Sicherheit im All: Der Wettlauf um resiliente Satelliten

Raumfahrzeuge im geostationären Orbit sind anfällig für Spionage und letztlich Zerstörung. Erdnahe Umlaufbahnen versprechen mehr Sicherheit. Dort Systeme aufzubauen erfordert aber viel Geld, Zeit und internationale Koordination – ein Dilemma.

UW
18. Februar 2026
Der Astronaut Ulrich Walter nimmt beim Raumfahrtkonzern OHB am «MoonTalk» zur Gründung der «European Moonport Company» zur Entwicklung von Hochtechnologien für den Mond teil.
Der ehemalige Astronaut Ulrich Walter ist ausgewiesener Experte für Satellitentechnik, Robotik und bemannte Raumfahrt. (picture alliance/dpa | Felix Hörhager)
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Der Weltraum ist zum Rückgrat der modernen Gesellschaft geworden. Er ermöglicht Kommunikation, Navigation, Überwachung und Entscheidungsfindung in zivilen, industriellen und militärischen Bereichen. Mit wiederauflebenden geopolitischen Spannungen im Orbit wächst der Druck, kritische Infrastrukturen im Weltraum zu schützen. Dies war das zentrale Thema eines Side-Events auf der Münchner Sicherheitskonferenz 2026.

Unerwünschter Besuch. Die meisten militärischen und viele zivile Kommunikationssatelliten befinden sich im geostationären Orbit (GEO) 36.000 Kilometer über der Erdoberfläche. Dort bewegen sich die Satelliten stationär zur drehenden Erde, weshalb Satellitenschüsseln, einmal ausgerichtet, nicht mehr nachgeführt werden müssen. Das hat Vorteile – und gravierende Nachteile. Etwa 800 aktive Satelliten tummeln sich derzeit wie auf einer Perlenschnur aufgereiht im GEO. Das hat Russland wohl als Einladung verstanden, zwei eigene „Inspektions“-Satelliten in den GEO zu schicken, um westlichen Satelliten Besuche abzustatten. Diese Luch-1 und Luch-2 genannten Spionage-Satelliten haben inzwischen etwa 50 Satelliten besucht.

Die russische Absicht ist einfach zu verstehen. Die Luch-Satelliten positionieren sich direkt neben westlichen Satelliten und können so die von den Bodenstationen gesendeten Steuerungskommandos empfangen. Die Kommandosignale sind bis heute meist unverschlüsselt, weil vor 20 Jahren die meisten Satellitenbetreiber nicht daran dachten, dass die Russen so etwas tun könnten. Wenn die Kommandozeilenstruktur einmal empfangen und verstanden ist, kann jede größere Bodenstation in Russland einen solchen Satelliten nach Belieben kommandieren. Man braucht GEO-Satelliten dann nicht aufwändig durch einen Killersatelliten physisch zu zerstören, sondern ihm einfach nur das Kommando zu geben: Verschwinde aus deiner Bahnposition und schalte dich dann ab. Und das nicht nur bei einem, sondern bei gleichzeitig sehr vielen Satelliten, die dort oben den uneingeladenen Besuch bekamen. Die Folgen wären offensichtlich verheerend.

Es gibt eine Lösung für das Problem. Sie lautet „proliferated LEO“ (pLEO). „Proliferation“ bedeutet im Deutschen Vervielfachung. Statt weniger teurer GEO-Satelliten baut man eine Satellitenkonstellation aus Hunderten oder Tausenden kleinerer, günstigerer Satelliten in niedrigen Erdorbits (low earth orbits, LEO) in bis zu 1.500 Kilometern Höhe. Weil dort die Bahngeschwindigkeiten etwa 25.000 Kilometer pro Stunde betragen und die Satelliten auf unterschiedlichen Höhen und in unterschiedlichen Bahnorientierungen fliegen, sind Lausch- und Killersatelliten ineffizient. Und wenn doch ein Satellit zerstört würde, wäre das für das ganze System bedeutungslos. Lausch- und Killersatelliten lohnen sich daher in LEO nicht. Solche Satellitenkonstellationen sind also resilient gegen Zerstörung oder natürliche Ausfälle einzelner Satelliten. Aber diese Sicherheit hat ihren Preis: etwa zehn Milliarden Euro für eine Konstellation mit bis zu 1.000 Satelliten.

Konstellationen mit hunderten Satelliten. Es gibt zurzeit keine Alternative zu pLEO-Konstellationen. Darin waren sich die Teilnehmer der Diskussionsrunde einig. Generalmajor Michael Traut, Kommandeur des Weltraumkommandos der Bundeswehr, bestätigte, dass die Bundeswehr eine solche Konstellation namens SATCOMBw Stufe 4 mit über 100 Satelliten plane. Deren Finanzierung sei nicht das entscheidende Problem, die Bundeswehr habe schließlich 35 Milliarden Euro Sondermittel zur Verfügung. Auch Paul Godfrey, stellvertretender Leiter der Abteilung Weltraumoperationen für Zukunftskonzepte der US Space Force, wies darauf hin, dass die USA mit der Proliferated Warfare Space Architecture (PWSA) eine militärische Satellitenkonstellation von bis zu 1.000 Satelliten planen und die ersten beiden operativen Satelliten bereits seit Ende 2025 im All seien. Für ihn liegt das Problem darin, wie die künftig entstehenden verschiedenen Konstellationen miteinander arbeiten – interoperieren – könnten. Wie sollen die kommenden westlichen Konstellationen PWSA, SATCOMBw-4, die geplante EU-Kommunikationskonstellation IRIS2 sowie das von der Esa geplante Multi-Konstellationsprogramm European Resilience from Space (ERS) zusammenarbeiten können?

Produktion und Beschaffung sind darauf noch nicht eingestellt. Michael Schöllhorn, CEO von Airbus Defence and Space und Präsident des Bundesverbands der Luft- und Raumfahrtindustrie (BDLI), wies zudem darauf hin, dass die europäische Raumfahrtindustrie, obwohl natürlich offen für solche Aufträge, für den Bau von einigen hundert bis zu tausend Satelliten nicht eingerichtet sei. Bisher wurden nur einzelne monolithische GEO-Satelliten, sozusagen in Handarbeit, hergestellt. Traut gestand ebenso ein, dass es entsprechende Bestellprozesse bei der Bundeswehr nicht gebe oder diese noch viel zu langsam seien.

Am Geld werde es wohl nicht scheitern: Das wurde in der Runde deutlich. Jedoch fehlt es an internationaler Koordination. Und: Der Hemmschuh der noch langsamen nationalen Umsetzungsprozesse macht allen zu schaffen.

Ulrich Walter ist Physiker und ehemaliger deutscher Wissenschaftsastronaut. Er leitete am DLR den Aufbau des deutschen Satellitenbildarchivs, bevor er 2003 eine Professur für Raumfahrttechnik an der TU München übernahm. Heute gilt er als ausgewiesener Experte für Satellitentechnik, Robotik und bemannte Raumfahrt. Er war an der genannten Veranstaltung auf der Münchner Sicherheitskonferenz maßgeblich beteiligt.

Dieser Standpunkt spiegelt nicht zwingend die Meinung der Redaktion wider.

Letzte Aktualisierung: 27. März 2026