Wie haben Sie Österreich digitalisiert, Herr Kanzler?
Ex-Bundeskanzler Wolfgang Schüssel erklärt Österreichs Verwaltungsreform der 2000er Jahre. Unter extremem Budgetdruck modernisierte er ein 250 Jahre altes System radikal. Unter seiner Führung ist Österreich zu einer führenden Nation in Sachen Digitalisierung geworden. Schüssel sagt: „Das Schwierigste ist, die Einstellung zu ändern.“ Seine Empfehlung: Die Digitalisierung muss Chefsache sein.
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Die Bundesregierung bremst den Anstieg der Sozialabgaben. Krankenkassenbeiträge sollen ab 2026 nicht mehr steigen. Ohne Reform drohen bis 2035 Sozialversicherungsbeiträge von 49 Prozent - aktuell liegen sie bei 42 Prozent. Das Problem: Die Kosten verschwinden nicht, sondern werden auf den Staatshaushalt verlagert.
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Die Bundeswehr will ihre Reserve von 100.000 auf 200.000 Soldaten ausbauen. Generaloberstabsarzt Nicole Schilling, ranghöchste Soldatin Deutschlands, sieht ungenutztes Potenzial: "Wir haben in der Tat immer noch etwa 800.000 Reservisten, die mal gedient haben, die mal ausgebildet worden sind, die auch noch, ich sage jetzt mal, platt im wehrfähigen Alter sind, von denen aber tatsächlich nur eine sehr begrenzte Zahl regelmäßig übt."
Wie sollen Reservisten ‚mobilisiert‘ werden?
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Transkript
Sprecher 1: Table Today mit Michael Bröker und Helene Bubrowski.
Sprecher 2: Ein kleines Aufatmen für alle Arbeitnehmer. Die Bundesregierung hat angekündigt, dass die Beiträge für die Kranken- und Pflegeversicherungen im nächsten Jahr nicht weiter steigen sollen. Es gibt aber ein großes Aber. Dazu gleich mehr.
Sprecher 3: Der Wehrdienst, der neue Wehrdienst von Boris Bistoris. Er soll ja vor allem die Reserve aufstocken, gar nicht die aktive Truppe. Und diese Reserve, die berühmten Reservisten, die sollen von 100.000 auf 200.000 wachsen. Geht das überhaupt? Und was wird von denen verlangt? Wir reden mit der ranghöchsten Soldatin der deutschen Bundeswehr, Nicole Schilling, der stellvertretenden Generalinspekteurin.
Sprecher 2: Von Österreich lernen, das geht. Das Land hatte eine hohe Abgabenlast bei Arbeitnehmern und eine besorgniserregende Arbeitslosigkeit und ein veraltetes Verwaltungssystem. In den 2000ern. Ein Mann hat das in den Griff bekommen. Es ist Wolfgang Schüssel, der damalige Kanzler. Wir wollten von ihm wissen, wie er das geschafft hat und was die deutsche Bundesregierung von ihm lernen kann.
Sprecher 3: Straßenlaternen könnten in Zukunft aus den Stadtbildern verschwinden. Was stattdessen Licht spenden soll, darüber reden wir hier ganz zum Schluss an diesem Freitag, den 5. September. Los geht's.
Sprecher 2: Immer weniger netto vom Brutto. So geht es vielen Arbeitnehmern. Sie kriegen eine ziemlich dicke Gehaltserhöhung und es bleibt nur ziemlich wenig auf dem Konto übrig. Das wird noch schlimmer, wenn es jetzt keine Reformen bei den Sozialversicherungen gibt.
Sprecher 3: Ja, immer weniger Netto vom Brutto. Das ist eben kein Steuerproblem in Deutschland, sondern vor allem ein Abgabenproblem. Es gibt eine Studie, die besorgniserregend ist. Bis 2035 könnten die Beiträge in den Sozialversicherungen auf 49 Prozent anwachsen. Wir sind derzeit bei knapp 42 Prozent. Das ist eine Wachstums- und Beschäftigungsbremse. Das weiß die Bundesregierung. Darüber ging es auch im Koalitionsausschuss, übrigens spätabends noch am Mittwochabend. Und nun wurde immerhin ein wichtiger Beschluss gefasst, Helene, die Krankenkassenbeiträge. Sie sollen ab 01.01.2026 nicht steigen.
Sprecher 2: Ja, das ist ein gutes Signal, denn wenn man das mal mit den Steuern zusammenzählt, also 49 Prozent, wenn wir mal davon ausgehen bis 2035, dann sind das für die Arbeitnehmer 25 Prozent mit einem Steuersatz von 30 oder so ungefähr Prozent, sind wir bei weit über 50 Prozent dessen, was man an Steuern und Abgaben hat. Das heißt, der Nettobetrag ist eben deutlich weniger als die Hälfte des Bruttogehaltes. Und das ist natürlich bitter. Da ist Arbeit einfach viel zu teuer. Bleibt natürlich das Problem, wie dann das teure Gesundheitssystem finanziert werden muss. Daran muss sich jetzt Nina Wagen, die neue Gesundheitsministerin, probieren.
Sprecher 3: Ja, es gibt ja mindestens 50 Kommissionen, die in diesem Koalitionsvertrag irgendwie angedeutet sind. Und eine der wichtigsten ist eben am Ende nicht nur die Sozialstaatskommission, sondern auch die Pflege- und die Gesundheitskommission. Wir müssen am Ende auch zu Leistungskürzungen kommen oder weniger Krankenhausaufenthalten, weniger Operationen, weniger Arztbesuchen. Anders ist es nicht möglich, weil sonst zahlen wir zwar keine höheren Abgaben mehr, aber der Steuerzuschuss in die Sozialversicherungssysteme wächst über unsere alle Ohren hinaus. Also einen der beiden Tode wird man sterben müssen.
Sprecher 2: Und regierungsintern, jedenfalls berichtet das die Bild-Zeitung, wird nun schon gerechnet, dass ein Ausgleich für eine Erhöhung des Pflegeversicherungssatzes um 0,1 Prozent etwa 2 Milliarden Euro kostet. Also wenn man eigentlich den Versicherungssatz anheben müsste, das aber nicht tut, damit Arbeit nicht noch teurer wird und es aus dem Steuertopf, aus dem Haushalt bezahlt wird, dann wird das eben auch sehr, sehr teuer. Also wieder mal, Michael, an allen Ecken und Enden fehlt das Geld. Die Frage ist, ob sich durch die Krankenhausreform grundlegend etwas ändert.
Sprecher 3: Ja, wir haben immerhin die Aussicht auf weniger Klinikeinsätze, weniger Betten soll es in Deutschland geben und dadurch wahrscheinlich auch weniger Pauschalen, die bezahlt werden müssen für die Kliniken, wenn weniger Menschen in die Krankenhäuser gehen. Aber das ist ja nur ein kleiner Teil. Ich musste an den CEO-Roundtable denken, Helene, den wir gestern hatten. Unter anderem war ja der Digitalminister da, aber auch der SAP-Vorstand Saueressig und alle diese Gesprächsteilnehmer. Auch unser Partner von Soprasteria sagte, wir haben ja schon lange kein Erkenntnisproblem mehr, sondern ein Umsetzungsproblem. Am Ende ist das jetzt eine Frage. Friedrich Merz, Lars Klingbeil, was traut ihr euch zu?
Sprecher 2: Kriegstüchtigkeit ist das Wort, das der Verteidigungsminister gefunden hat für die große Aufgabe, die für Deutschland liegt. Eine verteidigungs- und handlungsfähige Bundeswehr braucht allerdings auch dringend eine funktionierende Reserve. Momentan sind es rund 100.000 Soldatinnen und Soldaten, die in der Reserve sind. Und das Ziel ist, auf 200.000 zu kommen, also die bisher bestehende Reserve zu verdoppeln. Wie kann das gehen? Das hat Nana Brink, unsere Kollegin vom Security Table, mit der Stellvertreterin des Generalinspekteurs, Generaloberstabsarzt Nicole Schilling, besprochen. Sie ist die ranghöchste Soldatin Deutschlands.
Sprecher 4: Frau Dr. Schilling, schön, dass Sie da sind.
Sprecher 5: Ja, vielen Dank für die Einladung.
Sprecher 4: Räumen wir gleich am Anfang ein Thema ab, was Sie wahrscheinlich auch beschäftigt. Die Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen hat ja am Wochenende gesagt, dass es schon eine ganz konkrete Planung gibt darüber, ob man nun eine Sicherheitstruppe, also europäische Truppen in der Ukraine stellen wird. Thema Sicherheitsgarantien. Der Verteidigungsminister war nicht so ganz einverstanden, wenn ich ihn richtig gehört habe. Tja, gibt es diese Planungen? Wie konkret sind die?
Sprecher 5: Also ich glaube, das Entscheidende ist ja, tatsächlich auch anzuerkennen, dass das natürlich auf der politischen Ebene alles gründlich durchdacht und besprochen werden muss und dass man erst nachdem man Beschlüsse gefasst hat und einen Konsens gefunden hat, dann mit einem gemeinsamen Plan auch an die Öffentlichkeit gehen wird. An diesem Punkt sind wir halt jetzt noch nicht, wo das ganz konkret wird. Ich sage mal, aus der militärischen Perspektive ist schon unser Ratschlag auch in der Tat, nicht immer alle Optionen gleich offen zu legen und auch nicht vom Tisch zu nehmen, sondern so eine gewisse Ambiguität zu erhalten. Und insofern werden wir uns wahrscheinlich in dieser Phase alle noch ein wenig gedulden müssen.
Sprecher 4: Ein anderes großes Thema ist ja die Reserve. Die soll von rund 100.000 auf 200.000 aufgestockt werden. Der Reservistenverband, also da dessen Chefpratik Sensborg, Oberst der Reserve im Übrigen, der sagt auch, wir haben da eigentlich alle Potenziale ausgeschöpft in der Truppe.
Sprecher 5: Wir haben in der Tat immer noch etwa 800.000 Reservisten, die mal gedient haben, die mal ausgebildet worden sind, die auch noch, ich sage jetzt mal platt, im wehrfähigen Alter sind, von denen aber tatsächlich nur eine sehr begrenzte Zahl regelmäßig übt. Und insofern würde ich jetzt dem Präsidenten des Reservistenverbandes noch nicht so zustimmen zu dieser Aussage. Ich freue mich auch auf den weiteren Dialog mit ihm, um eben zu überlegen, wie uns genau das gelingen kann. Also auch da gilt vermutlich, dass wir diese Reservisten anders als in der Vergangenheit aktiver ansprechen müssen, dass wir ihnen Angebote machen müssen, dass wir ihnen konkret auch... aufzeigen müssen, wie ihr Weg in der Reserve gehen kann. Und dann wird es auch Menschen geben, die dem auch bereitwillig folgen werden. Da bin ich völlig überzeugt, weil das eigene persönliche gesellschaftliche Engagement, glaube ich, zumindest mal in bestimmten Bevölkerungsgruppen eine stärkere Rolle einnimmt, als das in den vergangenen Jahren war.
Sprecher 4: Geben Sie mir ein paar Beispiele. Was macht eine Reserve interessant für... Junge Menschen oder auch Menschen in ihren 40ern?
Sprecher 5: Also ein Punkt, den wir tatsächlich jetzt auch unter Minister Pistorius und dieser Taskforce Personal nochmal herausgearbeitet haben, ist das Thema Regionalität. Also dass man wirklich auch dem Reservisten sagt, das ist dein Verband, das ist dein Bataillon, das ist im Zweifel auch dein Bahnhof, Verladebahnhof. Material im Rahmen der Drehscheibe Deutschland, das ist dein Hafen, das ist dein Flugplatz. Das ist das Objekt, um das es geht und für das du mitverantwortlich bist. Und wir bieten dir an, vielleicht auch hier in dieser Region, an diesem Standort, dass du dich auch in der Reserve weiterentwickeln kannst, dass du zusätzliche Führungsaufgaben wahrnehmen kannst, wenn du das möchtest, dass du dich fachlich weiterqualifizieren kannst, wenn du das möchtest. Das haben wir in den vergangenen Jahrzehnten nicht gemacht. Wir waren sehr fokussiert auf die Auslandseinsätze. Wir waren jetzt dann auch sehr fokussiert natürlich uns selber für die Bedrohung. An der Ostflanke mit unseren aktiven Truppen aufzustellen. Und jetzt gilt es halt, das auch für die Reserve nachzuvollziehen. Regionalität, verlässliche Planung und Verbindlichkeit plus Perspektive, das sind Schlagworte von... von denen ich weiß, dass sie auch in der Reserve überzeugen.
Sprecher 4: Müssen sie nicht auch Unternehmen gewinnen? Also es ist ja eine Sache, das Individuum dafür zu begeistern, nach dem Motto, kümmere dich darum, wenn hier der Ernstfall eintritt, dass irgendwie die Autobahn funktioniert, dass die Brücke irgendwie befahrbar ist, dass der Bahnhof irgendwie frei ist. Aber eigentlich müssen sie ja im Vorfeld schon Unternehmen ansprechen und sagen, ihr müsst die Leute dann ja vielleicht auch freistellen. Das heißt, auch da muss ja ein... Positives Signal kommen. Führen Sie da Gespräche?
Sprecher 5: Ja, also wir führen Gespräche und zwar sowohl von uns aus, aber genauso muss man auch zugeben, wird der Dialog mit uns gesucht. Also die Wirtschaftsverbände, teilweise auch einzelne Unternehmen haben großes Interesse daran und fragen eigentlich auch ganz bewusst, was ist denn eigentlich ihre Rolle, was ist ihre Aufgabe? Was stellen wir uns vor? Was erwarten wir von denen? Und wie müssen sie sich vielleicht auch aufstellen? Bei jeder Gelegenheit, die ich auch persönlich wahrnehme, werbe ich auch dafür, dass man sich vielleicht im eigenen Unternehmen mal einen Überblick darüber verschafft, wer ist denn überhaupt Reservist? Weil auch das wissen natürlich viele nicht. Und wir denken natürlich jetzt auch nochmal darüber nach, tatsächlich auch konkrete Ansprechstellen für die Wirtschaft, für Unternehmen, für Arbeitgeber einzurichten, an die, die sich mit ihren Fragen zum Thema Reserve wenden können.
Sprecher 4: Frau Generaloberstabsarzt Dr. Nicole Schilling, schönen Dank, dass Sie da waren.
Sprecher 5: Vielen Dank.
Sprecher 3: Wolfgang Schüssel war Bundeskanzler Österreichs von 2000 bis 2007. Der Konservative war damals sehr umstritten, denn er ging ein Bündnis mit den Rechtspopulisten der FPÖ ein. Das wurde europaweit scharf kritisiert. Es gab auch Sanktionen, aber wir wollten heute mal mit ihm über etwas anderes reden. Nämlich, er hat in seiner Amtszeit auch durchaus innenpolitisch Großes geleistet. Nämlich bei der Digitalisierung Österreichs, bei der Modernisierung dieses ja ähnlich aufgebauten Landes wie Deutschland. Und deswegen haben wir ihn gestern eingeladen zu unserem ersten CEO-Roundtable zusammen mit dem Bundesminister für Digitalisierung, Carsten Wildberger und 20 Top-CEOs, darunter der SAP-Vorstand Saueressig. Und Wolfgang Schüssel hat mal erzählt, was er damals gemacht hat, welche dicken Bretter er bohren musste und was wir vielleicht von Österreich lernen können. Einen schönen guten Tag, Herr Bundeskanzler. Guten Tag, Herr Schüssel.
Sprecher 6: Ich grüße zurück.
Sprecher 3: Können wir von Österreich lernen?
Sprecher 6: Jeder kann von jedem lernen, da schicke ich voraus. Auch wir können von Deutschland einiges lernen. Aber bei uns war die Situation damals schon ganz interessant. Die wirkliche Verwaltungsreform hat ja vor 250 Jahren die Maria Theresia gemacht. Und diese Kanzleiordnung 1770 hat eigentlich bis zu unserem EU-Beitritt vor 30 Jahren Bestand gehabt als Büroordnung. Und das ist unwesentlich modernisiert worden. Und mit unserem EU-Beitritt. Mit der ersten Präsidentschaft, die wir gemacht haben und mit meiner Regierungsübernahme im Jahr 2000, da waren wir natürlich unter riesigem Druck. Wir haben ein Mordbudgetdefizit gehabt, über 5% drohten damals Budgetdefizit zu sein und unsere Teilnahme an der Eurozone war gefährdet.
Sprecher 3: Also der Druck war groß?
Sprecher 6: Der Druck war riesig.
Sprecher 3: Das ist fast eine Voraussetzung, hat man das Gefühl, um überhaupt zu dieser Staatsmodernisierung zu kommen.
Sprecher 6: Hoffentlich nicht immer, aber damals war es so, wir hatten Druck von außen, Sanktionen drohten wegen der Regierungsbildung mit der FPÖ und Druck von innen natürlich auch. Wir haben jeden Tag 10.000 Demonstranten vor der Tür gehabt und wir wollten beweisen, dass gerade diese Regierungskonstellation sehr viel mehr leisten kann, als man ihr zutraut. Und wir haben jede Woche eine große Reform durchgebracht.
Sprecher 3: Wie wichtig war es, dass diese Staatsmodernisierung und Digitalisierung in diesem föderalen Geflecht auch von Stakeholdern und Ländern Chefsache war, also der Bundeskanzler selbst das machen wollte?
Sprecher 6: Wir haben eine Kommission eingesetzt, eine Ministerkommission, die eigentlich nur bestanden hat aus mir als Bundeskanzler, als Vorsitzenden. Die Vizekanzlerin und Personalchefin der Regierung war die Stellvertreterin und der Finanzminister und sein Stellvertreter waren mit dabei. Und ein außenstehender CIO, ein Chief Information Officer, der Professor Posch, der das übrigens bis heute in Österreich ist. Und mit dem haben wir dann einen Prozess aufgesetzt, wo über 100 Prozent... Projekte gemeinsam definiert worden sind. Wir haben uns praktisch alle 14 Tage getroffen und haben das auch wirklich evaluiert. Wo stehen wir? Wie geht das weiter? Wie schaut es aus?
Sprecher 3: In dieser Kommission, die Sie geleitet haben?
Sprecher 6: In dieser Kommission, ja. In dieser gemeinsamen Spitzenkommission.
Sprecher 3: Also das Tracking der Maßnahmen ist wichtig, dass wir dranbleiben? Ja, natürlich.
Sprecher 6: Das ist wichtig, weil sonst versickert es irgendwo im Nirwana oder in einer Schublade. Und das wollten wir natürlich nicht. Wir wollten kontrollieren, ob das wirklich geschieht. Und das waren zum Teil riesige Prozesse. Also allein die Zusammenlegung Polizei-Schandermarie ist dann ein internationales Vorzeigeprojekt geworden. Und auch viele Dinge, die wir mit dem E-Government gemacht haben, mit dem elektronischen Akt, der elektronischen Zustellung, der elektronischen Unterschrift. Mit all diesen Dingen sind wir eigentlich von weit hinten im Ranking der Europäischen Union auf Platz 1 nach vorgekommen.
Sprecher 3: Was war das dickste Brett, was Sie bohren mussten bei dieser Digitalisierung? Dass es die verschiedenen föderalen Ebenen gibt, die alle mitspielen wollen? Oder ist es die kulturelle Frage oder tatsächlich eine technologische gewesen?
Sprecher 6: Also die Technik ist es nicht. Das Entscheidende ist eigentlich die Einstellung. Du hast immer Widerstände von verschiedenen Lobbygruppen im Gesundheitswesen, die Ärzte, Kammer oder die Länder, die Spitalserhalter. Das ist logisch, damit muss man rechnen, die musst du auch einbinden und die muss man überzeugen. Es kostet manchmal Energie, manchmal auch Geld, aber das ist möglich. Das Schwierigste ist eigentlich, die Einstellung zu ändern. Also wie ich das erste Mal als Außenminister den elektronischen Akt erzwungen habe im Ministerium, alle Sektionschefs, also die höchsten Beamten, waren dagegen. Weil sie natürlich mit dem nicht umgehen konnten, nicht wollten. Sie wollten natürlich weiterhin eine Sekretärin haben, der sie etwas diktieren konnte, die ihnen den Kaffee bringt. Und lauter Männer. Und wir haben es aber durchgesetzt. Und heute ist das selbstverständlich. Wir sind heute in der Lage etwa im Justizwesen digitale Gerichtsverhandlungen beispielsweise zu machen. Man müsste auch ganze Bereiche einmal hernehmen und anschauen, was mit diesen modernen Möglichkeiten alles drinnen ist. Und ich glaube, dann würde es doch eine ganz andere Akzeptanz in der Bevölkerung bekommen.
Sprecher 3: Also man braucht schnell auch Projekte, die... Man sagt heute neudeutsch die Quick Wins, die vorzeigbar sind, wo der Bürger merkt, ups, das ist ja wirklich einfacher geworden für mich, ich wehre mich dann auch nicht gegen andere Bereiche.
Sprecher 6: Ja, aber das siehst du zum Beispiel bei der E-Card, das hat jeder seine kleine Scheckkarte und damit kann jeder beim Arzt sich einchecken und damit ist automatisch die gesamte... Erfahrung, die Untersuchung im Netz drinnen ist abrufbar, geht nie verloren. Es gibt ein elektronisches Rezept und, und, und. Am Anfang alles sehr umstritten. Die Betroffenen haben sich gefürchtet, was mache ich damit und wieso kriege ich jetzt nicht mehr. Beispielsweise ist ein fix ausgeschriebenes Rezept. Wieso ist das zum Beispiel auch... Automatisch vom Arzt an die Apotheke weitergegeben. Das Wichtigste bei solchen Dingen ist immer erklären, erklären, erklären. Nichts ist von vornherein selbstverständlich.
Sprecher 3: Hat jeder österreichische Bürger eine digitale ID, über die Sie auch als Staat immer wieder direkt mit diesen Bürgern in den Austausch gehen können, sei es Überweisungen oder Hilfen oder Vernetzung von Daten?
Sprecher 6: Bei der E-Card funktioniert das, da haben wir das, da hat das jeder Sozialversicherte. Bei der ID ist es nicht so, die ist freiwillig. Wir haben zum Beispiel im Mai alleine, im letzten Mai, so vor drei Monaten, haben wir bitte 10 Millionen Anmeldungen gehabt. Also es ist anzunehmen, dass das demnächst wirklich jeder Österreicher haben kann und haben wird.
Sprecher 3: Wir kommen gerade aus einer Diskussion, ein CEO-Roundtable, die wir mit verschiedenen Stakeholdern und dem Bundesminister Wildberger durchgeführt haben, wo auch immer wieder zum Beispiel vom Vorstand SAP das Thema Datenschutz, Datenregulierung aufgebracht wurde, die europäische Datenregulierung. Wie sehr hemmt diese europäische Datenregulierung? Unsere digitale Transformation.
Sprecher 6: Richtig ist schon, dass es Sicherheiten geben muss. Also der Bürger muss schon das Gefühl haben, dass seine Daten nicht missbraucht werden, nicht missbräuchlich verwendet werden, nicht weitergegeben werden etc. Aber der Unterschied und das ist glaube ich der Punkt, um den es heute geht, es gibt im Business-to-Business-Geschäft natürlich eine ganz andere etwa im Business-to-Consumer-Geschäft. Das heißt, der Konsument ist in einer viel schwächeren Position als beispielsweise ein Wirtschaftsunternehmer, das mit einem anderen Geschäfte machen will. Die Regelungen sind aber gleich. Ich glaube, dass wir in diesem Bereich viel genauer die Dinge, vor allem auch im Licht der heutigen Marktsituation, am Anfang hat man ja die Dinge geregelt, als es diesen Markt nicht einmal noch richtig gegeben hat. Und wir müssen ein bisschen aufpassen, auch beim AI-Act, dass wir nicht bevor sozusagen überhaupt die Dinge machbar geworden sind und wirtschaftlich möglich geworden sind, von vornherein solche Grenzen eingezogen werden, die dann später eine Anwendung fast nicht mehr möglich oder jedenfalls nicht wirtschaftlich möglich machen. Da vergisst ihr oft, dass die sieben Großen, die Big Niffis and Seven in Amerika, ja von Europa unglaublich profitieren, weil sie ungefähr 450 Millionen Daten praktisch... Automatisch zur Verfügung haben. Und es ist ja auch nicht jedem einsichtig, warum wir als Privatpersonen diesen Tech-Unternehmen alle unsere Daten zur Verfügung stellen, aber nicht bereit sind, etwa dem Staat für gute Zwecke, sei es Gesundheit oder Verwaltungsablaufvereinfachung, diese Daten auch zur Verfügung zu stellen. Da sind einfach... Viele Barrieren aufgebaut worden, die in der heutigen Zeit durchaus überprüfbar sein müssten.
Sprecher 3: Wie kann Europa sich diesem Thema annehmen? 27 Staaten, Trilogverfahren. Fahren zwischen Kommission, Rat und Parlament. Kriegt man das in Europa eigentlich zusammen, dass wir ein digitaler, innovativer, dynamischer Kontinent sind? Oder müssen wir gegen USA und China eigentlich sowieso einpacken?
Sprecher 6: Also bisher kriegen wir es nicht auf die Reihe. Obwohl wir natürlich einige exzellente Wissenschaftler, Forscher, Anwender haben, Start-up-Unternehmungen. Junge Leute, die sich was trauen und etwas machen wollen. Aber das Hauptproblem ist eins. Wir haben zu wenige ausgebildete, gut ausgebildete Fachleute für dieses Thema. Zweites Thema, wir haben zum Teil noch gar nicht verstanden, was auf uns zukommt. Allein in der Demografie. Unsere Sozialsysteme sind aufgebaut, dass wir ein Versicherungssystem haben, wo drei Erwerbstätige einen Pensionisten letztlich mitfinanzieren.
Sprecher 3: Und jetzt nur noch 1,2.
Sprecher 6: Das wird sich komplett verschieben. Wir haben nicht begriffen, was die technologischen Sprünge hier alles bedeuten. Wir haben nicht begriffen, dass in Österreich in den nächsten zwölf Jahren 40 bis 45 Prozent der Beamten in Pension gehen werden, die wir auf dem Arbeitsmarkt gar nicht bekommen können. Das heißt, wir müssen uns diese... Technik zunutze machen. Wir müssen daraus eine Marktchance und einen Vorteil machen und wir müssen auch versuchen, Finanzierungsmöglichkeiten zu schaffen, damit die besten Köpfe, die wir haben, nicht in der Anwendung letztlich nach Amerika gehen müssen, weil dort einfach das Geld auf der Straße liegt. Und bei uns kriegst du Du hast außer einer Startfinanzierung, vor allem für die nächste wichtigere Phase der Anwendung, kaum die notwendigen Geldmittel.
Sprecher 3: Ich sehe die digitale Transformation und der Wunsch, die Leidenschaft, das hinzubekommen, ist keine Frage des Alters. Sie sind nun auch kein Digital Native mehr, aber Sie wissen, was dieses Land brauchen könnte.
Sprecher 6: Und vor allem geht es auch darum, dass wir uns auf europäischer Ebene anstrengen müssen. Du brauchst heute einfach eine europäische Cloud. Du brauchst heute einfach die Möglichkeit, selber Raketen ins Weltall schicken zu können, damit wir unsere eigenen europäischen Satelliten unterbringen, die wir brauchen werden und nicht angewiesen sind auf den Elon Musk auf der einen Seite oder chinesische Unternehmer auf der anderen Seite. Wir brauchen Zahlungssysteme, die uns unabhängig von amerikanischen oder sonstigen Einflüssen machen. Also Europa muss sich stärker aufstellen und wir haben heute auch darüber geredet, dass da wahrscheinlich am besten eine Koalition der Willigen ist, also eine kleinere, aber wichtige Gruppe, einflussreiche Gruppe innerhalb der Europäischen Union, die vorangeht. Natürlich muss Deutschland die Führung übernehmen, aber die Skandinavier, die Balten, die Polen. Die Österreicher und ein paar andere wären da sicher bereit mitzumachen. Und übrigens die Ukrainer, weithin unterschätzt, sind gerade in der digitalen Anwendung ein ganz wichtiger und interessanter Partner.
Sprecher 3: Vielen Dank, dass Sie heute bei uns waren, Herr Bundeskanzler.
Sprecher 6: Ich freue mich.
Sprecher 1: Alles Gute.
Sprecher 2: Mick war noch was.
Sprecher 3: Ja, die Zukunft der Stadtplanung. Sie könnte zukünftig ganz ohne Laternen auskommen. Zumindest ist das der Plan eines chinesischen Forscherteams. Die arbeiten, Helene, Achtung, an leuchtenden Pflanzen, die so hell sein sollen, dass man damit ganze Stadtteile künftig beleuchten kann.
Sprecher 2: Das ist ja wirklich ein Kindertraum. Auch insofern, als ich früher über meinem Bett so selbstleuchtende Sternensticker geklebt habe und das irgendwie ganz großartig fand. Wenn es jetzt leuchtende Pflanzen gibt, dann kann man sich vielleicht auch diese Weihnachtsbeleuchtung übrigens sparen. Zum Beispiel unter den Linden. Das ist ja auch immer ein Riesenaufwand, wahnsinnig viel Arbeit. Das hat übrigens mit Gentechnik nichts zu tun, sondern es gibt winzige Partikel, die injiziert werden in diese Pflanzen. Die kennt man übrigens tatsächlich von diesen Aufklebern, die sich tagsüber aufladen und nachts leuchten. Es gibt auch bei Playmobil so ein Gespenst übrigens, das sich tagsüber auflegt und nachts dann leuchtet. Das ist ganz toll. Also es ist eine wirklich tolle Technik, die eben nicht nur mit Playmobil und Aufklebern funktioniert, sondern auch mit Pflanzen.
Sprecher 3: Ich lasse mich immer wieder gerne erleuchten von Pflanzen oder von meiner Co-Hostin, ist mir völlig egal. Ich freue mich jedenfalls, dass wir diese tolle Pflanze jetzt mal unseren Hörern vorgestellt haben.
Sprecher 2: Illuminati, so sind wir alle hoffentlich ein bisschen erleuchtet an diesem Freitagmorgen.
Sprecher 3: Wir hören uns am Samstag zu einem Sonderpodcast wieder, diesmal die CEO-Edition mit dem Stepstone-Chef Sebastian Detmers. Bis dahin. Ciao, ciao.