Wo sind die Alltagsorte der Demokratie, Frau Niejahr?
Dauer: 21:53

Wo sind die Alltagsorte der Demokratie, Frau Niejahr?

Wo kommen wir miteinander ins Gespräch?

Im Schwimmbad, auf dem Marktplatz, im Supermarkt oder in einem ehemaligen Kaufhaus? Die Demokratie braucht Orte für den ständigen Austausch der Gruppen. Nur so können wir Demokratie erlebbar machen und sie stärken, sagt Elisabeth Niejahr, Geschäftsführerin Demokratie bei der Hertie-Stiftung, im Gespräch mit Michael Bröcker.


Caroline Bosbach will 2025 in den Bundestag. Die 34-jährige Vorsitzende des Jungen Wirtschaftsrates der CDU will im Rheinisch-Bergischen Kreis (NRW) das Bundestagsmandat für die CDU holen.

Sie ist die Tochter des langjährigen CDU-MdB Wolfgang Bosbach. Der Rheinisch-Bergische Kreis ist auch der Wahlkreis von FDP-Chef Christian Lindner.

In der heutigen Folge beschreibt sich Bosbach als Vertreterin des rechten Flügels in der CDU.


Die Eröffnungsfeier der Olympischen Spiele in Paris ist weltweit gefeiert worden. Kritik kam von hohen Vertretern der katholischen Kirche. Sie sehen die Gefühle gläubiger Christen verletzt – offensichtlich durch eine kurze Parodie.



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Transkript

Sprecher 1: Table Today. Democracy Spezial. In Kooperation mit der Hertie Stiftung.

Sprecher 2: Willkommen in einer neuen, hoffentlich für uns daheim gebliebene, hier auch endlich mal sommerlichen Woche. Wir blicken heute mal kurz, aber wirklich nur kurz zurück auf die Eröffnungsfeier der Olympischen Spiele, die manch einem etwas zu bunt war. Dann sprechen wir mit einer CDU-Kandidatin, die gegen Christian Lindner und irgendwie auch gegen das Erbe ihres Papas antreten muss. Und dann nimmt an unserem Tisch heute Elisabeth Nier Platz, denn heute ist wieder Demokratietag hier bei Table Today. Im Gespräch mit ihr schauen wir mal darauf, wie man ins Gespräch kommen kann. Es ist Montag, der 29. Juli. Schön, dass Sie wieder dabei sind. Los geht's.

Sprecher 3: Let us celebrate this Olympic spirit to live life in peace. The one and only humankind united in all our diversity. Vive le jeu olympique, vive la France.

Sprecher 2: Chapeau, liebe Franzosen. Die Olympischen Spiele in Paris, sie sind so gestartet, wie man es von Frankreich eigentlich erwarten konnte, wie wir sie kennen und lieben, die Franzosen. Selbstbewusst, bunt, musikalisch, naturellement, meistens auch ästhetisch und natürlich, wie immer, ein bisschen rebellisch und provozierend. So wie die Drag-Queens, die sich ausgerechnet das christliche Abendmahl von Leonardo da Vinci als Symbolik für ihre Parodie ausgesucht hatten.

Sprecher 4: Tout simplement tout nu.

Sprecher 2: Na ja, ob sie sich dies auch bei einer Szene aus der islamischen Welt getraut hätten, bleibt eine durchaus berechtigte Frage an den Regisseur. Aber der Untergang des christlichen Abendlandes wurde in Paris nun auch nicht heraufbeschworen. Da sollten sich die Vertreter der katholischen Kirche, die sich in den letzten Tagen öffentlich geäußert haben, lieber mal zurückhalten und an die eigene Nase fassen. Denn ich würde mal sagen, die Bischöfe und Priester, die sich in den vergangenen Jahren und Jahrzehnten an Kindern vergriffen haben, haben. oder diese Taten auch nur vertuscht haben, die hatten eine durchaus größere Wirkmacht. Auf das Abendland als diese kleine Eröffnungsfeier. Aber lassen wir das.

Sprecher 5: Bonsoir, bienvenue à Paris.

Sprecher 2: Lady Gaga als Chansonnière, Nakumara singt Edith Piaf, Céline Dion mit einer wunderbaren Hymne zum Abschluss. Und wenn dann noch FIFA-Bosse und Sportlegenden, aber auch ganz normale Franzosen mit dem gleichen Regenponcho feiern, tanzen am Ufer. Das hatte was wunderbar Egalitäres.

Sprecher 6: Le problème Quoique tu penses

Sprecher 2: Also liebe Berliner Dramaturgen, Regisseure und Kulturschaffende, schaut euch das ganz genau an, was die Franzosen da gemacht haben und überlegt mal, wie wir das 2040 hier in Berlin auch hinkriegen könnten. Denn dann wollen wir ja bekanntlich die Olympischen Spiele haben. Der Name ist in der Berliner Republik bekannt. Bosbach. 23 Jahre war ein gewisser Wolfgang Bosbach Bundestagsabgeordneter aus dem Rheinisch-Bergischen Kreis. Scharfzüngig, rebellisch, immer jedenfalls geradlinig.

Sprecher 7: Es ist ja interessant, dass es wieder bei anderen Eltern auch so geht. Wir haben ja drei Mädchen, die auch gar nicht so weit auseinander sind vom Alter her. Alle drei völlig verschieden. Es stimmt, Caroline kommt mir sicherlich. Am ehesten nach, denn sie ist ungeheuer fleißig, strebsam, sehr ehrgeizig. Und da haben wir uns immer Zeit für genommen. Sie lacht für ihr Leben gern, sie feiert gerne Karneval. Und das war oft genug. Nach Hause geflogen, erst mal zum Altermarkt, zur Sessionseröffnung gegangen.

Sprecher 2: Nun will seine Tochter Carolin den gleichen Bundestagswahlkreis gewinnen, wie ihr Papa es 23 Jahre lang geschafft hat. Sie hat am vergangenen Wochenende ihre Kandidatur verkündet für den Rheinisch-Bergischen Kreis mit einem selbstbewussten Flyer. Und da dachten wir uns, wir rufen direkt mal an im Rheinland und fragen, was sie genau vorhat. Einen schönen guten Tag, Caroline Bosbach.

Sprecher 8: Guten Tag.

Sprecher 2: Frau Bosbach, ich habe es bei Ihrem Vater schon nie hingekriegt. Ist es jetzt Bosbach oder Bosbach?

Sprecher 8: Bosbach wie Moskau.

Sprecher 2: Bosbach wie Moskau. Okay, dann hätten wir das schon mal geklärt. Und die zweite Frage, die ich Ihnen natürlich auch nie ersparen kann, alleine, dass ich jetzt schon wieder mit Ihrem Vater angefangen habe, nervt es allmählich oder nehmen Sie es inzwischen sportlich und vielleicht hilft es Ihnen ja auch?

Sprecher 8: Ich habe es immer schon sportlich genommen. Ich glaube, dass jedes Kind auf seine Eltern stolz ist. Das ist bei mir und meinem Papa nicht anders. Ich hoffe und denke, er ist auch stolz auf mich und wir sind ein super Duo und unterstützen uns gegenseitig so gut, wie es geht. Und das macht er im Moment auch.

Sprecher 2: Hat er diesen einen ultimativen Tipp für eine Bundestagskandidatur?

Sprecher 8: Ich warte noch drauf. Also ich sage mal so.

Sprecher 2: Immerhin 23 Jahre hat das ausgehalten.

Sprecher 8: Ja, er hat es lange ausgehalten und ich muss sagen, ich habe natürlich sehr viel von ihm gelernt. Es ist nicht normal, mit jemandem aufgewachsen zu sein, den man als sein eigenes, persönliches, politisches Vorbild bezeichnet. Das ist eine ganz eigene Situation und selbstverständlich durfte ich mir viel abgucken und auch aneignen. Aber gucken kann man viel. Irgendwann geht es ans Machen, vor allem ans Selbermachen. Denn ja, ich bin die Tochter meines Papas, aber die Kandidatur jetzt, das ist meine eigene, ganz persönliche Entscheidung gewesen. Und so habe ich auch meine eigenen politischen Ziele und gebe jetzt Vollgas nicht, weil ich Tochter von bin, sondern weil ich als Caroline Bosbach Vorstellungen darüber habe, wie das Land aussehen soll.

Sprecher 2: So, und ich rede auch mit Caroline Bosbach natürlich. Und deswegen, was sind denn Ihre zwei oder drei politischen Schwerpunkte, was Sie motiviert, was Sie anders machen wollen?

Sprecher 8: Ja, also was mich motiviert, ist in erster Linie der Stil. stetige Verfall an Wertschätzung gegenüber den Unternehmern hier in diesem Land. Also das ist ja das, was wir sehen. Alles, was der Staat an Wohltaten verteilen kann, das haben Unternehmen, Arbeiter und Angestellte erstmal erarbeitet. Was macht die aktuelle Regierung? Genau das Gegenteil, sie erkennt das nicht an. Sie malt sich ein ideologisch schön gefärbtes linksgrünes Bullerbü. Und deswegen sage ich... Wir müssen grundsätzlich zurück zu einer Politik, die Vernunft und Fakten wieder über diese Ideologie stellt.

Sprecher 2: Das klingt ja jetzt wie eine schön auswendig gelernte Phrase, liebe Frau Bausbach. Sagen Sie mal ein konkretes Beispiel. Was hat denn die Ampel getan, was den Unternehmen irgendwie ihre Grundfähigkeit zu überleben irgendwie schmädert?

Sprecher 8: Dann mache ich jetzt mal weniger Phrase, dann kann ich gerne mal eine zitieren, die mir jetzt jüngst im Gedächtnis geblieben ist. Wenn wir einen Bundeskanzler haben, der so lapidar verlauten lässt, dass das Geschäft des Kaufmanns die Klage ist, dann wird sehr, sehr deutlich, dass diese wirtschaftsliberale Perspektive nötiger denn je ist. Was wir gerade sehen, ganz konkret, man gewinnt den Eindruck, dass es nicht die Unternehmen sind, sondern der Staat, seine Behörden und seine staatlich finanzierten NGOs, die für Arbeitsplätze und Wohlstand sorgen. So das genaue Gegenteil ist der Fall und in dieser Entwicklung brauchen wir dringend einen Cut.

Sprecher 2: Aber was wären die Maßnahmen? Was wären die Gesetze? Wo würden Sie wirklich Dinge anders machen, wenn Sie es morgen dürften?

Sprecher 8: Also das, was ich jetzt auch als Bundesvorsitzende des Jungen Wirtschaftsrates CDU, was ich seit drei Jahren jeden Tag aus der Unternehmerschaft an mich herangetragen werde, Platz 1, größtes Hemmnis ist die Bürokratie. So eine Bürokratie ist ein super Beispiel dafür, dass es nicht nur an Kompetenzgrade mangelt, sondern vor allem am politischen Willen. Die Verbände haben letztes Jahr um 450 konkrete Vorschläge. Die liegen alle vor. Die müssen wir uns gar nicht mehr neu überlegen, wie wir diese Wachstumsbremse lösen können. Gerade mal 10 Prozent davon sind im Bürokratieentlastungsgesetz gelandet. So, Bürokratie kostet Unternehmen mehr als Forschung und Entwicklung, frisst die Hälfte des Gewinns. Das wäre das allererste, wo wir ran müssen. Das ist einfach fesseln, die wir unseren eigenen Unternehmen hier im Land anlegen. Und dass das so nicht weitergeht. Wir können das Ganze so durchdeklinieren, Steuern, Abgabenlast, Infrastruktur, die marode ist. Das merke ich auch selber. Ich arbeite in der Energiewirtschaft und das jeden Tag mit ansehen zu müssen, diese Defizite, nicht nur bei uns im Kreis, sondern bundesweit.

Sprecher 2: Die sehen wir auch, die sieht die Ampel an auch, nur es fehlt an Geld für sowohl Steuerentlastung als auch für Infrastrukturfinanzierung. Wo käme es bei Ihnen denn her? Schuldenbremse lockern?

Sprecher 8: Ja, ich weiß nicht, ob es am Geld jetzt gerade mangelt, sondern ich glaube, das Ausgabeverhalten, was wir von der Ampel sehen, also all diese falschen Fortschrittsversprechungen, die in Wahrheit aber rückwärtsgewandte Pirouetten sind, uns in Deutschland eben nicht weiterbringen. Ob es Einnahmeprobleme gibt, würde ich nicht sagen. Wir haben eine Rekordeinnahme an Steuergeldern. Wie hier ausgegeben wird, muss man mal ran, wir müssen an den Sozialstaat ran, wir müssen hier verschlanken und nicht immer weiter ausbauen. Wir müssen Arbeitsanreize schaffen für diejenigen, die Lust haben aufzustehen und zu sagen, hey, ich mache jetzt mit meiner Hände Arbeit, trage ich jeden Tag etwas dazu bei, dass in diesem Land wieder bergauf geht.

Sprecher 2: Ich sehe schon, Frau Bosbach wäre ein automatisches Mitglied in der Mittelstandsunion. Wo verorten Sie sich denn innerhalb der Union? Viele der früheren Merkel-Vertrauten sind jetzt gerade aus dem Bundestag ausgeschieden oder haben angekündigt, es zu tun. Frau Wiedmann-Mautz, Herr Gröhe oder Nadine Schön. Sehen Sie sich eigentlich auch in dem Lager, das Angela Merkels Arbeit und Politik immer kritisch gesehen hat? So wie Ihr Vater?

Sprecher 8: Ja, ganz eindeutig ja. Ich glaube, wer mich kennt, Stichwort Mittelstandsvereinigung, würde mich auf dem rechten Flügel der Partei anordnen. Das sage ich auch, auch wenn dieser Begriff verbrannt ist. Wir müssen uns irgendwie positionieren. Dass ich keine Merkelianerin bin, ist auch bekannt. Ja, wir sehen mal, das Allerwichtigste ist jetzt, wenn es auch in die Wahlkämpfe geht, dass wir einig sind, dass wir geschlossen sind. Völlig egal, in welchem vermeintlichen Lager wir uns jetzt bewegen. Sondern wir haben ganz große Aufgaben vor der Brust in der Fraktion, in der Union. Und das ist das Allerwichtigste zu sagen, wir ziehen alle gemeinsam an einem Strang.

Sprecher 2: Im rheinisch-bergischen Kreis treten Sie ja nicht nur gegen den FDP-Vorsitzenden Christian Lindner an, sondern vielleicht ja auch noch gegen einen innerhalb der CDU. Bekommen Sie noch einen Gegenkandidaten?

Sprecher 8: Da gehe ich von aus. Ist aber auch nicht schlimm, ist sogar schön, muss man alles sportlich sehen. Das macht unsere Demokratie ja aus.

Sprecher 2: Frau Bosbach, ich bedanke mich für diese erste Einschätzung zu Ihrer Kandidatur und viel Erfolg.

Sprecher 8: Dankeschön.

Sprecher 2: Elisabeth Nier ist Geschäftsführerin Demokratie bei der Hertie Stiftung und einmal im Monat, Sie wissen das, unser Gast bei Table Today, wenn wir mal wieder unser Demokratie-Spezial machen. Heute geht es mal um die Orte, die das Miteinander in der Demokratie nicht nur täglich besser machen können, ja, die vielleicht sogar institutionell sind für diese Demokratie. Plätze, Häuser, Vereine, Hallen, Sportstätten, also überall da, wo wir zusammenkommen, jenseits vielleicht von unterschiedlichen Gruppen, Professionen oder Herkünften. Darum soll es heute mal gehen in unserem kleinen Demokratie-Spezial. Hier ist auch schon Elisabeth Nier. Einen schönen guten Tag, liebe Elisabeth.

Sprecher 9: Ja, hallo Michael, schön hier zu sein.

Sprecher 2: Wo sind denn diese Alltagsorte der Demokratie? Was fällt dir denn dazu ein?

Sprecher 9: Jetzt im Sommer fällt mir als erstes das Schwimmbad ein. Aber bei Menschen, die sich mit Demokratie beschäftigen und wie kann Demokratie funktionieren, wie können wir die Demokratie stärken, sind ganz viele Orte im Moment in Mode. Da wird viel über Bibliotheken geredet, über Straßenbahnen, über Dorfplätze und so weiter. Und tatsächlich kann man sich auch im Kaufhaus begegnen, im Biergarten und so weiter. Ich glaube, es geht bei der ganzen Diskussion um den Trend, dass die Menschen isolierter arbeiten, insbesondere seit Corona, dass wir mehr Single-Haushalte haben und es einfach weniger Gelegenheiten gibt, an denen Menschen ohnehin zusammenkommen.

Sprecher 2: Ich habe das Gefühl, dass es... Selbst bei den Familien inzwischen auch aufgrund der Corona-Erfahrungen, jetzt politische Correctness, die Diskussion zwischen rechts und links, dass es selbst in den erweiterten Familienzusammenkünften härter, polarisierender, intoleranter geworden ist.

Sprecher 9: Ich glaube, dass es auf jeden Fall insgesamt stressiger wird in der Gesellschaft, weil sie vielfältiger wird. Dazu gibt es auch ganz viel Forschung. Es gibt auch Forschung dazu, dass gleichzeitig die Bereitschaft zum Beispiel Geld für Soziales auszugeben abnimmt in einer vielfältigen Gesellschaft. Also für die Vereinigten Staaten ist das ganz gut erforscht, dass eine heterogene Gesellschaft mit ganz unterschiedlich, also Leuten, die unterschiedlich sprechen, denken, essen, beten und so weiter, weniger bereit ist, in Sozialausgaben für alle zu investieren. Also Gegenbeispiel eher sowas wie Dänemark, wo du eine größere Homogenität hast, aber auch mehr Umverteilung. Man zahlt angeblich leichter Steuern für jemand, der irgendwie kulturell mehr mit einem selbst zu tun hat. Dazu gibt es also viel Empirie von Soziologen. Das heißt aber auch umgekehrt, wenn unsere Gesellschaft diverser wird, haben wir zwei Probleme gleichzeitig. Einerseits, dass wir damit irgendwie zurechtkommen müssen und gute Kommunikationsskills brauchen. Und gleichzeitig, dass die Bereitschaft abnimmt, dass der Staat Geld dafür ausgeben soll. Und umso mehr muss man dann einfach überlegen, wie macht man es denn in der Schule, in der Familie und so weiter, um den Menschen einerseits die Fähigkeiten beizubringen und dann auch Orte zu schaffen, wo das stattfinden kann.

Sprecher 2: Aber das ist ein gutes Beispiel, das du da nennst. Wie viel Multikulturalität schafft eine Demokratie? Weil die Dänen, die sind ja gerade das Beispiel, die nach innen unglaublich nationalistisch sind. patriotisch, Zusammenhalt, aber eben nach außen sehr abschottend agieren und deswegen so eine Gemeinschaft geworden sind. Nun ist es auch eine kleine Insel, das mag damit auch noch eine Rolle spielen, aber wie schafft das so ein großes, diverses Land wie Deutschland, diese Orte zu schaffen?

Sprecher 9: Also man kann sich zum Beispiel von Dänemark schon einiges abgucken. Jetzt nicht unbedingt beim Thema Migration, da wollte ich jetzt nicht drauf hinaus, sondern eher zum Beispiel bei der Stadtplanung. Die Dänen machen einfach viel, viel mehr. Zum Beispiel in Kopenhagen hast du alle möglichen Flöße da auf dem Wasser, wo Leute zu Konzerten zusammenkommen. Oder einfach so Plätze sind viel schöner gestaltet. Also wenn man sich in Deutschland mal in Städten wie Hannover zum Beispiel umguckt oder Frankfurt, da sind so die Plätze rund um die Bahnhöfe ziemlich fiese Steinwüsten teilweise, wo man sich abends auch gerade als Frau nicht unbedingt wohl fühlt. Da ist wirklich noch viel Luft nach oben.

Sprecher 2: Interessant, also Stadtplanung als soziales Projekt.

Sprecher 9: Absolut. War sie ja eigentlich auch immer seit dem Mittelalter und wir können es auch von südeuropäischen Ländern, glaube ich, viel abgucken, wo einfach die Wohnungen ja traditionell kleiner waren und deswegen viel mehr Leben auf der Straße auch stattfand.

Sprecher 2: Die geht es darum, dass die Gruppen unterschiedlich zwar in ihren eigenen Welten ja durchaus vernetzt sind und auch ihre Andockung haben, zum Beispiel, ich denke an Vereine, noch nie waren so viele Menschen in Vereinen wie derzeit, aber es gibt nicht die Interdisziplinarität dieser jeweiligen Gruppen. Ist das das Problem vielleicht, warum diese Demokratie nicht so innerlich stabil wirkt, wie sie eigentlich sein könnte?

Sprecher 9: Einmal das und die Leute sind auch nicht so lange in Vereinen und so, sondern die machen projektbezogen was, die ziehen auch häufiger um und insofern gibt es da schon... Defizit, diese berühmte Blasenbildung, ist ein reales Problem. Es ist auch so, dass zum Teil dann die neuen Sachen, die geschaffen werden, dann auch sehr spezifisch sind. Zum Beispiel in Ostdeutschland gibt es ganz viele Beispiele dafür, dass Coworking Spaces, so in alten Fabrikgeländen, mit viel Geld umgewandelt wurden, zum Teil auch gut genutzt werden, schick aussehen und so. Das ist aber natürlich dann auch wieder so ein Angebot für eine bestimmte Zielgruppe. Es ist ganz schön, wenn Pendler da hingehen und bevor sie in den Zug steigen nach Hamburg oder Berlin, zum Beispiel in Ludwigslust, da vielleicht nicht nur arbeiten an ihrem Laptop isoliert, sondern auch noch Zeit verbringen und so. Aber für die Jugendlichen, die auf dem Dorf wohnen und vielleicht nicht das Geld für ein Auto haben oder noch zu jung sind für einen Führerschein, ist auch noch nichts erreicht. Und die treffen sich dann trotzdem an der Tankstelle, weil es nichts anderes mehr gibt. Also ich glaube, man braucht für unterschiedliche Gruppen neue Angebote.

Sprecher 2: Soziologen sagen ja gerade im Osten ist der Erfolg der AfD und der Rechten auch dadurch zu begründen, dass sie eben diese Orte vermeintlich geschaffen haben. Mit Familienfesten, mit Stadtfesten, die sie organisieren, für die sie sehr viel Geld ausgeben und sie gar nicht dort politische Arbeit leisten oder politische Propaganda machen wollen, aber erstmal sagen, wir sind diejenigen, die es organisiert haben.

Sprecher 9: Es ist jedenfalls ganz sicher so, dass diejenigen, die versuchen, dem was entgegenzusetzen, dieses Thema auch sehr für sich entdecken. Also wenn man so wie ich professionell beim Thema Demokratie unterwegs ist, kriegt man unendlich viele Einladungen inzwischen aus Sachsen und Thüringen zu Demokratie-Events und Begegnungsgelegenheiten aller Art. Und man muss mal gucken, was man daraus auch lernt. Also viele Sachen sind ja neu. Das ganze Thema, man nennt es aufsuchende politische Bildung. Also irgendwo dahin fahren, wo die Leute schon sind.

Sprecher 2: Dahin, wo es schmerzt und brodelt und manchmal riecht und stinkt, sagt der Sigmar Gabriel mal.

Sprecher 9: Ich erkenne das Zitat, genau, genau, genau.

Sprecher 2: Aber es ist ja berechtigt. Wir sind ja oft in unseren urbanen Zentren offenbar weit weg von den Denken der Menschen im ländlichen Raum. Und das haben sich andere zunutze gemacht, die es vielleicht nicht so gut meinen mit der Demokratie.

Sprecher 9: Ja, stimmt. Und man kann eben wirklich auch Alltagsorte, die es schon gibt, dafür nutzen. Also zum Beispiel Laura Krause ist eine Forscherin von einem Think Tank, der heißt More in Common. Die hat mal vorgeschlagen, man soll doch mit Kaufhäusern was machen. Ist für uns in der Hattie Stiftung ein interessantes Thema, weil ja wir mal so aus einer Kaufhauskette auch entstanden sind. Und tatsächlich auch das Kaufhaus war so ein Ort, wo Menschen aus ganz unterschiedlichen Milieus zusammenkamen. Das war damals das große Neue, als die entstanden sind. Und jetzt gibt es tatsächlich Leute, die diese alten Herthi-Kaufhäuser auch wieder für sowas umwidmen und sagen, das sollen Orte der Begegnung sein. Die Laura Krause hat aber vorgeschlagen, man soll doch mal bei Ikea was machen, wenn man Menschen zusammenbringen soll und fragen, ob man mit denen nicht was veranstalten kann. Weil da hat sie ja recht, das ist eben auch so, das neue Lagerfeuer, wo Menschen irgendwie zusammenkommen, die sich sonst nicht treffen.

Sprecher 2: Ich denke spontan an Aldi.

Sprecher 9: Ja, why not? Frag mal.

Sprecher 2: Vielleicht muss man auf den Dächern von Aldi nicht nur Solaranlagen packen, sondern auch noch Gemeinschafts- und Jugendzentren.

Sprecher 9: Ja, aber gutes Beispiel. Das ist ja so. Also auf den Dächern von Supermärkten.

Sprecher 2: Also du sagst, man muss dahin gehen, wo die Menschen jetzt schon eigentlich sind. Und weil man sie schwer zu etwas Neuem bekommt.

Sprecher 9: Absolut. Und das ist wirklich auch ein großer Trend. Das machen viele. Wir machen das in Betrieben, in Unternehmen, ein großes Demokratieprojekt, wo wir sagen, also auch der Arbeitsplatz ist ein Lernort. Für Demokratie mit 140 Unternehmen machen wir das. Und da findet es wirklich ganz viele Nachahmer und Leute, die das mitmachen. Natürlich alles nur freiwillig. Man darf die Leute auch da nicht behelligen mit Sachen, die sie nicht wollen. Aber Unternehmen wie zum Beispiel die Hypo-Vereinsbank, die haben jetzt so einen Demokratie-Hub gegründet, wo... So eine Serie gemacht wird in der Mittagspause, wo Leute zusammenkommen, über Demokratiethemen reden. Und das wird regelmäßig sehr, sehr gut angenommen von Hunderten von Leuten. Es kommen viele Vorschläge aus der Belegschaft. Also irgendwie scheint es auch ein Interesse und Bedarf dafür zu geben.

Sprecher 2: Zum Abschluss, Elisabeth, du hast Kreativität angesprochen. Ich habe das Gefühl, die Demokratie ist so sehr unter Beschuss, gerade von links und rechts, dass sich die Demokraten, die ein Interesse daran haben, so wie du, im Moment kreativer werden als je zuvor. Also dass vielleicht diese schwierige Zeit auch die Anfangszeit einer neuen Demokratiebewegung sein kann. Ich mache es mal etwas pathetisch. Oder ist das Wunschdenken?

Sprecher 9: Nee, ich finde positives Denken gut. Ich finde, das ist auch inspirierend, dass so viele Leute was machen und mitmachen wollen. Und mein Plädoyer dabei ist erstmal oft auch die ganz einfachen, niedrigschwelligen Sachen zu tun. Also Zeit spenden, Geld spenden als Unternehmen, Corporate Volunteering, die Leute ehrenamtlich was machen lassen, vielleicht mal für ein Kommunalparlament kandidieren und so. Also Demokratie, da steckt ja auch eine große abstrakte Debatte dahinter, aber ich finde, es gibt auch ganz viele niedrigschwellige Sachen, mit denen man einfach mal anfangen kann.

Sprecher 2: Wir haben ja gerade eher das Problem, dass viele aus der aktiven Politik rausgehen wollen, gerade in den Landräten, in den kommunalen und den Kreistagen, dass da eher Personal- oder Fachkräftemangel demnächst ist. Auch wegen der Anfeindungen.

Sprecher 9: Absolut. Das finde ich wirklich auch total bedrohlich und besorgniserregend. Und ich glaube, dafür braucht es dann nochmal ganz andere Maßnahmen. Also das ist kein Widerspruch natürlich, wenn du im öffentlichen Raum mehr Leute hast, die auf dem Dorfplatz sind, ist es auch nicht so gefährlich. Und wenn du da nette Menschen hast, dann wirst du auch nicht so schnell zusammengeschlagen, wenn du ein Plakat aufhängst, wie das mit Matthias Ecke passiert ist. SPD-Abgeordneten aus Sachsen, der für den Landtag für die Europawahl kandidiert hatte. Insofern gibt es da schon einen Zusammenhang, aber ich glaube, gerade für Kommunalpolitiker, die bedroht werden, brauchen wir einfach auch noch ganz andere Schutzmechanismen, Hotlines für rechtliche Beratung, Schulung und zum Teil auch besseren polizeilichen Schutz.

Sprecher 2: Demokratie muss von Demokraten verteidigt und gestärkt werden. Wir haben über die kleinen Orte geredet, wo das möglich ist. Die Hertie-Stiftung macht es vorbildlich. Vielen Dank für deinen Besuch hier bei uns heute, Elisabeth Nier.

Sprecher 9: Danke für die Einladung.

Sprecher 2: Und zum Nachtisch gebe ich Ihnen in diesen Olympischen Wochen natürlich noch die wichtigsten drei Sportereignisse in Paris heute bekannt, die Sie sich unbedingt angucken sollten. Um 9 Uhr jetzt gleich, also spielen die Handballherren. Das ist eine Mannschaft, die durchaus Chancen auf eine Medaille hat. Und natürlich unser Herrenachter. Er steigt auch endlich in den Fluss heute am Nachmittag. Und dann um 15 Uhr die Goldhoffnung. Michael Jung, der Vielseitigkeitsreiter. Und alleine wegen der Kommentatoren beim Reiten sollten Sie sich das unbedingt mal anschauen. Also machen Sie eine kleine Pause oder gehen Sie von Ihrer Urlaubsliege mal einmal kurz ins Hotelzimmer. Der junge Mann könnte die zweite Goldmedaille für Deutschland holen. Ich jedenfalls schaue es mir nachher auch an. Schön, dass Sie heute bei unserem Start in diese Woche wieder dabei waren. Table Today, morgen mit einem General und auch wieder mit mir. Ich freue mich auf Sie. Ihr Michael Bröker.

Sprecher 1: Table Today mit Michael Bröker und Helene Bubrowski.