft, das zur Wertschöpfung eines Unternehmens beiträgt.“ Einzelne Unternehmen würden KI aber gerne als einen Grund nennen, weil das eine gute Öffentlichkeitswirkung habe: Einerseits müssen so wirtschaftliche Schwierigkeiten nicht benannt werden, andererseits wirken Unternehmen so zukunftsgerichtet: Hier wird bereits mit KI gearbeitet.

„Wenn man das weiterdenkt, stellt sich eine entscheidende Frage: Wie sollen Menschen überhaupt Erfahrung sammeln und fundierte Urteile treffen können, wenn sie nicht bereits in jungen Jahren entsprechende Praxiserfahrungen aufbauen – unabhängig davon, ob mit oder ohne KI?“, fragt Fabian Kienbaum, CEO der Personal- und Managementberatung Kienbaum. Sinnvoller scheint ihm der differenziertere Ansatz mancher Unternehmen: „Sie reduzieren zwar insgesamt die Anzahl neuer Einstellungen, halten aber ein gewisses ,Grundrauschen’ aufrecht, um ihre Talentpipelines nicht aus den Augen zu verlieren.“ Auch für den fortwährenden und nötigen Wissenstransfer innerhalb eines Unternehmen ist das wichtig.

Für eine Finance-Perspektive zum Zusammenhang zwischen KI, Arbeitslosigkeit und Wohlstand lesen Sie unbedingt auch die Kolumne von Gunther Schnabl in dieser Ausgabe.

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Letzte Aktualisierung: 02. Mai 2026