DGI 2026: GEOINT wird zum Machtfaktor – ist Deutschland bereit?

Daten statt Doktrinen: GEOINT prägt die neue Sicherheitsarchitektur, schreibt SpaceWatch.Global-Herausgeber Torsten Kriening. Deutschland sei bereit für Plug-and-Play-Interoperabilität. Aber: Reicht der Ansatz, um in der Nato wirklich mitzuhalten?

04. März 2026
Torsten Kriening (Herausgeber SpaceWatch.Global): GEOINT das Thema auf der DGI Conference (Defence Geospatial Intelligence) in London, „Spatial Edge: USGIF Day" im Nato-Hauptquartier in Brüssel. (SWG)
Das Fachbriefing für die Raumfahrt-Community. Jetzt Space.Table 30 Tage kostenlos testen!

In London fand in der vergangenen Woche die 22. DGI Conference (Defence Geospatial Intelligence) statt, am 26. Februar dann erstmals der „Spatial Edge: USGIF Day" im Nato-Hauptquartier in Brüssel. Über 1.150 Teilnehmer aus mehr als 60 Nationen, 150 Redner, 80 Sessions: drei Tage geballte Geospatial Intelligence (GEOINT) in Westminster, gefolgt von einer Premiere in Brüssel, die die transatlantische GEOINT-Community auf eine neue Ebene hob. Die Botschaft war eindeutig: Geospatial Intelligence ist keine Nischendisziplin mehr, sondern das Nervensystem moderner Sicherheitsarchitektur.

Spatial Edge: Das politische Signal aus Brüssel. Der eigentliche strategische Akzent der Woche wurde dabei nicht in London, sondern in Brüssel gesetzt. Unter dem Titel „Spatial Edge: USGIF Day" lud das GEOINT-Team des Nato-Hauptquartiers gemeinsam mit der United States Geospatial Intelligence Foundation (USGIF) erstmals zu einem eigenen Tag. Nato-Vizegeneralsekretärin Radmila Shekerinska unterstrich die wachsende Bedeutung von GEOINT für Lagebewusstsein und operative Wirksamkeit der Allianz. Ronda Schrenk, CEO der USGIF, sprach vom Wandel von Datenknappheit zu Datenüberfluss – die Herausforderung liege heute im Verstehen und in der Geschwindigkeit der Auswertung.

Dass USGIF in dieser Form nach Europa kam, war kein Zufall. Die USA suchen Partner, die operative Interoperabilität liefern können – nicht nur politische Solidarität. Die Diskussionen, die unter Chatham House Rules stattfanden, kreisten um eine Frage: Wie stärkt GEOINT konkret Abschreckung und Verteidigung? Das Verständnis war klar: Daten sind ein strategisches Asset. Interoperabilität ist keine technische Fußnote, sondern Voraussetzung dafür, dass die Allianz funktioniert.

London: Der operative Weckruf. Bereits auf der DGI in London wurde deutlich, dass die Allianz keine langjährigen Experimentierzyklen mehr akzeptiert. Gefordert werden „Plug-and-Play"-Fähigkeiten, sofort integrierbar in bestehende Architekturen. Beiträge zur Allied Persistent Surveillance from Space (APSS) seien keine Option mehr, sondern - wie es formuliert wurde - der Lebensnerv kollektiver Sicherheit.

Die britische Verteidigungsstaatssekretärin Louise Sandher-Jones MP eröffnete die Konferenz mit klaren Worten. GEOINT sei das Fundament militärischer Operationen. Großbritannien habe mit strukturellen Reformen wie dem National Space Operations Centre und neuen Intelligence-Strukturen reagiert. Ihr Appell an die Industrie: „Wenn Prozesse zu langsam sind, sagt es uns. Wenn Anforderungen unklar sind, sagt es uns."

Deutschlands Ansatz: Konzepte vorhanden, Tempo fraglich. Deutschland präsentierte in London sein Konzept der Software Defined Defence: modulare Architekturen, Entkopplung von Hard- und Software, Öffnung für Startups, Aufbau einer Software Factory. Seit Februar 2026 existiert zudem das neue Zentrum für Innovation der Bundeswehr in Erding. Das Direktorat „Innovation und Cyber" im BMVg setzt strukturelle Signale.

Doch die offenen Fragen sind erheblich: Zertifizierung KI-gestützter Software auf militärischen Plattformen, IP-Regelungen zwischen OEMs und Startups, Beschleunigung von Vergabeverfahren. Während Programme wie das US-NGA (National Geospatial Intelligence)-Programm Maven bereits agentenbasierte KI zur Auswertung von Aufklärungsdaten einsetzen, arbeitet Deutschland noch an der architektonischen Grundlage.

Nato: Anspruch und Realität. Die DGI legte auch die strukturellen Herausforderungen der Allianz offen. Ein Industrievertreter fragte öffentlich, wie man konkret mit der Nato in Kontakt treten könne, wenn man einsatzreife Fähigkeiten anbiete. Die Antwort verwies auf Capability Development Sections, NCIA, Gremien und Transformationsabteilungen - ein komplexes Geflecht ohne klare Eingangstür.

Zugleich wurde eingeräumt, dass die Multi-INT-Fusion konzeptionell weit ist. Operativ verharrt die Verbindung von von GEOINT, SIGINT, OSINT und HUMINT jedoch noch in Silos. Innovationszyklen der Industrie treffen auf 32 nationale Beschaffungslogiken. Programme wie „Diana" und der Nato Innovation Fund setzen Impulse, lösen aber nicht das Grundproblem struktureller Trägheit.

35 Milliarden Euro - und nun? Die finanziellen Rahmenbedingungen sind vorhanden. Mit über 108 Milliarden Euro Verteidigungsausgaben für 2026 und einem geplanten Anstieg auf rund 153 Milliarden Euro bis 2029 gehört Deutschland zu den zentralen Investoren innerhalb der Nato. Doch Geld allein schafft keine operative Relevanz. Die DGI 2026 machte deutlich: GEOINT ist das Bindegewebe moderner Abschreckung. Wer Geschwindigkeit nicht liefern kann, verliert strategische Wirkung.

Deutschland verfügt über Konzepte, Industrie, Talent und Budget. Entscheidend wird sein, ob aus Haushaltsansätzen einsatzfähige Fähigkeiten werden - integriert in Nato-Architekturen und im Takt der Bedrohungslage. Die Frage ist nicht, ob GEOINT zum Machtfaktor geworden ist. Die Frage ist, ob Deutschland bereit ist, entsprechend zu handeln.

Torsten Kriening ist Herausgeber und Chefredakteur von SpaceWatch.Global.

Dieser Standpunkt spiegelt nicht zwingend die Meinung der Redaktion wider.

Letzte Aktualisierung: 27. März 2026