Regierungskrise in Großbritannien. Mit Annette Dittert.
Keir Starmer wird nicht mehr lange Premierminister des Vereinigten Königreichs sein. Davon ist Annette Dittert, die langjährige ARD-Korrespondentin in London überzeugt. Die Labour-Partei habe nach den Regionalwahlen schlicht die Nerven verloren, dabei sei mit einer Niederlage für Labour zu rechnen gewesen. Zwei mögliche Nachfolger laufen sich bereits warm: Bürgermeister Andy Burnham aus Manchester und Labour-Politiker Wes Streeting. [09:22]
Die AfD steht in einer aktuellen INSA-Umfrage bundesweit bei fast 30 Prozent – sieben Punkte vor der Union. In Sachsen-Anhalt, wo im September gewählt wird, liegt die AfD bei 41,6 Prozent. Der schwarz-roten Koalition bleibt nur noch eins: Sie muss zu einer konstruktiven Zusammenarbeit finden – und Reformen auf den Weg bringen. [01:19]
Donald Trump ist aus Peking abgereist, Wladimir Putin reist an. Das Treffen von Putin und Xi Jinping an diesem Dienstag dürfte zu einer weiteren Machtdemonstration des chinesischen Machthabers werden. Xi hatte beim Besuch von Donald Trump kein einziges Zugeständnis gemacht. [07:28]
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Transkript
Sprecher 1: 22.300.146 Milliarden. Was haben diese drei Zahlen miteinander zu tun? Sie stehen für den wirtschaftlichen Abstieg unseres Landes. Alle 22 Minuten geht eine deutsche Firma pleite. 300.000 verlorene Jobs, alleine in der Metall- und Elektroindustrie. Und 146 Milliarden, die wir jedes Jahr nur für sinnlose Bürokratie verschwenden. Zeit zu wenden. Warum jetzt nur noch große Reformen helfen.
Sprecher 2: Table Today mit Michael Bröker und Helene Bubrowski.
Sprecher 3: Die AfD ist in einer aktuellen Umfrage erneut stärkste Kraft geworden, mit deutlichem Abstand zur CDU. Und was machen die Koalitionäre in Berlin, die SPD und die Union? Sie behaken sich weiter und die Linke nennt die Regierung nur noch eine Chaos-Koalition. Wo es hinter den Kulissen weiter geht und warum die kommenden Wochen entscheidend sind, dazu gibt es unser Koalitions-Update.
Sprecher 4: Kaum ist der US-Präsident aus China abgereist, da reist bereits der nächste Präsident an. Wladimir Putin trifft sich an diesem Dienstag mit Xi Jinping. Worüber die beiden sprechen wollen, dazu gleich mehr.
Sprecher 3: Kirst Dahmer steht mit dem Rücken zur Wand. Nachdem seine Labour-Party bei den Regionalwahlen deutlich verloren hat, werden die Rücktrittsforderungen lauter. Sogar vom Ende des Vereinigten Königreichs ist die Rede. Was ist da los? Das besprechen wir mit Annette Dittert, der langjährigen ARD-Korrespondentin in London.
Sprecher 4: Eine kleine, komische Plastikuhr von Swatch hat einen völlig verrückten Trend ausgelöst, wie das genau funktioniert hat und wie es da weitergeht. Darüber reden wir natürlich am Schluss dieses Podcasts auch nochmal an diesem Montag, den 18. Mai.
Sprecher 3: Umfragen, die wirklich bitter sind für die Koalition in Berlin, für SPD und Union. Die AfD ist nun bei fast 30 Prozent in einer landesweiten Umfrage und liegt damit sieben Prozentpunkte vor der Union. Die SPD, die hat nach dieser Umfrage von Insa nur noch zwölf Prozent, liegt damit zwei Prozentpunkte vor der Linkspartei, die zehn Prozent hat. Ja, Michael, und in Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern, wo im Herbst gewählt wird, da sind die Werte für die AfD noch mal dramatischer.
Sprecher 4: Man hat fast das Gefühl, dass es so eine Sehnsucht dieser Protestbewegung in Deutschland gibt, der schwarz-roten Koalition in diesen Umfragen nochmal einen mitzugeben. Es war ja oft so, dass die AfD nur in den Umfragen gut war und dann bei den Landtagswahlen oder bei den Wahlen am Ende nicht so gut abgeschnitten hat. Irgendwie habe ich das Gefühl, dieses Mal könnte es anders sein, wenn diese Koalition nicht endlich die Kurve kriegt.
Sprecher 3: Ja, also in Sachsen-Anhalt tatsächlich ist es mittlerweile 41,6 Prozent für die AfD in Umfragen zu 24,9 für die CDU. Das ist ein Abstand von mehr als 15 Prozentpunkten. Jetzt wenige Monate nur vor der Wahl, Anfang September. Ja, es ist ein interessantes Phänomen. Lange Zeit war es ja so, dass die Leute eher in Umfragen zurückhaltend waren und sich nicht so richtig getraut haben, sich zur AfD zu bekennen und dann in der Wahlstube heimlich ihr Kreuz gemacht haben. Jetzt ist die AfD salonfähig geworden, jedenfalls mal im Osten. Da spricht man. Man ist offener darüber, ob man die Leute dann am Ende wirklich das Kreuz machen. Da ist es in der Vergangenheit jetzt bei Landratswahlen in Brandenburg auch schon mal anders gewesen, dass dann die CDU noch aufholen konnte oder die SPD. Also Protest ist das eine. Es gibt auch Analysten, Politologen, die von Rache sprechen, die also sagen, eigentlich wird die AfD nicht für Inhalte gewählt, sondern dafür, dass man ein bisschen sein Mütchen kühlt und sagt, das habt ihr jetzt davon. Und gegen Rache, ja, da hilft weder eine sanfte Erhöhung des Bürgergelds, das haben wir schon gesehen, noch sicherlich andere Wohltaten oder Streicheinheiten über den Kopf. Aber was dagegen hilft, das hat eben auch keiner bisher so richtig sagen können.
Sprecher 4: Der Denkzettel als neuer Leitstern in dieser Demokratie, den musste wieder einmal auch der Kanzler erfahren, der beim Katholikentag in Würzburg auch selbst dort der katholische Christdemokrat aus dem Sauerland auf Proteste und Demonstranten traf und dann auch nicht ganz so souverän reagierte. Hören wir mal rein.
Sprecher 5: Also jetzt kommen wir mal zum Thema zurück. Ja, gucken Sie, sehen Sie? Und das, und wissen Sie, meine Damen und Herren, und das ist das, was ich mit Toleranz gemeint habe. Entschuldigung. So, das hat mit Toleranz jetzt nichts mehr zu tun.
Sprecher 3: Ja, weil Friedrich Merz, der über diesen Protest den Kopf schüttelt, empört, sichtbar empört ist, hat eben trotzdem eingeräumt, ja, es gibt auch Kommunikationspannen, wobei wir erinnern uns an die Ampel. Wenn einem nichts mehr einfällt, sagt man, die Kommunikation ist falsch und sagt damit ja auch immer mit, eigentlich ist die Politik falsch. Gut, die Leute verstehen sie nur nicht. Das, meine Prognose, wird sicherlich nicht reichen.
Sprecher 4: Ja, und Kommunikation ist ja immer dann nur ein Problem, wenn dahinter die Beteiligten kein Vertrauen mehr zueinander haben, weil sonst würde man sich ja den ein oder anderen politisch zugespitzten Satz verzeihen. Ich nenne mal zwei Beispiele, wo es da gerade hakt. Eines der besten Gesetze dieser Regierung, das Infrastruktur-Zukunftsgesetz, da geht es darum, dass endlich in diesem Land, und man schaue sich manche Automan-Baustelle hier an in Berlin, aber egal, dass manche Projekte einfach mal schneller umgesetzt werden, wenn sie mal beschlossen wurden. Dafür müssen ein paar rechtliche Instanzen weg und man muss die ein oder andere Klageweg auch mal beschneiden. Hat diese Koalition vor Monaten bereits beschlossen, hängt immer noch im Bundestag. Jetzt sind es SPD-Umweltpolitiker, die blockieren. Und das andere ist, dass zwischen diesem Kanzleramt und dem Vizekanzleramt, Helene, gerade auf der Fachebene es harkt. Nach unserem Bericht über die Scherperrunde, eigentlich eine harmlose News, dass sich ein paar Menschen im Kanzleramt treffen und wichtige Dinge verhandeln, wurden die Beamten im Finanzministerium auf unterer Ebene angewiesen, jetzt mit dem Kanzleramt vorsichtiger zu kommunizieren. Da sollen keine E-Mails mehr verschickt werden und Papiere nur noch physisch übergeben werden. Also auf diesen unteren Ebenen funktioniert das Vertrauen einfach nicht mehr.
Sprecher 3: Ja, und wenn das Vertrauen weg ist auf Arbeitsebene, dann wird es wirklich ganz schwer, wenn man sich misstrauisch beäugt, wenn man sich gegenseitig nichts mehr gönnt und nicht mehr an einer gemeinsamen Lösung arbeitet. Ja, dann kann man von Zerrüttung sprechen. Dann gibt es eben auch viele offene Fragen, wie etwa die Reiche. Steuer, wo jetzt ja Alexander Hoffmann, der Landesgruppenvorsitzende der CSU, gesagt hat, er könne sich eine Erhöhung durchaus vorstellen. Das ist aber für manche in der CDU wiederum schwer zu verdauen. Sie erwarten dann von der SPD sichtbare Zugeständnisse. Die SPD aber so verwundet, wie sie ist. Kann sich das derzeit nicht leisten. Wir haben gesehen, wie Bärbel Baas beim Gewerkschaftstag gesprochen hat, wo sie selber nochmal die Gräben zur Union ja deutlich gemacht hat, als sei sie auch ein bisschen stolz darauf, ihre Position zu behaupten. Also man ist über Kreuz und da muss man sich vielleicht auch nicht wundern über... Diese Werte für die AfD, so zynisch das jetzt klingen mag.
Sprecher 4: Und einer der Architekten dieser Koalition, der Ökonom Clemens Fust aus München, der dieses berühmte Papier ganz zu Anfang von Schwarz-Rot mitverantwortet hat, nämlich Sondervermögen für die Infrastruktur und für die Bundeswehr aufzulegen, um einmalig die Schuldenbremse nochmal anzugehen, obwohl er ein liberaler Ökonom ist, der sagt jetzt, Bemerkenswert, wie ich finde, in einem Interview in der Neuen Osnabrücker Zeitung. Wenn eine Regierung nicht in der Lage ist, sich auf dringend benötigte Reformen zu einigen, ich zitiere ihn, dann sei es doch besser, neu zu wählen.
Sprecher 3: Am Dienstag immerhin könnte es weitergehen. Da trifft sich die von den Fraktionen eingesetzte Arbeitsgruppe zum Thema Subventionsabbau. Michael, hoffen wir, dass es da dann vielleicht sogar gute Nachrichten gibt.
Sprecher 4: Todgesagte regieren vielleicht doch länger. Ende Juli soll alles wieder in ein großes Steuer- und Rentenkonzept gehen. Auch das hat Frank de Merz ja angekündigt. Erwartungsmanagement mal wieder ganz oben in der Sommerpause, Helene. Entweder gibt es dann diese Koalition noch, weil sie tatsächlich was umgesetzt hat, oder wir werden alle über Neuwahlen reden.
Sprecher 3: Das eine Treffen der Giganten ist gerade vorbei. Donald Trump und Xi Jinping mit dem üblichen Lob, das Trump gerne den Diktatoren dieser Welt entgegenbringt. Es ist eine Ehre, dein Freund zu sein, so hat Trump gesagt. Und als nächster in Peking zu Gast ist nun... Vladimir Putin.
Sprecher 4: Ja, man muss sagen, gut, dass Trump überhaupt da war und die beiden geredet haben, war so richtig zählbar. Es ist tatsächlich nicht rumgekommen. Man hat das Gefühl, der Chinese will vor allem von Trump das Bekenntnis, dass er in Taiwan nicht eingreift. Und er hat auf dem Rückflug mehreren amerikanischen Journalisten immer wieder die Aussage verweigert, Donald Trump, dass er zu einer militärischen Hilfestellung weiterhin steht. Also vielleicht hat Xi den amerikanischen Präsidenten da schon ein bisschen zurückgeholt und gleichzeitig braucht Trump den chinesen Umdruck auf den Iran zu machen in der Straße von Hormuz.
Sprecher 3: Ja, und dann ist die Frage, wie strategisch da überhaupt Trump vorgeht. Das hat ja Friedrich Merz neulich zu Recht gesagt. Gibt es überhaupt eine Strategie in der amerikanischen Außenpolitik? Also man fragt es sich, denn mit solchen... Verunsicherungen, die er herbeiführt, indem er nicht klar sagt, natürlich stehen wir an der Seite Taiwan, sondern indem er das alles offen lässt und so weiter, führt das zu einer massiven Verunsicherung, die er ja auch schon innerhalb der NATO ausgelöst hat, die er gegenüber der Ukraine ausgelöst hat und die er mit dem Iran-Krieg ausgelöst hat. Ein außenpolitischer Scherbenhaufen. Ich glaube, das ist keine Übertreibung.
Sprecher 4: Ja, und vor allem, da hilft es uns allen bei dem Konflikt, über den wir viel zu selten inzwischen reden, nämlich der Ukraine. Ich bin gespannt, was Gschi und Putin dann wieder auf den Rücken der Ukrainer da vereinbaren. Wir werden es an dieser Stelle sicherlich für Sie berichten, liebe Zuhörer.
Sprecher 6: We fought this election campaign on a big national slogan. You might remember it. It said, vote, reform and... And I tell you what, he'll be gone by the middle of the summer, the most unpatriotic, worst, least prepared prime minister we've ever seen in this country. And we will have seen the back of him. We should be proud of that as well.
Sprecher 4: Wenn die britischen Umfragen morgen zu Wahlen führen könnten, dann wäre der Kopf der Brexit-Bewegung Nigel Farage wohl der neue britische Premierminister. Soweit ist es zum Glück noch nicht. 2029 sind erst die nächsten offiziellen Wahlen, aber der britische Premier Keir Starmer wird dann sicherlich nicht mehr im Amt sein, denn die Labour-Party setzt ihn massiv unter Druck. Zwei mögliche Gegenkandidaten laufen sich bereits warm. Der ehemalige Gesundheitsminister Wes Treating will ihn herausfordern aus der eigenen Partei heraus, aber auch vor allem auch der sehr populäre Bürgermeister von Manchester, Andy Burnham. Die Tage von Keir Starmer sind gezählt und das vor einer historischen Krise, in der sich dieses Land befindet. Inflation, ökonomische Probleme, nationalistische Tendenzen in Wales und in Schottland. Es wird also Zeit, mal bei einer der Expertinnen wieder durchzuklingeln, die hier schon viel zu lange nicht mehr bei uns im Podcast war, die sich aber mit Großbritannien auskennt wie kaum eine andere. Annette Dittert, die langjährige ARD-Korrespondentin, die in einem schönen, süßen Hausboot mitten in London lebt. Wir haben sie gestern in London erreicht. Hallo, liebe Annette.
Sprecher 7: Thanks for having me, wie man in London sagt. Hallo.
Sprecher 4: Hallo. Es gibt einen anderen schönen englischen Posterspruch, der heißt Keep Calm and Carry On. Für Keir Starmer gilt das wohl nicht mehr, oder?
Sprecher 8: Ja, das gilt generell für die Briten nicht mehr wirklich seit dem Brexit. Wir sind ja jetzt beim sechsten oder wenn er dann zurücktritt beim siebten Premier innerhalb von nur zehn Jahren. Also ich würde mal sagen, die Briten sind eher das neue Italien jetzt.
Sprecher 4: Die Stabilität ist natürlich auch aufgrund der geopolitischen Krisen, auch der ökonomischen Krise in diesem Land akut in Gefahr. Lass uns aber mal eben mit seiner parteipolitischen Situation anfangen. Hat er aus deiner Sicht überhaupt noch eine Chance, sich aus diesem Mix aus Rücktrittsforderungen und öffentlicher Kritik wieder zurückzukämpfen?
Sprecher 8: Er hat das ja letzte Woche noch versucht, aber ich würde sagen, so wie die Woche zu Ende gegangen ist, wird er diesen Sommer die nächsten Wochen sogar nicht mehr politisch überleben können. Es haben sich mittlerweile zwei ernsthafte Nachfolger warm gelaufen. Andy Burnham, der Bürgermeister von Manchester.
Sprecher 9: I've been in politics 25 years and I've heard this cry about we're fed up, politics isn't working, you know, Westminster isn't answering things. And I've seen this frustration build all of those years. And the gap between sort of politicians and the public is as wide as it's ever been. And I don't blame anyone who's left our party and voted for other parties. You know, I really don't. You know, our party needs to do better.
Sprecher 8: Und Wes Treating, der Gesundheitsminister.
Sprecher 10: For the first time in our country's history, nationalists are in power in every corner of the United Kingdom. Our time in government is precious. We must not waste it. Change begins with an argument. You don't make progress without one. That's why this week I call for a battle of ideas, not personalities. Because we haven't had a debate in the Labour Party about who and what we're for in more than a decade.
Sprecher 8: Und einer von den beiden dürfte das Rennen eigentlich machen. Ich glaube nicht, dass es noch einen Weg gibt, dass Starmer sich im Amt halten kann. Und die Briten hoffen jetzt und auch die Labour-Partei hofft jetzt, dass er eher den Weg für einen geordneten Rückzug freimachen wird. Und das könnte schon in den nächsten Wochen geschehen.
Sprecher 4: Was sagt das über den Zustand der Labour Party aus, auch gerade vor dem Hintergrund, dass Nigel Farage, Reformpartei, ja in den Umfragen deutlich vorne liegt in diesem Land?
Sprecher 8: Naja, das zeigt vor allem, dass die Labour-Partei die Nerven verloren hat. Es gab eigentlich, wenn man mal einen Schritt zurücktritt, überhaupt keinen Grund, nach diesem Wahlergebnis so nervös zu werden. Denn das war ja eigentlich eingepreist. Das war klar, dass Labour verlieren würde. Und unterm Strich hat Reform gar nicht so krass gewonnen, wie man gedacht hatte. Und auch Labour hat nicht ganz so viele Sitze verloren. Es war katastrophal. Aber man hätte eigentlich danach auch sagen können, Leute, das sind die Midterms, das ist klar. Dass aber die Partei dann so die Nerven verloren hat, das hängt damit zusammen, dass Keir Starmer eben ein so unglaublich unpopulärer Premier ist, der auch auf dieses Wahlergebnis eben sehr unklug und untaktisch reagiert hat, indem er versucht hat, es einfach wegzudrücken. In einer lange und mit Spannung erwarteten Rede am Montag letzter Woche, also vor einer Woche, angekündigt hat, er würde jetzt den kompletten Neustart verkünden. Und dann war es wieder nur der Charme eines Aktenschranks.
Sprecher 11: Despair on which they pray. They exploit and amplify. And so analysis matters, but argument matters more. Evidence matters, but so too does emotion. Stories beat spreadsheets. People need hope. So we will face up to the big challenges. And we will make the big arguments, the Labour case, that only Labour values and Labour policies can ensure our country not only weathers these storms, but emerges stronger and fairer.
Sprecher 8: Und da haben dann die Leute einfach die Nerven verloren. Und jetzt ist eine Art Bürgerkrieg in der Labour-Partei ausgebrochen. Und man kann, wie gesagt, wirklich nur hoffen, dass sie das hinkriegen, dass es einen einigermaßen geordneten Rückzug damals gibt und dann im Herbst wahrscheinlich erst die Kür eines Nachfolgers. Denn jede Art von öffentlicher Streiterei, so wie das jetzt letzte Woche angefangen hat, die nützt natürlich am Ende nur Farage und den Rechtspopulisten.
Sprecher 4: Würdest du also nicht sagen, es ist eine Krise der politischen Mitteparteien in Großbritannien, sondern auch eine Personality-Krise, weil dieser Mann eben den Charme eines Büroschranks, sagst du, aber jedenfalls nicht von Barack Obama oder Emmanuel Macron hat?
Sprecher 8: Also es ist beides. Also ich meine, die Tory-Partei ist ja im Grunde schon aus dem Status einer Volkspartei, hat die sich ja verabschiedet seit den letzten Wahlen. Die sind ja nur noch eine Rumpfpartei. Und Labour, die Sozialdemokraten, das war ja die eigentliche andere große Volkspartei und die sind in den Umfragen. Fragen im Moment wirklich auch nur an vierter, fünfter Stelle oft. Das heißt, es ist eine Krise der Volksparteien, aber das wird noch beschleunigt und verschärft dadurch, dass Keir Starmer eben... Ja eigentlich auch fast ein bisschen absurd, so eine Hassfigur geworden ist, weil er im Grunde diesen Vertrauensverlust in die alte Art Politik zu machen fast als Person verkörpert. Und das ist ganz interessant, weil der ist eigentlich, wenn man einen Schritt zurück tritt, einfach nur ein sehr mittelmäßiger Premier. Aber das geht eben in diesen Zeiten heute nicht mehr. Die große Frage ist eben nur, ob Labour durch den Austausch des Spitzenmanns auch nur irgendetwas erreicht, außer Chaos bis in den Herbst. Denn diese Regierungskrise wird sich nicht schnell lösen. Das wird frühestens im September auf dem Labour-Parteitag klar, wer dann der Nachfolger wird.
Sprecher 4: Lass uns kurz über die Konkurrenten reden, den Gesundheitsminister und den Bürgermeister von Manchester, Andy Burnham. Was unterscheidet die beiden und vor allem im Hinblick auf die Politik zur Europäischen Union?
Sprecher 8: Die beiden unterscheidet, dass der Bürgermeister von Manchester, Andy Burnham, der eigentlich der Kronprinz ist, auf den sich eigentlich alle am ehesten einigen könnten, der gehört zum soft linken Flügel. Der hat aber das Problem, dass er noch keinen Abgeordnetensitz hat. Das heißt, es muss erstmal eine Nachwahl geben, wo er dann gekürt wird zum Abgeordneten, um überhaupt dann kandidieren zu können für die Nachfolge Keir Starmer. Der jetzige Gesundheitsminister eher zum rechten Flügel gehört, noch eine klarere Haltung zur EU hat. Der hat auch jetzt diese Woche nochmal gesagt, dass er... erfindet, dass die Briten wieder zurückgehen müssen, also rejoin. Das allerdings hat Burnham auch gesagt immer mal wieder. Der hat nur das Problem, dass der Wahlkreis, in dem er jetzt antreten muss, im Juni wird das wahrscheinlich sein, da ist für ihn jetzt ein Sitz freigemacht worden, aber den muss er erst gewinnen, dass das ein Farage, ein Brexit-Wahlkreis ist. Das heißt, das wird jetzt ganz übel werden im Juni, denn Farage hat schon erklärt, dass er dagegen Burnham seine besten Leute ins Feld schicken wird. Und die Gefahr ist sehr groß, dass das wirklich dann wieder so eine alte Brexit-Schlacht wird, wo man eben Burnham vorwerfen wird, er wolle die Immigranten ins Land lassen und wo man diesen ganzen... Populistischen Kulturkampf dann wieder neu inszeniert. Und ich fürchte einfach, dass die nächsten Wochen wirklich vor allem Instabilität und Chaos bringen und dass das alles eben nicht der Labour-Partei nützt, sondern eben vor allem Farage.
Sprecher 4: Aber könnte es auch anders ausgehen, weil die Briten ja nun jetzt zahlreiche Studien in den letzten Jahren lesen mussten, nach denen die ökonomischen Probleme ihres Landes ja auch mit dem Brexit zusammenhängen. Gibt es eine neue Rejoin-Bewegung auch derjenigen, die damals für den Brexit gestimmt haben?
Sprecher 8: Ja, ja, also sagen wir mal so, es gibt eine ganz klare Mehrheit der Briten in allen Umfragen, die sagen, dass der Brexit ein Fehler war. Das heißt aber noch lange nicht, dass die nochmal abstimmen wollen oder diesen Kulturkrieg nochmal wollen. Also die wenigsten sagen, wir wollen ein neues Referendum. Und das ist das Problem. Und wenn Farage jetzt in die... in dieser Nachwahl in diesem kleinen Städtchen bei Manchester, wo eben Andy Burnham, der Kronprinz, gewinnen muss, wenn der die wieder zu so einer Brexit-Schlacht macht, dann kann es gut sein, dass in diesem kleinen Wahlkreis, wo eben vor allem Brexiteers sitzen, dass er da gegen Burnham gewinnt. Und ich meine, was ist das denn dann? Dann hat die Labour-Partei quasi in einer... Sinnlosen Minischlacht ihren Kronprinz gegen Farage verloren, dann wird es richtig düster.
Sprecher 4: Hat denn Farage jenseits des Hasses auf die EU-Bürokraten ein Thema? Gibt es denn dieses Migrationsthema bei dir im Land noch so sehr wie vor ein paar Jahren?
Sprecher 8: Das Verrückte ist ja, dass die Migration, also die Einwanderungszahlen im Moment auf einem historischen Tief sind. Dass Starmer das nur nicht richtig kommuniziert. Deswegen hat Farage im Moment diese Debatte eigentlich zurückgefahren. Aber er weiß, er kann die Fakten frei trotzdem jederzeit wieder anheizen. Vor allem eben, wenn sich demnächst der ganze Zirkus, also diese ganzen hysterischen britischen Reporter in dieses kleine Örtchen begeben werden im Juni, um da zu sehen, ob Burnham gegen Reform gewinnen kann. Also das kann man noch immer aktivieren, obwohl es im Grunde gar kein Problem mehr ist. Im Gegenteil. Der sehr konservative Fraser Nelson von der Times hat neulich erst nochmal vorgerechnet, dass die gefallenen Einwanderungszahlen ein massives Problem für die Arbeitsmärkte jetzt werden können. Also dass sich das genau andersrum dreht. Das Problem ist eben nur, dass Starmer das einfach nicht... auch nicht kommuniziert, so wie er viele andere Erfolge, die er durchaus gehabt hat und eben auch viele Gesetze, die er durchgebracht hat. Es ist ja nicht so, dass er nichts gemacht hätte. Eben auch da seine Erfolge überhaupt nicht kommunizieren könnte. Und das ist Teil der Begründung, warum eben er so verhasst ist, auch in seiner eigenen Partei.
Sprecher 4: Wir reden über Great Britain, aber in Wahrheit gibt es ja Unabhängigkeitsbewegungen, zum Beispiel in Wales und Schottland, wie seit vielen Jahren nicht mehr. Wie stark ist auch die Sorge, dass Großbritannien zerfällt?
Sprecher 8: Die Sorge gibt es tatsächlich, auch wenn das nicht unmittelbar bevorsteht. Aber das war ja bei diesen Wahlen am 7. Mai, das waren ja nicht nur Regionalwahlen in England, das waren ja auch Landtagswahlen in Schottland und Wales. Und in beiden Ländern, in Schottland und in Wales, haben jeweils die Parteien gewonnen, die für die Unabhängigkeit von Schottland und Wales sind. Also in beiden Ländern haben sich das erste Mal Parteien durchgesetzt, die dieses Konstrukt Großbritannien verlassen wollen. Und das ist wirklich ein Novum. Und das ist etwas, was schon sehr viele in London beunruhigt jetzt, zumal die jetzt zunehmend zusammenarbeiten werden. Und wenn man sich das gesamte Königreich anguckt, da gehört ja auch noch Nordirland dazu. In Nordirland ist die Regierungschefin von Sinn Féin, das ist die alte, der politische Arm der IRA, die auch die Wiedervereinigung Nordirlands mit Irland wollen. Das heißt, man hat jetzt in den vier Ländern des Vereinigten Königreichs, in drei Ländern, Nordirland, Schottland und Wales, jeweils Regierungschefs, die nicht mehr mit den Engländern spielen wollen. Und das wird mittelfristig Konsequenzen haben. Und das wird auch nochmal interessant. Und da sieht man eben eine ähnliche Zersplitterung in nationalistische Stammeskämpfe, wenn man so will, auch wenn das linke Nationalisten sind in Schottland und Wales. Wie man das in England sieht, wo ja auch die Parteienlandschaft zunehmend zersplittert mit Reformen, den Grünen, Labour, den Tories und den Liberaldemokraten.
Sprecher 4: Great Britain bleibt also ein großes, komplexes politisches Gebilde und wir lieben es trotzdem und sind froh, Annette, dass du weiterhin vor Ort bist.
Sprecher 8: Ja.
Sprecher 4: Vielen Dank für deine Analyse an diesem Tag.
Sprecher 8: Gerne. Bitteschön.
Sprecher 3: Mick, mein Lieber, war doch was.
Sprecher 4: Ich trage ja seit 980 Jahren immer noch die gleiche tolle Fossil-Uhr, aber eine andere Uhr hat am Wochenende die Massen begeistert, wirklich weltweit, nämlich eine komische Plastik-Pop-Uhr von Swatch, die zusammen mit dem Schweizer Luxus-Uhrenhersteller Audemars Piguet gebaut, hergestellt, wie auch immer, jedenfalls exzellent vermarktet wurde, denn die Menschen standen überall Schlange. Teilweise haben sie über Nacht gewartet darauf, dass die Swatch-Läden in Köln, Düsseldorf oder Amsterdam endlich aufmachen.
Sprecher 3: Ja, wirklich erstaunlich, dass es noch Begeisterung für Uhren gibt. Man denkt ja, man hat das Handy und da ist alles drauf oder dann die Apple Watch, wo auch alles drauf ist. Ich trage seit vielen, vielen Jahren gar keine Uhr mehr. Irgendwie mag ich das nicht am Handgelenk, habe so oft Uhren verloren, weil ich sie immer, sobald ich mich irgendwo hingesetzt hatte, gerne auch im Hörsaal der Universität, meine Uhr abgemacht und habe viele Stunden und Tage damit verbracht, Uhren wiederzufinden, zu suchen, nämlich in Hörsälen, Bibliotheken. Und irgendwann habe ich dann einfach damit aufgehört. Habe auch das Gefühl, es ist eh alles so hektisch, wenn man dann nicht immer noch eine Uhr hat, die am Handgelenk tickt.
Sprecher 4: Ich freue mich jedenfalls für Swatch. Lang nichts mehr gehört. Ich dachte, die gibt es schon gar nicht mehr. 400 Euro kostet sie eigentlich und das Unternehmen sagt auch, man werde die einfach natürlich weiter produzieren. Aber im Internet kursieren jetzt schon die ersten Angebote für T. 1.200 bis 6.000 Euro. Da versuchen manche eben vielleicht gar nicht eine Leidenschaft für eine Swatch-Uhr zu entwickeln, sondern ein kleines Geschäft. Verrückte Zeiten. In diesen wirklich anstrengenden Zeiten hat das ja fast etwas Tröstliches, dass es einen Run auf eine Uhr gibt.
Sprecher 3: Ja, in der Tat, das hat etwas Altmodisches, etwas Idolhaftes und doch auch etwas von einem gebrochenen Traum, denn sind nicht eigentlich andere Dinge noch schöner als ein Stück Plastik am Arm?
Sprecher 4: In diesem Sinne, Dienstag wieder Table Today ab 5 Uhr. Bis dahin, ciao, ciao.
Sprecher 3: Wir freuen uns. Tschüss.
Sprecher 12: We wrote the only one that I have ever known. Don't know where it goes, but it's only me and I walk alone. I walk this empty street on the boulevard of broken dreams. Where the city sleeps and I'm the only one and I walk alone. I walk alone, I walk alone. I walk alone, I walk up My shadow's all in one that walks beside me My shadow heart's the only thing that's beating Sometimes I wish someone up there will find me Till then I walk alone I walk alone, I walk alone.
Sprecher 13: Bringe deinen Tag auf Touren und arbeite intelligenter mit Acrobat Studio. Kombiniert Acrobat Pro Tools, KI-gestützte Arbeitsbereiche, Assistenten und Inhaltserstellung. Alles an einem Ort. Deine Daten sind damit sicher und sie werden niemals für Trainingszwecke eingesetzt. Arbeite schneller, intelligenter, erledige mehr mit Acrobat Studio. Mach es einfach mit Acrobat. Probiere es jetzt auf adobe.com slash acrobat aus. Ingrid und Indite präsentieren Jobs, bei denen man sich keinen Fehler erlauben darf. Heute Steuerberaterin.
Sprecher 14: Wie sieht meine Steuererklärung aus? Super Neuigkeiten. Sie müssen dieses Jahr keine Steuern zahlen. Wie? Ich habe drauf geschrieben, nein danke. Das Finanzamt muss das respektieren.
Sprecher 13: Ingrid! Das ist ein Job für Premium-Stellenanzeigen. Mit richtigen Profis wäre das nicht passiert. Vertraue Ingrid, versuch Indeed und finde qualifizierte Talente mit Premium-Stellenanzeigen. Mach's dir Indeed einfach. Jetzt auf indeed.de slash recruiting.